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Die Wilde Möhre – ein Vorfahre der Gartenmöhre

Weiße breite Blüten am Wegesrand

Wer kennt sie nicht, die Möhre oder Karotte? Die orangerot gefärbte Wurzel gehört zu den bekanntesten Gemüsearten. Botanisch korrekt handelt es sich dabei um die Gartenmöhre (Daucus carota ssp. sativa). Wesentlich weniger bekannt ist die Wilde Möhre (Daucus carota ssp. carota), die uns sehr häufig an Wegrändern begegnet. Deshalb wollen wir sie nachfolgend etwas näher kennenlernen.

Wilde-Möhre: Ein Elternteil der bekannten Gartenmöhre

Die weißwurzelige Wilde Möhre ist ein Elternteil der Gartenmöhre. Über das andere Elternteil sind sich auch die Botaniker nicht einig. Vermutlich entwickelte sich die Gartenmöhre schon vor vielen Jahrhunderten in mehreren Mutationsschritten. Beteiligt an den Kreuzungen waren mit Sicherheit die südeuropäische Riesenmöhre (Daucus carotta ssp. maximus) und auch die orientalische Schwarzmöhre (Daucus carota ssp. afghanicus), die sich durch eine purpurfarbene Wurzel auszeichnet. Im 14. Jahrhundert waren die meisten Möhrensorten weiß, violett und vor allem gelblich. Deshalb nannte man die Gartenmöhre auch „Gelbe Rübe“. Aber es gab im Mittelalter auch schon erste orangene Sorten. Dass die Möhre das „genetische Handwerkszeug“ für verschiedene Farben in sich trägt, kann man inzwischen wieder an einigen alten Sorten bewundern, die beispielsweise dunkelviolett oder weiß gefärbt sind. Besonders die violetten Sorten zeichnen sich durch einen hohen Gehalt an antioxidativen Carotinoiden und zellschützenden Anthocyanen aus.

So erkennen Sie die Wilde Möhre

Die Wilde Möhre gehört zur Familie der Doldenblütengewächse. Sie liebt kalkhaltige Böden und wächst gerne auf trockenen Wiesen sowie an Weg- und Straßenrändern. Im Gegensatz zur Gartenmöhre besitzt sie eine gelblich-weiße fingerdicke Wurzel. Wenn man sie anschneidet, verströmt sie den unverkennbaren Möhrenduft. Die Wilde Möhre gehört zu den sogenannten zweijährigen Pflanzen. Diese bilden im ersten Jahr ihres Lebens eine Blattrosette und entwickeln erst im zweiten Jahr eine Blüte. Die Wurzel beginnt zu verholzen, sobald sich im 2. Standjahr der Blütenspross bildet. Deshalb kann man die Wilde Möhre nur solange für Nahrungszwecke nutzen, bis der Blütenstängel erscheint.

Verwechslungen der Wilden Möhre mit Giftpflanzen ausschließen!

Da es zwei giftige Doldenblütler gibt, die der Möhre ähnlich sehen, sollten wir uns die unverwechselbaren Besonderheiten der Wilden Möhre einprägen:

Vor allem während der Blüte, die ab Juli beginnt, kann die Wilde Möhre anhand einiger typischer Merkmale gut von ähnlichen weißblühenden Doldenblütlern unterschieden werden: Im Zentrum der großen Blütendolde befindet sich meist eine dunkelrote, fast schwarze Blüte, die sogenannte „Mohrenblüte“. Die einzigartige Blüte wurde von unseren Vorfahren wegen der fast schwarzen Farbe mit einem „Mohren“ verglichen. Daher stammt der Name „Mohrrübe“.

Die weiße Blüte wird in der Mitte mit einer kleinen dunklen Blüte durchbrochen. © Rudi Beiser

Typisch Möhre ist die sogenannte Mohrenblüte in der Mitte der Dolde.

Außerdem kann man direkt unter der Dolde ungewöhnlich lange, dreiteilig gefiederte Hüllblätter entdecken. Alle giftigen Verwechslungspflanzen haben keine oder nur ganz kleine Hüllblätter. Das dritte Unterscheidungsmerkmal ist der vogelnestartige Fruchtstand, der sich nach der Blüte entwickelt.

