Weniger besitzen, mehr davon haben: Minimalismus in der Familie

Eine Mutter sitzt mit ihrer Tochter im Schoß im Bett und spielt.

Waschmaschine, Bücherschrank, Mixer, Weihnachtsbaumständer, Sonnenschirm und Sockenchaos: Im Durchschnitt besitzt jeder Mensch in Europa rund 10.000 Dinge. Unsere Wohlstandskultur macht’s möglich – und scheint doch für immer mehr Menschen ihren Wendepunkt erreicht zu haben. Jahr für Jahr verbrauchen wir mehr Ressourcen, als unser Planet bereitstellen kann. Damit überfordern wir nicht nur unser Klima und unsere Umwelt, sondern auch uns selbst. Als Gegenentwurf zum Konsumrausch macht sich eine neue Sehnsucht breit: nach mehr Ordnung, mehr Struktur, mehr Wohlbefinden, mehr Zeit und weniger Zeug – nach Minimalismus. Minimalismus in der Familie zu leben, kann jedoch eine kleine – oder auch eine größere – Herausforderung sein. Wie Sie diese am besten angehen, verrät Minimalismus-Expertin Marijana Braune.

Minimalismus in der Familie: eine Herausforderung

Ausmisten, Verschenken, Ausleihen, Reparieren und Verzichten: In einem Einpersonenhaushalt lässt sich das relativ konfliktfrei umsetzen. Als Familie wird es da schon deutlich anspruchsvoller. Denn Kinder wachsen nicht nur alle naselang aus den eben erst gekauften Kleidungsstücken heraus. Auch mental befinden sie sich kontinuierlich in einem Entwicklungsprozess. Eben haben sie noch mit Bauklötzen gespielt, schon müssen die ersten Schulhefte gekauft werden. Letztes Jahr war Reiten angesagt, dieses Jahr möchten sie ein Instrument erlernen. Kein Wunder, dass sich viele Eltern fragen: Ist ein minimalistisches Familienleben überhaupt möglich? Diplom-Psychologin Marijana Braune ist überzeugt, dass sich Minimalismus und Familie gegenseitig nicht ausschließen: „Ganz im Gegenteil: Von mehr Zeit statt Zeug profitieren sowohl Kinder als auch Eltern“, so Marijana.

Sehnsucht nach mehr Zeit

Die 34-Jährige spricht aus Erfahrung, denn sie ist selbst stolze Mutter einer inzwischen fünfjährigen Tochter. „Nachdem meine Tochter 2016 das Licht der Welt erblickt hatte, merkte ich rasch, dass mit diesem Wunderwesen auch ein unvorstellbarer Haufen Zeug in unser Haus am Hamburger Stadtrand eingezogen war“, erinnert sie sich. Umgeben von Windelbergen, Spielzeug und Babykleidung fühlte sich die junge Mutter nicht nur unwohl, sondern geradezu überfordert. „Gleichzeitig sehnte ich mich umso mehr nach den wirklich kostbaren Momenten, etwa dem entspannten Stillen auf dem Sofa, bei dem ich mit allen Sinnen einfach Mama sein durfte – ohne noch eben schnell aufzuräumen oder bereits auf dem Sprung zum Einkaufen zu sein“, erzählt Marijana. Heute, fünf Jahre später, inspiriert sie mit ihrem Podcast „don’t waste, be happy‘“ und ihren Minimalismus-Coachings Frauen und Mütter in ganz Deutschland zu weniger Ballast und mehr Lebensqualität.

Eine Frau sitzt auf ihrer Terasse und genießt eine Tasse Kaffee, während der Morgen anbricht.
Ruhe und Entspannung ist im oftmals hektischen Familienleben besonders kostbar.© Waschbär

Minimalismus: Was motiviert uns?

Zu Beginn ihrer Coachings lädt Marijana die Teilnehmerinnen stets dazu ein, sich mit der eigenen Motivation auseinanderzusetzen. Was wollen sie mit der gewonnenen Zeit anfangen? Was erfüllt sie, was macht sie glücklich? Es sei wichtig, sich bewusst zu werden, warum man sich überhaupt eine Veränderung im Leben wünsche. Das motiviere später bei der Umsetzung. Kontraproduktiv hingegen sei die Erwartung, dass sich automatisch Glücksseligkeit einstelle, sobald man weniger besitze. Denn weniger Zeug haben und weniger Müll produzieren sei nur die halbe Miete, ist Marijana überzeugt.

