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Sind Bio-Zierpflanzen nachhaltig?

Beete und Büsche auf und neben höheren Anzuchttischen

Aus dem konventionellen Bereich sind wir es schon lange gewöhnt: In Supermärkten und Baumärkten animieren uns bereits früh im Jahr Zierpflanzen mit ihren bunten Blüten zum Kauf, obwohl die frostigen Tage noch nicht vorbei sind und vielerorts noch Schnee liegt. Möglich ist das nur, weil die Pflanzen dort herstammen, wo es während unserer dunklen Jahreszeit warm und sonnig ist. Die meisten Zierpflanzen, die es in unseren Breitengraden zu kaufen gibt, haben ihren Ursprung in Südamerika und Südafrika. Einige wenige große Anbieter beherrschen den Markt und produzieren Jungpflanzen in riesigen Mengen, die sie dann nach Europa transportieren und hier weiter kultivieren. Trotz der weiten Transportwege sind so die günstigen Preise möglich, zu denen die Pflanzen in Deutschland erhältlich sind.

Nun gibt es Entwicklungen am Markt, dieses wirtschaftlich sehr erfolgreiche System auch auf Zierpflanzen in Bio-Qualität zu übertragen. Wir haben darüber mit dem Bioland-Gärtner Herbert Vinken gesprochen, der schon lange in der Bio-Branche aktiv ist und davor warnt, die Wertschöpfungskette für konventionelle Zierpflanzen eins zu eins in Bio zu kopieren.

Bio-Zierpflanzen auf dem Vormarsch? Hintergrundinfos im Interview mit Bio-Gärtner Herbert Vinken

Herr Vinken, Bio ist im Massenmarkt angekommen. Sie arbeiten schon seit 30 Jahren im Bio-Bereich und haben seit 20 Jahren eine eigene Bioland-Gärtnerei für Stauden und Kräuter. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Herbert Vinken: Klimaschutz, Glyphosat, Artenschwund oder Wasserqualität — die Medien sind voll von Nachrichten, die immer mehr Menschen ernst nehmen und nach besseren Alternativen suchen lassen. Es entsteht also Nachfrage. Dass die Bio-Nachfrage größer wird und breiter in die Öffentlichkeit kommt, das wollten wir alle. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn es ist so, dass die Menge an Bio-Produkten, die in den letzten Jahren mehr verkauft wurde, zu großen Teilen nicht in Deutschland produziert worden ist.

Allein um die jetzige Nachfrage bedienen zu können, bräuchten wir sofort 1.000 neue, heimische Bio-Kleinbetriebe. Und wenn das so weitergeht, bald weitere 5.000. Ich spreche hier von kleinstrukturierten, familiären Bio-Betrieben im Sinne einer traditionellen Landwirtschaft, wie es im Sinne der ursprünglichen Idee wünschenswert wäre. Aber es gibt diese Betriebe nicht. Nicht zum Umstellen, weil die Kleinen im konventionellen Bereich alle verschwunden sind und nicht im Bio-Bereich, weil Neugründungen stagnieren. Wenn es Neugründungen in den letzten Jahren gab, dann vor allem im Bereich der Solidarischen Landwirtschaft.

Woher stammen denn dann die Bio-Produkte im Supermarkt und in den Discountern?

Herbert Vinken: Zu einen von der Gruppe Bio-Bauern und -gärtnern, die die Idee von „small is beautiful“ schon länger hinter sich gelassen haben und groß geworden sind. Zum anderen stellen große, ehemals konventionelle Betriebe teilweise oder komplett auf Bio um. Und das bringt dann auf einen Schlag Masse und auch Strukturen, die die Bio-Branche bisher gar nicht kannte und die argwöhnisch beäugt werden. Einem Bio-Pionier wie mir macht das Bauchschmerzen, wenn eine bloße Ausrichtung auf den Markt an der Überzeugung der Akteure zweifeln lässt. Können zum Beispiel Umweltschutz und Artenvielfalt im Großbetrieb glaubwürdig praktiziert werden?

Diese Entwicklungen sind ja im Bereich Lebensmittel schon länger im Gang. Wie sieht es denn da in Ihrem Bereich bei Bio-Zierpflanzen aus?

Herbert Vinken: Alles deutet darauf hin, dass eine, ich möchte sagen vermeintliche, Erfolgsgeschichte des konventionellen Lebensmittel-Einzelhandels für Bio kopiert werden soll. Ich spreche von Pflanzen, die als preisgünstiges Produkt gerne mal beim Einkaufen im Supermarkt oder im Baumarkt mitgenommen werden. Zierpflanzen dienen traditionell der Wechselbepflanzung, d.h. Balkonkästen oder auch öffentliche Grünflächen werden mehrmals im Jahr saisonal „frisch“ bepflanzt.

