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Wie nachhaltiger Mobilfunk funktioniert: Das Beispiel WEtell

Das Foto zeigt einen Hinterkopf mit kurzen Haaren, an das linke Ohr wird ein Handy gehalten.

Kaum etwas ist so schwer zu verstehen wie der Tarifdschungel in der Welt des Mobilfunks. Je nach gewünschter Taktung, Datenvolumen für mobiles Internet oder Smartphone sind die Möglichkeiten schier unbegrenzt. Dann stellt sich aber noch die Frage, wie Provider eigentlich die von uns genutzten Dienste herstellen. In diese chaotische Branche wagen sich drei Freiburger vor, die sich gefragt haben, wie nachhaltiger Mobilfunk funktionieren kann. Seit 2018 befasst sich ihr Startup WEtell mit der Antwort darauf. Im Gespräch erklärt Andreas Schmucker, einer der drei Gründer, wofür WEtell stehen will und warum der Verbraucher auch in der undurchschaubaren Welt des Mobilfunks durch sein Handeln eine Branche zum Umdenken bewegen kann.

Wer steckt hinter WEtell und der Idee „nachhaltiger Mobilfunk“?

WEtell ist ein Mobilfunk-Startup aus Freiburg, das sich derzeit im Unternehmensaufbau befindet. Es möchte die Frage beantworten, wie Dienstleistungen in der Mobilfunkbranche nachhaltiger, fairer und transparenter gestaltet werden können. Die drei Köpfe hinter der Idee für ein grünes Mobilfunkunternehmen sind Alma, Nico und Andreas. Und die drei Gründer haben mittlerweile viel zu tun: Alma ist verantwortlich für den Bereich Wirtschaft und Finanzen und für das Alleinstellungsmerkmal „Klimaschutz“, Nico setzt sein Know-how für die technische Umsetzung und das Alleinstellungsmerkmal „Fairness und Transparenz“ ein und Andreas kümmert sich um die Geschäftsbeziehungen und den Bereich „Datenschutz“.

„Endlich grünfunken“ lautet das Motto der Freiburger. Und das ist gar nicht so einfach. Denn was kaum jemand weiß: Die Netzrechte in Deutschland liegen bei den drei großen Anbietern Telekom, Vodafone und Telefónica Deutschland. Ein weiterer Netzbetreiber ist gerade in der Entstehung. Das bedeutet, dass alle Mobilfunkanbieter, und damit auch WEtell, von einem der drei Riesen abhängig sind.

Eine kleinere Frau steht mit zwei Männern vor dunklem Hintergrund einer Galerie. © WEtell

Das Team hinter WEtell: Alma, Nico und Andreas

Was unterscheidet den nachhaltigen Anbieter WEtell vom Rest der Mobilfunkanbieter?

Grundsätzlich unterscheide sich das Angebot bei WEtell derzeit nicht so sehr von den konventionellen Dienstleistern, muss Andreas gestehen. Aus der Alltagsperspektive sei der Unterschied nicht bemerkbar. Die Netzabdeckung wird für viele Nutzer sogar ein Upgrade darstellen, da WEtell sie mit dem besten D1-Netz versorgt. Das bedeutet eben auch eine sehr gute Verfügbarkeit und Netzgeschwindigkeit. „Darüber hinaus ist es vom Feeling her aber erstmal nichts Anderes“, fügt Andreas dann hinzu, um gleich das größte Missverständnis aus dem Weg zu räumen, es würde sich um eine völlig neue Dimension des Mobilfunks handeln.

Was ist denn dann aber das Besondere an ihrer Idee? WEtell wird ungewöhnliche Alleinstellungsmerkmale vorzeigen müssen, um sich vom Rest der Mobilfunkanbieter glaubwürdig abzuheben. Ihre Stärke sehen Nico, Alma und Andreas vor allem in den Dienstleistungen, die bisher wenig Beachtung gefunden haben und praktisch nicht sichtbar sind. Die Ambition ist es, diese anzufassen und sie fair und nachhaltig zu gestalten. „Mobilfunk ist ein Dienstleistungsprodukt, das man schwer sehen oder greifen kann, ähnlich wie Dienstleistungen im Banken- oder Stromsektor“, sagt Andreas. Dennoch wird die Mobilfunkbranche sehr energiereich betrieben – sowohl was die Arbeitskraft von Menschen als auch die Ressource Strom angeht.