Etwas schwieriger wird die Unterscheidung anhand der Blätter: Vor der Blüte zeigt sich die Möhre als bodenständige Rosette, mit mehrfach gefiederten Blättern. Dieses Rosetten-Stadium ist enorm wichtig für die Ernte der Wurzeln und jungen Blätter, denn später während der Blüte, sind diese ungenießbar.

Typisch Möhre ist, dass die Blätter deutlich behaart sind. Beim Zerreiben riechen sie möhrenartig. Noch stärker und deutlicher riecht die weißliche Wurzel, wenn man sie anschneidet. Auch der gefurchte Blütenstängel der Möhre ist borstig steif behaart. All diese Merkmale besitzen die giftigen „Verwechsler“ nicht: Sie haben nämlich kahle Blätter und kahle Blütenstängel. Außerdem besitzen sie keinen angenehmen Geruch. Die Verwechslungspflanzen der Möhre, sowohl die essbaren als auch die giftigen, sind in der untenstehenden Tabelle zusammengefasst.

© Rudi Beiser

Wichitges Erkennungsmerkmal: Blattfiedern und Blattstiel der Möhre sind deutlich behaart.

Die beiden sehr giftigen „Verwechsler“, die man kennen sollte, sind der Gefleckte Schierling (Conium maculatum) und die Hundspetersilie (Aethusa cynapium). Im Gegensatz zur Möhre haben sie rot überlaufene Stängel und sie besitzen nicht die charakteristischen Möhren-Merkmale: Deutliche Blattbehaarung, möhrenartiger Geruch, Mohrenblüte, lang gefiederte Hüllblätter und kugeliger Fruchtstand. Die Möhre sollten Sie nur sammeln, wenn Sie Verwechslungen sicher ausschließen können!

Die zarten Blütenstängel bilden eine Kugel © Rudi Beiser

Wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Der Fruchtstand der Wilden Möhre verformt sich nestartig.

Wilde Möhre auf dem Speiseplan: Seit der Steinzeit gern gegessen

Funde bei jungsteinzeitlichen Pfahlbauten weisen darauf hin, dass die Wilde Möhre schon seit Urzeiten als Nahrungsmittel genutzt wird. Das deutet darauf hin, dass sich auch die Wildform für die Küche eignet. Die Wurzel ist aber insgesamt herber und auch lange nicht so zart wie die süße Gartenmöhre. Man nutzt sie am besten als Gemüsebeigabe oder würzige Suppeneinlage. Sie ist weißlich, weil sie weniger Carotinoide enthält und sie ist wesentlich dünner und zäher als die Gartenmöhre.

Ganz wichtig für Genusszwecke: Sie muss im Herbst des 1. Jahres oder im zeitigen Frühjahr des 2.Jahres gesammelt werden, nur dann ist sie genießbar. Sobald sich der Blütenstängel aus der Rosette erhebt, werden die Wurzeln holzig. Die beste Sammelzeit ist das zeitige Frühjahr, von März bis Anfang Mai. Die Wurzel enthält sehr viel Vitamin B und Provitamin A. Die Wurzel eignet sich außerdem, ähnlich wie Wegwarte und Löwenzahn, zur Herstellung eines Kaffee-Ersatzes. Dazu wird sie kleingeschnitten und ohne Fett geröstet.

Auf dem Tisch liegen natürlich gewachsene weiße Wurzeln. © Rudi Beiser

Die dünne weiße Wurzel eignet sich gut für Suppen – siehe Rezept unten.

Die jungen möhrenartig duftenden Blätter nimmt man als petersilieartige Würze für Salate, Gemüsegerichte und Suppen. Es lässt sich daraus auch wunderbar Pesto oder ein Grüner Smoothie herstellen. Am besten schmecken sie im April und Mai, denn dann sind sie noch ganz zart. Später werden sie immer strenger und herber im Geschmack.

Die getrockneten Früchte eignen sich als Gewürz für Gebäck, Likör, Gemüse und Suppen. Sie schmecken im ersten Moment sehr streng, entwickeln dann aber einen feinfruchtigen Duft. Deshalb eignen sie sich auch gut zum Würzen von süßen Gerichten wie Obstsalat oder Quark- und Joghurtspeisen.