Die günstigen Preise machen es verschmerzbar, wenn die Pflanzen nach einer gewissen Zeit ausgetauscht werden. Die Kunden erwarten meist gar nicht mehr, dass das Produkt lange hält. Was wiederum ihre Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, deutlich dämpft. Diese Art von kalkulierten Wegwerfpflanzen halte ich für wenig nachhaltig und schon gar nicht „enkelfähig“. Sie bieten zwar Einkommen und Arbeitsplätze, kosten aber Unmengen an Torf und Kunststoffe sowie Energie, Wasser, Dünger und Pflanzenschutz für die punktgenaue Anzucht zu drei oder vier Verkaufsterminen im Jahr. Nun gibt es Bestrebungen nach diesem Vorbild auch Bio-Zierpflanzen, u.a. im Naturkostfachhandel und in Gartencentern anzubieten.

Warum können die Pflanzen eigentlich so günstig angeboten werden?

Herbert Vinken: Dafür müssen Pflanzen schnell und in großen Stückzahlen hochgezogen werden. Die Mehrzahl der beliebtesten Beet- und Balkonpflanzen wie Geranien oder Verbenen wird in Südländern vorproduziert. Die Pflanzen können nur dann im April bei uns verkaufsfertig in den Läden stehen, wenn Stecklinge ab Herbst zum Beispiel in Südamerika geschnitten und anschließend in der Türkei oder auch in deutschen Gewächshäusern bewurzelt wurden. Die Jungpflanzen werden in großen Stückzahlen mit dem Flugzeug nach Europa gebracht und hier unter Einsatz von moderner Gewächshaustechnik schnell hochgezogen. Vor der Vermarktung werden sie häufig mit sogenannten Halmverkürzern chemisch gestutzt, um sie kompakter, natürlicher, sprich gesünder aussehen zu lassen — und um Transportraum zu sparen. Dieses Massengeschäft ist von hohen Investitionen und starker Konkurrenz geprägt. Teure Technik rationalisiert viele Abläufe. Wenige große, hochspezialisierte Firmen beherrschen nach Jahrzehnten der Arbeitsteilung das Geschäft mit den Jungpflanzen.

Wenn es nun auch Bio-Zierpflanzen geben soll. Wo haben die denn ihren Ursprung?

Herbert Vinken: Der Großteil der Zierpflanzen wird stecklingsvermehrt. Da es noch keine nennenswerten Bio-Bestände gibt, stammen die meisten Bio-Zierpflanzen von den gleichen Mutterpflanzen wie die Konventionellen ab. Bei Bio-Pflanzen dürfen die Mutterpflanzen, von denen die Stecklinge geschnitten werden, vorerst konventionell sein – bis es ausreichend Bio-Bestände gibt. Erst nachdem der Steckling von der konventionellen Mutter geschnitten und ins Substrat gesteckt wurde, gelten derzeit die Bio-Richtlinien.

Die Jungpflanzen werden in der Bioland-Gärtnerei gezogen und abgehärtet.

Wie finden Sie das?

Herbert Vinken: Es ist schwierig von Anfang an biologische Mutterpflanzen zu verlangen. Bei guter Dokumentation finde ich befristete Ausnahmen o.k., um mit bekannten Strukturen und Sortimenten die Bio-Produktion einzuüben. Aber in den bekannten Strukturen liegt zugleich auch ein Hauptproblem: Kann man glaubwürdig das Geschäftsmodell mit konventionellen Zierpflanzen in Bio kopieren? Reicht es, einfach nur ohne Spritzmittel und mit Bio-Dünger zu produzieren? Oder muss man nicht vielmehr über neue Bio-Sortimente nachdenken, die mit weniger Aufwand saisonaler und regionaler kultiviert werden können? Und so den Bio-Gedanken weiterentwickeln? Wenn ein Koch Essen für Vegetarier anbietet, dann reicht es heute ja auch nicht mehr, wenn er einfach das Fleisch weglässt und Kartoffeln und Gemüse mit brauner Soße serviert!

Wo könnte man da Ihrer Meinung nach ansetzen?

Herbert Vinken: Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Jeder Liter Spritzmittel, der eingespart wird, ist ein Gewinn! Aber das allein ist mir zu kurz gegriffen. Ich finde, der Kunde sollte beispielsweise verpflichtend erfahren, dass die Mutterpflanze in Südamerika steht, wo die Stecklinge bewurzelt wurden und dann mit dem Flugzeug nach Frankfurt gebracht wurden, damit sie hier im beheizten und beleuchteten Gewächshaus weitere sechs bis zwölf Wochen kultiviert werden können. Dann hätte ich ein Bio-Produkt mit größerer Transparenz. Für die einen käme die Pflanze in Frage, für andere nicht. Damit würden wir endlich einen Bereich beleuchten, der seit Jahren für die Verbraucher im Dunklen liegt.

Gibt es denn da für Bio-Zierpflanzen noch keine Regelungen?

