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Der Weißdorn – Insektenfutter, Herzmedizin und Leckerei zugleich

Ein reich blühender Weißdorn in Nahaufnahme.

Angesichts des vieldiskutierten Insektensterbens soll nun eine Pflanze vorgestellt werden, die zahlreichen Insekten Nahrung bietet. Aber nicht nur für die Tierwelt ist der dornige Strauch interessant, er hält auch einige mytholigische, medizinische und kulinarische Überraschungen bereit.

Die zwei Arten des Weißdorns in Deutschland bestimmen

Der Weißdorn gehört zur großen Familie der Rosengewächse. Bei uns in Deutschland sind hauptsächlich zwei Arten verbreitet: der Eingriffelige Weißdorn (Crataegus monogyna) und der Zweigriffelige Weißdorn (Crataegus laeviagata). Die Unterscheidung der Weißdorne ist einfach, wenn man genau hinschaut: Die Blüte des Eingriffeligen Weißdorns besitzt einen Griffel, während in der Blüte des Zweigriffeligen Weißdorns zwei Griffel sitzen. Dementsprechend unterscheiden sich auch deren Früchte mit 1 Kern beziehungsweise 2 Kernen. Der Eingriffelige Weißdorn beginnt 14 Tage später zu blühen. Außerdem sind seine 3–5-lappigen Blätter deutlich tiefer eingebuchtet. Wenn man die Unterschiede nicht kennt, ist es auch kein Problem, denn beide Arten sind nutzbar!

© Rudi Beiser

Der Eingriffelige Weißdorn ist leicht zu erkennen an den tief eingeschnittenen Blättern.

Weißdorn sorgt für ein wahres Blütenmeer im Mai

Die Weißdorne entwickeln sich zu dichten Sträuchern. Sie können 4–8 m hoch werden und ein erstaunlich hohes Alter von bis zu 500 Jahren erreichen. In der Regel werden sie etwa 150 Jahre alt. Der spitzdornige Strauch blüht von Mai bis Juni. Dann sind die Äste mit den doldenartig beisammenstehenden weißen Blütchen überhäuft. Ein prachtvoller Anblick! Der starke Blütenduft ist allerdings für uns Menschen eher unangenehm, lockt aber unzählige Insekten zur Bestäubung an. Der fischartige Geruch wird durch den Stoff Trimethylamin hervorgerufen, der auch im Vaginalsekret der Frau und im Ejakulat des Mannes vorkommt. Der aufdringliche Geruch geht glücklicherweise beim Trocknen weitgehend verloren, weshalb Weißdorntee gut zu trinken ist. Ab September bilden sich die kugeligen leuchtendroten Apfelfrüchte. Das Fruchtfleisch ist sehr mehlig, weshalb man den Weißdorn früher „Mehldorn“ oder „Mehlbeere“ nannte.

Das Insektenparadies: Futterquelle Weißdorn

Der Weißdorn hat eine große ökologische Bedeutung für die Tierwelt. Er ist Lebensraum und Nahrungsspender für eine Vielzahl von Insekten und Singvögeln. Fast 170 Insektenarten ernähren sich vom Weißdorn und werden wiederum von den Heckenvögeln verspeist. 56 Schmetterlingsarten finden hier Nektar und deren Raupen nahrhafte Blätter. Als Hecke gepflanzt ist der dornige Strauch ein optimaler Nistplatz für zahlreiche Vogelarten, wie Dorngrasmücke, Drossel oder Neuntöter. Seine Früchte und die vielen Insekten sind für die Vogelwelt ein wichtiges Nahrungselement. 32 Vogelarten tragen auf diese Weise zur Verbreitung des Weißdorns bei. Die Samen sind erst entwicklungsfähig, wenn sie den Vogeldarm passiert haben!

Ein Hummel labt sich an den weißen Blüten. © CC0 / pajala

Wo viele Insekten wie diese Hummel Nahrung finden, freut sich auch die Vogelwelt.

