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Die Kräuterfrauen: Gärtnern im Einklang mit der Natur

Zwei Kräuterfrauen arbeiten in einem blühenden Kräutergarten.

„Atme Durch“, „Blühe Auf“, „Fühle Heimat“, „Denk Klar“: Mit diesen und vielen weiteren guten Wünschen benennen die Kräuterfrauen aus Baden-Württemberg ihre feinen Teemischungen. Darin finden sich Blätter und Blüten zahlreicher Blumen und Heilkräuter. Diese sind mancherorts bereits in Vergessenheit geraten, die Frauen wissen über die wohltuenden Wirkungen jedoch bestens Bescheid. Von A wie Agastache bis Z wie Zitronenverbene: 70 verschiedene Kräuter bauen sie heute in 28 Gärten und Höfen in ganz Baden-Württemberg an.

Die Kräuterfrauen lassen Gärten und Felder aufblühen

Von der sonnigen Rheinebene über die Höhen des Schwarzwaldes bis hinab in die fruchtbare Bodensee-Region bilden die Gärten und Felder der Kräuterfrauen kleine Oasen für alle Sinne. Blüten schillern in allen Farben, an denen man sich kaum sattsehen möchte. Feine Düfte und Aromen wehen wie Vorboten der Teemischungen durch die Lüfte, beim Ernten wird oft gemeinsam mit angepackt. Und spätestens dann, wenn man die Augen schließt und kurz innehält, hört man es überall summen und brummen.

„Unsere klein strukturierte Art des Kräuteranbaus, ganz ohne künstliche Düngemittel oder chemische Pestizide, verschafft nicht nur den Anbauerinnen eine erfüllende Tätigkeit und ein Einkommen, sondern bietet auch Rückzugsinseln und Nahrung für zahlreiche Insekten und andere Tiere. Biologische Landwirtschaft ist für uns eine Selbstverständlichkeit“, erzählt Elke Lichtblau-Reitter, die Vorstandsvorsitzende im Verein ist. Ihr Lieblingskraut ist die Melisse, die sie, neben Sonnenblumen und allerlei anderen Kräutern, auf ihren Feldern selbst anbaut.

Eine Kräuterfrau sammelt Blüten von prächtig blühenden Königskerzen. © Archiv Kräutermanufaktur

Über den Anbau von Pflanzen wie der Königskerze freuen sich zahlreiche Insekten.

In heimischen, samenfesten Heilkräutern ist „mehr drin“

Auch beim Saatgut schauen die Frauen genau hin: Sie verwenden ausschließlich biologisches, samenfestes Saatgut von Pflanzen, die in der Region heimisch sind. „Viele Insekten können den Pollen exotischer Pflanzen nicht verwerten. Und zahlreiche Blumen, die man heutzutage im Gartencenter kaufen kann, sind nur auf schönes Aussehen gezüchtet. Aromen, Inhaltsstoffe oder Futterqualität für Insekten kommen da oft zu kurz“, so Andrea Krayl. Sie sammelt für den Verein nicht nur Kräuter und baut diese an, sondern ist im Büro auch in Teilzeit angestellt.

Bei den Kräuterfrauen zählt die Gemeinschaft

Die Überzeugung, dass viele Frauen zusammen etwas Größeres schaffen können als jede für sich allein, prägt den Verein bis in seine Wurzeln. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, der Austausch untereinander ist sehr wichtig. „Jede Woche gibt es eine Rundmail, in der wir uns gegenseitig auf den aktuellen Stand bringen. Bei gemeinschaftlichen Ernteaktionen, bei den Mitgliederversammlungen oder bei informellen Treffen lernen wir nicht nur voneinander, sondern haben zudem einfach Freude an der Gemeinschaft“, so Elke Lichtblau-Reitter. Auf diese Weise sorgen die Kräuterfrauen auch untereinander dafür, dass die guten Wünsche ihrer Tee-Namen wahr werden. Denn zusammen können sie aufblühen, durchatmen, ihre Heimat fühlen und stark bleiben. Besonders in herausfordernden Zeiten wie diesen.

