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Solidarische Landwirtschaft gegen Landraub: Der Luzernenhof im Breisgau

Links im Bild sieht man die Karottenerte und rechts einen Mann der mit dem Traktor arbeitet.

Viele Menschen wünschen sich, dass ihre Nahrungsmittel biologisch und regional angebaut werden, am besten vom Bauer und seiner Familie. Doch genau solchen kleinen bäuerlichen Familienunternehmen machen Spekulationen mit Ackerland das Leben schwer. Das betrifft insbesondere Regionen, in denen Grund durch ihre besondere Lage attraktiv für Investoren ist. Zum Beispiel im Dreiländereck in Südbaden zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Wie man sich gegen das Landgrabbing oder den Landraub wehren kann, zeigt eine ökologische Crowd-Invest-Kampagne. Fast 1 Millionen Euro erzielte diese zur Finanzierung eines Bio-Bauernhofes. 140 Menschen sichern mit ihrer Investition den Fortbestand der solidarischen Landwirtschaft des Luzernenhofs in Seefelden bei Freiburg. 32 Hektar Land und sämtliche Hofgebäude können jetzt unbegrenzt nachhaltig und sozial genutzt werden. Nur vier Wochen dauerte die medienwirksame Initiative der Kulturland Genossenschaft, mit der wertvoller Acker kapitalkräftigen Investoren und Landspekulanten entzogen wurde. Ein Grund für uns mal genauer auf die Hintergründe zu schauen.

Landgrabbing – ein weltweites Problem 

Der Kauf von Ackerland als Spekulationsobjekt ist eine globale Entwicklung, die unter dem Begriff „Landgrabbing“ (Landraub) bekannt ist. Seit der Finanzkrise 2008 erwerben vor allem internationale Konzerne und Kapitalfonds weltweit große Flächen Ackerland, auch in Deutschland. Obwohl es „Nicht-Landwirten“  in Deutschland verboten ist, Ackerland zu kaufen, nutzen findige Großinvestoren juristische Hintertüren, um sich das Land anzueignen. Die Bauern, die ihr Land verkauft haben, werden häufig als Geschäftsführer auf ihrem ehemaligen Hof eingesetzt. Um möglichst hohe Renditen abzuschöpfen, werden vor allem Energiepflanzen wie Mais, Raps und Zuckerrüben angebaut. Gigantisch große Erdbeer- und Spargelfelder unter Folie sind ebenfalls sehr lohnend. Die Folgen dieser einseitigen Ackernutzung sind verheerend: große Landmaschinen verdrängen zahlreiche Arbeitsplätze und langjährige Monokulturen laugen humusreiche Böden aus. Diese rücksichtslose Vorgehensweise unterstützt bedauerlicherweise die Europäische Union, da Subventionen sich pro Hektar, nicht pro Arbeitsplatz berechnen.

Eine Frau hält einen riesigen kohlrabi auf dem Feld hoch. ©Thomas Rippel

In konventionellen Großbetrieben werden primär Monokulturen von stark standardisierten Obst- und Gemüsesorten angebaut. Vielfalt, zum Beispiel in Form eines Riesen-Kohlrabis wie diesem hier, würde dort nicht wachsen.

Bio-Agrarwende durch Besitzverhältnisse kaum noch möglich

 „Bei den derzeitigen Besitzverhältnissen des Ackerlandes in Deutschland ist eine Bio-Agrarwende kaum noch umsetzbar. Durch Landgrabbing von Großinvestoren sind die Preise unverhältnismäßig gestiegen“, macht Thomas Rippel, Fachmann für biodynamische Landwirtschaft und einer der Initiatoren der Crowd-Invest-Kampagne deutlich. „Landwirte, die ökologische Landwirtschaft betreiben wollen, bekommen nur selten eine Chance, bezahlbares  Land zu kaufen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wurde die Kulturland Genossenschaft ins Leben gerufen, mit dem Ziel, so viel Ackerland für nachhaltig biologische Wirtschaftsweise zu kaufen wie möglich.“  Über die Genossenschaft können Interessierte gemeinschaftlich Eigentümer von Grund werden. Dieser Boden wird so dem Spekulationsmarkt entzogen und langfristig an ökologisch wirtschaftende und regional eingebundene Betriebe verpachtet.

