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Schadstoffe in Wohnräumen: Wo sie vorkommen und wie man sie vermeidet

Augen auf bei der Wahl des Holzbehandlungsmittels, man sollte wissen, was man auf Holz aufträgt.

Ob in Böden, Wänden oder Möbeln – fast überall in unserem Zuhause können sich Schadstoffe verbergen. Die meisten dünsten in die Raumluft aus, andere lagern sich im Hausstaub an. Als „blinde Passagiere“ reisen sie mit der Atemluft in unseren Körper und können zu Unwohlsein führen oder sogar ernsthaft krankmachen. Manche zeigen ihre Wirkung erst nach Jahren. „Ob und wann jemand Beschwerden oder Krankheiten entwickelt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt von der Schadstoffkonzentration und der Dauer der Belastung ab“, erklärt Elke Bruns-Tober. Sie ist vereidigte Sachverständige für Schadstoffe in Gebäuden im Umwelt- und Gesundheitsinstitut Wittingen.

Richtwerte für Schadstoffkonzentrationen: Nicht auf Gesetzgeber verlassen

Da wir uns als Mitteleuropäer zu 90 Prozent in Innenräumen aufhalten, die meiste Zeit davon zu Hause, sind wir bedenklichen Stoffen oftmals dauerhaft ausgesetzt. Wirken diese zudem in hohen Konzentrationen auf uns ein, ist eine Gesundheitsbelastung vorprogrammiert. Einen Schutz sollen gesundheitsbezogene Richtwerte bieten. Sie geben vor, wie viel von einem Schadstoff in einem Produkt enthalten sein darf. Doch die gibt es nur für häufig vorkommende und bereits in ihrer Wirkung erforschte Stoffe. Und selbst dann, erklärt Manuel Fernandez, Chemieexperte vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.  (BUND), bieten sie dem Verbraucher keine absolute Sicherheit: „Sobald sich mehrere mit einem Schadstoff belastete Materialien in einem Raum befinden, summiert sich die Belastung auf und man ist schnell in einem kritischen Bereich.“

Hohe Schadstoffkonzentration nach Renovierung

Pinsel, Farbrolle und Abdeckfolie liegen bereit: Jetzt fehlt nur noch die richtige Farbe.

Wer renovieren will, sollte gerade bei Farben genau hinschauen. So groß wie die Auswahl ist auch die Bandbreite von unbedenklichen bis stark riechenden Produkten.

Wer seiner Wohnung einen neuen Look verpasst, holt sich nicht selten eine Überdosis von sogenannten leicht flüchtigen Stoffen ins Haus. „Diese sind häufig Bestandteil von Lösemitteln und kommen daher in Farben und Lacken, aber auch in Möbelbeschichtungen, Teppich- und Parkettklebern vor“, erklärt Bruns-Tober. Immerhin, so die Sachverständige, verflüchtigen sich diese Schadstoffe meist innerhalb weniger Wochen, wenn ausreichend gelüftet und geheizt wird. So können Kopfschmerzen oder Schleimhautreizungen vermieden werden, mit denen sensible Menschen darauf reagieren können.

Manche Schadstoffe halten sich über viele Jahre in der Wohnung

Gefährlicher sind da die schwer flüchtigen Verbindungen: „Diese gasen viel weniger aus, dafür aber über Jahre.“ So misst Bruns-Tober in alten Fertighäusern noch immer hohe Konzentrationen von Formaldehyd und längst verbotenen hochtoxischen Substanzen wie den Holzschutzmitteln Pentachlorphenol und Lindan. Ein Gesundheitsrisiko stellen auch Flammschutzmittel in Elektrogeräten, Polstermöbeln und Bauschäumen dar, wie Manuel Fernandez erklärt. Besonders kritisch sieht der Chemieexperte jedoch Substanzen, die nach und nach aus Kunststoffprodukten ausdünsten, darunter sogenannte Phthalat-Weichmacher oder Bisphenol A. „Diese können bereits in kleinen Mengen das Hormonsystem stören und werden für Zeugungsunfähigkeit, hormonell bedingte Krebsarten aber auch für bestimmte Diabetes-Erkrankungen sowie Lern- und Verhaltensstörungen bei Kindern verantwortlich gemacht.“ Weichmacher finden sich, so Fernandez weiter, „quasi überall in der Wohnung – unter anderem in PVC-Böden und Vinyltapeten, in Kunstledersofas und Duschvorhängen.“ Ebenfalls allgegenwärtig ist Formaldehyd. Das ab einer gewissen Raumkonzentration krebserregende Gas dünstet jahrelang vor allem aus Spanplatten in Wänden, Böden und Möbeln aus.

