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Materialkunde Leinen: Herkunft, Anbau und Einsatz der Naturfaser

Leinen ist als Stoffmuster in verschiedenen Farben ausgebreitet.

Seit mindestens 6.000 Jahren stellt man aus der Flachspflanze Leinen her. Leinen ist ein natürliches und robustes Material, das sich seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit erfreut. Linum usitatissimum, der lateinische Name, bedeutet so viel wie „der äußerst nützliche Lein“. Tatsächlich ist die Leinpflanze ein ökologisches Multitalent, das man für die Produktion hochwertiger Kleidung ebenso wie von Küchen- und Wohntextilien einsetzt. Sogar in Artikeln für die Möbel- und Autoindustrie verwendet man das Material.

Als Leinen bezeichnet man sowohl die Faser des Gemeinen Leins als auch das Leinengewebe, das daraus hergestellt wird. Leinen ist eine Naturfaser mit besonderen Eigenschaften: luftig und leicht, robust und schmutzabweisend. An seinem leicht glänzenden Schimmer und seiner speziellen Struktur erkennt man Leinen sofort. Je nach Verarbeitung fühlen sich Leinenstoffe wunderbar weich an oder kräftig und fest. Der natürliche Knittereffekt, der durch die geringe Elastizität der Faser entsteht, ist typisch für Leinen. Er macht den Naturstoff unverwechselbar. Für viele ist er ein Qualitätsmerkmal und ein Zeichen des eigenen Charakters von Leinen.

Bis aus dem Flachs die edle Flachsfaser gewonnen wird, durchläuft er eine Reihe aufwändiger Produktionsschritte, was den höheren Preis erklärt.

Schritt für Schritt: Vom Flachs zum Leinen

Die Flachspflanze fühlt sich in Gebieten mit maritimem Klima am wohlsten, bei gemäßigten Temperaturen und einem stetigen Wechsel von Sonne und Regen. Die weltweit besten Flachserträge kommen aus Nordfrankreich, Belgien, den Niederlanden und auch Norddeutschland. Die größten Anbaugebiete sind China, Frankreich und Belgien. Die Weiterverarbeitung des Flachses erfolgt allerdings oft in Ungarn, Österreich, Norditalien oder Tschechien.

Nur wenige Tage blüht sie im Frühsommer auf den Feldern, die himmelblaue, zarte Flachspflanze. Aus den getrockneten langen Stängeln des gemeinen Leins entsteht das Leinen. Nach der Aussaat im Frühjahr dauert es mindestens 100 Tage, bis der Flachs mit circa einem Meter die richtige Höhe erreicht hat. Sobald sich die Samenkapseln gelb färben, zieht man die Pflanzen mit den Wurzeln aus dem Boden. Sie werden für einige Tage in Reihen auf den Feldern gelagert. Jetzt übernimmt die Natur: Feuchtigkeit und Wärme setzen einen Verrottungsprozess in Gang, nach dem die holzigen Teile von den Leine entfernt werden können. Ein nachhaltiger Prozess übrigens, denn ein Teil der Nährstoffe gelangt so in den Boden zurück.

Die Flachspflanze, aus der später Leinen gewonnen wird, blüht in einem zarten Blauton. © CC0 / NickyPe

Die zarten Blüten dienen Insekten als gern gesehene Nahrungsquelle.

Im Anschluss an diese sogenannte Roste, auch „Rotte“ genannt, werden die Fasern getrocknet und die Fruchtkapseln von den Stängeln entfernt. In den kugeligen Fruchtkapseln verstecken sich die Leinsamen, das Saatgut für die nächste Keimung. Mit ihrem hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren und Ballaststoffen gilt Leinsaat seit Jahrhunderten als wertvolles Nahrungsmittel. Man verwendet sie als Öl oder als schmackhafte Ergänzung in Backwaren oder Müsli.

Zurück zur Leinenproduktion: Nach dem Entfernen der Fruchtkapseln bricht man die holzigen Fasern und zieht sie anschließend durch eine Art grobe Metallbürste. Diesen Prozess bezeichnet man auch als „Hecheln“. Anschließend lassen sich die Faserbündel zu spinnbarem Flachs verarbeiten und zu hochwertigem Leinenstoff weben. Die Qualität des Leinens hängt von der Länge und der Festigkeit der Fasern ab.