Herbert Vinken: Es gibt bisher relativ wenige Vorgaben für die Richtlinien-Details, da der gesamte Bereich der nicht essbaren Pflanzen bisher eine Nebenrolle im Bio-Gartenbau spielte. Dazu kommt, dass unter Begriffe wie „Bio-Zierpflanzen“ oder „Bio-Topfpflanzen“ so unterschiedliche Kulturen wie Weihnachtssterne und Sommerblumen, Kräutertöpfe und Stauden, aber auch Bäume, Sträucher, Obstgehölze und Rosen zusammengefasst werden. Nun haben wir die Situation, dass sehr große Betriebe mit Gewächshäusern von 50.000 Quadratmetern und mehr auf Bio umstellen, die den ganzen Winter Licht brauchen, um ihre benötigten Mengen bis April produzieren zu können. Das ist bei meinem Verband Bioland derzeit für Jungpflanzen und mit Ausnahmegenehmigung auch für Salatkräuter wie Petersilie, Dill und Basilikum gestattet. Aber auch hier sind die Details nicht geregelt, was genau eine Jungpflanze ist oder was alles zu den Salatkräutern gehört. Es gibt derzeit in Deutschland auch keine Vorgaben, wieviel Energie die Bio-Anzucht verbrauchen darf.

Wie arbeiten Sie denn in Ihrer Kräuter- und Staudengärtnerei?

Herbert Vinken: Wir arbeiten zum Beispiel mit relativ geringen Temperaturen in der Anzucht und heizen nur ein vergleichsweise kleines Gewächshaus von 300 Quadratmetern frostfrei. Darin befindet sich eine Anzuchtfläche, die wir bis zu 15 Grad heizen können. Das machen wir aber erst dann, wenn das Tageslicht so stark ist, dass wir fast kein Zusatzlicht mehr brauchen. Denn wenn Temperatur- und Lichtangebot nicht zusammenpassen, werden die Pflanzen leicht krank. Die relativ kalte Anzucht ist bei unseren ausdauernden Kräutern, Wildstauden und Gräsern naheliegend. Aber auch wir sind aber nicht ganz abgekoppelt von der zuvor erwähnten Arbeitsteilung. Einen Teil unserer Gemüsejungpflanzen und die ersten Sätze Basilikum kaufen wir auch von Bio-Kollegen zu, die mit höheren Temperaturen und Belichtung arbeiten, damit wir zum Saisonstart lieferfähig sind.

Herbert Vinken arbeitet schon lange als Bio-Gärtner und verfolgt die Entwicklungen auf dem Pflanzenmarkt kritisch.

Welche Regelungen wünschen Sie sich für Bio-Zierpflanzen?

Herbert Vinken: Ich will niemand seine Sommerblumen verleiden. Ich finde viele auch selber schön und mag sie um mich, aber ich sehe, dass sie unter ökologischen Gesichtspunkten Fragen aufwerfen. Und ich möchte, dass darüber eine Diskussion stattfindet – gerne unter der Vorgabe „das eine tun und das andere nicht lassen“. Also sowohl heimische Wildstauden in die Gärten holen als auch Beet-und Balkonblumen, sowohl gefüllte Schnittblumen anpflanzen als auch solche mit Pollen und Nektar, sowohl In-Vitro-Orchideen ans Fenster stellen als auch einen Wiesenblumenstrauß.

Ich fordere mehr verbindliche Transparenz, so dass die Kundschaft besser informiert entscheiden kann. Mir schwebt eine Etikettierung vor, vergleichbar dem Energielabel an Elektrogeräten. Auch mein Verband Bioland muss an diesem Thema arbeiten. Am Ende geht es um meine und um seine Glaubwürdigkeit. Das Leben wird dadurch wieder etwas anstrengender, aber nur so können alle etwas zu einem gesunderen Wirtschaften beitragen. Ich wünsche mir, dass wir im Bio-Bereich eigene Wege finden und nicht bloß vermeintlich erfolgreiche Vermarktungsideen aus der Vor-Energiewendezeit kopieren.

Wie könnten diese Wege denn aussehen?

Herbert Vinken: Als Gärtner für mehrjährige Bio-Stauden bin ich ja sehr nah dran an dem, was einen Naturgarten ausmacht. Wir sollten auch bei Zierpflanzen über Sorten nachdenken, die bei unserem Wetter wachsen, die mit geringem Energieaufwand zu einer guten Pflanze gedeihen und auch interessant für hiesige Insekten sind. Ich war neulich auf einem herkömmlichen Versuchsbetrieb, der jedes Jahr 400 verschiedene Sorten Beet- und Balkonpflanzen testet. Ich fand es erschreckend, dass nur an höchstens fünf Prozent der Pflanzen Insekten dran waren. Im Katalog 2019 eines namhaften Zierpflanzen-Züchters tauchen kein einziges Mal die Wörter „Naturschutz“ oder „bienenfreundlich“ auf. Und das obwohl der Betrieb davon redet, Teile auf Bio umzustellen. Es ist einfach nicht damit getan, ein paar Spritzmittel wegzulassen und ein paar andere Dünger zu nehmen. Auch das Denken muss sich umstellen!

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Sylvia Raabe ist die Nestbauerin von raabengrün. Ihr Faible für alles Grüne lebt sie nicht nur beim Schreiben, sondern auch auf dem Land aus. Sie ist kein früher Vogel und spät auf den Hund gekommen.

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