Der Expertenrat: Schadstoffe messen lassen

Die Messgeräte des AGÖF e.V. spüren Schadstoffe auf.

©AGÖF/Marlies Ante

Der Fachverband für Schadstoffmessungen & Laboranalytik im Innenraum, Bau & Energie (AGÖF e.V.) nimmt Messungen von Schadstoffen in seinern Laboren vor.

Wer unerklärliche Krankheitssymptome zeigt, kommt meist nicht darauf, dass die eigenen vier Wände schuld sind. Wer würde auch vermuten, dass es nicht der Stress ist, der einem auf den Magen schlägt, sondern die neue Schrankwand aus dem Möbelhaus? „Wenn Beschwerden außerhalb der Wohnung nachlassen, können Innenraumschadstoffe die Auslöser sein.“ In dem Fall, so Bruns-Tober, sollte man sich Hilfe bei einem Sachverständigen für Innenraumschadstoffe holen. Auf Grundlage einer Schadstoffanalyse können die belasteten Einrichtungsgegenstände entfernt werden; entpuppen sich Bodenbeläge oder Baustoffe als Übeltäter, hilft oft nur eine Teilsanierung. Für angehende Immobilienbesitzer, die ein in den 1960er- bis 1980er-Jahren errichtetes Fertighaus kaufen wollen, empfiehlt die Sachverständige eine Untersuchung auf das sogenannte „Fertighauspaket“ (unter anderem Formaldehyd, Lindan und Chlornaphthaline). Mieter, die Altlasten in ihren vier Wänden vermuten, können sich vom örtlichen Mieterschutzbund beraten lassen.

So verbessern Sie im Handumdrehen Ihre Raumluft 

Selbst wer sich nicht mit akuten Wohngiftproblemen herumschlagen muss, sollte sich angesichts unzureichender Vorschriften selbst um Schadstoffminimierung kümmern. Das einfachste Mittel gegen hohe Schadstoffkonzentrationen in der Raumluft ist regelmäßiges Lüften. Bruns-Tober empfiehlt, dreimal am Tag bei weit geöffneten Fenstern zehn Minuten stoßzulüften. Vor allem während und nach einer Renovierung sei ausgiebiges Lüften angesagt. Will man im Hausstaub angereicherte Schadstoffpartikel loswerden, gehören regelmäßiges Staub- und Bodenwischen zum Pflichtprogramm.
Tipp: Wenn es nach dem Kauf neuer Möbel stinkt, deutet das auf ein Ausgasen flüchtiger Stoffe hin, auch hier schafft Lüften Abhilfe. Stinkt die neue Schrankwand nach vier Wochen immer noch, ist das ein Grund zur Reklamation.

Gesund wohnen mit Naturmaterialien

Der Holzboden macht das weitläufige Wohnzimmer gemütlich.

Holzboden ohne giftige Schutzmittel, ökologische Wandfarbe und die bewusste Wahl von natürlichen Einrichtungsgegenständen minimieren die Ausdünstung von Schadstoffen immens.

Noch besser ist es, Sie meiden potenzielle Giftquellen schon beim Einkauf. Empfehlenswert sind laut Bruns-Tober Produkte aus Naturmaterialien, da die Belastungen hier wesentlich geringer seien. Das sind zum Beispiel Vollholzmöbel, Massivholzparkett, Naturfaserteppiche, Kalk- und Lehmfarben sowie Dämmstoffe aus Schafwolle oder Flachs. Allerdings, so fügt die Expertin einschränkend hinzu, können auch natürlich vorkommende flüchtige Stoffe in Hölzern und ätherischen Ölen reizend und allergisierend wirken. „Generell kann der Körper mit natürlichen Substanzen aber besser umgehen als mit chemischen.“ Gesünder sind Naturprodukte aber nur dann, wenn sie nicht chemisch „veredelt“ wurden. Selbst das schönste Massivholzparkett wird mit einer Versiegelung aus formaldehydhaltigen Lacken zur Schadstoffquelle. Das gilt ebenso für den vermeintlich gesunden Wollteppich, wenn er mit giftigem Mottenschutzmittel behandelt ist.

