Gemeinsam auf dem Weg für eine bessere Welt

„Es geht darum, einen eigenen Weg zu finden“

Katharina Hupfer und Ernst Schütz im Gespräch.

Als Umweltversand und Pionier für nachhaltige Produkte wissen wir: Veränderungsprozesse brauchen ihre Zeit. Diese Zeit hat sich auch unser Inhaber Ernst Schütz genommen, um die Übergabe an die nächste Generation zu gestalten. Bereits 2015 hat er die Geschäftsführung erweitert und Schritt für Schritt mehr Verantwortung an die drei neuen Geschäftsführer Katharina Hupfer, Tobias Jerg und Matthias Wehrle übertragen. Nun ist es soweit: Noch in diesem Jahr will sich Ernst Schütz aus der Unternehmensleitung zurückziehen.

Wir haben das zum Anlass genommen, mit Ernst Schütz und Katharina Hupfer ein Gespräch zu führen.

Katharina Hupfer verantwortet in der Geschäftsführung der Triaz Group unter anderem die Marke Waschbär. Wir haben mit den beiden über die Übergabe, die gemeinsame Zeit und ihre Pläne für die Zukunft gesprochen.

Frau Hupfer, treten Sie jetzt in die Fußstapfen von Ernst Schütz?

Katharina Hupfer: Ich glaube, es geht eher darum, einen eigenen Weg zu finden.

Ernst Schütz: Ja, das sehe ich ganz genauso! Wenn Katharina Hupfer meinen Weg gehen würde, dann wäre sie ja auf ausgetretenen Pfaden unterwegs.

Die Übergabe wird nun bald konkret. Was bedeutet das für Sie?

Schütz: Es ist weniger eine Übergabe; viel wichtiger ist, dass sich Frau Hupfer der Aufgabe angenommen hat. Das war ein langsamer Prozess, der schon vor einiger Zeit begonnen hat. Wir arbeiten ja bereits seit zehn Jahren zusammen. Das macht mir das Loslassen leichter, denn ich weiß, dass ich ihr vertrauen kann.

Hupfer: Ich habe mich im Zusammenhang mit der Nachfolge gefragt, was da eigentlich übergeben wird. Zuerst dachte ich an die Mitarbeiter und die Kunden. Aber natürlich werden auch eine Idee und die Werte übergeben, die hinter Waschbär stehen.

Herr Schütz, welche Werte sind das, die Sie übergeben?

Schütz: Wirtschaft hat für mich keinen Selbstzweck. Wenn wir die Gesellschaft betrachten, ist Wirtschaft der Teil, den sie braucht, um zu sein. Wir brauchen Kleider, Möbel und Essen. Aber es braucht auch Erziehung, Kunst und Recht. Die Wirtschaft ist die Basis, dass dies physisch stattfinden kann. Wir sehen ja auf der ganzen Welt, wohin das führt, wenn sich Wirtschaft verselbstständigt, der Profit und die Gewinnmaximierung der hauptsächliche Antrieb sind. Ich setze mich für eine Wirtschaft ein, in der alle Beteiligten gut und gerne leben können.

Hupfer: Deswegen sind soziale Themen auch in Zukunft ein ganz wichtiger Schwerpunkt für uns. Das betrifft die gesamte Wertschöpfungskette unserer Produkte. Aber auch die Gemeinschaft, in der wir arbeiten und die Gemeinschaft mit unseren Kunden. Nur gemeinsam können wir diese andere Art der Wirtschaft gestalten, die den Menschen dient, wie Herr Schütz es immer ausdrückt.

Wann haben Sie sich kennengelernt?

Hupfer: Das war ein klassisches Vorstellungsgespräch bei Hessnatur, dem Unternehmen, in dem wir beide früher gearbeitet haben. Ich habe mich beworben als Einkäuferin für Heimtextilien, Wäsche und Strümpfe. Ein paar Jahre später sind wir uns dann wieder begegnet. Da hatte ich dann ein Vorstellungsgespräch bei Waschbär; Herr Schütz war hier mittlerweile Geschäftsführer. Wenn man bei uns in das Gebäude reinkommt, da gibt es ja einen ganz speziellen Geruch. Der natürliche Geruch nach Lavendel, nach den Seifen, nach den Ölen. Allein der Geruch war schon wieder so, dass ich mir dachte: Da gehörst du eigentlich hin! Und ich fand die Marke Waschbär spannend und die Menschen, die hier arbeiten. Dazwischen hatte ich bei einer konventionellen Modemarke gearbeitet.

Herr Schütz, wie haben Sie sich auf die anstehende Übergabe vorbereitet?