Weißdorn im Garten pflanzen – das sollten Sie beachten

Wenn Sie Platz im Garten haben, sollten Sie sich unbedingt eine der zwei Weißdornarten anpflanzen. Der Zweigriffelige Weißdorn ist sehr anspruchslos. Er wächst auf fast jedem Boden und verträgt sowohl trockene als auch feuchte Standorte, wie auch sonnige und halbschattige Plätze. Der Eingriffelige Weißdorn steht am liebsten in der Sonne und bevorzugt kalkhaltige und eher trockene Böden. Weißdorn hat ein gutes Ausschlagvermögen und verträgt einen kompletten Rückschnitt. Weißdornhecken weisen allerdings auch Nachteile auf: Sie sind Wirtspflanze für den Erreger des Triebsterbens bei Birnenbäumen und für den gefährlichen Feuerbrand! Diese bakterielle Erkrankung befällt vor allem Kernobstgewächse.

Der Feenbaum: Weißdorn in Sagen und Brauchtum der Kelten

Der Weißdorn spielt im englischen und im französischen Volksglauben eine große Rolle, denn in diesen Ländern hat sich die keltische Kultur besonders nachhaltig in das Brauchtum eingeprägt. In keltischen Volkssagen wird er immer mit Feen oder Elfen in Verbindung gebracht. Der Weißdorn galt als Sitz der guten Feen. Aus diesem Grund wurden Kinderbetten aus dem Holz des Weißdorns gebaut, um die bösen Feen fernzuhalten. Man traute ihnen zu, Kinder zu stehlen.

Wie wichtig der Baum den Feen gewesen sein mag, erfährt man in Geschichten, in denen ins Feenreich verschleppte Menschen dadurch freigepresst wurden, dass man den Feen drohte ihre Weißdornbüsche niederzubrennen. Es gab nämlich in Irland den Glauben, wer am 1. Mai unter einem Weißdornbaum sitzt, der läuft Gefahr ins unterirdische Feenreich entführt zu werden. Außerdem glaubte man, wer einen Weißdorn fällt, wird von den Feen dadurch gestraft, dass er seinen ganzen Besitz verliert. Wohlwollend waren die Feen gegenüber Menschen, die ihre Wohnorte achteten. Deshalb opferte man an alten Weißdornsträuchern und heftete Wunschzettel an, die Liebe und Glück bringen sollten.

Jahrtausendealter Mythos: Krankheiten auf den Weißdorn übertragen und so loswerden

Bei den Hethitern, einem indoeuropäischen Volk, das im heutigen Anatolien siedelte, findet man die älteste schriftliche Überlieferung über den Weißdorn. Es ist eine Beschwörung aus dem Jahre 1500 v.Chr.: „Du bist der Weißdorn. Im Frühling kleidest du dich weiß. Zur Zeit der Ernte aber kleidest du dich blutrot. Das Rind zieht unter dir dahin und du rupfst ihm das Stirnhaar aus. Auch dem Schaf, das unter dir hinweggeht, rupfst du die Wolle. … So rupfe auch von Telipinu, der durch dein Tor hindurchgeht, Böses, Unreines und den Zorn weg.“ Diese Beschwörung begleitete ein magisches Ritual, das in ähnlicher Form bis ins 18. Jahrhundert auch bei uns in Mitteleuropa ausgeübt wurde: Nämlich die Übertragung von Krankheiten auf Bäume oder Sträucher, wobei man die Krankheit oder den Krankheitsdämon beim Durchkriechen abstreifte. Vor allem an dornigen Pflanzen konnten Krankheiten und Sorgen gut hängenbleiben.

Auch im christlichen Mittelalter nutzte die magische Krankheitsübertragung. Aus den biegsamen Weißdornzweigen wurden beispielsweise Kränze geformt, durch die der Kranke hindurchkriechen musste. Auf den Weißdorn übertrug man häufig Zahnschmerzen. Dazu wurde ein spitzes Hölzchen, mit dem man den schmerzenden Zahn gestochert hatte, bis er blutete, in einen Weißdorn „verspundet“. Das funktionierte am besten bei abnehmendem Mond. Ein anderes Übertragungsritual funktionierte folgendermaßen: Warzen bestrich man mit einer roten Waldschnecke und steckte diese dann auf einen Weißdorn. Sobald die aufgespießte Schnecke starb, sollten die Warzen verschwinden.