An einem weiteren Punkt hat sich der WEtell-Geschäftsführer ebenfalls gerieben: an der Art und Weise, wie wir es heutzutage in unserer Gesellschaft zu wirtschaften gewohnt sind. WEtell versteht sich als Versuch einer Systemhinterfragung. Die große Sorge um die Zukunft der nachfolgenden Generationen ist für Andreas greifbarer, seitdem er Vater geworden ist. „Was wir mitbringen, ist vor allem das Werteversprechen“, erläutert er. Und: WEtell sei mehr Vision als Produkt. Es soll sich mutig mit Veränderungen auseinandersetzen, die schon lange überfällig sind. Aus eigener Erfahrung will Andreas andere dazu motivieren, sich mit neuen, gewagten Ideen auseinanderzusetzen und aktiv zu werden: „Veränderungen muss man einfach machen!“

Systemkritik als Keimzelle für die Idee „nachhaltiger Mobilfunk“

Bei Andreas ist bereits zu Schultagen das Bedürfnis aufgekommen, zu verstehen, warum in der Wirtschaft kein Interesse daran besteht, Stoffe aus industriellen Verarbeitungsprozessen in ihre ursprünglichen Kreisläufe zurückzuführen. Wir nutzen Ressourcen so, als hätten wir unerschöpfliche Mengen davon. Und was wir nicht mehr benötigen, das werfen wir zum Teil unwiederbringlich weg. Auch die Frage nach der Verwertung von Abfallstoffen aus der chemischen Industrie ließ ihn nicht los. Später hat Andreas dann beruflich seinen Weg zum Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme gefunden, wo er bereits mit seinen heutigen Kollegen Alma und Nico zusammengearbeitet hat. Andreas kann die aufkeimende Skepsis der klimastreikenden Jugendlichen von heute sehr gut nachempfinden.

So will WEtell ab Herbst 2019 als Mobilfunkanbieter durchstarten

Andreas erklärt das Prinzip hinter der Community, die bis Ende März 2019 Interesse signalisieren musste, damit WEtell mit der Idee „nachhaltiger Mobilfunk“ überhaupt ein halbes Jahr später an den Start gehen kann. Mittels Crowdfunding wurde eine erste Marktbestätigung erreicht, um die folgende Finanzierung aufzubauen. Das haben die drei WEtell-Gründer erreicht, indem sie vorab 1.200 Vertragsgutscheine an Interessierte verkaufen konnten. „Alles hätte auch anders gehen können“, sagt Andreas. Doch die drei Freiburger wollten bewusst von der „grünen Wiese“ starten und sich zunächst Gehör verschaffen. Zudem waren „kapitalistische Marketingtricks“ für sie keine Option.

Die Vision von Anfang an mit anderen zu teilen und sich mit einer Community zu verbinden, bedeutet letztlich neue Ideen zu entwickeln. Das soll auch in Zukunft ein wichtiger Teil ihrer Arbeit bleiben. „Wir werben um Menschen, die das auch richtig und wichtig finden und bereit sind, ein bisschen in Vorleistung zu gehen und ein wenig Pioniergeist reinzubringen.“ Nachdem der erste Meilenstein erreicht ist, ist der finanzielle Rahmen noch nicht gesichert. Aktuell ist WEtell auf der Suche nach Investorinnen und Investoren, die gemeinsam den Weg zum Marktstart gehen wollen. Dabei scheint es besonders wichtig, dass diese strategisch und ideell zu WEtell passen. Es bahnen sich bereits interessante Kontakte an.

© WEtell

So sieht die SIM-Karte von WEtell aus.

