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Gemeinwohl-Ökonomie – die alternative Wirtschaftsform der Zukunft?

Ein Mädchen steht vor einem See und hält einen Globus in die Luft.

Von der Ressourcenknappheit über die Klimakrise bis hin zur größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich: Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass viele Probleme unserer Zeit die Folge des Kapitalismus sind. Über die Krisen des Kapitalismus schreibt auch Christian Felber in seinem Buch Gemeinwohl-Ökonomie. Ursächlich für diese Krisen sind für ihn die treibenden Motive der kapitalistischen Wirtschaftsordnung: Gewinnstreben und Konkurrenz. Felber zufolge fördern diese Motive egoistisches sowie rücksichts- und verantwortungsloses Verhalten. Um unsere Probleme in den Griff zu bekommen, muss sich die Wirtschaft an anderen Motiven ausrichten. Und das ist der Ansatz, den Felber gemeinsamen mit Pionierunternehmen entwickelt hat.

Worum geht es bei der Gemeinwohl-Ökonomie?

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein alternatives Wirtschaftssystem zum Kapitalismus. Sie ist zwar eine Marktwirtschaft mit privaten Unternehmen und freien Märkten. Betriebe sollen darin jedoch kooperieren, anstatt in Konkurrenz zueinander nach Gewinn zu streben. Oberstes Ziel ist nicht mehr die Mehrung des Gewinns, sondern die Ermöglichung eines guten Lebens für alle. Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich als eine ethische Marktwirtschaft, die Solidarität und Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt.

Die ethische Marktwirtschaft dient nicht dem Geld, sondern ihrem eigentlichen Zweck: der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse. Firmen können und sollen weiterhin rentabel arbeiten. Gewinne sind jedoch nicht länger Selbstweck, sondern nur noch Mittel zum Zweck. Man setzt sie zur Stärkung der Betriebe ein oder investiert sie sinnstiftend. Damit dienen sie nicht länger der Vermehrung des Vermögens externer Kapitalgeberinnen und -geber. Auch das Anhäufen von Geld über Transaktionen am Finanzmarkt ist nicht länger das Ziel.

Was versteht man unter „Gemeinwohl“?

Die Ausrichtung der Wirtschaft am Gemeinwohl ist nicht bloß Wunschdenken von Menschen, die die Welt verbessern möchten, sondern Verfassungsziel. So heißt es im deutschen Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“. Oder in der bayerischen Verfassung: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“. Was damit genau gemeint ist, bleibt jedoch unklar.

Das deutsche Grundgesetz liegt mehrfach gestapelt auf einem Tisch. © CC0 / InstagramFOTOGRAFIN

Der Begriff des Gemeinwohls ist im Gesetz nicht genau definiert, taucht aber bereits in Artikel 14 auf.

Christian Felber und seine Mitstreitenden haben den Begriff des Gemeinwohls mit fünf Werten definiert: Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitentscheidung. Marktakteurinnen und -akteure handeln zum Wohle aller, wenn sie diese Werte umsetzen. Sprich: sich wertschätzend und respektvoll, solidarisch, gerecht, nachhaltig und demokratisch verhalten.

Diese Begriffsbestimmung ist nicht in Stein gemeißelt. Damit ihre Definition einen aktuellen gesellschaftlichen Konsens abbildet, haben sich Christian Felber und Co. wesentlich an zwei Bereichen orientiert, in denen die Werte in irgendeiner Form verankert sind: den Verfassungen demokratischer Staaten sowie zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Bewegung fordert „die Wirtschaftsordnung als auch rechtlichen Marktgesetze mit den Beziehungs- und Verfassungswerten der Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen.“

Wie lässt sich ein Unternehmen bewerten?

Heute können Unternehmen die Umwelt zerstören, niedrige Löhne zahlen und Sinnlosigkeiten produzieren – solange sie Gewinn machen, gelten sie als erfolgreich. In der Gemeinwohl-Ökonomie ist das anders: Hier misst sich der Erfolg nicht länger an Finanzzahlen, sondern primär am Beitrag zum Gemeinwohl.