Leinen – ein Stoff mit guten Eigenschaften

Das Leinengewebe hat viele Eigenschaften, die sich positiv auf den Tragekomfort von Textilien auswirken. Stoffe aus Leinen nehmen Luftfeuchtigkeit auf und geben sie schnell wieder an die Umgebung ab. Leinen ist robust und verzeiht vieles. Im Bereich der Bekleidung sind Hemden und Hosen aus Leinen die bekanntesten Vertreter. Mittlerweile gibt es die verschiedensten Kleidungsstücke aus Leinen, etwa Röcke, Overalls oder Kleider. Im Sommer empfinden viele den kühlenden Effekt von Leinen als angenehm. Neben Stoff aus Reinleinen, der nur aus Leinenfaden besteht, gibt es auch Stoff aus Halbleinen. Halbleinen ist ein Gemisch aus Leinen und Baumwolle. Auch diesen Stoff verwendet man für die Herstellung von Bekleidung.

Die Struktur von Leinen sieht man in der Nahaufnahme des Stoffes. © CC0 / Engin Akyurt

Die spezielle Struktur von Leinen ist ein typisches Erkennungsmerkmal.

Leinen eignet sich nicht nur für Kleidung, sondern auch für Heimtextilien und Accessoires, wie Tischwäsche und Gardinen, Sofa- oder Lampenbezüge. Brotbeutel aus Leinen speichern die Feuchtigkeit der Backwaren und verhindern Schimmelbildung – das Brot bleibt frisch und saftig.

Leinenfasern in der Industrie

Leinenfasern sind weniger elastisch als Baumwolle und gerade diese Festigkeit macht das Gewebe für die Industrie attraktiv. Circa zehn Prozent der pflanzlichen Fasern dienen heutzutage der technischen Produktion. Dabei verwendet man überwiegend Flachsfasern, die man nicht für die Textilproduktion benötigt. Seit einigen Jahren setzt die Industrie zum Beispiel Kofferraumauskleidungen aus Flachsfasern in Autos ein. Man verwendet Flachsfasern zum Abdichten von Holzschiffen. Paddelboote und Surfbretter werden aus Flachs produziert – als umweltschonende und nachhaltige Alternative zu Glasfasern.

Leinenproduktion – eine jahrtausendealte Tradition

Der Anbau und die Verarbeitung von Leinen gehen bis in die Antike zurück. Bereits die alten Ägypter trugen Kleidungsstücke aus dem kühlen Leinenstoff und hüllten ihre Mumien in Leichentücher aus Leinen. Im Mittelalter gehörte Leinen neben Wolle zu den am häufigsten verwendeten Textilrohstoffen. Das Leinen war ein Multitalent: Aus den Fasern fertigte man Hemden und Kleider sowie Bett- und Tischwäsche, aber auch Satteldecken für Pferde sowie Planen und Gurte. Leinenbindungen dienten der Wundabdeckung. Mit einem Teil der Fasern polsterte man Möbel. Die Holzteile verwendete man im Winter zum Heizen. Das gepresste Leinöl galt als Nahrungs- und Heilmittel. Leinölfirnis – eine Mischung aus Leinöl und Trockenmitteln – diente zum Schutz von Gemälden.

Der Anbau und die Verarbeitung von Flachs zu Leinen waren ein mühsamer, körperlich anstrengender Prozess, der mehrere Wochen andauerte. Die Männer arbeiteten auf dem Feld, die Frauen sponnen die groben Fasern zu Garn und webten sie zu Stoff. Der Flachsanbau und die Leinenweberei ernährten lange Zeit einen großen Teil der ländlichen Bevölkerung.

Flachs wird an den Enden zum Trocknen aufgehängt. © CC0 / suju

Teil des anstrengenden Prozesses zur Leinengewinnung ist die Rotte, bei der die Flachsstängel zum Trocknen aufgehängt werden.

Viele Redewendungen haben ihren Ursprung in dieser Zeit. Es wurde viel geflachst und manchmal riss der Geduldsfaden, wenn wieder und wieder durch ein Thema gehechelt wurde. Auch hinter der Fahrt ins Blaue stecken vermutlich die blau blühenden Flachsfelder.

