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Green Fashion Tours: Auf den Spuren nachhaltiger Mode

Während ein Teilnehmer eine bunte Jacke anschaut, macht sich eine andere Teilnehmerin Notizen.

Berlin ist nicht nur Hauptstadt, sondern auch grünes Herz Deutschlands. Kaum eine andere Stadt bietet so viel Raum für nachhaltige Ideen und Projekte. In Sachen Mode beweisen das die Ethical Fashion Show und unzählige Berliner Labels. Wir sprachen mit Arianna Nicoletti, Inhaberin des Upcycling-Labels „Aluc“ und Gründerin der Green Fashion Tours, über die lokale grüne Szene, die Modeindustrie und warum nachhaltige Kleidung ihren Preis wert ist.

Was macht für Sie als Designerin nachhaltige Mode aus?

Einer der nachhaltigsten Aspekte für mich ist, wenn wir vorhandene Materialien statt neue verwenden, um Mode zu kreieren. In meinen Arbeiten war das Upcycling Konzept immer sehr wichtig und präsent – als Gegenmaßnahme zur Massenproduktion. Es gibt einfach zu viel Abfall, der bei industrieller Produktion entsteht. Was mir auch sehr am Herzen liegt, ist lokale Unternehmen, Läden und Designer zu unterstützen. Das ist das nachhaltigste, was man machen kann: Wert darauf legen, dass die Leute lokal, hier in Berlin, in Deutschland, in Europa, produzieren.

Wie kam es zur Gründung von Green Fashion Tours?

©Green Fashion Tours

Mode-Designerin und Green Fashion Tours-Gründerin Arianna Nicoletti

Ich hatte meinen Upcycling Fashion Store 2011 in Berlin mit drei Mitstreitern gegründet. Wir haben ganz viel Arbeit in Richtung Netzwerken geleistet: Unter anderem haben wir die Upcycling Roadmap Berlin in Kollaboration mit visitBerlin und heimtextil herausgegeben. Wir haben einfach gemerkt, wie viele Läden und Designer in Berlin mit dem Upcycling-Konzept arbeiten ohne sich wirklich unter einem Dach zu sammeln. Ein Jahr später haben wir mit Get Changed e.V., einer Onlineplattform für nachhaltige Mode, die alle nachhaltigen Labels und Läden in Deutschland, Österreich und der Schweiz listet, kooperiert. Und uns gedacht: Lass uns doch eine Green Fashion Map machen, also unsere Upcycling Map mit den Kriterien von Get Changed erweitern. Um als Laden gelistet zu werden, müssen gewisse Kriterien erfüllt sein; beispielsweise sollten mindestens 80 Prozent der Produkte, die angeboten werden, nachhaltig sein. Es gibt eine ganze Auflistung von Zertifikaten, die eine faire Produktion bestätigen; wie Fairtrade oder GOTS. Es können auch Upcycling- und Secondhandsachen sein. Dann haben ich und meine Kollegin Anna von Get Changed gesagt: Ok, lass uns zur Fashion Week eine Tour für die Presse und Blogger organisieren, um zu zeigen, was es in Berlin alles an Alternativen gibt. Das war 2014. So haben wir gemerkt, dass es da eine Nachfrage gibt. Und beschlossen 2015, das regelmäßig zu machen.

Welche Menschen nehmen an den Green Fashion Tours teil?

Ich habe das Gefühl, dass wir am Anfang sehr viele Touren für Touristen gemacht haben, um ihnen zu zeigen, was Berlin für nachhaltige Alternativen hat. Viele Leute, die jetzt kommen, sind Fachleute, die in der Welt der Mode arbeiten, und da etwas verändern oder den Horizont erweitern möchten. Unsere Teilnehmer kommen von überall auf der Welt. Wir stellen dann ein kleines Programm für einen halben oder ganzen Tag zusammen. Auch viele Schulen und Universitäten kontaktieren uns. Und dann gibt es noch die Gruppen von Journalisten oder jungen Entrepreneuren aus Osteuropa, Südamerika und Asien, die über Vereine und internationale Organisationen zu uns finden, um sich nachhaltig inspirieren zu lassen.

Was erwartet mich, wenn ich bei einer Green Fashion Tour mitmache?