„Gemessen“ wird die Leistung mit der Gemeinwohl-Bilanz. Diese erstellt man mithilfe einer speziellen Matrix. Darin wird konkret abgefragt, wie die Firmen die Gemeinwohl-Werte gegenüber ihren Berührungsgruppen umsetzen. Hierzu zählen etwa Lieferantinnen und Lieferanten, Geldgebende, Mitarbeitende, Kundinnen und Kunden, Mitunternehmen oder das gesellschaftliche Umfeld. Die Betriebe weisen jedem Aspekt eine bestimmte Punktzahl zu. Je besser der Einsatz für das Gemeinwohl, desto mehr Punkte bekommt eine Organisation. Am Ende steht eine Summenpunktzahl: das Ergebnis der Gemeinwohl-Bilanz.

Wie kann dieses System zu einer ethischen Wirtschaft verhelfen?

Die Bilanz ist vergleichbar mit Berichtsstandards, nach denen Betriebe bereits heute – überwiegend freiwillig – ihre Nachhaltigkeitsreports erstellen. Nach Felber ist sie jedoch wirksamer. Mit dem Ergebnis nach Punkten lassen sich die ethischen Leistungen direkt miteinander vergleichen. Außerdem erfolgt eine Überprüfung durch Auditoren. Unter diesen Voraussetzungen lässt sich die Bilanz schon heute anwenden.

Verschiedene Statistiken und Auswertungen sind in einer Bilanz aus der Gemeinwohl-Ökonomie auf einem Blatt zu sehen. © CC0 / fauxels

Die Bilanz kann beispielsweise CO2-Einsparungen oder die Transparenz in der Lieferkette eines Unternehmens aufzeigen.

In einer Gemeinwohl-Ökonomie wäre die Bilanz – anders als heute – verpflichtend. Zum anderen hätten die Ergebnisse Konsequenzen. Und das soll so aussehen: Je mehr Gemeinwohl-Punkte ein Betrieb hat, desto mehr rechtliche Vorteile genießt er. Zum Beispiel in Form von niedrigen Steuern, günstigen Krediten und Förderungen. Unternehmen mit niedriger Punktzahl schließt man von Subventionen aus. Stattdessen belastet man sie mit hohen Steuern und Zinsen. Das führt laut Felber zu einer Umpolung heutiger Verhältnisse: Nicht mehr rücksichtsloses, egoistisches Verhalten führt zu Kosten- und Wettbewerbsvorteilen, sondern ethisches Verhalten. Ethische Unternehmen könnten sich so systematisch an den Märkten durchsetzen.

Kann die Gemeinwohl-Bilanz alle Probleme lösen?

Die Bilanz ist das Herzstück des Gemeinwohl-Modells. Ähnliche Instrumente soll es für Volkswirtschaften und Investitionen geben. Getan ist es damit nicht. In seinem Buch befasst sich Felber auch mit den Rahmenbedingungen einer Gemeinwohl-Ökonomie. Dazu gehört die Reformierung des Geld- und Finanzsystems mit teilweiser Schließung von Finanzmärkten. Außerdem schlägt er Begrenzungen bei privatem Eigentum und Vermögen vor. Damit will er Machtgefälle zugunsten ökonomischer Eliten begrenzen. In der Gemeinwohl-Ökonomie sollen alle gleichberechtigt am wirtschaftlichen und politischen Leben teilhaben. Eng mit diesem Ansinnen verbunden ist die Stärkung der souveränen Demokratie, damit möglichst viele Menschen mitgestalten und mitentscheiden können.

Ist die Gemeinwohl-Ökonomie ein fertiges Umsetzungsmodell?  