Ohne bäuerliches Bodenrecht ist der Landraub einfach

 „Bestehende Höfe kämpfen permanent ums Überleben“, stellt Johannes Supenkämper vom Luzernenhof und Mitinitiator der Kampagne fest. „In Deutschland gibt es kein wirksames bäuerliches Bodenrecht, das Landraub unterbindet. Durch die Verknappung von Ackerboden haben sich die Preise in nur neun Jahren mehr als verdoppelt. Die Folge sind Betriebspleiten, weil nachhaltige Landwirtschaft nicht den erforderlichen Profit bringt. An motivierten und gut ausgebildeten Leuten fehlt es nicht. Hofübernahmen sind häufig mit jahrzehntelanger Verschuldung verbunden oder finanziell untragbar. “ Inzwischen besitzen Investoren vor allem in den neuen Bundesländern bereits zwischen 20 und 50 Prozent der Äcker und Wiesen. 

©Thomas Rippel

Mitinitiator der Spenden-Kampagne zur Rettung des Luzernenhofs, Johannes Supenkämper (re.) erklärt Interessierten gerne, was hinter der Idee „Luzernenhof“ steckt.

Rettung vor dem finanziellen Aus für Öko-Höfe: Die Crowd

Nur ein Jahr nach der Pacht des Luzernenhofs im Jahr 2012 standen die Betreiber zum ersten Mal vor dem Aus. Unerwartet sollte der Hof mit 12 Hektar Land für 860.000 Euro verkauft werden. „Unsere Gemeinschaft konnte diese Summe nicht aufbringen, an einen Kauf mit eigenen Mitteln war nicht zu denken“, beschreibt Johannes Supenkämper, Fachmann für biodynamische Landwirtschaft, die Situation. „Ohne den großzügigen Kredit von zwei Privatpersonen, hätten wir den Hof abgeben müssen. Dieser Kredit war jedoch zeitlich begrenzt und deshalb haben wir die Crowd-Invest-Kampagne gestartet, die knapp 1 Millionen Euro eingebracht hat. Die Kampagne ist sehr viel erfolgreicher verlaufen, als wir gedacht haben.“ 

So funktioniert die solidarische Landwirtschaft auf dem Luzernenhof

Die Besitzverhältnisse auf dem Luzernenhof sind nicht ganz einfach zu verstehen, denn sie besteht aus einer sehr gut ausgeklügelten Betreiber- und Besitzergemeinschaft. Die Eigentümer der Maschinen und Tiere mit einem Wert von etwa 200.000 Euro ist der „Verein Gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft Markgräflerland.“ Er besteht aus der Verbrauchergemeinschaft von zurzeit 170 Haushalten in denen etwa 400 bis 500 Personen leben, die über monatliche Beiträge die Betriebskosten abdecken und dafür – unabhängig von der Höhe des Beitrags – Gemüse, Getreide, Fleisch und Milchprodukte bekommen.

Von Käse und Fleischstücken bis hin zu verschiedenen Gemüsesorten sind die Produkte in Kisten und auf einem Tisch zusammengestellt. ©Thomas Rippel

Die Erzeugnisse der Solidarischen Landwirtschaft vom Luzernenhof sind sehr vielfältig.

Das Land ist eine Kommanditgesellschaft (KG), bei der die Kulturland Genossenschaft eine Gesellschaft ist. Eigentümerin der Wohn- und Wirtschaftsgebäude ist die Weingarten 18 GmbH. Sie basiert auf dem Prinzip des Mietshäuser Syndikats und hat zwei Gesellschafter: Zum einen alle, die auf dem Hof leben und zum anderen das Mietshäuser Syndikat.