Die Resonanz auf das Angebot eines nachhaltigen Mobilfunkanbieters

Im Juni 2019 haben die Freiburger das Gründungsstipendium EXIST erhalten, ausreichend für drei Stellen und die Beschaffung von Sachmitteln. WEtell ist nun professioneller organisiert und wird von den drei Gründern nicht mehr nur nebenberuflich verfolgt. Ökonomisch betrachtet sind die drei aber noch nicht am Ziel angelangt. Darum suchen sie weiterhin nach Förderern oder Co-Investoren, die bereit sind, ihre Idee zu unterstützen. Dadurch hätte WEtell die Möglichkeit, sich das benötigte Kapital im Rahmen des Pre-Seed-Programms der L-Bank Baden-Württemberg verfünffachen zu lassen und zur echten Alternative in der Mobilfunkbranche zu wachsen. Als Förderer kommen für die Freiburger aber nur solche Unternehmen oder Personen in Frage, die ähnliche Werte vertreten. Einen moralischen Ausverkauf an Investoren soll es auf keinen Fall geben. Zur Unterstützung ihres Marketings haben sie sich bereits an einen großen Partner gewandt: Alnatura legt die grünen Postkartenbotschaften der Mobilfunker in ihren Filialen aus und macht damit auf den nachhaltigen Provider aufmerksam.

Was kostet nachhaltiger Mobilfunk? Diese Tarife will WEtell anbieten

WEtell will seinen potentiellen Nutzern die Möglichkeit geben, an der Tarifgestaltung mitzuwirken. Das geplante Angebot ist trotzdem durch eine knappe Kalkulation entstanden, um konkurrenzfähig sein zu können. Vier Tarife in einem Preissegment zwischen 10 und 40 Euro sind bisher geplant: „Mikrofon“ für reine Telefonie, „Ultrakurz“ mit 300 Minuten Telefonie und 100 SMS inkl. 1 GB Internet, „Mittelwelle“ für den größeren Telefon- und Internetbedarf und „Superfunk“ mit Allnet-Flat und 8 GB Internetvolumen. Alle Verträge enthalten EU-Roaming und sind – gerade das ist den drei Gründern sehr wichtig – monatlich kündbar. So ist kein Nutzer monate- oder gar jahrelang an einen Vertrag gebunden, den er längst nicht mehr benötigt oder finanzieren kann.

„Der Mobilfunkmarkt funktioniert bisher praktisch nur über den Preis“, bestätigt Andreas. Dadurch ist es ein hart umkämpftes Feld und lässt wenig Raum für Provider, die Wert auf eine Philosophie legen. Das ist Andreas und seinen Kollegen bewusst. Die Konkurrenz bietet attraktive Tarife und bei den Vertragslaufzeiten hat sich ebenfalls viel getan. WEtell wird in einem Nischendasein kaum bestehen können und ist deshalb auch auf Unterstützung durch die „breite Masse“ angewiesen.

Da WEtell keine Pakete mit Endgeräten anbietet, wird auch hier an der Konkurrenzfähigkeit gearbeitet. Die schnelle Ware Mobiltelefon betrachten die drei Freiburger nicht unkritisch und haben deshalb bewusst Abstand von Tarifpaketen genommen. Sie sehen eine Alternative zum Wegwerfkonsum in möglichen Kooperationen mit Herstellern wie Fairphone oder Shiftphone. Grundsätzlich will WEtell aber beim Thema Smartphone nicht in Konkurrenz mit anderen Providern treten. Ganz bewusst nicht.

Aller Anfang ist schwer – auch für den nachhaltigen Mobilfunkanbieter

„Die größte Herausforderung war die Frage, ob man als motivierter Unternehmer überhaupt Mobilfunkanbieter werden kann“, so Andreas. Beim Blick auf Tarifoptionen und Konkurrenz kann man wirklich nicht von einer kleinen Herausforderung sprechen. Dennoch haben die drei Freiburger mit WEtell den Versuch gewagt und wurden schnell positiv überrascht. Um das Interesse für die Marktlücke zu testen, wollten sie in sechs Wochen 1.000 interessierte Menschen und potentielle Kunden finden. Am Ende waren es dann mehr. Das war die Bestätigung, dass sie mit ihrer Vision richtigliegen.

Grundsatzfrage: Kann Mobilfunk überhaupt zu 100 Prozent nachhaltig sein?

Da Nachhaltigkeit keine klar definierte Größe ist und alles immer irgendwie noch nachhaltiger sein könnte, haben die Gründer für den Anfang Prioritäten gesetzt. In Zukunft soll der Mobilfunk von WEtell zu 100 Prozent nachhaltig sein.

