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Waldbaden: Bewusstes Naturerlebnis zur Stressreduktion

Ein Mann beim Waldbaden steht im Wald und hat die Arme hinter seinem Kopf verschränkt.

Der Müßiggang in grünen Wäldern oder romantischen Parkanlagen hat hierzulande eine lange Tradition. Er gehört förmlich zum Kulturgut – wurde er doch schon von Hermann Hesse genüsslich zelebriert. Über Japan hat das Waldbaden in seiner jetzigen Form den Weg in die heimischen Wälder gefunden. Im Land der aufgehenden Sonne pflegt man in der mythologischen Naturreligion Shintoismus und den Achtsamkeitsübungen des Zen-Buddhismus traditionell eine tiefe Verbindung zu Natur und Wäldern. Das Waldbaden ist dort auch als „Shinrin Yoku“ bekannt, was so viel bedeutet wie „Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes“. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Spaziergang ist es ein bewusstes und absichtsloses Lustwandeln und Verweilen im Wald.

Das Baden im Wald als Konzept zur Entspannung stellt eine leicht umsetzbare Stressbewältigung in unserer hektischen Zeit dar. Dahinter verbirgt sich etwas anderes als ein flüchtiges Erlebnis in der Natur und ein beiläufiges Zur-Kenntnis-Nehmen unserer grünen Umgebung. Waldbaden bedeutet vielmehr ein tiefes Eintauchen in ein Meer aus Bäumen sowie in die Atmosphäre des Waldes. Und das mit allen Sinnen: Gerade das bewusste Wahrnehmen der Umgebung und das Loslassen unseres hektischen Alltags haben einen ganzheitlich positiven Effekt auf Körper und Geist.

Der Waldausflug als Achtsamkeitsübung 

Waldbaden ist mehr als ein Spaziergang oder das klassische Wandern. Dennoch folgt es keinen festgelegten Regeln oder starren Geboten. Vorrangig geht es beim Waldbaden um die Kultivierung und das Zelebrieren von Achtsamkeit durch ein bewusstes Erleben der Natur. Waldbaden gleicht damit einer Meditationsübung und bedeutet so viel wie „sich dem Moment und dem Wald voll und ganz hingeben“. Das Baden im Wald schult unsere Konzentration und Achtsamkeit. Gerade durch das bewusste Gehen können wir uns immer tiefer mit der Natur verbinden. Mit jedem Schritt können wir so den Alltag hinter uns lassen. Waldbaden ist ein ideales Umfeld, um auch andere Achtsamkeitsmethoden einfließen zu lassen, darunter die Gehmeditation.

Waldbaden mit allen Sinnen

Für uns Menschen bietet der Wald zahlreiche beruhigende Reize, auf die sich unsere gestressten Sinne konzentrieren können. So ruhen die Augen beispielsweise auf den sanften Wogen der Blätter im Wind, während wir gleichzeitig den erdigen Duft des Bodens einatmen. Hier und da erreicht uns eine Brise des herb-süßlichen Aromas wilder Kräuter. Die Gräser am Wegesrand laden zum tiefen Luftholen und zur bewussten Wahrnehmung der Gerüche ein. Je nach Tages- und Jahreszeit ist der Wald von unterschiedlichsten Geräuschen erfüllt, die es zu erkunden gilt.

Hand fühlt an Nadeln eines Baumes. © CC0 / Lachlan Ross

Der bewusste und achtsame Einsatz unserer Sinne ist Teil des Waldbadens.

Der Wald lässt sich auch wunderbar mit dem Tastsinn erkunden – mit den Fingern oder nackten Füßen. Wie fühlt sich wohl der geschuppte, von der Sonne erwärmte Rindenpanzer einer alten Eiche an, den wir mit unseren Fingern spielend greifen? Wie kitzelt der feuchte, runde Kiesel unter unseren Füßen? Beim Waldbaden geht es weder um Leistung noch um Schnelligkeit. Vielmehr liegt der Fokus darauf, die Aufmerksamkeit bewusst auf die Natur im Hier und Jetzt zu legen.

Wie wirkt Waldbaden?

In Japan gilt Waldbaden zu Recht als Medizin, denn die gesundheitsfördernde Wirkung des Waldbadens auf Geist und Körper konnte längst nachgewiesen werden, so zum Beispiel in dieser Studie. Eine Übersicht der Literatur zu diesem Thema hat Qing Li zusammengetragen. Die wohlduftende und feuchte Waldluft entlastet Bronchien und Atemwege und steht mit ihrer reinigenden Wirkung in starkem Kontrast zur Feinstaub-belasteten Stadtluft. Die ruhigen Klänge des Waldes sind eine Wohltat für unsere Ohren. Diese müssen in den Städten durch viel befahrene Straßen und Baustellen oftmals viel aushalten. Auch das gedämpfte Lichtspiel des Waldes wirkt sich positiv aus. Das Wechselspiel aus Licht und Schatten ist nachweislich beruhigend für die Psyche, das zeigt beispielsweise die Untersuchung von Yoshifumi Miyazaki, Harumi Ikei und Chorong Song oder die Metaanalyse von Yasuhiro Kotera, Miles Richardson und David Sheffield. Zudem filtern die Blätter der Bäume etwa fünfzig Prozent der UV-Strahlung. Dadurch lässt sich unter dem Blätterdach auf schonende Weise wohltuendes Sonnenlicht und somit Vitamin D tanken.

