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Hagebutten – Wissenswertes und Mythen rund um die Früchte der Rose

Vor dem dunklen Grün der Rosneblätter leuchten die roten Hagebutten ganz besonders.

Beim Herbst-Spaziergang kann man jetzt in Hecken und Gebüschen die leuchtend orangeroten Früchte verschiedener Wildrosen entdecken. Die Früchte werden als Hagebutten bezeichnet. Hag ist ein altes Wort für Hecke und Butte ein altes Wort für ein rundes Gefäß, das im Fall der Hagebutte mit vielen kleinen Nüsschen gefüllt ist. Die Nüsschen sind eingebettet in seidige Härchen, die mit feinen Widerhaken ausgestattet sind. Wegen der kratzigen Haken nutzte man die Kernchen früher für Kinderstreiche, denn das „Juckpulver“ kann auf der Haut sehr lästig sein. Alte Namen wie „Arschkitzler“ bestätigen dies.

Die Hagebutten haben unsere Vorfahren anscheinend sehr zur Fantasie angeregt, denn es gibt viele alte Rätselsprüche, deren Lösung die Hagebutte ist: „Ein rotes Männlein steht im Strauch,/ hat viele Kernchen in seinem Bauch./ Ein schwarzes Hütchen trägt´s auf seinem Kopf/ sag an, wie heißt der kleine Tropf?“

Hagebutten – die Früchte der Rosen

Die Hagebutte ist also keine eigenständige Pflanzenart, denn alle Wildrosen und auch einige Gartenrosen bilden Hagebutten aus. Das Gute dabei ist: Alle Hagebutten sind ungiftig und in Küche oder Hausapotheke verwendbar. Wildrosen liefern in der Regel schönere und zahlreichere Hagebutten als Gartenrosen, die oft gar keine Früchte ausbilden. In Deutschland finden wir in der freien Natur vor allem die Hundsrose (Rosa canina) und die Weinrose (Rosa rubiginosa). Erwähnenswert ist auch die aus China stammende Kartoffelrose (Rosa rugosa), die sich inzwischen bei uns eingebürgert. Sie besitzt außergewöhnlich große Hagebutten.

Die weißen Blüten geben den Blick frei auf die pollenhaltigen Stempel.

An Wildrosen wie dieser blühenden Rosa canina oder auch Hundsrose leuchten im Frühjahr die Rosen und im Herbst die Hagebutten.

Auch wenn die Rosen in der Literatur gerne mit Dornen in Verbindung gebracht wird; botanisch gesehen haben sie keine Dornen, sondern Stacheln. Dornen wachsen aus dem Holz des Triebes (z. B. Weißdorn oder Schlehe). Stacheln sitzen auf der Epidermis, also der Haut der Triebe und lassen sich deshalb leicht entfernen. Die Stacheln dienen der Rose als Kletterorgane, mit denen sie sich an anderen Pflanzen fixieren kann. Man spricht bei solchen Pflanzen von Spreizklimmern.

Rosenhecken sind Lebensraum für viele Tiere

Wer einen großen Garten hat, kann sich eine Hecke mit heimischen Wildrosen anlegen. Sie müssen Sie allerdings etwas im Zaum halten, denn sie können durchaus bis zu 4 Meter hoch wachsen. Die heimischen Wildrosen sind ein ökologisch wertvolles Gehölz: Sie bieten für viele Vogelarten Schutz- und Nistmöglichkeiten. 27 Vogelarten laben sich an den Hagebutten und 28 Säugetiere fressen an den Wildrosen. 31 Schmetterlinge fühlen sich von ihnen angezogen. Zahlreiche Insekten, wie Blattwespen und Kleinschmetterlinge, tummeln sich auf Blättern und Blüten, man hat insgesamt 103 Arten gezählt.

Die Blüten der Wildrosen liefern keinen Nektar, sie werden nur wegen des Pollens besucht. Vor allem für zahlreiche Wildbienen sind die Wildrosen ein wichtiger Pollenspender. Ein besonders auffälliges Gebilde verursachen die 5 mm kleinen Rosengallwespen mit ihrer Eiablage, nämlich Rosengallen oder „Rosenäpfel“. Das sind stark gerbstoffhaltige Wucherungen, die an der Einstichstelle entstehen. In der Rosengalle entwickeln sich dann die Larven. Man nannte die zottigen Kugeln auch „Schlafäpfel“ oder „Schlafkunz“ und legte sie den Wiegenkindern unters Kopfkissen, wovon man sich einen guten Schlaf versprach. Die gerbstoffhaltigen Rosengallen waren früher ein gebräuchliches Heilmittel, das auch in Apotheken gehandelt wurde.