Mehr Minimalismus in der Familie: sieben gute Gründe

Ihre persönliche Hauptmotivation sei es anfangs gewesen, mehr Zeit zu haben. Während sie früher Stunden mit dem Aufräumen zugebracht habe, sei das heute in wenigen Minuten erledigt. Jeder Gegenstand im Haus habe nun seinen festen Platz. Im Laufe der Zeit habe sie gespürt, dass ihr neues „Weniger“ noch viel „Mehr“ war, als sie erwartet hatte:

  1. mehr Zeit: Wer weniger besitzt und bewusst auf Konsum verzichtet, muss nicht nur weniger aufräumen. Er oder sie verbringt auch weniger Zeit mit Einkaufen und damit, Dinge im heimischen Chaos zu suchen.
  2. mehr Geld: Wer weniger konsumiert, spart Geld. Dieses lässt sich stattdessen zum Beispiel in einen schönen Familienausflug investieren.
  3. mehr Spontaneität: Wenn sich kurzfristig Besuch ankündigt, ist das kein Drama. In einem minimalistischen Haushalt lässt sich immer rasch eine gewisse Grundordnung herstellen.
  4. mehr Wohlfühlen: Wer weniger Zeug hat, kann sich wohlfühlen, ohne ständig daran erinnert zu werden, was noch alles zu tun ist.
  5. mehr Freude und Nachhaltigkeit: Ist doch einmal eine Neuanschaffung nötig, wird eher Wert darauf gelegt, dass sie genau den eigenen Vorstellungen entspricht. Dadurch ist sie langlebiger und damit nachhaltiger.
  6. mehr Kreativität: Weniger Spielzeug, das dafür umso vielfältiger verwendet werden kann, regt die Kreativität und Fantasie von Kindern an.
  7. mehr Konzentration: Haben Kinder zu viele Spielsachen, sind sie leicht überfordert. Sie können sich nicht entscheiden und sind nur wenig fokussiert bei der Sache. Weniger Zeug hingegen hilft ihnen, sich zu konzentrieren und die Welt um sich herum zu vergessen.

Minimalistisch leben mit Kindern: Konflikte vermeiden

Natürlich birgt ein minimalistisches Leben Konfliktpotenzial für Familien. Vor allem dann, wenn Kinder sich mit anderen vergleichen oder Geschenke bekommen, die man ihnen selbst eher nicht kaufen würde. Marijana nennt ein Beispiel: Das eigene Kind kommt freudestrahlend mit einer Tüte Plastikspielzeug von einem Kindergeburtstag nach Hause. Selbstredend helfe das erst einmal nicht dabei, den Alltag minimalistischer zu gestalten. Dann gelte jedoch: kein Spielverderber sein, sondern trotzdem mitfreuen. Das müsse einen allerdings nicht davon abhalten, es dennoch selbst anders zu machen. Beim nächsten Geburtstag ihrer Tochter werde weiterhin mit Holzstiften gemalt und mit Naturmaterialien gebastelt. Um Konflikten vorzubeugen, sei es zudem empfehlenswert, niemals die Sachen der Kinder wegzugeben oder zu verkaufen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Ansonsten verspiele man nur kostbares Vertrauen. Konflikte seien somit vorprogrammiert, warnt sie.

Mutter und Vater basteln mit ihren Kindern am Esstisch Kastanienmännchen.
Zum Kreativsein reicht ein ausgiebiger Waldspaziergang – schon kann gebastelt werden.© Waschbär

Starke Vorbilder für ein nachhaltiges Familienleben

Viele Konflikte entstünden daraus, dass wir mit uns selbst nicht im Reinen oder einfach zu gestresst seien, so die Minimalismus-Beraterin. Das Resultat sei eine Diskrepanz zwischen unserem tatsächlichen Verhalten und dem, was wir vorleben wollen. Es sei hilfreich, sich Zeit zu nehmen und sich wirklich bewusst zu werden, was für ein Vorbild man sein wolle. Diese Vorstellung könne man vielleicht auch notieren und das eigene Verhalten immer wieder damit abgleichen – wie mit einer Art Schablone, rät Marijana. „Wenn wir unseren Kindern eine nachhaltige, bewusste und der Natur gegenüber wertschätzende Lebensweise vorleben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie diese Grundhaltung übernehmen, ohne, dass wir sie in diese Richtung drängen. Im Gegenteil: Wir zeigen ihnen auf, wie gut und befreit ein minimalistisches Leben sein kann, aber lassen ihnen offen, genau so oder ganz anders zu leben.“

Wie kan man Minimalismus in der Familie am besten einführen?

Für mehr Zeit statt Zeug gibt es laut Marijana nicht die eine Zauberformel. Stattdessen führen viele Wege zum Ziel. Jeder Mensch und jede Familie sollte für sich überlegen, was sie gerne ausprobieren möchte. Marijana empfiehlt, immer damit anzufangen, wo es am leichtesten fällt – und idealerweise sogar Spaß macht. Stoffwindeln selbst zu nähen, im Unverpacktladen einzukaufen, sich auf eine Capsule Wardrobe zu beschränken oder ausgediente Kleidung zu verschenken, zum Beispiel. Dabei sei es wichtig, die Reise hin zu mehr Leichtigkeit und Nachhaltigkeit als Prozess zu verstehen und zu gestalten. Das Motto laute ganz klar: Der Weg ist das Ziel.

