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Crowdfarming: Ein Landwirtschaftskonzept mit Charme – und Zukunft?

Crowdfarming-Farmer auf der Grapefruit-Plantage mit Schäferhund

Woher kommt eigentlich mein Essen? Eine Frage, die Sie sich vielleicht auch schon einmal gestellt haben. Unser gegenwärtiger Lebensstandard ist so hoch, dass uns Lebensmittel nahezu jederzeit und überall in einer überwältigenden Auswahl zur Verfügung stehen und wir sie deshalb schnell als selbstverständlich hinnehmen.

Wertschätzung bringen wir der Nahrung entgegen, wenn sie uns Genuss beschert, satt macht und vorher eventuell noch ein gutes Fotomotiv abgibt. Außerhalb des Fokus liegt meist, wie Obst, Gemüse und Co. überhaupt auf unserem Teller landen konnten: Wer hat wann und wo ein Samenkorn eingepflanzt, es gehegt und gepflegt von der Blüte bis zur Ernte, um diese schließlich auf die Reise zu uns zu schicken?

Eine klare Antwort auf diese Fragen wollen Crowdfarming-Projekte geben.

Was ist Crowdfarming?

Von diversen Plattformen kennt man inzwischen das Konzept des Crowdfundings, also Schwarmfinanzierung. Gründer und Erfinder sammeln von vielen interessierten Einzelpersonen finanzielle Unterstützung für ein Projekt oder eine Idee. Daraus abgeleitet unterstützt man beim Crowdfarming auf direktem Wege Landwirte und andere Erzeuger und erhält dafür einen Teil der Ernte.

Konkret funktioniert das zum Beispiel so: Sie „adoptieren“ einen Orangenbaum für einen Jahresbeitrag von 80 € und erhalten dafür ein Kontingent von 80 kg Orangen, die Sie sich innerhalb der Erntezeit (Januar bis April) direkt von der Plantage nach Hause liefern lassen können. Dafür bezahlen Sie lediglich die Versandkosten.

Crowdfarming-Pionier „Naranjas del Carmen“

So wie beschrieben funktioniert es zum Beispiel beim absoluten Vorreiter „Naranjas del Carmen“ aus Valencia. Hier wird die Idee des Crowdfarmings 2012 geboren und der Begriff geprägt: Zwei junge Spanier beschließen, die vom Großvater geerbte Orangenplantage auf Vordermann zu bringen und damit neue Wege zu gehen. Sie vertreten ihre Idee hartnäckig und können schon bald Erfolge verzeichnen.

Im Laufe der folgenden Jahre ergänzen weitere Produkte das Portfolio: Befreundete Imker verwandeln die Plantage in ein Bienen-Paradies und erzeugen so Orangenblütenhonig, Olivenbäume für Bio-Olivenöl werden gepflanzt, ein typisch-valencianischer Gemüsegarten entsteht.

Dass das Konzept funktioniert, überrascht kaum. Nicht nur Vorteile und Fakten überzeugen, auch die emotionale Ebene kommt nicht zu kurz: Beim lebendigen Austausch mit der „Naranjas del Carmen“-Familie auf Facebook und Co. ist sofort spürbar, dass hier innovative Landwirtschaft mit sehr viel Herzblut betrieben wird.

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Vorteile von Crowdfarming

Das Modell Crowdfarming wirkt stimmig und sinnvoll. Es reduziert die Lieferkette von Lebensmittel auf die nötigen Glieder: Hersteller und Verbraucher. So entsteht ein direkter Kontakt, der eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt. Als Konsument können Sie sich über eine neue, ungewohnte Dimension von Transparenz freuen. Sie kennen die genaue Herkunft, die Gesichter hinter der Ware und können je nach Anbieter auf verschiedene Art und Weise mitverfolgen, was hinter den Kulissen passiert: Manche Farmer bieten die Möglichkeit, adoptierte Pflanzen oder Tiere via Webcam bei der Entwicklung zu beobachten oder sogar die eigene Produktion (mit Anmeldung) vor Ort zu besuchen. So entstehen ein Gemeinschaftsgefühl und ein viel höheres Maß an Wertschätzung für das Endprodukt.

Die Landwirte wiederum können dank der Patenschaften und der damit gesicherten Nachfrage besser planen. Sie orientieren sich am konkreten Bedarf, sodass kein oder nur wenig Überschuss entsteht. Gleichzeitig verfügen sie über ein sicheres Einkommen und können damit feste Arbeitsplätze schaffen.

Kleinbauern, die auf diesen Gegenentwurf zur konventionellen Landwirtschaft setzen, sind innovationsfreudig und denken ganzheitlich. Nachhaltigkeit scheint bei allen Anbietern ein fester Baustein der Philosophie zu sein. Pestizide, Normen für das Aussehen von Obst und Gemüse und Ressourcenverschwendung finden hier keinen Platz. Stattdessen werden mit durchdachten und manchmal auch kreativen Ansätzen naturbelassene Produkte in hoher Qualität erzeugt, die nur zur jeweiligen Saison erhältlich sind.