Konkurrenzprodukt Baumwolle

Zum Ende des 19. Jahrhundert wurde das Leinen durch die Konkurrenz der Baumwolle fast vollständig verdrängt. Baumwollgarn lässt sich schneller und günstiger produzieren als Flachs. Die flauschigen Samenhaare aus den Blütenkapseln kann man direkt nach der Ernte als spinnbare Fäden weiterverarbeiten. Mit der Industrialisierung entwickelte sich die Baumwolle rasant zur weltweit am häufigsten erzeugten Naturfaser. Inzwischen bestehen laut WWF etwa die Hälfte aller Textilien weltweit aus Baumwolle. Zum Vergleich: Der Anteil an der gesamten Faserproduktion lag 2018 bei 23,5 Prozent. Der Anteil von Leinen liegt bei etwa zwei Prozent.

Baumwolle wächst auf einer Baumwollplantage. © CC0 / bobbycrim

Die Fasern der Baumwolle wachsen gut sichtbar heran und können einfach weiterverarbeitet werden.

Die Weiterverarbeitung von Baumwolle ist weniger aufwändig als die Produktion von Leinen. Allerdings brauchen Baumwollpflanzen im konventionellen Anbau deutlich mehr mineralische Dünger und Pestizide. Diese gelangen ins Grundwasser und schädigen das Ökosystem. Hinzu kommt, dass die Naturfaser einen enormen Wasserverbrauch hat. Für die Herstellung von einem Kilogramm werden weltweit circa 11.000 Wasser verbraucht, Leinen benötigt nur ein Viertel dieser Wassermenge. Selbst Biobaumwolle benötigt viel Wasser – allerdings erfolgt das Bewässern der Felder zumindest in manchen Anbaugebieten mit Regenwasser.

Leinen – ein nachhaltiges Gewebe aus der Natur

Die Flachspflanze ist genügsam und robust. Sie wächst schnell und stellt keine großen Ansprüche an Boden und Klima. Durch den geringen Wasserverbrauch kann man komplett auf künstliche Bewässerung verzichten – ein echter Pluspunkt in Sachen Ökologie und Nachhaltigkeit. Beim kontrolliert biologischen Anbau (k. b. A) kommen weder chemische Düngemittel noch Pestizide zum Einsatz. Aber selbst für den konventionellen Anbau der Flachspflanzen benötigt man wenig Dünger und Pflanzenschutzmittel. Vor allem aber kann man den Flachs in unseren Breiten anpflanzen und muss ihn nicht über weite Strecken transportieren. 80 Prozent der Flachspflanzen wachsen in Europa. Das Klima in Nord- und Westeuropa ist gut geeignet für den Anbau der Faserpflanze. Kurze Transportwege wirken sich positiv auf die Ökobilanz aus.

Leinenstoffe punkten ebenfalls in Sachen Nachhaltigkeit: Die langlebigen und pflegeleichten Stoffe aus Leinen nutzen sich deutlich weniger schnell ab als Stoffe aus Baumwolle. Leinenstoffe bleichen nicht aus und behalten auch nach vielen Jahren ihre feste Struktur. Stoffe aus Leinen sind nicht nur vollständig biologisch abbaubar. Nach seinem ersten Leben als Kleidungsstück oder Bettwäsche kann das unverwüstliche Material in eine zweite Runde gehen. Man kann es als Putzlappen oder Poliertuch verwenden oder sogar als atmungsaktiven Mundschutz

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Bildquellen

  • flachspflanze-bluete: © CC0 / NickyPe
  • leinenstruktur: © CC0 / Engin Akyurt
  • flachs-trocknen: © CC0 / suju
  • baumwoll-anbau: © CC0 / bobbycrim
  • leinen: © v_sot - stock.adobe.com

Für Suse Lübker dreht sich alles um Kommunikation. Die freiberufliche Texterin schreibt am liebsten über Themen, mit denen sie die Welt verbessern kann. Zumindest ein klitzekleines bisschen. Die besten Ideen kommen der gelernten Kommunikationswissenschaftlerin fernab von Tastatur und Tinte: Im Laufschritt durch Wald und über Wiesen oder mit einer Prise Meeresluft in der Nase.

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    such leinenoverall

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