Gemeinsam auf dem Weg für eine bessere Welt

Achtsam durchs Leben – Sinnes-Erfahrungsfelder helfen dabei

Die speziell geformten Schalen werden von Wasser durchströmt und erzeugen so einen Klang.

Achtsamkeit ist seit einiger Zeit ein großes Thema. Hinter dem Hype steckt jedoch ein wirklich sinnvoller Gedanke: Den Sprung aus dem Hamsterrad, in dem sich täglich so viele Menschen wiederfinden. Doch was soll das heißen – Achtsamkeit? Im Zentrum stehen dabei unsere Sinne und was wir mit ihnen wahrnehmen. Im hektischen Alltag fallen unsere Sinne jedoch schnell in einen Dornröschenschlaf, aus dem wir sie gezielt wecken müssen. Zum Beispiel durch das bewusste Herbeiführen einer Sinneserfahrung. Möglich ist das in Erfahrungsfeldern wie dem „Nistplatz“ in Freiburg.

Der von Waschbär im Jahr 2012 gestiftete „Nistplatz“, lädt an verschiedenen Stationen zum (Wieder-)Entdecken der eigenen Sinne ein. Entwickelt und aufgebaut hat dieses Erfahrungsfeld der Projektkünstler Hansjörg Palm. Zusammen mit Waschbär-Geschäftsführerin Katharina Hupfer macht er sich im Interview Gedanken, welche Bedeutung die Sinnesschulung in unserer digitalisierten Welt hat, wie man im Alltag Zugang zu seinen Sinnen bekommen kann und was das alles mit Nachhaltigkeit zu tun hat.

Sinne? Achtsamkeit? Nachhaltigkeit? – Projektkünstler Hansjörg Palm und Waschbär-Geschäftsführerin Katharina Hupfer reden darüber

Herr Palm, was erwartet den Besucher auf dem Erfahrungsfeld der Sinne?

Hansjörg Palm: Das sagt der Name eigentlich schon. Hier kann man neu aufmerksam werden auf das, was in den Sinnen passiert. Denn das, was in den Sinnen passiert, läuft normalerweise unbewusst ab. Aber wenn man bewusst den Fokus darauf richtet, kann man aufmerksam werden, wie man mit der Welt zusammenhängt beziehungsweise wie die Welt in einen hereinragt.

Katharina Hupfer: Genau das fanden wir spannend in Zusammenhang mit unserem Engagement für die nachhaltige Bildung von Kindern und Jugendlichen. Wir wollten der Stadt zum 25. Jubiläum von Waschbär etwas Sinnvolles schenken, das auch zu uns als Unternehmen passt. In unserer Unternehmens-Charta steht, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Wir beschäftigen uns viel damit, was der Mensch tun kann, um sich weiterzuentwickeln und gesund zu bleiben. Im Rahmen unseres sozialen Engagements haben wir es zu unserer Aufgabe gemacht, bei Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für die Umwelt zu schaffen. Wache Sinne sind da eine gute Voraussetzung!

Viele unserer Erlebnisse stammen ja heute in unserer digital und medial geprägten Welt gar nicht mehr aus erster Hand. Was hat das für Auswirkungen?

Hansjörg Palm: So nützlich die digitalen Technologien auch sind, so lenken sie doch sehr stark ab von dem konkreten sinnlichen Weltbezug. Man hat den Eindruck, man erlebt die Welt, aber man ist nicht in der realen Erfahrung. Daher tritt bei den Menschen das Bedürfnis auf, sich wieder stärker an die reale Welt anzudocken, weil die digitale Welt eben vieles nicht liefern kann.

Und speziell bei Kindern?

Der Perspektivwechsel geht mit dem Erproben körperlicher Fähigkeiten einher.

Hansjörg Palm: Bei Kindern sind die Sinne noch eine Baustelle. Die Organe sind da, aber deren Betätigung müssen sie erst erlernen. Wenn sich die Sinne bei Kindern nicht richtig und gesund entwickeln können, dann führt das zu Defiziten und einem gestörten Weltverhältnis. Wenn zum Beispiel der Tastsinn nicht richtig ausgebildet wird, dann trampelt man später im sozialen Bereich auf anderen herum, weil man keinen Sinn für die eigenen Grenzen hat. Es ist auch wichtig, barfuß zu laufen oder auf Bäume zu klettern, um den eigenen Tastsinn und Gleichgewichtssinn richtig zu erleben und zu entfalten.