Ganze Blätter und Blüten für höchste Qualität

Die besondere Qualität ihrer Produkte lässt sich nicht nur mit dem Saatgut und den schonenden Anbaumethoden erklären. Ernten, Trocknen, Mischen und Verpacken – all das geschieht in Handarbeit. So lässt sich sicherstellen, dass sich keine Unkräuter dazwischenschummeln und dass Blüten und Blätter möglichst unversehrt bleiben. Elke Lichtblau-Reitter erklärt, warum gerade das wichtig ist: „Geschredderte Tees verlieren innerhalb eines Jahres bis zu 50 Prozent ihrer Wirkstoffe und Aromen, denn an jedem Schnitt oder Riss tritt kostbares Sekret aus. Bei unseren Tees aus ganzen Blättern und Blüten liegt der Verlust nur bei etwa fünf Prozent pro Jahr.“ Gleich nach der Ernte werden die Kräuter von den Anbauerinnen selbst getrocknet und anschließend behutsam in Papiersäcke gepackt.

Ganze Blüten werden von den Kräuterfrauen auf Gittern getrocknet. © Archiv Kräutermanufaktur

Ganze Blüten behalten ihr wertvolles Aroma deutlich länger.

Die Kräuterzentrale: Manufaktur im ehemaligen Kuhstall

In Schwanau-Ottenheim, etwa 20 Kilometer südwestlich von Offenburg, befindet sich in einem ehemaligen Kuhstall der Dreh- und Angelpunkt der Initiative: die Kräutermanufaktur. Hier werden die kostbaren Schätze gelagert, gemischt und verpackt. Für die Vermarktung und Organisation der Kräutermanufaktur wurden eine Voll- und eine Halbtagsstelle geschaffen. Vier weitere Frauen sind in der Manufaktur geringfügig beschäftigt. Wann immer mehr Hände benötigt werden, packen die Anbauerinnen selbst mit an – selbstverständlich ebenfalls gegen Bezahlung. „Gerne würden wir noch mehr feste Stellen schaffen, doch dafür brauchen wir mehr Kräuter. Schon heute kommen wir mit den Bestellungen kaum hinterher – obwohl wir sehr wenig Werbung machen. Unser Vertriebsnetzwerk ist über die Jahre ganz natürlich gewachsen – genau wie unsere Kräuter eben“, so Andrea Krayl.

Gemeinsam weiterwachsen: neue Kräuterfrauen gesucht

An Aufträgen mangelt es also nicht. Stattdessen bräuchten sie dringend mehr Anbaufläche und weitere Mitglieder, die ihre Leidenschaft teilen und Lust haben, mitzumachen. „Mit dem Zukauf von Ware haben wir schlechte Erfahrungen gemacht – das passt nicht zu uns und unseren Ansprüchen. Bevor wir Abstriche bei der Qualität machen, nehmen wir es lieber in Kauf, dass unsere Tees schon im Herbst ausverkauft sind“, sagt Elke Lichtblau-Reitter entschlossen. Über regionalen Neuzuwachs im Verein hingegen würde sie sich sehr freuen. Die Fläche je Kräuterfrau, zu der auch Wiesen zum Sammeln von Wildkräutern zählen können, sollte allerdings mindestens 500 Quadratmeter groß sein. Bio-Neulinge sind ebenfalls willkommen.

Wer in der Vergangenheit konventionell gegärtnert hat, bekommt als Mitglied bei den Kräuterfrauen von Anfang an die gleichen Preise wie alle anderen. Das gilt gleichermaßen während der Umstellungsphase, die bis zu drei Jahre dauern kann. „Wer auf Bio umstellt, tut sich selbst, unserer Umwelt und unseren Kundinnen und Kunden etwas Gutes. Für diese Entscheidung sollte niemand finanzielle Nachteile erleiden“, so Elke Lichtblau-Reitter.