Die Wilde Möhre in der mittelalterlichen Volksmedizin

Die mittelalterlichen Kräuterbuchautoren nutzten die Wilde Möhre sehr vielseitig: So galt die Wurzel in Milch oder Met gekocht als Mittel gegen Husten, Seitenstechen, Schluckauf, Leberbeschwerden und als appetitanregender Trank („bringt Lust zur Speis“). Dem harntreibenden Samen in Wein gekocht schrieb man zu, dass er Nieren- und Blasensteine heraustrieb, Gebärmutterschmerzen linderte sowie die Menstruation in Gang brachte. Die Blätter wurden äußerlich bei Augenentzündungen, Insektenstichen, Magenkrämpfen und zur Wundbehandlung aufgelegt. Vor allem im Bereich der Luststeigerung traute man der Möhre einiges zu: „reizt zu den ehelichen Werken“, „bringt große Begierde zur Unkeuschheit“, „ist den unvermögenden Männern eine heilsame Arznei“, „fördert bei den unfruchtbaren Weibern die Empfängnis“. Möglicherweise spielte hier auch die Form der Wurzel als Phallusanalogie eine Rolle. Aus der neueren Volksmedizin kommt folgender Tipp: Den frischen rohen Wurzelbrei strich man äußerlich auf Hautentzündungen, Verbrennungen und Sonnenbrand.

Die knubbeligen, haarigen Fruchtstände in der Nahaufnahme © Rudi Beiser

Die behaarten Samenfrüchte wirken stark harntreibend.

Neuere Forschung entdeckt überraschende Inhaltsstoffe in der Wilden Möhre

Die Wilde Möhre hat es aus Sicht des Genusses ziemlich schwer, um neben der zarten, süßen Gartenmöhre zu bestehen. Aber bezüglich der Heilwirkung betonten schon die mittelalterliche Heilkundigen, dass die „wilden“ kräftiger wirken als die „zahmen“. Obwohl es die Wurzel durch ihre Weißfärbung nicht vermuten lässt, finden sich auch bei der Wildmöhre beachtlichen Mengen verschiedener Carotinoide. Beta-Carotin wird im Körper zum Vitamin A umgewandelt. Dieses Vitamin ist wichtig für die Haut und das Sehvermögen, vor allem bei Dunkelheit. Die Carotinoide besitzen außerdem ein hohes antioxidatives Potential und schützen vor hohen Blutzuckerwerten.

Die Aufmerksamkeit der Wissenschaft richtet sich seit einiger Zeit auf die Wirkstoffgruppe der Polyacetylene. Sie wirken nachweislich stark antikanzerogen, antibakteriell und auch fungizid (gegen Pilze). Forscher der Universität von Newcastle in England konnten die tumorhemmende Wirkung der Karotte dem darin enthaltenen Polyacetylen Falcarinol zuordnen. Der Polyacetylengehalt der Wilden Möhre ist deutlich höher als bei Gartenmöhren, was sich im leicht bitteren Geschmack offenbart. Falcarinol ist in großen Mengen giftig, was bei den üblichen Verzehrmengen allerdings kein Problem ist.

Der Wilden Möhre wird auch ein positiver Effekt auf die Regulation des Blutzuckers nachgesagt. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen bei Diabetes ein Tee aus den Blüten getrunken wurde.

In der Chinesischen Medizin nutzt man die Möhrenfrüchte bei Nieren- und Blasenerkrankungen sowie bei Ödemen. Die Früchte (Samen) der Wilden Möhre enthalten viel ätherisches Öl und zahlreiche ungesättigte Fettsäuren. Außerdem wurden aus den Früchten verschiedene Stoffe analysiert, die schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung besitzen und fast ebenso stark wirken wie typische Schmerzmittel (Aspirin, Ibuprofen). Einer dieser Stoffe ist beispielsweise das Phenylpropanoid Alpha-Asaron. Die Früchte wirken zudem antimikrobiell, krampflösend und harntreibend.

Selbst gemachte Möhrenmedizin

Nutzen Sie, wenn möglich, regelmäßig junges Möhrenkraut und die einjährigen Wurzeln der Wilden Möhre als Gewürz und Beilage in der Frühjahrsküche. Das ist ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur präventiven Gesunderhaltung. Auch die orangefarbene Gartenmöhre gehört unbedingt auf den Speiseplan, denn sie gilt eines der wichtigsten Lebensmittel mit krebspräventiver Wirkung.

Nahaufnahme der feingliedrigen Blätter © Rudi Beiser

Die jungen Blätter eignen sich als Gewürz für Salate und Suppen.