Ein Zweig mit Dornen in der Nahaufnahme. © Rudi Beiser

Auf die langen Dornen spießte man aus Aberglauben Schnecken auf, um Warzen zu behandeln. Zum Glück ist diese Praxis von gestern. Heute finden vor allem Vögel in den stark bedornten Zweigen gut geschützte Nistplätze.

Die Geschichte von Weißdorn als Heilmittel

Der griechische Arzt Dioskurides erwähnte den Weißdorn als Heilpflanze im 1. Jahrhundert nach Christus. Er beschrieb die Wirkung der Früchte bei Durchfall und die Nutzung der Wurzel um Splitter oder Dornen aus der Haut zu ziehen. Der Römer Plinius (23-79) beschrieb die Nutzung der Früchte bei Schlangenbissen und Skorpionstichen.

Hildegard von Bingen (1098-1179) schrieb, dass weder Saft noch Frucht zu Heilmitteln zu gebrauchen sei. Auch im späteren Mittelalter tauchen nur selten schriftliche Angaben zum Weißdorn auf. Der italienische Pflanzenkundler Petrus de Crescentiis (1233-1321) empfahl 1305 die Blüten gegen Gicht. Hieronymus Bock (1498-1554) beschrieb die Weißdornfrüchte als Mittel gegen Durchfall und als hilfreich gegen den „Fluss der Frauen“. Insgesamt war der Weißdorn in der mittelalterlichen Medizin aber wenig gebräuchlich, mit Ausnahme der magischen Medizin (siehe oben).

Auffallend ist, dass die heutige Hauptnutzung im Bereich des Herzens von unseren Vorfahren nicht beschrieben wurde. Die spezifische Herzwirkung entdeckte der irische Arzt Thomas Green erst um 1850. Er nutzte für seine Experimente eine Tinktur aus den Früchten und hatte große Erfolge bei verschiedenen, nicht näher beschriebenen „Herzleiden“. Zeitgleich untersuchten die Amerikaner Jennings und Clement die Effekte des Weißdorns bei Angina Pectoris (Herzenge) und veröffentlichten 1896 ihre Erkenntnisse. Erst seit diesem Zeitpunkt gilt Weißdorn als wirksames Herztherapeutikum. Warum diese wichtige Indikation des Weißdorns nicht früher entdeckt wurde, ist ein medizinhistorisches Rätsel. Normalerweise sind solche Wirkungen unseren Vorfahren nicht entgangen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Herzprobleme vor der Industriellen Revolution keine große Rolle spielten.

Weißdornmedizin: Hilfreich rund ums Herz

Der Weißdorn ist in der modernen Phytomedizin das wichtigste Herzmittel. Vor allem das sogenannte „schwache Altersherz“ wird gestärkt und gestützt. Die vielfältigen Herz-Kreislaufwirkungen sind durch zahlreiche Studien bestens untersucht und belegt: Weißdornmedizin steigert die Durchblutung der Herzkranzgefäße, verbessert die Sauerstoffversorgung des Herzmuskels, stärkt die Leistungsfähigkeit des Herzens, senkt den Blutdruck, ist hilfreich bei Herzrhythmusstörungen, beugt der Verkalkung der Herzkranzgefäße vor, schützt das Herz als Radikalfänger und last not least beruhigt der Weißdorn das nervöses Herz und schützt vor Stress.

Für die gute Wirkung werden vor allem die zahlreichen Flavonoide und Procyanidine verantwortlich gemacht, die sich in Blüten und Blättern befinden. Deshalb werden für medizinische Zwecke im Mai die blühenden Zweigspitzen mit Blättern geerntet und verarbeitet. Die im August reifenden Früchte werden in der Volksmedizin ebenfalls verwendet. Sie enthalten weniger Wirkstoffe als Blätter und Blüten.

