Zwillingskrisen: Wie Klimawandel und Artensterben zusammenhängen

Links im Bild rissiger, vertrockneter Boden und rechts tote Hummeln auf einer Handfläche.

Weltweit werden die Wetterextreme zunehmend dramatischer. Hitzewellen, Dürren, Flächenbrände, Überschwemmungen, das Schmelzen der Pole und damit der Anstieg des Meeresspiegels: der Klimawandel ist real und wird durch unser menschliches Tun weiterhin massiv beschleunigt. Er bedroht nicht nur das Leben der Menschen in den von Wetterextremen betroffenen Regionen, sondern auch das Überleben vieler Tier- und Pflanzenarten. Die Klimakrise und das Artensterben machen nicht zufällig immer häufiger Schlagzeilen. Sie gelten als „Zwillingskrisen“. Wie und warum sich beides gegenseitig verstärkt, erklärt Sebastian Kolberg vom Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU). Der Referent für Artenschutz erläutert die Zusammenhänge zwischen den beiden untrennbaren Zwillingskrisen und gibt Tipps, wie Sie mit kleinen Verhaltensänderungen im Alltag das Klima schützen und die Biodiversität fördern können.

Herr Kolberg, dass sich Arten entwickeln und verschwinden gehört zur Geschichte unseres Planeten dazu. Was deutet darauf hin, dass es der Eingriff des Menschen ist, der diesen natürlichen Prozess ungünstig beeinflusst?

Der Mensch übt in nahezu jeder Hinsicht Einfluss auf seine Umwelt aus. So werden z.B. natürliche Lebensräume durch Infrastruktur und Siedlungsgebiete zerschnitten und große Flächenanteile monokulturell bewirtschaftet und damit dauerhaft ge- oder gar zerstört. Pestizide vergiften Insekten und Böden und zerstören so wichtige und grundlegende Funktionen des Ökosystems. Fischbestände werden bis zur Ausrottung dezimiert, Mikroplastik sammelt sich in verschiedensten Lebensräumen an. Gehen Lebensräume verloren, verschwinden die darin beheimateten Arten. Insbesondere Spezialisten, also auf eher seltene Lebensräume angewiesene Arten können dabei besonders betroffen sein. Hinzu kommt, dass die Lebensweise des Menschen sehr viel Energie verbraucht. Die Verbrennung fossiler Kohlenstoffe durch Kohlekraftwerke, Flugverkehr, Industrie, individueller Mobilität u.v.m. bedingt den mittlerweile belegten Klimawandel.

Der Klimawandel und das Artensterben gelten mittlerweile als Zwillingskrisen. Welche Zusammenhänge gibt es hier?

Der Klimawandel bewirkt in vielen Teilen der Welt einen raschen Wandel der Lebenssituationen. Temperaturanstiege und Wetterextrema z.B. können die Lebensbedingungen vieler Arten stark verändern. Gleichzeitig kann ein intaktes Ökosystem eine bestimmte klimatische Regulationswirkung entfalten. Denken wir z.B. an die tropischen Regenwälder. Sie sind nicht nur die grüne Lunge des Planeten, sondern spielen auch eine regulative Rolle für das Klima. Brandrodungen und Abholzungen haben mittlerweile dazu geführt, dass diese Ökosysteme immer weiter schrumpfen. Damit nimmt auch ihre klimatische Funktion ab.

Ein anderes Beispiel sind die Ozeane. So gilt z.B. zu befürchten, dass der warme Golfstrom, welcher das milde Klima in Europa maßgeblich bestimmt, sich verlangsamt oder sogar zum Erliegen kommen könnte. Hier gibt es verschiedene Szenarien. Zwei aktuelle Studien deuten jedoch auf die Veränderungen in Salzgehalt und Dichte des Meerwassers hin, welche die Strömung beeinflussen. Als eine Ursache wird dabei das verstärkte Abschmelzen des Polareises genannt. Die damit einhergehenden klimatischen Veränderungen auf dem europäischen Kontinent hätten auch Auswirkungen auf die Lebensräume und die darin vorkommenden Arten.

In der offenen Handfläche liegen neun tote Hummeln.
Auch vermeintlich gewöhnliche Arten wie Hummeln sind vom Artensterben betroffen.© NABU / Peter Hildebrandt

Was sind die Folgen des Klimawandels für Flora und Fauna?

Dem aktuellen Sonderbericht des Weltklimarates zu Folge kann der weltweite mittlere Temperaturanstieg zu einem Rückgang der Artenvielfalt von bis zu 30 Prozent führen. Je geringer der Temperaturanstieg, desto geringer die negativen Auswirkungen. Bei einem Anstieg von 2 Grad Celsius z.B., so sagen Modellrechnungen, könnten 25 Prozent der Arten in Schlüsselregionen vom Aussterben bedroht sein. Besonders Pflanzen sind dabei betroffen, da sie sich nicht schnell genug anpassen können. Negative Folgen für die von diesen Pflanzen abhängigen Arten sind dabei nicht auszuschließen.