Katharina Hupfer: Und auch als Erwachsener spürt man das doch, wenn einem die Sinneserfahrungen fehlen! Zum Beispiel nach einem Arbeitstag, den man ausschließlich am PC verbracht hat. Dann kriegt man einen richtigen Tunnelblick und wird müde. Und wenn man dann abends noch einen Spaziergang macht, den Geräuschen der Natur lauscht und die frische Luft spürt, dann ist das befreiend und wunderschön. Da ist man ein ganz anderer Mensch. Dieses Erlebnis kann einem die virtuelle Welt nicht geben! Und hier möchte ich den Bogen zum Thema Achtsamkeit schlagen. Denn genau darum geht es ja bei Achtsamkeit: Wenn ich ganz bewusst zuhöre, wie die Bäume im Wind rauschen.

Die zentrale Idee von Achtsamkeit ist es, ganz in der Gegenwart zu sein. Kann mir die Schulung meiner Sinne dabei helfen, achtsamer zu werden? Oder hilft mir die Achtsamkeit meine Sinne zu schulen? Welchen Zusammenhang sehen Sie da?

Hansjörg Palm: Ich möchte das anhand eines Beispiels beantworten: Ich mache mit Erwachsengruppen auf dem Erfahrungsfeld gerne die Blind-Übung. Die Augen werden verbunden und so ein sehr dominanter Sinn ausgeschaltet: der Sehsinn. Wenn dieser mal für ein oder zwei Stunden weg ist, dann tritt etwas Unerwartetes ein. Zunächst wird man stark verunsichert. Aber dann springen die anderen Sinne total stark an: das Hören und Riechen, aber auch das Tasten, die Gleichgewichtswahrnehmung und das Wärmeempfinden. Nach diesen zwei Stunden sagen alle Teilnehmer, sie seien viel stärker in der Gegenwart angekommen im Hier und Jetzt und viel achtsamer für das, was sie umgibt. Was gleich kommen wird und was war, sei ihnen viel weniger wichtig. Das ist für mich eine schöne Übung, weil hier der Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und in der Geistesgegenwart sein, deutlich wird.

Das heißt, die Sinne zu schulen, hilft uns also, in die Achtsamkeit zu kommen?

Das Mädchen sitzt nicht vor einer Trommel, sondern auf einem Riesentisch vor einem Riesenglas – noch so ein Perspektivwechsel.

Hansjörg Palm: Ja und ich glaube, Erwachsene haben das wirklich nötig. Kinder hingegen sind da dauernd unterwegs. Als Erwachsener geht man eher auf Distanz und stellt sich den Dingen gegenüber. Das ist auch wichtig und gut. Vernunft und Denken müssen sich auch entwickeln. Der Preis ist aber, dass man den Bezug zur Unmittelbarkeit und zur Gegenwart dabei leicht verliert. Die Erfahrungsfelder der Sinne sind Spielplätze auch für Erwachse, auf denen sie wieder zu Kindern werden können – nicht naiv, aber be-sinnlich und bewusst für die eigene Sinnestätigkeit!

Katharina Hupfer: Achtsamkeit ist ja heute so ein geflügeltes Wort. Viele denken, da sitzt man in der Ecke und atmet und meditiert. Da ist aber nur eine Möglichkeit. Wichtig ist, dass jeder seinen eigenen Weg findet. Und es braucht Zeit, sich darauf einzulassen. Man kann nicht einfach sagen, ich bin dann mal achtsam.

Hansjörg Palm: Das finde ich gut, wie Sie das ansprechen, dass man sich Zeit für die Dinge lässt. Wir leben heute so wahnsinnig beschleunigt und lassen kaum noch Momente zu, in denen uns mal so richtig langweilig ist. Aber genau daraus kann Achtsamkeit entstehen. Und ich merke, wie ich mit der Welt zusammenhänge und die Welt mit mir.

Wenn man kein Erfahrungsfeld in der Nähe hat: Wie kann man Achtsamkeit im Alltag üben?

Katharina Hupfer: Wir sitzen abends auf der Couch. Wir essen, schauen fern, haben das Handy in der Hand und eine Zeitschrift liegt auch noch rum. Und das geht übrigens! (lacht) Und dann einfach sagen: Handy weg. Fernseher aus, Zeitung weg und dann einfach nur das, was man sich da gerade frisch gekocht hat, mit allen Sinnen genießen. Das würde doch schon mal helfen! Und die Achtsamkeit kann ja schon in der Küche beginnen: Wenn ich beim Zubereiten bewusst wahrnehme, wie sich etwas schneidet oder sich der Geschmack verändert, wenn ich ein Gewürz dazu gebe. Was gibt es für eine bessere Achtsamkeitsübung?