Transportwege werden so kurz und effizient wie möglich gestaltet, indem Bestellungen zusammengefasst, ohne Umwege und mit dem jeweils geeignetsten Verkehrsmittel verschickt werden. Die Erzeuger wählen bevorzugt clevere Verpackungen aus Recyclingmaterial, die die Ware optimal schützen. Auch hier ist das Thema „Plastikfrei“ angekommen.

 

Zwei Frauen halten Setzlinge von jungen Orangenbäumen in der Hand © Naranjas del Carmen

Vielleicht wird auch schon bald Ihr persönlicher Orangenbaum gepflanzt?

Wie unterscheidet sich Crowdfarming von Solidarischer Landwirtschaft?

Moment mal – ist Crowdfarming eigentlich nur ein cool klingender englischer Begriff für Solidarische Landwirtschaft? Nicht ganz. Das Prinzip ist sehr ähnlich, doch es gibt einige feine Unterschiede.

Die SoLaWi versteht sich als Zusammenschluss, als eine Wirtschaftsgemeinschaft. Erzeuger und Unterstützer teilen sich die Verantwortung und somit auch die Risiken. Zudem gehört die regionale Orientierung hier zum Konzept.

Crowdfarming dagegen kann eher als Patenschaft für ein bestimmtes Erzeugnis gesehen werden, bei der die Verantwortung beim Produzenten liegt. Außerdem hat sich die Idee bisher vor allem auf internationaler Ebene angesiedelt. Unterstützt werden oft Produkte, die bei uns nicht angebaut, aber sehr wohl konsumiert werden wie eben Orangen. So entsteht trotz großer räumlicher Distanz ein engerer Bezug.

Ist Crowdfarming ein Nischenmarkt oder Zukunftskonzept?

So sympathisch das Konzept ist: Ist es auch skalierbar? Kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem wir (wieder) wissen, welchem Landwirt wir welches Lebensmittel verdanken? Früher war es einmal genau so, doch könnten wir auch mit 7, 8 oder 9 Milliarden Menschen auf diese Art den Bedarf decken?

Im Gedankenspiel scheint dieses Ziel nicht völlig abwegig. Die gleichen Flächen könnten von den gleichen Erzeugern bewirtschaftet werden. Die neue Transparenz wäre gut geeignet, um den Wandel von konventioneller zu ökologischer Landwirtschaft anzukurbeln. Bei großflächiger Nachfrage und Vernetzung könnten neue, ausgefeilte Systeme für den Transport entstehen. Für uns Konsumenten wäre es so einfach wie nie, bewusste Entscheidungen zu treffen: Für saisonale, hochwertige Nahrung, deren Herkunft wir genau kennen.

Am Ende gilt – wir wissen es erst, wenn wir es ausprobiert haben. Es lohnt sich also, die stetig wachsende Zahl der Crowdfarming-Projekte zu unterstützen.

 

Älterer spanischer Landwirt kontrolliert einen Olivenbaum © crowdfarming.com

Farmer Manuel Belles aus Castellón kontrolliert die Oliven, aus denen Öl produziert werden soll.

Welche Projekte gibt es?

Crowdfarming-Pionier „Naranjas del Carmen“:

  • Orangenbaum-Patenschaft
  • Adoption einer Bienenfamilie
  • Weitere Produkte (normaler Verkauf, je nach Saison): Tomaten, Melonen, Olivenöl, Rotwein, Honig, Clementinen, Grapefruits, Zitronen

Plattform crowdfarming.com:

  • Orangen aus Spanien
  • Olivenöl aus Spanien
  • Bio-Mandeln aus Spanien
  • Schokolade von den Philippinen
  • Käse aus Frankreich
  • Kaffee aus Kolumbien
  • Balsamico-Essig aus Italien
  • Bio-Aloe Vera aus Spanien
  • Decken aus Merinowolle
  • Granatäpfel aus Spanien
  • Reis aus Spanien
  • Schafskäse aus Spanien

Projekte aus Deutschland:

Weitere:

  • Treedom bietet Baumpatenschaften, die unseren Planeten grüner machen sollen: Bäume Ihrer Wahl werden von Kleinbauern gepflanzt und bieten umweltfreundliche, soziale und wirtschaftliche Vorteile

 

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Bildquellen

  • Magdalena-and-Lena-with-new-orange-trees: © Naranjas del Carmen
  • Manuel-Belles-farmer-of-olives-in-Castellon-Spain: © crowdfarming.com
  • Gonzalo-Urculo-with-Thor-and-grapefruits: © Naranjas del Carmen

Bei Mediendesignerin Jessica dreht sich alles um den Waschbär-Online-Shop. Offline geht es ebenfalls nachhaltig zu: Wenn sie sich nicht gerade in Zero Waste übt oder Freiburgs Natur erkundet, findet man sie wahrscheinlich in ihrer kleinen Küche. Dort kreiert sie unter der Aufsicht von Kater Shadow vegane Köstlichkeiten, über die sich regelmäßig auch die Waschbär-Kollegen freuen dürfen.

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  1. Bianca

    6 März

    Toller Artikel, regt zum Ausprobieren an 🙂

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