Schütz: Ich war erst kurz bei Waschbär, da gab es eine Zeit, in der ich nicht sicher war, ob es mich überhaupt noch geben wird. Der Aufsichtsrat und der Inhaber standen damals bei mir am Krankenbett und meinten, dass es mich doch braucht, egal wie krank ich bin. So ein Erlebnis bewirkt, dass man ein bisschen anders über die Notwendigkeit nachdenkt, ein paar Sachen zu regeln.

Hupfer: Sie haben ja schon vor zehn Jahren überlegt, wie das für Sie aussehen könnte. Das war immer ein Thema, dass Sie sich überlegt haben, mit wem Sie sich die Verantwortung teilen könnten.

Schütz: Ich bin ja nicht nur Pragmatiker, sondern auch ökonomisch und ökologisch unterwegs. Das heißt, ich bin daran interessiert, möglichst wenig Energie zu verschwenden. Das heißt auch, zu schauen, mit wem könnte man Dinge zusammen tun, mit wem könnte man die Verantwortung teilen.

Im Gespräch wird klar: Katharina Hupfer und Ernst Schütz sehen viele Dinge ähnlich.

Die nächste Geschäftsführer-Generation übernimmt. Hier stellvertretend Katharina Hupfer mit Inhaber Ernst Schütz

Frau Hupfer, wie geht es Ihnen gerade?

Hupfer: Es fühlt sich gut an, weil es ein Prozess ist. Ich musste erst die Bereitschaft entwickeln, in diesen Prozess reinzugehen. Es hat etwas gedauert, bis ich das annehmen konnte. Wir haben viele Gespräche geführt. Ich musste erst mal mit mir klären, ob ich mich bereit dafür fühle.

Schütz: Das war genau einer der Punkte, die mir Vertrauen in sie gegeben haben. Katharina Hupfer hat immer gesagt, wo es für sie gerade nicht geht. Das hat mir Vertrauen gegeben, dass es der richtige Weg ist.

Hupfer: Der Prozess, den wir gemacht haben, ist schon sehr eigen, oder? Das hat ja eine gewisse Zeit gebraucht. Ist das eigentlich ein Zeithorizont, der normal ist? Oder geht das woanders schneller?

Schütz: Ich kenne sonst niemanden, der das so gemacht hat. Normalerweise wird das durch die Notwendigkeit gesteuert. Ich aber wollte die Übergabe selbst steuern. Wenn man das will, muss man früh anfangen mit den Dingen. Ich habe einen Ansatz gebraucht, der es mir ermöglicht hat, loszulassen. Und das ist Purpose!

Hupfer: Ja genau. Einerseits gab es ja den Prozess, um zu überlegen, wer könnten die Menschen sein, die zukünftig das Unternehmen steuern. Aber es ging Ihnen ja auch darum, eine geeignete Form zu finden. Jetzt haben wir mit dem Purpose-Konzept etwas ganz Neues, das dem Unternehmen eine Sicherheit gibt und auch dessen Fortbestand sichert.

Um was handelt es sich denn bei dieser Purpose-Idee?

Schütz: Wenn ein Unternehmen zu einem Purpose-Unternehmen wird, dann wird es aus dem Kreislauf des Kapitalmarktes herausgezogen. Es ist dann nicht mehr verkaufbar und nicht mehr vererbbar. Das Unternehmen gehört sozusagen sich selbst, nicht dem Unternehmer. Diese Rechtsform gibt es bisher noch nicht. Eigentum muss im herkömmlichen Sinne immer jemandem persönlich gehören, muss zugeordnet werden können. Bei Purpose hingegen geht es darum, das Eigentum dem Markt zu entziehen und die Leute im Unternehmen bestimmen zu lassen, die sich intensiv dafür einsetzen und die sich damit identifizieren. Ich werde das Unternehmen treuhänderisch an Katharina Hupfer und ihre beiden Kollegen aus der Geschäftsführung, Tobias Jerg und Matthias Wehrle, übergeben. Und sie geben es dann irgendwann weiter; aber sie können es nicht verkaufen, denn es gehört ihnen ja nicht.

Warum wollen Sie das Unternehmen nicht vererben?

Schütz: Ich bin nicht der Meinung, dass die Weitergabe in der Familie per se schlecht ist. Aber das muss ja mindestens so gut sein wie eine Lösung außerhalb der Familie. Bei meinen vier Kindern hat sich nichts ergeben, die machen alle etwas komplett anderes. Viele Unternehmen scheitern daran, dass sie die Familienbande über die Werte des Unternehmens stellen. Das ist durchaus verständlich, aber im Sinne des Unternehmens nicht unbedingt das Beste.

