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Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt: Was steckt hinter dem alten Brauch?

Ein Blutweiderich liegt neben einer Marienkarte und einem Kreuz.

Am 15. August werden alljährlich in vielen katholischen Orten Kräutersträuße geweiht. Man könnte eigentlich denken, es handle sich bei der Kräuterweihe um einen urchristlichen Brauch, aber die Wurzeln liegen vermutlich in einem germanischen Erntedank-Fest. Deshalb wollen wir einen Blick auf die Bedeutung der gesegneten Kräuterbüschel werfen, sowohl auf das Gestern als auch auf das Heute.

Ursprung von Maria Himmelfahrt und Kräuterweihe: Christentum trifft Heidenkult

Am 15. August feiert die katholische Kirche Maria Himmelfahrt. Dabei gedenken die Gläubigen der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel. Es ist das älteste Marienfest, denn es wird in manchen Regionen schon seit dem 6. Jahrhundert begangen. Aber erst im 9. Jahrhundert wurde es umfassend eingeführt und fand somit den Weg in die gerade missionierten germanischen Gebiete. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde das Marienfest mit einem alten germanischen Brauch verknüpft, nämlich mit der Weihe von magischen Kräuterbüscheln. Die kirchliche Bedeutung der Aufnahme Marias in den Himmel hatte für das Volk einen wesentlich geringeren Stellenwert als das alte Weiheritual. In manchen Gegenden nannte man das Marienfest deshalb einfach nur „Unser Frauen Würzweih“, „Büschelfrauentag“ oder „Kräuterweihtag“, woran man gut sehen kann, wie wichtig dabei die Kräuter waren. Die Kräuterweihe, die fast nur im deutschsprachigen (germanischen) Raum überliefert ist, muss man also getrennt von der Himmelfahrt Marias sehen.

Lösung des Konflikts zwischen Missionaren und Heiden: Die Kräuterweihe wird christlich!

Anfangs hatte die Kirche Schwierigkeiten, den alten Brauch zu akzeptieren. Der Missionar Bonifatius (672-754), versuchte die im Frankenreich verbreitete Kräuterweihe auf einem Konzil im Jahre 743 zu verbieten. Er war nicht nur Gegner von den „geweihten Bündeln“, er machte auch Schlagzeilen durch das Fällen der heiligen Donar-Eiche in Geismar und wurde schließlich von heidnischen Friesen erschlagen. Als sich das Verbot der Kräuterweihe nicht erfolgreich durchzusetzen ließ, wandelte sie schließlich zum Marienbrauch. Seit 818 werden nun die Kräuter mit Erlaubnis der Kirchenoberen beim Marienfest in der Kirche geweiht. Manche der vorchristlichen Bräuche adaptierte die Kirche bewusst. Man hatte gemerkt, dass der Übergang vom Heidentum zum Christentum leichter von statten ging, wenn existierende Vorstellungen genutzt wurden.

Maria übernahm also bei diesem alten Erntedankfest die Rolle der vorchristlichen Göttinnen, denen die Heilkräuter ursprünglich zugeordnet waren. Nun bekamen sie ihre Kraft durch die Muttergottes. Vor allem die Frauen verehrten Maria, vertrauten sich ihr an und suchten ihre Unterstützung. In der streng patriarchalen Gesellschaftsordnung des Mittelalters war sie für die nahezu rechtlosen Frauen oft der einzige Rettungsanker.

Zweit getrocknete Käutersträußchen liegen neben einer kleinen Marienfigur und einem Kreuz.

©Rudi Beiser

Die geweihten Kräuter wurden das Jahr über für viele Anwendungen genutzt.

Das Sammeln der Heilkräuter: Büschelweise und mit links

Am Tag vor dem Himmelfahrtsfest durchstreiften Frauen und Kinder die Wiesen und sammelten körbeweise Heilkräuter. Nach alter magischer Tradition sollten alle Pflanzen, die in den Würzbusch gebunden wurden, vor Sonnenaufgang und ohne Messer mit der linken Hand gesammelt werden. In manchen Gegenden schnitt man die Kräuter am Donnerstag vor Maria Himmelfahrt. Das hat folgenden vorchristlichen Ursprung: Man nutzte ursprünglich den heiligen Tag des germanischen Wettergottes Donar, weil die Kräuterbüschel häufig zur Gewitterabwehr dienten. Selbst im christianisierten Mittelalter hatten die Menschen noch immer großen Respekt vor dem alten blitzeschleudernden Wettergott.