Die ersten Maßnahmen laufen bereits. Der Anbieter setzt auf erneuerbare Energien und arbeitet in Kooperation mit den Elektrizitätswerken Schönau an ihrer Energiewende. Kooperationen mit Partnerunternehmen werden nur eingegangen, wenn diese ebenfalls nachhaltige Werte vertreten. Die Netzanbinder, Agenturen und restlichen Dienstleister, die sich noch nicht aus erneuerbaren Energiequellen versorgen, will WEtell dazu motivieren, ebenfalls umzustellen. Eine CO2-Kompensation sehen die drei Freiburger lediglich als Übergangslösung.

Seinen Netzanbieter Telekom zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen, ist für WEtell momentan leider noch unvorstellbar. Es besteht aber die Hoffnung, dass sich die großen Anbieter durch das wachsende Interesse der Öffentlichkeit in Sachen nachhaltiger Mobilfunk in ihrer Haltung neu positionieren. Je größer die Community, umso besser kann sie sich für ihre Forderungen nach einem Systemwandel einsetzen. Andreas sieht in einer (um)weltbewussten Haltung die eigentliche WEtell-Vision. Erfreulich wäre es, wenn die WEtell-Community eine Bewegung auslösen würde, die über die Mobilfunkbranche hinaus nachwirkt.

© WEtell

Das Schaubild zeigt übersichtlich, wie WEtell 100 Prozent nachhaltig werden will.

WEtell will für seine Kunden transparent sein

WEtell will sich von anderen Mobilfunkanbietern in seiner Transparenz unterscheiden und verspricht, keine Kundendaten zu speichern. Aus diesem Grund werden Kunden grundsätzlich keine Einzelverbindungsnachweise zu ihren monatlichen Abrechnungen erhalten. Mit einer transparenten Preisgestaltung wollen die Freiburger zudem zeigen, wie wichtig ihnen das Vertrauen ihrer Kunden ist. Wie erwähnt können Nutzer dank der monatlichen Kündigungsfrist jederzeit aus dem Vertrag aussteigen. Damit setzt WEtell auf Qualität und die Überzeugung, dass Interessierte die Vorteile eines nachhaltigen Mobilfunkdienstes entsprechend wertschätzen werden. Grundsätzlich sieht Andreas auch keinen Nachteil in der Veröffentlichung von Unternehmenszahlen und Margen. Bis es soweit ist, will das Unternehmen weiter an seinen Dienstleistungen feilen.

WEtell soll sich gemeinsam mit seinen Nutzern nachhaltig entwickeln

Das Konzept stehe noch nicht vollständig, muss Andreas zugeben. Das „Produkt“ nachhaltiger Mobilfunk soll deshalb zukünftig noch stärker ausgearbeitet werden. Das heißt, den Weg zum Ziel zu erklären und das Angebot hinsichtlich Nachhaltigkeitskriterien kontinuierlich zu verbessern. Im solidarischen Bereich sehen die WEtell-Gründer ein großes Entwicklungspotential für die Branche. Eine persönliche Beziehung und die individuelle Behandlung aller Kunden sowie die Einführung eines Solidarbeitrags sind dabei die Vorhaben. Außerdem wollen die Jungunternehmer die Bonitätsprüfung abschaffen, die in ihren Augen weder aussagekräftig noch fair sei. Eine Wertegemeinschaft bedeute letztlich auch, sich aufeinander verlassen zu können. Andreas sieht eine gelingende Beziehung zwischen WEtell und seinen Nutzern in einer gleichwertigen Partnerschaft: „Wir wollen, dass sich unsere Kunden mit uns identifizieren und wir wollen uns mit unseren Kunden identifizieren.“

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Bildquellen

  • wetell-gruender: © WEtell
  • wetell-sim-karte: © WEtell
  • wetell-so_wirds_gruen_0001: © WEtell
  • nachhaltiger-mobilfunk: © CC0 / Didgeman

Als Autorin ist Agata noch grün hinter den Ohren, dafür ist die Waschbär-Assistentin umso verrückter nach grünen Ideen. Sie kann sich nur schwer von gebrauchten Gegenständen trennen, denn Bastelerfahrung sammelt sie schlichtweg lieber als Kassenbons. In ihr wohnt eine kleine Idealistin, die es genießt, der Welt ihre Geschichten zu entlocken – ob auf Reisen, beim Plausch mit Lebemenschen oder durch spannende Lektüre. Inspiration bezieht sie aus Begegnungen mit Querdenkern, die optimistisch und unkonventionell nach Lösungen suchen.

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