Crowd-Invest-Konzept zur Sicherung ökologischer Landwirtschaft

Die Kulturland Genossenschaft hat mit der Crowd-Invest-Kampagne als Pilotprojekt einen entscheidenden Schritt gemacht, um Großinvestoren entgegenzuwirken. Zustimmung und Unterstützung erhielten sie von Menschen, die bereit sind, Geld für den Fortbestand der Bio-Landwirtschaft zu investieren und auf Rendite zu verzichten. „Mit dem Kauf der zwölf Hektar des Luzernenhofs haben wir ein Pilotprojekt gestartet“, sagt Thomas Rippel, der bereits erfolgreich als Fundraiser in der Schweiz gearbeitet hat. „Ziel ist es, das Crowd-Invest-Konzept weiterzuentwickeln und weitere Kampagnen für Höfe wie den Luzernenhof umsetzen.“ Mit dem Geld aller Genossinnen und Genossen erwirbt die Kulturland eG landwirtschaftliche Flächen, um sie im Sinne einer modernen „Allmende“ langfristig zu sichern und zu günstigen Konditionen an Höfe zu verpachten, die ökologisch wirtschaften. Die Kulturland eG entstand 2014 und hat mit dem Geld ihrer Genossinnen und Genossen mittlerweile 100 Hektar Land für neun Höfe in ganz Deutschland gesichert.

Aktiv werden gegen Landraub

Der Mann hält frische Erde in den Händen. ©Thomas Rippel

Thomas Rippel vom Luzernenhof bei freiburg.

Die Crowd-Invest-Webseite vom Luzernenhof soll zu einer hofübergreifenden Plattform weiterentwickelt werden. Im Sommer und Winter 2018 sind zwei weitere Pilot-Kampagnen geplant. Ziel ist, jeweils 500.000 Euro an Kapital für Land und/oder Gebäude zu akquirieren und neue Mitglieder den Kauf von Höfen mit solidarischer Landwirtschaft zu gewinnen. „Es soll jungen, motivierten und kompetenten Menschen ermöglicht werden, zu fairen Bedingungen und ohne Schulden auf Höfen zu leben und zu arbeiten“, fasst Thomas Rippel die Zielsetzung der Genossenschaft zusammen. „Um dies zu gewährleisten, bauen wir auf gemeinschaftliches Eigentum an Land sowie der Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Die breits angelegten Öffentlichkeitskampagnen sind notwendig, um Menschen nachhaltige Landwirtschaft für dieses Konzept zu gewinnen und auch zukünftig zu sichern.“

Der Luzernenhof 

Der Luzernenhof ist ein Bio-Bauernhof in Seefelden, 30 Kilometer südlich von Freiburg. Dort werden 32 Hektar Land bewirtschaftet,  2,7 ha mit Gemüse verschiedenster Arten bestellt und auf 10 Hektar vielfältiges Getreide angebaut. 15 Milchkühe und ihre Kälber leben dort. In der Käserei entstehen aus der Milch verschiedene Produkte. Sechs Schweine und acht Bienenvölker gehören ebenfalls zum Hof, der auch Fleisch und Obst verkauft. Die gut aufgestellte, erfahrene solidarische Landwirtschaft versorgt derzeit 170 Haushalte mit einer breiten Produktpalette.  Die Arbeit erfolgt nach ökologischen Gesichtspunkten (Bioland), ergänzt durch biodynamische Aspekte und konsequenter Orientierung an Naturkreisläufen. Die Gemeinschaft lebt und arbeitet seit 2012 auf dem Luzernenhof, derzeit sind es 15 Erwachsene und Kinder.