Die Kräuter wurden nun zu Sträußen gebunden oder einfach in Körbe gegeben, um sie dann in der Kirche weihen zu lassen. Mit der Segnung erhöhte sich die Heil- und Abwehrkraft der Kräuter. Sie standen nun sozusagen unter „göttlichem Schutz“. Danach wurden sie nach Hause genommen und sachgemäß getrocknet. Je nach Gegend hießen die Büschel „Würzwisch“, „Wiehenne“, „Wurzbüschel“, „Krautwisch“ oder „Weihbuschen“. Das Wort Wurz ist eine alte Bezeichnung für Kräuter, weshalb man den Marientag (15. August) auch oft „Würzweih“ nannte. Auch der Kräutergarten hieß früher Wurzgarten und der Kräuterhändler Wurzkrämer.

Nicht jede Pflanze durfte in den Büschel – heute ist man da flexibler

Nach alter Überlieferung verwendete man für die Kräuterbüschel nur ganz bestimmte Pflanzen. Ursprünglich durften es nur wildwachsende Heilpflanzen sein, in heutiger Zeit nimmt man auch Gartenblumen. Mit der Zeit wurden die Buschen immer stattlicher. Es hieß: „Je größer und schöner der Buschen desto größer der Bauer!“ Die Zusammensetzung der Sträuße variierte von Region zu Region. Trotzdem sind einige Pflanzen auffallend häufig vertreten. Meist waren es Pflanzen, die eine alte Tradition im heidnischen Schutz- und Abwehrzauber besaßen. Es wurden nämlich vor allem Kräuter genommen, denen man zutraute, sowohl Gewitter als auch Hexen und den Teufel abzuwehren.

Die bedeutendsten Himmelfahrtskräuter waren Alant, Baldrian, Beifuß, Blutweiderich, Dost, Eisenkraut, Enzian, Frauenmantel, Großer Wiesenknopf, Haselnusszweige, Johanniskraut, Kamille, Kornblume, Königskerze, Labkraut, Leinkraut, Odermenning, Quendel, Rainfarn, Rohrkolben, Schafgarbe, Tausendgüldenkraut, Wasserdost, Wiesenknopf, Wegwarte und Weidenröschen. Daneben spielten auch einige südeuropäische Pflanzen eine Rolle, die über die Klostergärten in die Bauerngärten gelangt waren: Dill, Eberraute, Liebstöckel, Salbei, Weinraute und Wermut.

Außerdem kamen je drei Ähren der vier wichtigsten Getreidearten Gerste, Hafer, Roggen und Weizen in die Sträuße. Das zeigt eine Verbindung zu alten Erntedankkulten, wo das Schneiden des Korns eine große Rolle spielte. Manchmal wurden auch Zwiebeln und Knoblauch eingebunden

Die leuchtenden Blüten in gelb.

©Rudi Beiser

Königskerze: In der Mitte des Kräuterbüschels platzierte man häufig eine Königskerze, die früher auch Marienkerze hieß.

Zahlenmagie beim Büschelbinden: Heidnische Prägung blieb erhalten

Im Brauch des Büschelbindens finden sich viele Rituale aus heidnischer Zeit. So spielte beispielsweise die Zahlenmagie eine gewichtige Rolle. Es sollten 7er, 9er, 12er oder gar 33er, 72er, 77er und 99er Sträuße sein. Dabei handelte es sich um heilige oder magische Zahlen, die die Wirksamkeit der Kräuter erhöhen sollten. Die Neun war vor allem im keltischen und germanischen Raum als Zauberzahl bekannt und wurde gerne im Kräuterzauber eingesetzt. Sie galt deshalb als besonders wirksam, weil sie die Heilige Zahl Drei in sich trägt (3×3=9).

Die Zahl Sieben war vor allem den Hochkulturen des Nahen Ostens heilig (Babylon, Ägypten). Die Zahl 72 geht auf eine fromme Marienlegende zurück: Die Mutter Gottes soll im Alter von 72 Jahren gestorben sein. Die Jünger hatten sie begraben, nur der in Indien weilende Thomas kam zu spät zur Bestattung. Als er schließlich eintraf, wurde extra für ihn das Grab geöffnet. Das Grab war zur großen Überraschung leer, aber es war vom lieblichen Wohlgeruch von 72 Blumen erfüllt. Diese Legende von den duftenden Blumen in Marias Grab, war übrigens die Erklärung, warum Priester an Maria Himmelfahrt überhaupt Kräutersträuße weihten.

((Bildunterschrift Kräuterbüschel: Mit der Nutzung magischer Zahlen glaubte man die Wirkung zu verstärken: Deshalb band man gerne neun verschiedene Kräuter in den Büschel.))

