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Bambus-Fahrräder: Echte Alternative oder nur Spielerei?

Ein Fahrrad-Rahmen aus Bambus liegt eingespannt auf der Werkbank, Hände arbeiten daran

Bambus-Fahrräder sind längst keine Nischenprodukte mehr. Sie sehen edel aus, sind sehr robust und echte Hingucker. Besonders geschätzt sind sie wegen ihrer hervorragenden Fahreigenschaften, denn sie besitzen die gleichen Stärken wie hochwertige Carbon-Bikes. Viele Fahrradgeschäfte bieten die nachhaltigen „Grasesel“ (Bambus gehört zur Familie der Süßgräser) bereits in unterschiedlichen Ausführungen an. Zwei davon mit jeweils unterschiedlichen Konzepten haben wir uns mal genauer angeschaut: Ein Unternehmen mit Sozialprojekt und eines mit Heimwerker-Ansatz.

Das Kieler Unternehmen „my Boo“ produziert Bambus-Fährräder in Deutschland, deren Rahmen in einem sozialen Projekt in Ghana entstehen. Denn egal, ob einfaches Stadtrad, robustes Mountainbike, leistungsfähiges E-Bike oder elegantes Rennrad, jeder Rahmen wird aufwendig in vielen Einzelschritten in Handarbeit gefertigt. Das kostet Zeit und Geld. Wer handwerklich geschickt ist, kann sein Bambus-Fahrrad auch selber bauen. Die Macher von „Smart Grass Bicycles“ aus Schwetzingen bieten Workshops an, in denen Bambus aus Deutschland und hochleistungsfähige Technik aufeinandertreffen.

Fahreigenschaften: Bambus fängt Vibrationen auf

„Bambus ist besonders leicht, stabil und langlebig“, beschreibt Oskar Wiesner, einer der Gründer von „Smart Gras Bicycles“ die Vorteile von Bambus. Es ist ein schnell nachwachsender Rohstoff, dessen Eigenschaften für ein komfortables Fahrgefühl sorgen. „Bambus fängt Vibrationen optimal ab und macht Fahrradfahren zu einem echten Vergnügen. Außerdem ist es vollständig abbaubar“, fügt der ehemalige Manager hinzu.

© Smart Grass Bicycles

Dieser Bambus hat einen ganz besonders kurzen Weg in die Fahrradwerksatt: Das Material von Smart Grass Bicycles wächst im Süden Deutschlands.

Der Bambus für die „smarten“ Fahrräder wächst in der Nähe von Freiburg auf einem großen Feld zwischen Weinbergen und Spargelfeldern. Dort gedeihen seit drei Jahrzehnten rund 30 verschiedene Sorten Bambus. Darunter auch der bläuliche Phyllostachys glanca, der in nur acht Wochen rund sieben Meter wächst und reichlich CO2 aufnimmt. Für Bambus-Fahrräder brauchen Grasgewächse sehr viel mehr Zeit, denn die Stabilität der Rohre, die für einen Rahmen notwendig ist, erreicht die Pflanze erst nach drei Jahren.

Bambus-Fahrräder sind was fürs Auge – und ausgezeichnet

Wer im ersten Moment denkt, ein Bambus-Rad ist klobig, ungelenk und schwergängig, bemerkt seinen Irrtum sofort. Bambus-Fahrräder sind echte Hingucker und sehr ästhetisch. Einige sind richtige Designobjekte mit reichlich Technik. Zum Beispiel wurde das ‚Smart Energy Bike‘ 2018 der Schwetzinger Manufaktur mit dem German Design Award ausgezeichnet. Begründung: Die Struktur des Bambus-Rahmens sei außergewöhnlich innovativ gestaltet. Zudem wurde die extrem hohe Federungswirkung bei gleichzeitiger äußerster Stabilität des Rahmens gewürdigt.

Ein freigestelltes Rennrad mit Logo des German Design Awards 2018 © Smart Grass Bicycles

Mit Bambus-Fahrrädern lassen sich Preise gewinnen – zum Beispiel diese Design-Auszeichnung für das Smart Energy Bike von Smart Grass Bicycles

Bambus-Fahrrad als maßgeschneidertes Unikat

So eigen wie das Design ihrer Bikes sind auch die Bedingungen, um an ein Rad zu kommen. „Wer ein Bambus-Fahrrad von uns will, der muss es selber bauen“, so der ehemalige IT-Manager Oswald Wiesner. Er hat vor fünf Jahren seinen teuren Anzug gegen ein legeres Outfit getauscht, das Staub und Dreck in seiner Werkstatt problemlos aushält. „Wir bieten Workshops für Selbstbauer, die mit ein wenig handwerklichem Geschick in etwa 50 Stunden einen individuellen Rahmen erstellen.“ Die Teilnehmer haben sehr unterschiedliche Motivationen an diesem Kurs teilzunehmen. „Sobald feststeht, wie das Rad aussehen und welche Funktion es erfüllen soll, passen wir die Rahmenkonstruktion an die genauen Körpermaße und die Sitzhaltung an“, so Oswald. Auch in diesem Prozess kommt ein Hightech-System zu Einsatz, das er sich selber ausgedacht hat.