Weitere Solidarische Landwirtschaften in Deutschland – Übersicht

In ganz Deutschland, aber auch in Österreich, der Schweiz und Italien beteiligen sich Höfe an diesem Konzept. Auf der Webseite des Netzwerks „Solidarische Landwirtschaft“ finden sich leicht die Solawis in der Nähe. Als unabhängige Alternative zu den bestehenden Marktmechanismen versteht sich zum Beispiel die Rote Rübe in Niederkaufungen bei Kassel, die eine menschen- und umweltgerechte Landwirtschaft  auf Basis des solidarischen Konzepts betreibt. Oder im Berliner Bezirk Spandau bei SpeiseGut: Dort kann man auch „gemeinsam“ Bauer werden. Die GartenCoop bei Freiburg mit 280 Mitgliedern ist ebenfalls eine solidarische Landwirtschaft – in Reinform. Diese und weitere Solidarische Landwirtschaften finden Sie in der folgendne Übersicht:

Aachen, Gut Wegscheid, www.gut-wegscheid.de

Berlin, Sterngartenodyssee, www.sterngartenodyssee.de

Berlin (Spandau), SpeiseGut, www.speisegut.com

Bonn, Solidarische Landwirtschaft, www.solawi-bonn.de

Brackenheim, Solawi Zabergäu, www.solawizabergaeu.co

Düsseldorf, SoLaWi für Düsseldorf, www.solawi-duesseldorf.de

Freiburg (Seefelden), Luzernenhof, www.luzernenhof.de

Freiburg, Gartencoop, www.gartencoop.org/tunsel

Groß Dahlum, SoLaWi Dahlum, www.solawi-dahlum.de

Hamm, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, E-Mail: www@abl-ev.de

Hitzacker, Kulturland Genossenschaft, www.kulturland.de

Holste, Sophienhof, www.sophienhof-oldendorf.de

Kassel, Gemüsebaukollektiv Rote Rübe, www.solawi-kassel.de/gemuesebaukollektiv-rote-ruebe

Kirchzarten, Lebensgarten Dreisamtal, www.lebensgarten-dreisamtal.de

Köln, Gemüsekoop, www.gemuesekoop.de

Mainz, Solidarische Landwirtschaft, www.solawi-mainz.de

München, Der Waldgärtner, www.waldgaertner.de

München, Kartoffelkombinat, www.kartoffelkombinat.de

Neustadt an der Weinstraße, Akazienhof Neustadt, www.solawi.info

Nürtingen, Solawi Hopfenhof, www.solawi-hopfenhof.de

Oldenburg, Ökumenisches Zentrum Oldenburg, www.solawi-oldenburg.de

Radebeu, deinHof, www.dein-hof.de

Rhede, Solawi Hof EmsAuen, www.hof-emsauen.de

Schneverdingen, Weiden-Hof, www.weidenhof.de

Stuttgart, Solidarischen Landwirtschaft, www.solawis.de

Tunsel, Garten Coop Grünzeug, www.gartencoop.org

Villingen-Schwenningen, Solawi Baarfood, www.baarfood.de

Wahrstorf, Solawi-Rostock, www.solawi-rostock.de

Waldeck-Freienhagen, Ökologische Landwirtschaft, www.unserhof-freienhagen.de

Wandlitz, CSA-Hofgemeinschaft Spörgelhof, www.spoergelhof.de

Wessobrunn, Gärtnerhof Sonnenwurzel, www.sonnenwurzel.de

Sie kennen eine Solidarische Landwirtschaft, die hier noch nicht aufgeführt ist? Wir freuen uns über Ihren Hinweis als Kommentar oder Nachricht und ergänzen die Übersicht gerne für Sie.

 

Lesen Sie auch unseren Beitrag zur Solidarischen Landwirtschaft „Kartoffelkombinat“ bei München. Die Autorin berichtet aus erster Hand, wie es ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

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Bildquellen

  • riesen-kohlrabi-ernte-ohne-normen: ©Thomas Rippel
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Eva praktiziert „grünen“ Journalismus aus Überzeugung. Als Mitarbeiterin im Einkauf für Waschbär ist sie ständig damit beschäftigt, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen. Richtig wohl fühlt sie sich in der freien Natur. Dort lässt sie sich am liebsten vom Lichtwellenspektrum der blau-grün-türkisen Meeresfarben inspirieren.

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