Mächtiger Schutzzauber gegen alles Unheil

Sebastian Franck schrieb 1534 in seinem „Weltbuch“ über die Nutzung der Würzbüschel „an unser Frauen Himmelfahrt“: „Mit diesen Kräutern geschieht sehr viel Zauberei.“ In der Tat galten die geweihten Kräuter als zauberkräftig. Sie wurden keineswegs nur für medizinische Zwecke eingesetzt, sondern man verteilte sie in Haus oder Stall, um dort jegliches Unheil fernzuhalten: Der Hauptbuschen kam auf den Dachboden, um das Haus vor Feuer, Hagel und Gewitter zu schützen. Einige kleine Büschel wurden im Haus verteilt und hinter die Kruzifixe gesteckt. Bei heraufziehendem Gewitter warf man dann Teile davon ins Feuer, damit der aufsteigende Rauch den Blitz fernhielt.

Wenn jemand krank wurde, bekam er einen Tee vom Weihbüschel. In Leinensäckchen genäht legte man die geweihten Kräuter auch ins Ehebett, damit die Ehe glücklich blieb und mit vielen Kindern gesegnet wurde. Schwerkranke besprengte man mithilfe einiger Zweige aus dem Büschel mit Weihwasser und selbst den Toten legte man ein Zweiglein in den Sarg. Beim Neubau eines Hauses platzierte man einen Zweig unter die Türschwelle, damit kein Unheil ins Haus kam. Verreisende schützten sich in der Fremde mit einem kleinen Kräutersäckchen, gefüllt mit Würzbüschelkräutern. Selbst im Viehstall hing immer ein Büschel. Bei Viehkrankheiten mischten Bauern etwas davon unters Futter. Oder man nutzte die Kräuter zum Ausräuchern des Stalles, um Krankheiten und Hexen fernzuhalten.

Die violetten kleinen Blüten wachsen wie Kerzen dem Himmel entgegen.

©Rudi Beiser

Der Blutweiderich wurde gerne genutzt, weil man im gewittervertreibende Fähigkeiten zutraute.

Heilkräuter in früheren Zeiten: Die Verbindung zum Göttlichen

Der uralte Brauch zeigt uns sehr anschaulich, wie unsere Vorfahren Heilkunde und Abwehrzauber ausübten: Die Nutzung der Heilkräuter war immer eng verknüpft mit magischen Praktiken. Außerdem waren die Kräuter nur wirksam durch ihre Verbindung zum „Göttlichen“. Heilen und heilig sind seit Urzeiten untrennbar miteinander verbunden, also bezog beispielsweise die Mariendistel ihre Heilkraft durch die Tatsache, dass Maria versehentlich Muttermilch auf die Blätter tropfte. Dabei spielt es keine Rolle, in welchem religiösen System die Anbindung an das Heilige oder Magische existierte. Je nach Gesellschaftsform wurde die Kraft der Kräuter durch Ahnengeister, Naturgeister, Götter oder Heilige unterstützt. So konnte Maria nach der Christianisierung problemlos viele Kulte und Verehrungsorte vorchristlicher Göttinnen übernehmen

Und wie steht es heute um Kräuterbrauchtum und Kräuterweihe?

Der schöne Brauch Kräuterbüschel zu binden und zu weihen, genießt seit einigen Jahren wieder zunehmendes Interesse. Das liegt sicherlich auch daran, dass sich immer mehr Menschen für Kräuter und deren Nutzung interessieren.

Die Wirkung von solchen Ritualen ist nicht zu unterschätzen; sie sind durchaus ein großes Potential in der Heilkunde. Wir nennen das heute nicht mehr Magie, sondern eher „Suggestivwirkung“ oder „Placebo“, was den positiven Effekt jedoch nicht schmälert.

Dementsprechend können Sie Ihre Kräuterernte segnen oder weihen. Somit nutzen Sie eine uralte Form der Wirkungsverstärkung. Sie können mit ihren Kräutern an Maria Himmelfahrt in die Kirche gehen, aber letztendlich ist das Segnen nicht an eine Religion gekoppelt. Unserer Vorfahren segneten mit Wasser aus heiligen Quellen oder sie hielten die Kräuter einen kurzen Moment an ein kraftvolles Jahreskreisfeuer. Oder sie wurden am Sammelort hoch in die Luft gehalten und den Himmelrichtungen und den Naturgeistern geweiht. Oder sie beschworen die Kräuter, indem sie mit ihnen die Verwendung und Wirkung „besprachen“ („Du bist stark genug, um 99 Fieber zu besiegen!“). Die Visualisierung der Heilwirkung passt durchaus auch in unser modernes Medizinsystem. Wichtig ist dabei, dass eine Kräuterweihe oder Ähnliches für einen selbst stimmig und passend ist.

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Bildquellen

  • kraeuterbueschel: ©Rudi Beiser
  • koenigskerze: ©Rudi Beiser
  • blutweiderich: ©Rudi Beiser
  • kraeuterweihe: ©Rudi Beiser

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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