Finger weg von Produkten mit diesen Wohngiften

Wer sich mit schadstoffarmen Möbeln und Naturmaterialien umgeben möchte, wird bei ausschließlich ökologisch-orientierten Händlern und Einrichtungshäusern fündig. Zumeist sind diese auch transparent, was die enthaltenen Inhaltsstoffe angeht. Anders bei konventionellen Produkten: Da es keine Kennzeichnungspflicht gibt, ist es für den Verbraucher nicht zu erkennen, ob ein Teppich Insektizide enthält oder die Wickelauflage mit Weichmachern belastet ist. Fernandez empfiehlt, im Zweifel beim Hersteller nachzufragen. Für Substanzen, die auf der „Liste für besonders besorgniserregende Stoffe der Europäischen Chemikalienagentur“ stehen, gibt es sogar eine Auskunftspflicht. Das heißt, „der Hersteller muss auf Anfrage innerhalb von 45 Tagen mitteilen, ob einer dieser krebserregenden, erbgutschädigenden oder toxischen Stoffe in dem angefragten Produkt enthalten sind.“ Die sogenannte „Giftfrage“ bei Herstellern bietet laut Fernandez nicht nur Gewissheit, sondern regt auch zum Umdenken an: „So signalisieren Verbraucher den Herstellern, dass sie schadstoffarme Produkte wollen.“ 

Beim Kauf von Möbeln & Co. auf Gütesiegel achten

Label des ecoINSTITUTS

©ecoINSTITUT

Ein Hinweis für schadstoffarme Produkte ist beispielsweise das Label des eco-INSTITUTS.

Über eigene Recherchen schadstoffarme Alternativen herauszufischen, ist eine zeitintensive Angelegenheit. Eine schnellere und verlässliche Orientierung liefern Gütesiegel, so Bruns-Tober und Fernandez einhellig. Von Herstellern selbst kreierte Siegel seien allerdings mit Vorsicht zu genießen. Nur unabhängige Ökosiegel wie Der Blaue Engel oder das eco-INSTITUT-Label garantieren schadstoffarme Produkte. Doch bei den seriösen Labels gibt es keine einheitlichen Regelungen hinsichtlich der erlaubten Schadstoffmengen, wie Bruns-Tober betont. So hat das eco-INSTITUT-Label weit strengere Grenzwerte für Formaldehyd als der Der Blaue Engel. Und während einige Labels bedenkliche Konservierer in Dispersionsfarben oder gar Insektizide in Wollteppichen zulassen, schließen andere diese komplett aus. Die Lage ist also unübersichtlich, auch was die Anzahl der Gütesiegel angeht. Hilfe im Label-Dschungel bietet die Datenbank Label Online des Bundesverbands Verbraucher Initiative e.V.

Hilfreiche Adressen und Links zum Thema

Vermittlung von Sachverständigen für Schadstoffmessungen

AGÖF e.V. – Fachverband für Schadstoffmessungen & Laboranalytik im Innenraum, Bau & Energie

Berufsverband Deutscher Baubiologen e.V.

Weitere Anlauf- und Beratungsstellen

„Gesünder-Wohnen-Telefon“ vom Bundesverband der Baubiologen: 0800-2001007

Verbraucherzentralen der Länder

Umweltmedizinische Beratungsstellen der einzelnen Länder

Übersicht über Gütesiegel

Label Online

Produktdatenbanken mit emissionsarmen Produkten und Baustoffen

Sentinel-Bauverzeichnis

eco-Institut-Datenbank

natureplus Produktdatenbank

Weiterführende Informationen über Schadstoffe

Allgemeine Informationen bei der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute AGÖF e.V.  

Antworten auf häufig gestellte Fragen beim Umweltinstitut München

Die VERBRAUCHER INITIATIVE e.V. bietet zahlreiche Broschüren zum Thema Gesund Wohnen

 

Zusammengefasst

Chemische Schadstoffe in Innenräumen können zum Gesundheitsrisiko werden. Da es für die meisten Schadstoffe weder eine Kennzeichnungspflicht noch verbindliche Grenzwerte gibt, sind Verbraucher selbst gefragt. Regelmäßiges Lüften reduziert Schadstoffanreicherungen in der Wohnung, durch den Einkauf von schadstoffarmen Produkten vermeidet man von vornherein eine Gesundheitsbelastung. Eine verlässliche Orientierung bieten unabhängige Gütesiegel.

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Bildquellen

  • Schadstoffmessung am AGÖF: ©AGÖF/Marlies Ante
  • ecoINSTITUT-Label: ©ecoINSTITUT

Katja Hellmuth gehört zum Autorenteam von raabengrün. Wenn die freie Texterin nicht gerade Wortakrobatik betreibt, strampelt sie auf dem Fahrrad ihre tägliche Schokoladendosis ab. Sie verschlingt liebend gerne auch Buchstabensuppen und andere epische Werke.

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