Vorträge, Seminare und Kräuterwanderungen

Einige Vereinsmitglieder – darunter vor allem jene, die eine Zusatzausbildung im Bereich Heilpflanzenkunde abgeschlossen haben – bieten Kräuterfans direkte Einblicke in ihre kleinen Oasen. „Corona hat solche Angebote natürlich erschwert, doch wir bekommen nach wie vor viele Anfragen. Wenn es die Pandemielage erlaubt, möchten wir in diesem Jahr wieder mehr Gartenführungen, Seminare, Kräuterwanderungen und Verkostungen anbieten“, so Andrea Krayl. Damit möchten die Kräuterfrauen nicht nur ihren Verein und ihre Produkte bekannter machen. Sie möchten den Menschen zudem wieder mehr Wissen und Wertschätzung für heimische Kräuter vermitteln. 

Die gelben Blüten der Königskerze werden in einem geflochtenen Korb gesammelt. © Archiv Kräutermanufaktur

Über Pflanzen gibt es viel zu lernen – die Kräuterfrauen geben ihr Wissen zur Verwendung gerne weiter.

Superfood vom Wiesengrund: warum in die Ferne schweifen?

Elke Lichtblau-Reitter ist überzeugt: „Kräuter sind das Superfood aus der Region. Um sich nährstoffreich und gesund zu ernähren, muss man keine Lebensmittel vom anderen Ende der Welt hertransportieren. Brennnesseln zum Beispiel haben sehr viel Vitamin C. Sie wirken reinigend und ausleitend, man kann ihre ganzen Blätter, Samen und Wurzeln verwenden – und sie wachsen bei vielen von uns unbeachtet gleich vor der Haustüre.“ Andrea Krayl hat es das kleine, unscheinbare Gänseblümchen besonders angetan: „Haben Sie sich schon mal gefragt, warum gerade so ein zartes Blümchen auch im kalten Winter seine Blüten und Blätter behält? Allein daran erkennt man seine stärkenden Kräfte. Außerdem wächst es nur auf ungespritzten Feldern – ein weiterer Grund, warum es so gut zu uns und unseren Tees passt.“

Bunt gemischt wie ihre Tees: Das sind die Kräuterfrauen

Die Anbauerinnen der Initiative sind so verschieden wie ihre Kräuter: Die Jüngste ist 30, die Älteste 75 Jahre alt. Einige haben 500, andere bis zu 3.000 Quadratmeter Anbaufläche. Manche haben neben dem Gärtnern noch einen anderen Beruf, andere sind ausgebildete Kräuterpädagoginnen oder Bäuerinnen. „Und neuerdings sind wir sogar noch vielfältiger“, erzählt Elke Lichtblau-Reitter „Denn seit 2021 sind auch zwei Männer mit von der Partie. Bei uns sind alle willkommen, die Kräuter lieben und unsere Welt ein kleines bisschen besser machen wollen.“

Die Produkte der Kräuterfrauen können Sie in ihrem Onlineshop erwerben. Hier finden Sie zudem eine Übersicht aller Märkte und Verkaufsstellen. Diese befinden sich vorwiegend in Baden-Württemberg, jedoch auch in einigen anderen Bundesländern. Darüber hinaus erhalten Sie hier Informationen über Führungen und Veranstaltungen.

Wohnen Sie selbst in Baden-Württemberg? Haben Sie einen großen Garten oder gar einen Bauernhof und könnten Sie sich vorstellen, für den Verein biologische Kräuter anzubauen? Die Kräuterfrauen freuen sich über Ihre Kontaktaufnahme: E-Mail: info@kraeuterland-bw.de, Telefon: 07824 7039960.

 

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Bildquellen

  • koenigskerze-im-garten: © Archiv Kräutermanufaktur
  • blueten-trocknen: © Archiv Kräutermanufaktur
  • koenigskerze-blueten-ernten: © Archiv Kräutermanufaktur
  • kraeuterfrauen-bei-der-arbeit: © Archiv Kräutermanufaktur

Während eine Pilgerwanderung besann sich Ina Hiester auf das, was sie am liebsten tut: aufs Texten. Seither verbringt die digitale Nomadin die meiste Zeit des Jahres auf einem Segelboot im Mittelmeer, befreit Strände und Buchten von Plastik und schreibt über die ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit.

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