Hagebutten sind eine Bereicherung für die Küche

Von September bis Oktober werden die roten Hagebutten der verschiedenen Rosen reif. Ernten Sie sie, solange sie noch fest sind. Die Hagebutte kann nicht als Ganzes verspeist werden. Lediglich die Fruchtschalen werden roh geknabbert oder übers Müsli geschnitten. Dazu sollten Sie jedoch die haarigen Samenkerne entfernen (siehe unten). Die süß-säuerlichen Früchte gewinnen aber durch Kochen noch mehr Geschmack. So lassen sich die vitaminreichen Hagebutten gut zu Fruchtmus, Fruchtsoßen, Chutneys oder Likör verarbeiten. Sie eignen sich auch als Beimischung für Kuchen und Gebäck.

©Rudi Beiser

Sowohl Fruchtschalen, als auch Kernchen werden in der Heilkunde verwendet.

In der Regel werden bei den meisten Rezepten nur die Fruchtschalen verwendet. Das bedeutet, dass Sie die Hagebutten entkernen müssen. Die Samenkerne, die mit juckenden Härchen besetzt sind, müssen Sie aufwendig mit einem kleinen Löffel aus den halbierten Hagebutten herauskratzen. Dann die Fruchtschalen waschen. Bei manchen Verarbeitungsmethoden (Marmelade, Fruchtmus) können Sie aber ganze Früchte nehmen und die Härchen werden dann beim Passieren durch ein sehr feines Sieb zurückgehalten. Hinzu kommt, dass die kratzigen Härchen durch Erhitzen etwas „entschärft“ werden. Bei Rezepten, in denen die ganzen Früchte verarbeitet werden, macht es Sinn, die Hagebutten zuvor einen Tag in die Gefriertruhe zu legen. Dadurch platzen die Zellen auf und die Aromen können leichter und schneller freigesetzt werden.

Deftiges Hagebuttenmus: Lernen sie die Frucht geschmacklich neu kennen

Probieren Sie die Hagebutten auch einmal in einer deftige Variante: Stellen Sie ein ungesüßtes Mus her, indem sie die Hagebutten in wenig Wasser 30-40 Minuten weichkochen. Dann passieren Sie die Masse durch ein feines Sieb. Nun würzen Sie das Mus mit Knoblauch, Salz und mediterranen Kräutern. Jetzt können Sie es wie eine Tomatensauce verwenden. Das ungesüßte und ungewürzte Mus passt auch sehr gut in Müsli, Desserts, Kuchenteig und Smoothies.

Altbekannt und richtig zubereitet immer lecker: Hagebuttentee

Bekannt ist auch der fruchtige Hagebuttentee, der gerade im Sommer gerne als Erfrischungstee auf den Tisch kommt. Wenn Sie ihn durch ein feines Sieb abgießen, können Sie auch die haarigen Kernchen mitverwenden. Sie schmecken leicht vanilleartig. Zum Trocknen für Tee sollten Sie die Hagebutten dann einfach vierteln, damit sich das Aroma besser im Teewasser lösen kann. Ganze Hagebutten eignen sich nämlich kaum für den Teeaufguss, da sich die Aromen erst bei Zerkleinerung der harten Schalen freisetzen können. Deshalb benötigt der Tee sehr lange Ziehzeiten von mindestens 15 Minuten.

EIne Teemischung steht hinter einem Glas mit rotem Tee.

Hagebutten sind in vielen Teemischungen enthalten. Doch es lohnt sich, den „puren“ Hagenbuttentee zu probieren.

Süßes Hägemark (Hagebuttenmus)

Zutaten

500 g Hagebutten, 150 ml Wasser, 150 ml Apfelsaft, ½ TL Zimt, Apfelsaft oder Orangensaft, 1 EL Zitronensaft, 250 g Gelierzucker 2:1

Zubereitung

Damit sich die gesammelten Hagebutten besser weichkochen lassen, können Sie sie vor der Verarbeitung 48 Stunden im Gefrierschrank durchfrieren. Übergießen Sie die Hagebutten mit Wasser und Apfelsaft. Mit geschlossenem Deckel 30-40 Minuten langsam weich kochen. Dabei die weichen Hagebutten mit einem Stößel zerquetschen. Anschließend werden sie durch ein sehr feines Sieb oder ein Passiergerät gestrichen, damit die Kernchen und die kratzenden Härchen zurückbleiben. Das passierte Mus wird nun mit Orangensaft bzw. Apfelsaft und Zitronensaft auf 550 ml aufgefüllt. Gelierzucker dazugeben und 5 Minuten kochen lassen. In sterile Schraubgläser füllen und verschließen.

Heilen mit Hagebutten hat eine lange Tradition

Die Hagebutten gehören zu den Top-Wildfrüchten. Sie sind eine Vitaminbombe bezüglich der Vitamine A, C und E. Der durchschnittliche Vitamin C-Gehalt von 1030 mg/100g übertrifft den der Zitrone um das Zwanzigfache! Es wurden teilweise sogar Spitzenwerte von über 4000 mg/100g gemessen! Aufgrund des hohen Vitamingehaltes mobilisiert die Hagebutte die Abwehrkräfte und wird deshalb gerne zur präventiven und zur unterstützenden Behandlung bei Erkältungen genutzt. Erstaunlich ist auch der hohe Gehalt der wertvollen Mineralien Kalzium und Magnesium, die für Herz, Knochen und Muskeln unentbehrlich sind.