®twoseconds by Hannes Kutza

Teilnehmer haben die Möglichkeit, alle Fragen zum Thema „Nachhaltige Mode“ zu stellen – und nutzen sie.

Vor allem die Möglichkeit, mit Change Makern der nachhaltigen Mode zu sprechen. Die Tour wird so organisiert, dass die Designer und Ladenbesitzer vor Ort sind und über ihre persönliche Erfahrung sprechen und alle Fragen beantworten können. Das ist das Wichtigste, denn das kreiert diese emotionale Verbindung – dass man versteht, was dahintersteht. Was zudem eine persönliche Verbindung herstellt, sind kleine Aktivitäten, die wir integrieren: Zum Beispiel haben wir eine Weltkarte dabei und die Teilnehmer sollen am Anfang auf ihrem Etikett schauen, woher ihre Kleidung kommt. Dann kennzeichnen sie mit einer Stecknadel auf der Karte das Land. Wenn wir am Ende eine Übersicht haben, wo die meisten Kleidungsstücke herkommen, fangen wir eine Konversation über die komplexe Modelieferkette an. Und alle Teilnehmer sind ein Teil dieser Kette. Das Interaktive ist uns sehr wichtig bei der Tour. Jeder bekommt zusätzlich Infomaterial und kann jederzeit Fragen stellen.

Gibt es bei den Teilnehmern während der Tour einen „Aha-Moment“?

Total, vor allem bei den Preisfragen. Auf der Tour gibt es immer diese Frage: „Naja, ich würde schon diese Läden unterstützen, wenn die Hose nicht 200 Euro kosten würde, sondern 50 Euro, wie etwa bei Zara.“ Und dann gibt es die Antwort von mir, dem Guide oder den Designern selbst: Wie viele Stunden Arbeit es bedeutet, eine Hose zu nähen, einen Stoff zu schneiden, ein Material herzustellen. Wir fragen dann: „Wie viel bekommst du pro Stunde bezahlt? Wenn du diese lokale Szene unterstützen möchtest, musst du auch daran denken, dass die Leute so viel wie du für die Miete oder den Transport bezahlen müssen.“

Was muss passieren, damit nachhaltige Mode nicht nur das Highlight eines Berlin-Besuchs, sondern auch fester Bestandteil unserer Kleiderschränke wird?

In diesem Fall müsste sich die Industrie ändern. Natürlich kann der Konsument einen gewissen Druck auf die Industrie ausüben. Labels brauchen eine radikale Verbesserung bei ihren Standards – von Chemikalien bis hin zu den Arbeitsbedingungen.

Hast du das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren in der Modebranche etwas verändert hat?

Ja, auf jeden Fall. Auf der einen Seite gibt es bei den großen Labels mehr nachhaltige Projekte. Und auch wenn es nur Projekte sind, finde ich es gut, wenn darüber geredet wird. Denn auch die Medien spielen eine wichtige Rolle in der ganzen Geschichte – es wird noch immer zu wenig über nachhaltige Textilien berichtet. Auf der anderen Seite sehe ich auch kleine nachhaltige Labels, die größer werden. Leider gibt es gleichzeitig immer weniger unabhängige Läden, weil die großen Ketten unsere Städte erobern. Die Städte verstehen noch nicht, was das bedeutet, aber in ein paar Jahren werden alle Stadtzentren gleich aussehen. Aber die kleinen Läden, die überleben, werden immer nachhaltiger und sie suchen nach nachhaltigen Produkten.

Bei der Suche nach nachhaltigen Kleidungsstücken sind viele Kunden verunsichert und fragen sich: „Woher weiß ich, unter welchen Bedingungen das tatsächlich produziert wurde?“ Welche Tipps hast du, wenn es um den Kauf nachhaltiger Mode geht?

©Green Fashion Tours

Oft freuen sich die Ladenbetreiber über Nachfragen zu ihren nachhaltigen Produkten.

Was die Konsumenten auf jeden Fall machen können, ist nachfragen. Was die kleineren Läden von den großen Ketten unterscheidet, ist, dass die Mitarbeiter Bescheid wissen. Sie verkaufen eine Geschichte, sie verkaufen Transparenz. Auch die Digitalisierung spielt eine große Rolle – ich würde mich sehr freuen, wenn ein QR-Code für Transparenz in der Lieferkette und der fertigen Kleidung eingesetzt werden würde. Dass alle, die mit dem Handy den Code scannen, sehen können, von woher das Kleidungsstück kommt.