© Rudi Beiser

Die mehligen Weißdornbeeren schmecken roh gegessen ziemlich fad

Darreichungsformen von Weißdornpräparaten

Weißdorn wird in der Regel als standardisiertes Fertigpräparat genutzt, aber Sie können daraus auch selbst einen Tee oder eine Tinktur herstellen. Für den Tee werden 1-2 TL mit einer Tasse heißem Wasser übergossen und 10 Minuten ziehen gelassen. Sie können aus der frischen Pflanze auch eine wunderbare Tinktur herstellen (siehe Rezept). Weißdorn ist sehr gut verträglich und eignet sich für den Dauergebrauch, seine Wirkung wird bei kurmäßiger Einnahme über mehrere Wochen sogar besser. Deshalb sollte man die Weißdornmedizin mindestens 6 Wochen lang einnehmen. Außerdem verträgt sich Weißdorn mit jeglichen Medikamenten, so dass Sie keine Angst vor Wechsel- und Nebenwirkungen haben müssen. Alle beiden heimischen Weißdornarten eignen sich für medizinische Zwecke.

Weißdorn-Herz-Tinktur

Zutaten

  • 25 g frische Weißdornblüten und -blätter
  • 15 g frische Melissenblätter
  • 120 ml Korn oder Wodka

So geht’s

  1. Geben Sie alle Zutaten in einen Mörser oder Mixer und verarbeiten Sie es zu einem dünnflüssigen Brei. Dieser wird in einem verschließbaren Gefäß 10 Tage ausgezogen.
  2. Dann filtern Sie das Ganze durch ein sehr feines Sieb und füllen es in Tropffläschchen. Davon nehmen Sie dreimal täglich 20 Tropfen zur Stärkung von Herz und Nerven.

Weißdorn für die Küche – Leckeres zum Ausprobieren

Im April entfalten sich die Weißdornblätter. Wenn sie noch ganz jung und zart sind, schmecken sie angenehm mild und eignen sich somit als Zutat für Salate. Ältere Blätter schmecken unangenehm herb. Im August und September reifen dann die leuchtendroten Früchte. Ihr Vitamin C-Gehalt ist mit dem der Zitrone vergleichbar. Die kleinen Äpfelchen versprechen allerdings optisch mehr, als sie kulinarisch letztendlich halten können: Sie sind kaum süß und schmecken roh gegessen ziemlich fad und mehlig. Wenn man sie aber zusammen mit süßen Äpfeln, Birnen, Pflaumen oder Brombeeren zu Mus, Marmelade, Gelee oder Sirup verarbeitet, schmecken sie sehr gut. In Notzeiten nahm man die getrockneten und gemahlenen Früchte als Mehlersatz.

Weißdorn-Apfelmus

Zutaten

  • 800 g Äpfel
  • 400 g Weißdornfrüchte
  • 75 ml Apfelsaft
  • 1/2 TL Zimt
  • Honig

So geht’s

  1. Weißdornfrüchte und kleingeschnittene Äpfel im Apfelsaft 15 Minuten weichkochen.
  2. Die zerfallene Fruchtmasse durch ein Sieb passieren und mit Zimt abschmecken. Nach Bedarf mit Honig süßen.
    Das Mus kann pur als Dessert verwendet werden oder man reicht es zu Waffeln. Es kann auch in einen Muffin- oder Rührkuchenteig eingearbeitet werden.

Weißdorn-Likör

Zutaten

  • 300 g Weißdornfrüchte
  • 100 g frische Blätter der Zitronenverbene (ersatzweise Melisse)
  • 1 Liter Korn
  • 1 Vanilleschote
    Für die Zuckerlösung:
  • 200 g Zucker
  • 150 ml Wasser

So geht’s

  1. Weißdornbeeren über Nacht in die Gefriertruhe legen.
  2. Mit kleingeschnittener Verbene und zerkleinerter Vanille in ein Schraubglas geben und drei Wochen ziehen lassen.
  3. Nach dem Abfiltern wird noch eine Zuckerlösung zugefügt. Dazu Zucker und Wasser 10 Minuten köcheln und dann abkühlen lassen. Den Likör in kleine Flaschen füllen und vor dem Genuss noch 3 Wochen reifen lassen.  
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Bildquellen

  • blaetter-des-eingriffligen-weißdorns: © Rudi Beiser
  • weissdorn-mit-hummel: © CC0 / pajala
  • dornen-des-weissdorns: © Rudi Beiser
  • fruechte-des-weissdorns: © Rudi Beiser
  • weißdorn-blueten: ©CC0 / JacLou

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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