Herr Palm, welche Anregungen haben Sie?

Hansjörg Palm: Wenn Kinder in der Nähe sind, dann können Sie beobachten, über was Kinder so alles staunen. Kinder sind großartig! Kinder wundern sich noch über die kleinsten Dinge; ob das jetzt eine Pfütze oder eine Schnecke auf dem Grashalm ist. Kinder werden an der Stelle für mich zu einer Art Lehrmeister. Oder auch einfach mal hinhören, wenn ein Vogel im Garten zwitschert. Wirklich hinhören, und nicht nur sagen, das ist dieser oder jener Vogel!

Ein großer Fernseh-Rahmen gibt den Blick auf verschiedene Stationen des Erfahrungsfeldes frei.

Die Welt ist spannend genug – man muss nur hinschauen. Hier im Fernseh-Programm: Sinne spielerisch entdecken.

Waschbär möchte seinen Kundinnen und Kunden helfen, nachhaltiger zu leben. Wie können uns Sinnesschulung und Achtsamkeit dabei helfen?

Katharina Hupfer: Um das zu beantworten, möchte ich wieder auf mein Beispiel von eben mit dem bewussten Essen zurückkommen. Wenn man mit allen Sinnen bei der Sache ist, dann legt man auch Wert darauf, dass die Dinge schmecken und nicht nur einfach satt machen. Und dann möchte man ganz automatisch Lebensmittel kaufen, die unter guten und nachhaltigen Bedingungen erzeugt wurden.

Hat diese Beschäftigung mit Achtsamkeit auch Auswirkungen auf Ihre Rolle als Geschäftsführerin?

Katharina Hupfer: Je intensiver ich mich mit Achtsamkeit beschäftige, umso mehr merke ich, dass ich vieles einfach sein lassen kann, wie es ist und auch Menschen sein lassen kann, wie sie sind. Und damit fange ich an, das, was mich umgibt, zu respektieren. Und wenn ich es respektiere, dann beschütze ich es indirekt ja auch. Das kann man einerseits auf die Umwelt beziehen, aber auch auf die Menschen, die bei uns arbeiten. Dieser Ansatz hilft mir dabei, zu schauen, was in den Menschen steckt, wie ich sie in ihrer Entwicklung unterstützen kann und welchen Weg wir gemeinsam gehen können. Mit jedem Menschen bei Waschbär begeben wir uns auf einen Weg, von dem wir noch nicht wissen, wo er uns hinführt.

Hansjörg Palm: Ich möchte zum Abschluss noch mal auf den Zusammenhang von Sinnesschulung, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit zurückkommen. Wir leben ja in einer sehr kritischen Zeit, in der wirklich die Gefahr besteht, dass wir unsere Welt so behandeln, dass sie zugrunde geht. Wir machen uns nicht bewusst, wie stark wir mit der Welt zusammenhängen. Dass wir die Welt sind. Das ist ja ein unglaublich intimer Zusammenhang! Ohne Bäume beispielweise könnten wir gar nicht atmen und gar nicht existieren. Aber wir verhalten uns so, dass wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören. Und das hängt mit diesem notwendigen Bewusstseinsschnitt zusammen, der uns von der Welt trennt. Das müssen wir überwinden. Nicht indem wir es weglassen, sondern indem wir es steigern und Achtsamkeit und Sinnesschulung dazu nehmen. So achtet man wieder auf die kleinen Dinge und bemerkt: die Welt, das bin ich. Nachhaltigkeit heißt ja, so mit der Welt umzugehen, dass ich sie nicht zerstöre. Wir sollten dringend und kreativ das Ruder herumreißen! Ich kann nur bei mir selbst anfangen. Da ist die einzige Stellschraube!

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Seit 30 Jahren arbeitet der Waschbär schon als Namensgeber für unseren Umweltversand. Unermüdlich ist er auf der Suche nach seinem Lieblingsfutter: nachhaltigen Themen und ökologischem Bewusstsein. Seine neueste Mission: Leserinnen und Leser mit spannenden, interessanten Beiträgen und Ratschlägen im Waschbär-Magazin zu informieren und zu unterhalten.

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