Nun die Henne-Ei-Frage: Welche der Zwillingskrisen war zuerst da – Klimawandel oder Artensterben?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Klar ist, dass das menschliche Handeln, hier der Ausstoß von Treibhausgasen, derzeit der große Treiber im Klimawandel ist. Auch das Artensterben ist vorrangig durch menschliches Handeln bedingt. Hier sind dies vor allem die Nutzungsformen von Land und Meeren wie auch die direkte Ausbeutung der Natur und ihrer Ressourcen. Beide, Übernutzung und Ausbeutung, sind für über die Hälfte der weltweiten Ökosystemveränderungen verantwortlich. An dritter Stelle folgt der Klimawandel als Treiber für den Artenschwund. Wie bereits angemerkt verstärken sich Klimawandel und Artensterben in bestimmtem Maße gegenseitig. Die Frage sollte also nicht sein, wer zuerst da war, sondern was können wir tun, um dem entgegenzuwirken!

Starker Wind peitscht Regen durch eine Straße.
Wetterextreme sind eine Auswirkung des Klimawandels, die ihn für immer mehr Menschen spürbar werden lässt.© NABU/ H. May

Herr Kolberg, glauben Sie, dass wir das Artensterben noch stoppen können? Welche Handlungsmöglichkeiten haben wir derzeit noch? Und welche Forderungen stellt der NABU?

Ob dies möglich sein wird, kann man leider nicht sagen. Jedoch sind wir alle in der Verantwortung, es zu versuchen. Insbesondere die derzeitige, destruktive Form der Nutzung von Land und Meeren wie auch die Ausbeutung der Ressourcen müssen gestoppt werden. Wir benötigen einen schnellen transformativen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit. Dazu müssen kurzfristig die bereits bestehenden Instrumente wie bspw. die europäische Fauna-Flora-Habitatrichtlinie viel energischer umgesetzt werden. Darüber hinaus gilt es aber, Politiken und Subventionen mit schädlichen Umweltauswirkungen abzuschaffen oder sie entsprechend zu reformieren. Hier wäre z.B. die Reform der EU-Agrarpolitik mit ihren fast 60 Milliarden Agrarsubventionen jährlich ein starker Hebel. Davon fließt derzeit nur ein Bruchteil in Naturschutzmaßnahmen.

Natürlich müssen wir die Klimakrise endlich angehen. Dazu brauchen wir mehr Effizienz, die naturverträgliche Substitution von fossilen Energieträgern, die Förderung von natürlichen Treibhausgassenken und die Wiederherstellung degradierter Ökosysteme. Zudem müssen Natur- und Artenschutzmaßnahmen verstärkt werden. Und wir benötigen verstärkte Anstrengungen in Bildung, um in all diesen Bereichen eine echte Nachhaltigkeit zu erreichen.

Insgesamt gilt, dass wir uns innerhalb der planetaren Grenzen bewegen müssen. Eine zweite Erde gibt es aber nicht. Deshalb gehört dazu grundsätzlich auch eine Abkehr vom Paradigma des stetigen Wirtschaftswachstums. (Lesen Sie hier den Beitrag zur Postwachstumsökonomie im Waschbär-Magazin.)

Welche konkreten Tipps können Sie jedem Einzelnen für den Alltag geben und wie sich Klima- und Artenschutz kombinieren lassen, um den Zwillingskrisen zu begegnen?

Auch kleine Schritte können eine große Wirkung haben. Beim Konsum auf Umweltverträglichkeit achten, Plastik vermeiden, Mehrweg statt Einweg, Fahrrad anstatt Auto, Fahrgemeinschaften und den öffentlichen Nahverkehr nutzen, Müll vermeiden. Ein schwieriges Thema ist immer der Fleischkonsum. Die Produktion von Fleisch hat jedoch einen großen Anteil an der derzeitigen Umweltzerstörung. Es ist daher sehr vernünftig, weniger Fleisch zu konsumieren. Diese Liste könnte man lang weiterführen. Insgesamt kann ein genügsamerer und reflektierter Lebensstil schon viel erreichen. Auch kann man sich engagieren und Bewegungen wie Fridays for Future oder Umwelt- und Naturschutzverbände unterstützen. Nicht zu vergessen ist der praktische Naturschutz vor der Haustür. Ob Fledermauskasten, Insektenhotel oder das Anlegen einer heimischen Blütenwiese, es gibt viele verschiedene Möglichkeiten. Im Netz wie z.B. unter www.NABU.de findet man dazu viele nützliche Tipps und Tricks.

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