Was unterscheidet das Purpose-Konzept von einer Stiftung?

Schütz: In einer Stiftung entscheiden die Stiftungsräte. Ich hingegen will eine Form, in der die Menschen, die das Unternehmen führen, die Stimmrechte haben. Aber eben nur die Stimmrechte und nicht die Ertragsrechte. Die Erträge sollen dazu dienen, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Denn der Unternehmer und das Unternehmen müssen nicht unbedingt die gleichen Ziele haben. Der Unternehmer will vielleicht die größte Ferrari-Sammlung und das Unternehmen möchte expandieren.

Was bedeutet die Purpose-Idee für Sie, Frau Hupfer?

Hupfer: Es ist eine Möglichkeit, dieses Unternehmen als Nachfolgerin und Geschäftsführerin weiterzuführen. Purpose gibt meinen Kollegen und mir die Möglichkeit, ohne den Druck von Investoren zu arbeiten. Es gibt uns die Freiheit, im Sinne des Unternehmens, der Kunden und Mitarbeiter zu handeln und vielleicht auch mal Durststrecken überbrücken zu können. Heute muss ja alles immer sofort sein. Schneller, besser und höher. Unser Gründungsimpuls aber war eine Gegenbewegung gegen diesen Irrsinn. Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln: Was ist wirklich wichtig? Qualität vor Quantität.

Wie ist der Stand der Dinge, wie läuft das jetzt mit Purpose?

Hupfer: Hier treffen mehrere Punkte aufeinander. Das eine ist, dass die Verantwortung von einer Person auf drei Personen verteilt werden muss. Die Organisation muss weiter funktionieren. Wir müssen in der Geschäftsführung klären, wie wir miteinander arbeiten wollen. Das muss im Sinne des Unternehmens diskutiert werden. Wir sind ja keine Freunde aus der Schulzeit, die ein Start-up hochziehen. Wir haben bereits Verantwortung für 350 Mitarbeiter. Das muss behutsam und sachlich geklärt werden.

Bei Purpose geht es darum, dass das Unternehmen im jetzigen Sinne weiterarbeitet. Wenn ich als Geschäftsführerin bleiben möchte, ist es ganz klar meine Aufgabe, mich mit dieser Idee zu verbinden und sie mir zu eigen zu machen. Das alles braucht Zeit. Die Purpose-Idee ist ja noch nicht zu 100 Prozent fertig. Es gibt erst zwei kleine Unternehmen, die das umgesetzt haben. Wir sind kein kleines Unternehmen. Es muss noch geklärt werden, wie das funktionieren kann. Es gibt für das, was wir tun, keine Schablone. Da ist alles noch sehr spannend!

Herr Schütz, Katharina Hupfer hatte vorhin gesagt, Ihr Credo laute: Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Was genau meinen Sie damit?

Schütz: Ich habe Landwirt gelernt und Landwirtschaft betrieben, um zu begreifen, wo das Sein im Physischen herkommt. Um zu begreifen, woher das Essen kommt, denn das ist ja primär. So wie Landwirtschaft eine primäre Sache ist, damit wir physisch überleben können, ist Wirtschaft notwendig, dass die anderen Bereiche ermöglicht werden können. Da kann Wirtschaft kein Selbstzweck sein. Als Textilexperte denkt man sofort an Bangladesch. Da sieht man ganz genau, welche Auswüchse so eine Wirtschaft hat, die sich selbst zum Idol gemacht hat. Zu was das führt, dass andere Menschen ausgebeutet und benutzt werden. Ich will also eine Wirtschaft betreiben, die für alle Beteiligten so ist, dass man gut und gerne leben kann. Mich interessiert an dieser Stelle auch, was das für Sie bedeutet, Frau Hupfer?

Hupfer: Ich bin da von mir ausgegangen und habe mich gefragt, wie möchte ich arbeiten? Ich möchte die Möglichkeit haben, mich selbst entwickeln zu können. Und auch gefördert werden. Man erkennt ja vieles nicht und erst wenn man gefördert wird, kann man Schritt für Schritt voran gehen. Jeder trägt die Verantwortung für seine Position. Und mich beschäftigt hier auch die Frage: Was heißt in diesem Zusammenhang sinnstiftend? Wenn jemand weiß, dass das Paket, das er gerade packt, an eine tolle Kundin geht. Dann wird Arbeit sinnvoll!

Der wuschelige Hund von Ernst Schütz wollte auch an unserem Interview teilhaben.