Eine Frau geht in einem Unverpackt-Laden einkaufen.
Ein Einkauf im Unverpackt-Laden ist ein prima Einstieg für mehr Minimalismus im Alltag.© Waschbär

Mehr Zeit statt Zeug: Kinder spielerisch involvieren

Da Kinder die Sehnsucht nach Minimalismus in der Familie zumindest anfangs nur schwer nachvollziehen können, bietet es sich an, sie spielerisch mit einzubeziehen. Das kann etwa Müllsammeln mit Preisverleihung oder eine Upcycling-Aktion sein. Dabei werden die Kinder dafür sensibilisiert, dass man achtsamer mit den Ressourcen umgehen sollte. Besonderes Interesse haben Kinder daran, zu verstehen, wie Dinge entstehen. Deshalb werden die meisten von ihnen mit Begeisterung bei Do-it-yourself Projekten mitmachen, bei denen etwa Naturkosmetik oder Waschmittel selbst hergestellt werden. Bei Dingen, die man nicht selbst herstellen kann, kann man dennoch ihre Neugier stillen und sich gemeinsam informieren: Wo kommt mein Spielzeug her? Wer hat es produziert? Und was passiert damit, wenn es kaputtgeht?

Besitz gemeinsam reduzieren: Ausmisten mit Kindern

Vor dem gemeinsamen Ausmisten haben viele Eltern die größte Sorge, doch auch das lässt sich spielerisch gestalten. Beispielsweise kann jedes Familienmitglied am ersten Tag einen Gegenstand aussortieren, am zweiten Tag zwei und so weiter. Gibt es dabei doch einmal Tränen, kann es helfen, die Dinge vorerst in eine Kiste zu packen. Diese kann man dann in den Keller stellen und abwarten, ob die Sachen tatsächlich vermisst werden. Vielleicht erinnern sich die Kinder nicht einmal daran. Letzteres ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Dinge wirklich nicht mehr gebraucht werden. Ein prima Anreiz zum Ausmisten sei das anschließende Verkaufen auf dem Flohmarkt oder das Verschenken an andere Kinder, weiß Marijana.

Minimalismus in der Familie: Neuanschaffungen hinterfragen

Seit Marijana sich auf ihre Reise zu einem einfacheren Leben gemacht hat, kauft sie deutlich bewusster ein. Bei Neuanschaffungen kommuniziert sie mit ihrer Tochter auf Augenhöhe und stellt ihr Fragen: Will sie etwas wirklich besitzen – und zwar nur jetzt, oder auch noch in zwei Wochen? Wie oft wird sie wohl damit spielen, bis es ihr zu langweilig wird oder womöglich kaputtgeht? Kann man den betreffenden Gegenstand vielleicht ausleihen oder gebraucht kaufen? Und ist die Tochter bereit, im Gegenzug etwas anderes abzugeben? Marijana betont, es sei wichtig, die Argumente der Kinder ernst zu nehmen. Sie spürten, wenn eine Diskussion nicht offen geführt würde, sondern die Entscheidung schon längst getroffen worden sei. Und dann würde das Gespräch vermutlich nicht gut verlaufen.

Ein Kind sitzt auf dem Boden und spielt mit buntem Holzspielzeug.
Viel zu häufig wird mit Spielzeug nur ein paar Mal gespielt, bevor das nächste Teil angeschafft wird.© Waschbär

Über die Minimalismus-Beraterin Marijana Braune

In Marijanas Nachhaltigkeitspodcast für mehr Leichtigkeit gibt es wertvolles Wissen, kostbaren Coaching-Input, Schritt-für-Schritt-Anleitungen, inspirierende Experteninterviews und eine Extraportion Happiness für alle Minimalismus-Fans:

https://www.dontwastebehappy.de/podcast/

Stoffwindel statt Wegwerfwindel, Stofflappen statt Feuchttüchern, Trinkflasche aus Edelstahl statt aus Plastik: In Marijanas kostenlosem E-Book „Die einfachsten Zero Waste Swaps“ gibt die Minimalismus-Expertin Tipps, wie man unnötigen Müll vermeiden kann.

Marijanas SLOW-CIRCLE-Coachings richten sich an diejenigen, die etwas in ihrem Leben verändern, persönlich wachsen und sich auf ihr Motto „Mehr Zeit statt Zeug“ voll und ganz einlassen wollen. Die Teilnehmerinnen werden individuell ausgewählt und über mehrere Wochen intensiv und sehr persönlich von Marijana und ihrem Team begleitet. Der Austausch mit Gleichgesinnten sowie gemeinsames Feiern von Erfolgen sind dabei ein fester Bestandteil ihres Konzepts:

https://www.dontwastebehappy.de/mentoring-bewerbung/

 

Schreiben Sie einen Kommentar

* Diese Felder sind Pflichtfelder.