Was sind für dich die aktuellen Trends bei nachhaltiger Mode?

Was einem immer häufiger begegnet, ist das Thema der Kreislaufwirtschaft, also Textilien, die nicht nur upgecycelt werden können, sondern sich in einem geschlossenen Kreislauf befinden. Es gibt beispielsweise Hersteller, deren Sachen biologisch abbaubar sind oder aus künstlichen Fasern bestehen, die noch einmal zu 100 Prozent recycelt werden können. Ich glaube und ich hoffe, dass der Trend immer weiter in diese Richtung geht: So wenig Abfall wie möglich produzieren und den Wert der Ressourcen über den Prozess nicht zu verlieren. Ich liebe Bio-Baumwolle, -Seide und -Leinen. Aber die natürlichen Ressourcen, die dahinterstecken, sind so knapp, dass das nicht die Zukunft sein kann. Wenn wir das Wasser für den Baumwollanbau verwenden, wo ist dann das Wasser für die Menschen? Es werden immer mehr Menschen, sauberes Wasser wird aber immer weniger. Die Leute können das nicht zum Essen und Trinken nutzen. Deswegen: Wenn man ein Seidenteil hat, sollte man es sein ganzes Leben behalten. Denn irgendwann gibt es keine Seide mehr.

Eine letzte Frage: Wenn wir in deinen Kleiderschrank schauen dürften – was würde uns erwarten?

Bei mir findest du natürlich sehr viele Hemden und Hemdblusen von Aluc, weil ich seit sieben Jahren diese Firma betreibe. Ich habe ganz viel Secondhand von Freunden, von Swap-Partys und tatsächlich von der Mutter meines Freundes, die einen sehr schönen Stil hatte und tolle maßgeschneiderte Sachen besaß, die mir gut passen. Eine Sache, die die Leute häufig gar nicht mehr wissen, ist, wie sie ihre Sachen in gutem Zustand behalten. Die Leute waschen jeden zweiten Tag ihren gesamten Kleiderschrank, am besten bei 60° C mit Weichspüler und Trocknerprogramm. Da gehen die Fasern superschnell kaputt. Viele Sachen müssen gar nicht gewaschen werden, wie zum Beispiel Wolle. Ich glaube, ich wasche meine Wollsachen einmal im Jahr, wenn wirklich Flecken drauf sind. Ansonsten kann man sie aufhängen und auslüften und nach drei Tagen ist alles ok. Bei Jeans ist es das gleiche. Aber da Jeans oft so eine schlechte Qualität haben, muss man sie waschen, damit sie in Form bleiben.

Unterwegs zum nächsten Ziel: Eine Gruppe Teilnehmer der Green fashion Tours. ©twoseconds by Hannes Kutza

Jeder Interessierte kann teilnehmen und neue nachhaltige Einkaufsadressen sowie Informationen über die Produktionskette von Kleidung gewinnen.

Kurz zusammengefasst: Green Fashion Tours

Die Green Fashion Tours bieten die Möglichkeit, die nachhaltige Modeszene Berlins auf ganz individuelle Art kennenzulernen: Während einer geführten Tour werden diverse nachhaltige Modeläden angelaufen; Besucher können in direkten Kontakt mit Designern und Ladenbesitzern treten und alles rund um das Thema nachhaltige Mode erfahren. Die Touren finden jeden ersten Freitag im Monat statt und werden in unterschiedlichen Sprachen angeboten. Auf Anfrage sind auch individuelle Touren buchbar. Bisher nur in Berlin vertreten, ist eine Ausweitung der Touren auf andere deutsche Städte bereits in Planung. Die Green Fashion Tours stehen unter dem Dach des Future Fashion Forward e.V., der sich für Verbraucheraufklärung und -bildung im Bereich nachhaltiger Mode stark macht.

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Bildquellen

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Elisabeth Torge ist PR-Beraterin bei raabengrün und scheut keine Wort(er)findungen. In der digitalen Welt zu Hause, ist sie offline auch gerne auf kulinarischem Streifzug oder sportlich unterwegs.

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