Für die Verwendung als Tee kommen hauptsächlich die Früchte in Frage. Man erntet sie im Spätsommer, wenn sie etwas abgereift sind. Sie dürfen also durchaus noch einen Hauch von Grün besitzen. Schneiden Sie die ganzen Dolden und trocknen Sie diese an einem warmen schattigen Ort. Später können die Früchte abgerebelt werden.

Die Früchte sollten Sie vor dem Aufbrühen im Mörser kurz anstoßen. Davon 1 TL (leicht gehäuft) mit 250 ml Wasser aufgießen und 8-10 Minuten ziehen lassen. Der stark harntreibende Früchtetee hat einen kräftigen etwas bitteren Geschmack. Man nutzt ihn vor allem bei Blasen- und Harnwegsinfekten. Wegen der menstruationsfördernden Wirkung sollten Tees und Tinkturen aus den Früchten während der Schwangerschaft nicht zur Anwendung kommen.

Rezept für Wurzelsuppe mit Wilden Möhren

Zutaten

  • 250 g Wilde Möhren
  • 250 Pastinaken
  • 150 Garten-Möhren
  • 100 g Kartoffeln
  • 3 EL Öl oder Butter
  • 1 Liter Gemüsebrühe
  • 100 g Crème fraîche
  • Kräutersalz
  • Pfeffer
  • falls verfügbar: fein geschnittene junge Möhrenblätter

Zubereitung

Die Wurzeln säubern, schälen und in kleine Stücke schneiden. In Fett kurz andünsten und mit der Brühe aufgießen. Nun kleingeschnittene Kartoffeln zugeben. Bei schwacher Hitze 20-30 Min. köcheln lassen und gelegentlich umrühren. Suppe pürieren und Crème fraîche unterrühren. Mit Kräutersalz, Pfeffer und Möhrengrün abschmecken. Nach Belieben mit Weißbrot-Croutons servieren.

 

Wilde Möhre und mögliche Verwechsler aus der Familie der Doldenblütler

Pflanzen/ Merkmale

Geruch

Stängel

Blüte/

Hülle/Hüllchen

Blatt-fiederung

Blatt-Behaarung

Wilde Möhre

essbar

 

möhrenartig

gefurcht, rauh behaart

Randblüten etwas vergrößert, große fiederspaltige Hüllblätter, zahlreiche Hüllchen

2- bis 3-fach

deutlich behaart

Hecken-Kälberkropf

schwach giftig

schwach möhrenartig

violett gefleckt, borstig behaart

Randblüten etwas vergrößert, Hülle fehlt, 5–8 lanzettliche Hüllchen

2- bis 3-fach

rau behaart

Hunds-petersilie

giftig

unangenehm, etwas lauchartig

unten rötlich überlaufen, unbehaart

Randblüten etwas vergrößert, Hülle fehlt meist, 3–5 Hüllchen lang und schmal, nach außen gerichtet, herabhängend

2- bis 3-fach

kahl

Schierling

sehr giftig

äußerst widerlich

(Mäuseurin)

runder Stängel, Violett gefleckt, mit Reif überzogen, kahl

Randblüten nicht vergrößert, 2–6 kleine zurückgeschlagene Hüllblätter und 3–6 nach außen gerichtete dreieckige Hüllchen

2- bis 3-fach

kahl

Wiesen-Kümmel

essbar

möhrenartig

gerillt

Randblüten nicht vergrößert, Hülle und Hüllchen fehlen

2- bis 3-fach

kahl

Wiesen-Kerbel

essbar

schwach möhrenartig

deutlich kantig gefurcht, manchmal unten rötlich überlaufen, kurzhaarig

Randblüten vergrößert, Hülle fehlt, 4–8 Hüllchen

2- bis 3-fach

fast kahl

 

Das Schaubild in grün und rot © Rudi Beiser

Die Grafik soll helfen, Fachbegriffe in der Tabelle wie Hülle und Hüllchen besser zu verstehen.

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Bildquellen

  • wilde-moehre-mohrenbluete: © Rudi Beiser
  • behaarte-staengel: © Rudi Beiser
  • kugeliger-fruchtstand-der-wilden-moehre: © Rudi Beiser
  • wurzel-der-wilden-moehre: © Rudi Beiser
  • samenfruechte-der-wilden-moehre: © Rudi Beiser
  • junges-moehrenkraut: © Rudi Beiser
  • doldenbluetler: © Rudi Beiser
  • wilde-moehre: © Rudi Beiser

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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