Dreigeteiltes Bild mit Impressionen aus der Werkstatt © Smart Grass Bicycles

Hier schlägt das Handwerker-Herz höher: Bei Smart Grass Bicycles können Sie sich Ihr Bambus-Fahrrad selbst bauen.

Dann folgt stundenlanges messen, schleifen, sägen, bohren, kleben, streichen und montieren bis das maßgeschneiderte Unikat fertig ist. Rund vier Meter Bambus werden für jeden Rahmen gebraucht. Die Workshops kosten 600 Euro, das Material für den Rahmen etwa 100 Euro, der Gesamtpreis ist abhängig individuellen Vorstellungen: einige Teilnehmer rüsten ihren Rahmen mit gebrauchten Bauteilen alter Fahrräder auf, andere verbauen wertvolle Edelmetalle, die mehrere Tausend Euro kosten.

Der Weg des Bambus: Direkt vom Wald in die Werkstatt

Wer sein Bike nicht selber bauen möchte, kann es auch einfacher haben. Die Kieler Jungunternehmer von „my Boo“ bieten Bambus-Fahrräder in unterschiedlichen Ausführungen an. „Wir haben mit sehr einfachen Bambus-Rädern angefangen, sind aber sehr schnell dazu übergegangen, technisch aufzurüsten“, sagt Felix Habke, der leidenschaftlicher Bambus-Biker ist. „2017 haben wir es geschafft, das erste Bambus-E-Bike mit Mittelmotor auf dem Markt zu präsentieren. Da steckt viel Entwicklungsarbeit drin.“

my Boo ist in knapp sieben Jahren seit der Gründung mächtig gewachsen: In mehr als 150 Fachgeschäften in ganz Europa bieten die Jungunternehmer ihre Bambus-Räder an. Inzwischen sind 15 Mitarbeiter in Deutschland und 40 weitere Mitarbeiter in Ghana beschäftigt. my Boo hat zeitgleich zur Firmengründung das „Yonso-Project“ in der Ashanti-Region in Ghana ins Leben gerufen. Dort entstehen die Bambus-Rahmen in Handarbeit.

© my Boo

Das Unternehmen my Boo arbeitet in Ghana vor Ort und in Kiel an den Bambus-Fahrrädern.

Die Kooperation mit den Kollegen in Ghana ist für beide Projektpartner mehrfach von Vorteil. Der nachwachsende Rohstoff Bambus wird direkt vor Ort geerntet, getrocknet und fachgerecht verarbeitet. Versierte Mitarbeiter benötigen rund 80 Stunden, bis ein Rahmen nach den individuellen Vorgaben fertig gestellt ist. In Deutschland wird das Fahrrad bei my Boo fertiggestellt. Auf jeden Rahmen gibt es fünf Jahre Garantie.

Der Lohn für die Mitarbeiter ist fair, sie erhalten mehr das Doppelte des üblichen Lohns in Ghana. Damit können die Mitarbeiter ihre Familie ernähren und ihren Kindern den Schulbesuch und eine Ausbildung ermöglichen.

Mehr als nur Arbeitgeber: Unternehmen vergibt Schulstipendien

my Boo vergibt seit 2015 Schulstipendien an Kinder und Jugendliche in Ghana. Finanziert werden die Stipendien aus den Verkaufserlösen der Bambus-Fahrräder. „Die Stipendien bekommen Kinder, die ohne unser Schul-Starter-Set keine Chance haben, eine Schule zu besuchen.“ Denn ohne passende Schuluniform, Schuhe, Tasche, Bücher, Stifte und ein Mathematik-Set gibt es keinen Zugang zur Schule. Um noch mehr Kindern aus der Ashanti-Region Chancen zur bieten, hat das Yonso-Project 2017 mit dem Bau einer eigenen Schule begonnen. Ziel ist es, Kinder zu bilden und eine Grundlage für selbstständiges Arbeiten zu vermitteln.

Fazit: Ist ein Bambus-Fahrrad eine echte Alternative zum Drahtesel?

Für wen ein Fahrrad mehr als nur ein Gebrauchsgegenstand ist und der über das nötige Kleingeld verfügt, ist das Bambus-Fahrrad – ebenso wie ein Holz-Fahrrad – definitiv eine echte Alternative. Von den Fahreigenschaften stehen auch die sportlichen Modelle den konventionellen Bikes in nichts nach. Ich empfehle Interessierten, sich vor dem Kauf genauer mit dem Anbieter auseinanderzusetzen, da sich die Angebote wie hier beispielhaft gezeigt durchaus ganz grundsätzlich unterscheiden können.

Ein Biker beim der Abfahrt im Wald. © my Boo

Auch die Belastungen beim Mountainbiken sind kein Problem für die Bambus-Fahrräder.

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Bildquellen

  • bambus-von-smart-grass-bicycles: © Smart Grass Bicycles
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Eva praktiziert „grünen“ Journalismus aus Überzeugung. Als Mitarbeiterin im Einkauf für Waschbär ist sie ständig damit beschäftigt, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen. Richtig wohl fühlt sie sich in der freien Natur. Dort lässt sie sich am liebsten vom Lichtwellenspektrum der blau-grün-türkisen Meeresfarben inspirieren.

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