Waldbaden – eine Wohltat für Körper und Psyche

Ein Aufenthalt im Wald wirkt sich nachgewiesenermaßen positiv auf verschiedene Körperfunktionen aus. Ein großer Teil der gesundheitsfördernden Effekte ist dabei auf psychische Aspekte zurückzuführen. So senkt Waldbaden beispielsweise nachweislich den Blutdruck, reduziert den Ruhepuls und lässt unseren Körper deutlich weniger Stresshormone ausschütten. Bekanntermaßen führt eine Verminderung von Stress auch zu einem widerstandsfähigeren Immunsystem, einer intakten Verdauung und einer besseren Konzentrationsfähigkeit. Das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verringert sich dadurch ebenfalls. Untersuchungen zu den Effekten des Waldbadens auf das Immunsystem finden Sie zum Beispiel hier.

Eine Frau sitzt im Schneidersitz auf einer Wiese zwischen Birkenbäumen und hält ihr Gesicht der Sonne entgegen. © CC0 / Baurzhan Kadylzhanov

Beim Waldbaden gilt es, sich auf alle Eindrücke bewusst einzulassen – das wirkt entspannend.

Evolutionsbiologisch gesehen ist es nicht lange her, dass der Mensch den Wald als Zuhause und sicheren Ort hinter sich gelassen hat. Manche Forscher vermuten auch eine Art genetische Veranlagung, die dafür verantwortlich ist, dass sich Menschen im Wald besonders wohlfühlen. 

Waldbaden kann man überall

Beim Waldbaden stehen vor allem Achtsamkeit und eine tiefe Entspannung im Vordergrund. Daher ist es vorteilhaft, einen Wald aufzusuchen, der möglichst wenig Reize in der Umgebung hat. Ein kleines Waldstück an einer Straße oder mit vielen Joggern und Radfahrern wird vermutlich nicht den gewünschten Erholungseffekt bieten. Ein abgelegenes grünes Fleckchen hingegen eignet sich deutlich besser. Aber auch da gibt es individuelle Unterschiede. Während sich der eine weniger an vorbeihuschenden Joggern stört, wird die andere gerade dadurch permanent aus der Konzentration und Versenkung gerissen. Auch die Schönheit des Waldes liegt im Auge des Betrachters. Deshalb lässt sich nicht pauschal sagen, welche Beschaffenheit ein Wald zum Waldbaden haben soll. Vom dicht bewachsenen Wald mit Farnen und Moosen bis hin zum lichten, sonnengefluteten Buchenwald eignen sich sämtliche Wälder für das erholsame Naturerlebnis.

Wer keinen Wald um die Ecke hat oder eine weitere Anreise scheut, muss trotzdem nicht aufs Waldbaden verzichten. Auch ein liebevoll angelegter botanischer Garten oder ein von großen Platanen gesäumter städtischer Grünstreifen lädt zum Waldbaden ein. Es gibt Hinweise darauf, dass bereits kurze Aufenthalte in der Natur eine entspannende Wirkung auf unser Bewusstsein haben können. Sogar der bloße Anblick grüner Bäume hat diesen Effekt. Wichtig ist letztendlich das Gefühl, das uns der Wald vermittelt. Wir sollten uns in der Natur geborgen fühlen.

Wege zum Bad im Wald

Wer bewusst entspannen oder einfach mal etwas Neues ausprobieren will, der kann schon morgen auf eigene Faust das nächste Idyll aufsuchen. Wichtig ist lediglich, dass man sich auf den gewählten Wald, Park oder Garten einlässt und Ablenkungen wie Smartphone und Musik beiseitelässt. Alternativ gibt es inzwischen eine große Auswahl an geleiteten Angeboten, die man ausprobieren kann.

 

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Bildquellen

  • hand-fuehlt-baumnadeln: © CC0 / Lachlan Ross
  • frau-sitzt-im-wald: © CC0 / Baurzhan Kadylzhanov
  • waldbaden: © magui RF - stock.adobe.com

Sabrina Lieb ist freie Autorin und Fotografin. Ihre Lieblingsthemen findet sie in der Natur und in der Kultur, aber auch bei inspirierenden Menschen und ihren Geschichten. Wenn sie nicht gerade schreibt oder mit der Kamera unterwegs ist, ist sie am liebsten im Wald, am Wasser oder werkelt in ihrem Atelier.

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