Während unseres Gesprächs gesellte sich noch ein dritter „Gesprächspartner“ dazu und sorgt für Gelächter.

Herr Schütz, was denken Sie, haben Sie mit Katharina Hupfer gemeinsam?

Schütz: Wir nehmen beide leere Räume an uns. Wir haben da unterschiedliche Dukti und Geschwindigkeiten. Bei mir ist es immer jäh und sofort. Da ist so eine Art Wut dahinter. Bei Katharina Hupfer geht das in einem anderen Duktus. Ich bin überzeugt, dass Organisation mal eine Frau braucht, um Dinge voranzutreiben.

Was werden Sie anders machen, Frau Hupfer?

Hupfer: Ich glaube, ich habe andere Gegebenheiten und Möglichkeiten, weil ich zu einer anderen Zeit ins Unternehmen gekommen bin. Ich muss die Dinge nicht allein entscheiden. Herr Schütz musste viel mit sich allein ausmachen. Ich habe die komfortable Situation, ein erfolgreiches Unternehmen zu übernehmen. Ich kann Menschen an den Entscheidungen teilhaben lassen. Ich habe mehr Leichtigkeit, um Dinge zu tun.

Welche Rolle werden Sie zukünftig im Unternehmen spielen, Herr Schütz?

Schütz: Da bin ich ganz offen. Die Frage ist, was das Unternehmen braucht.

Hupfer: Ich wünsche mir, dass die Verbindung nicht gekappt wird. Ich könnte es aber auch verstehen, wenn Herr Schütz sagt: Ich bin dann mal weg und mache eine Reise mit meiner Frau! Herr Schütz hat so viele Ideen, dass ich nicht sagen möchte: Wir wollen Sie einmal die Woche sehen. Das schränkt ein. Das müssen wir auf uns zukommen lassen.

Was hat die neue Geschäftsführung vor, auf was dürfen sich die Kunden freuen?

Hupfer: Wir sind gerade dabei, unsere Kunden zu fragen, was ihnen wichtig ist. Was gefällt ihnen, was nicht. Wo kann es in Zukunft hingehen. Wir möchten aber nicht nur hinhören, sondern auch in den Dialog gehen. Wir wollen nicht nur Produkte anbieten, sondern auch über die Kommunikation eine Wertschöpfung erreichen, damit sich jeder in der Wertschöpfungskette verstanden fühlt. Wir sind eine Wertegemeinschaft. Wir wollen Waschbär zukunftsfähig machen. Das wird aber alles ganz behutsam sein. Die Kunden werden Waschbär weiterhin als ihren Umweltversand erkennen.

Was wünschen Sie Ernst Schütz für den kommenden Lebensabschnitt, Frau Hupfer?

Hupfer: Herr Schütz ist ein sehr aktiver Mensch und braucht das auch. Um aktiv zu bleiben, wünsche ich ihm, dass Körper und Geist gesund bleiben. Dann können die Träume und Leidenschaften umgesetzt werden. Und ich wünsche ihm, dass er das Gefühl hat, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

 

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Seit 30 Jahren arbeitet der Waschbär schon als Namensgeber für unseren Umweltversand. Unermüdlich ist er auf der Suche nach seinem Lieblingsfutter: nachhaltigen Themen und ökologischem Bewusstsein. Seine neueste Mission: Leserinnen und Leser mit spannenden, interessanten Beiträgen und Ratschlägen im Waschbär-Magazin zu informieren und zu unterhalten.

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  1. Amersberger Brigitte

    15 Juli

    ich finde diese Geschäftsidee als sehr zielführend! Dieser Artikel ist sehr interessant und zeigt vor allem das man unsere stark eingetretenen Pfade sehr wohl verlassen kann! Gewinnorientiert kann man auch für anderes als Aktien verwenden!
    Da ich Kunde bleibe, werde ich es weiter verfolgen!!!
    Vorerst herzlichen Glückwunsch!!!

  2. Petra Holldorf

    11 Juli

    Das Interview warfür mich sehr informativ.
    Den Purpose Gedanken finde ich sehr interessant.
    Ich würde auch gerne regelmässig über den Fortgang informiert werden und wünsche viel Erfolg bei der Umsetzung.
    Eine jetzt noch treuere Kundin

  3. Eva pohn-Weidinger

    9 Juli

    DenArtikel finde ich als langjährige Kundin sehr interessant. Die Purpose- Idee finde ich auch gut.

  4. Heber, Christian

    7 Juli

    Da hat Herr Schütz eine gute Idee – Purpose- angepackt! Bitte mehr Infos über den Fortgang dieses „Experiments“ ! Sehr interessant… * !

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