Außerdem enthält die Hagebutte weitere wertvolle Pflanzenstoffe, die nachweislich Schutz vor Krebs, Diabetes und Bluthochdruck bieten. Dazu gehört unter anderem das Carotinoid Lycopin, dem auch vorbeugende Effekte gegenüber Osteoporose und krankhaften Veränderungen der Netzhaut nachgesagt werden. Zudem hemmen die Früchte nachweislich Entzündungsprozesse, weshalb sie erfolgreich zur Behandlung von Gelenkbeschwerden und Arthrose eingesetzt werden. Außerdem hat man festgestellt, dass durch Hagebuttengenuss die Knorpelzellen geschützt werden. An der Heilwirkung sind vor allem die in den Fruchtschalen enthaltenen Galaktolipide und Triterpensäuren beteiligt.

©Rudi Beiser

In der Hagebutte lagern die als Nüsschen bezeichneten Samen. Sie werden für die meisten Verwendungen herausgelöst.

Zubereitung von Hagebuttentee für Heilzwecke

Für einen Tee nehmen Sie 1 EL Hagebuttenschalen auf eine große Tasse kaltes Wasser. Nun bringen Sie den Tee zum Kochen und lassen dann noch 15 Minuten ziehen. Ernten Sie die Früchte für Heilzwecke, wenn sie ausgereift, aber noch nicht weich sind. Das ist meist im Oktober der Fall. Die Früchte können für Tee als Ganzes getrocknet werden, aber das Ergebnis bezüglich Geschmack und Wirkung ist besser, wenn man die Fruchtschale knackt und die Samen (Nüsschen) entfernt (sieh oben). Anschließend werden die Hagebuttenschalen mit geeigneten Trockengeräten oder in der Nähe der Heizung getrocknet.

Auch Kneipp nutzte Hagebutten zu Heilzwecken

Der Kräuterpfarrer Kneipp empfahl Hagebuttentee bei Blasen- und Nierenleiden. Auch die Hagebuttenkerne (Kernles-Tee) gelten in der Volksmedizin als harntreibend und Stoffwechsel anregend. Die Samenkerne können Sie nach dem Herauspulen waschen, um die Haare zu entfernen und anschließend trocknen. Der harntreibende Kernles-Tee, der ein leichtes Vanillearoma besitzt, sollte eine halbe Stunde köcheln (1 TL auf eine Tasse). Das vor allem in den Kernen sitzende Flavonoid Tilirosid gilt als „Fatburner“. Aus den Kernen kann auch ein wertvolles Öl gepresst werden, das die Haut regeneriert und auch bei Neurodermitis Linderung bringen kann.

Zentrales Element in alten Überlieferungen oder was Rosen mit Windeln zu tun haben

Um Rosen ranken sich in allen Kulturen der Welt sehr viele Mythen, Sagen und Überlieferungen ranken. Sehr häufig ging es darum, wie die ursprünglich weißen Rosen rot wurden. Beliebt war im Mittelalter folgende Erzählung: Als Maria die frisch gewaschenen Windeln von Jesus an einem Strauch mit weißen Rosen zum Trocknen aufhängte, sind diese rot geworden. Diese Windel-Geschichte wird sehr vielfältig überliefert: in manchen Varianten entstanden die Rosenblüten an einem dürren Strauch erst durch die aufgehängten Windeln, in anderen Versionen bekamen die Blüten durch die Windeln ihren betörenden Duft. Darüber können sich wickelnde Eltern vermutlich nur staunend wundern. Daher stammt übrigens auch der alte Name für die Hundsrose „Heilandsschmecke“.

Interessanterweise ist überliefert, dass die heilige Familie immer freitags Waschtag hatte, der Tag der germanischen Göttin Freya. Deshalb muss auch jeden Freitag zumindest für einen Augenblick lang die Sonne scheinen, damit die Windeln trocknen können. Ursprünglich stand die heimische Wildrose in enger Verbindung zur Göttin Freya. Maria wurde nach der Christianisierung zur „Nachfolgerin“ der germanischen Göttin.

Ähnliche Legenden gibt es auch aus heidnischer Zeit: So glaubte man, selbst wenn es die ganze Woche geregnet hatte, dass es am Sonntag schön werden müsse, denn „Frau Holle muss zum Sonntag ihren Schleier trocknen“. Sie hängte ihn dazu auf Rosenbüsche und nur darum blühen die Rosen so schön! Frau Holle meint übrigens die Unterweltsgöttin Holla oder Hel.

 

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Bildquellen

  • hagebutten-entkernen: ©Rudi Beiser
  • kerngehaeuse-der-hagebutte: ©Rudi Beiser
  • hagebutten-am-strauch: ©Rudi Beiser

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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