Die Gemeinwohl-Bewegung selbst ist demokratisch aufgestellt. Sie hat nicht den Anspruch, ihr Modell über die Köpfe der Menschen hinweg als Nonplusultra durchzufechten. Eher geht es darum, einen Transformationsprozess voranzubringen. In seinem Buch bezeichnet Felber sein Konzept als „demokratischen Umsetzungsvorschlag“, der unter Beteiligung aller Reformwilligen weiterentwickelt werden kann. Wenn es nach Felber geht, sollen Grundsatzfragen zu Wirtschaft und anderen Bereichen in Konvents entschieden sowie in Gesetzen und Verfassungen verankert sein.

Mehrere Personen sitzen gemeinsam in einem Büro und erarbeiten an einer Pinnwand Ideen und Vorschläge. © CC0 / fauxels

Die Gemeinwohl-Ökonomie soll stetig und gemeinsam weiterentwickelt werden.

Welche Kritikpunkte gibt es?

Gerade dieser demokratische Ansatz steht in der Kritik. Dirk Löhr, Professor für Steuerlehre und Ökologische Ökonomik, gibt zu bedenken, dass selbst ein demokratisch gewählter Konvent aus einer begrenzten Anzahl von Menschen bestehe, „die aber ihre Anschauung allgemeinverbindlich macht. (…) Viele Kritiker befürchten an dieser Stelle totalitäre Züge.“ Zudem warnt Löhr vor den Folgen eines im Sinne Felbers reformierten Geld- und Zinssystems. Dies würde zur Abwanderung von Firmen sowie zu Arbeitslosigkeit und Knappheit führen. Wie andere Kritikerinnen und Kritiker zweifelt auch Löhr an der Aussagekraft der Bilanzergebnisse. Werteorientiertes Handeln lasse sich nur subjektiv bewerten.

Die Wirtschaftskammer Österreich kritisiert den enormen bürokratischen Aufwand – da man jeden Betrieb bewerten und anschließend noch über die rechtlichen Vor- und Nachteile bestimmen müsse. Sie befürchtet außerdem, „dass die Freiheit von Individuen und Unternehmen in der Gemeinwohl-Ökonomie massiv beschränkt wird.“

Wird die Gemeinwohl-Ökonomie schon praktisch erprobt?

Das Modell wird nicht nur kritisiert, sondern erhält auch viel Unterstützung. Weltweit engagieren sich Tausende Menschen in Arbeitskreisen, Regionalgruppen und Fördervereinen, um das Modell weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Für die Bewegung ein Meilenstein: Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss hat sich für die Integration der Gemeinwohl-Ökonomie in den Rechtsrahmen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten ausgesprochen.

Pionierinnen und Pioniere haben sich derweil schon auf den Weg der Umsetzung gemacht: Rund 600 Unternehmen erstellen aktuell die Gemeinwohl-Bilanz. Dazu gesellen sich rund 60 Städte und Gemeinden, die das Konzept auf verschiedene Art und Weise fördern. Außerdem befassen sich etliche Universtäten in Lehre und Forschung mit dieser Form der Ökonomie.

Auch ohne aktiv der Bewegung anzugehören, gehen bereits viele Firmen Wege jenseits der Profitmaximierung. Ein Beispiel ist die Triaz Group, zu der Waschbär gehört. Hier tritt der Sinn des Unternehmens an die Stelle Gewinns. Damit das so bleibt, hat sich die Triaz Group in ein Purpose Unternehmen umformiert. Sie kann damit auch in Zukunft frei von Gewinninteressen Außenstehender arbeiten und so ihrer Mission treu bleiben.  

 

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Katja Hellmuth ist freie Texterin für grüne Themen. Schokopralinen und Tanzmusik ist sie willenlos ausgeliefert. Die freie Zeit zwischen Texten und Familienalltag verbringt die gelernte Laborantin und Dipl.-Medienwissenschaftlerin am liebsten mit schweißtreibenden Workouts und „inneren Einkehr-Übungen“ für mehr Seelenpower.

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