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Vogelbeeren – giftig, ungenießbar oder gut essbar?

In flachen Trauben hängen die Vorgelbeeren am Strauch.

Beim Spaziergang am Waldrand oder entlang an Flurhecken ist Ihnen der Baum bestimmt schon aufgefallen. Denn er hat gefiederte Blätter, was wir bei unseren heimischen Bäumen nur selten antreffen. Im August und September ist er fast unverwechselbar. Jetzt reifen an der Vogelbeere (Sorbus aucuparia), die auch als Eberesche bekannt ist, zahlreiche lecker aussehende rote Früchte. Sie erinnern an kleine Äpfelchen und sind etwa einen Zentimeter groß. Das Rot ist so knallig, dass wir unvermittelt an giftige Beeren denken.

Tatsächlich stößt man sehr oft auf das Vorurteil der Giftigkeit. Und auch in der Literatur gibt es noch häufig diese Angabe. Die Verwirrung hat natürlich einen Grund: Steckt man einige Früchte in den Mund und beginnt zu kauen, dann würde man sie am liebsten gleich wieder ausspucken, denn sie schmecken ziemlich sauer und bitter.

Schon im Mittelalter schrieb der Botaniker Hieronymus Bock (1498-1554): „Sie sind eines seltsamen unlustigen Geschmacks/ So man deren zuviel isst/ machen sie Unwillen.“ Je nach gegessener Menge können die Beeren sogar zu Durchfall oder Erbrechen führen. Das müssten allerdings einige Handvoll sein, was bei dem Geschmack kaum zu erwarten ist.

Saure und bittere Beeren? Hokuspokus und sie schmecken wunderbar

Hoch gewachsen und voller leuchtender Beerentrauben steht dieser Strauch im Herbst.

Bei so vielen Vogelbeeren stört es die gefiederten Freunde nicht, wenn der Gärtner miterntet.

Der Grund für die „Nebenwirkungen“ ist die in den Früchten enthaltene Parasorbinsäure, die sich durch den herben bitteren Geschmack bemerkbar macht. Dieser unverträgliche Stoff baut sich jedoch sowohl durch Frosteinwirkung als auch durch Erhitzen komplett ab. Die Parasorbinsäure wird hierbei in Sorbinsäure umgewandelt. Wie von Zauberhand verschwindet der unangenehme Geschmack durch die Verarbeitung. Deshalb können Sie erhitze oder lang eingefrorene Früchte problemlos verarbeiten. Je länger sie durchfrieren, desto besser ist ihr Geschmack. Nach dieser Vorbereitung können Sie aus den Beeren köstliche Gelees, Chutneys, Liköre, Desserts oder Spirituosen herstellen. Da in den Kernen besonders viel Parasorbinsäure sitzt, ist es sinnvoll, die Früchte nach dem Kochen durch ein feines Sieb zu passieren.

Die Vogelbeere ist also nicht giftig, im Gegenteil: Sie enthält sehr viel Vitamin C (100-200 mg je 100 g) und viel Provitamin A. Also mindestens doppelt so viel wie eine Zitrone. Sie ist somit, nach entsprechender Vorbehandlung, ein sehr gesundes Wildobst. Es lohnt sich also, beim Spaziergang ein Körbchen mitzunehmen!

Eine süßliche Vogelbeeren-Sorte, die auch roh schmeckt

Es gibt eine Varietät der Eberesche, die 1810 in Nordmähren entdeckt wurde. Sie heißt Mährische Eberesche oder Süße Eberesche (Sorbus aucuparia var. moravica). Ihre doppelt so großen Beeren sind kaum bitter und haben einen höheren Zuckergehalt. Von dieser Varietät gibt es schon verschiedene Züchtungen (Sorten) für den Garten. Die Mährische Eberesche können Sie roh essen, denn sie enthält kaum Parasorbinsäure. Deshalb ist das Einfrieren der Früchte im Gegensatz zu denen der „wilden“ Eberesche nicht nötig. Sie wird in manchen Gegenden als Obstbaum in Gärten gepflegt oder an Straßen angebaut. Ihre Früchte erinnern geschmacklich an Preiselbeeren.

Rückblick ins Mittelalter: Die Vogelbeere als Medizin

Im Mittelalter ist die Vogelbeere Teil der Heilkunde gewesen. Das Kauen von frischen, rohen Beeren gilt dagegen in der Volksmedizin als Mittel bei Verstopfung. Die abführende Wirkung löst die oben erläuterte Parasorbinsäure aus.

Getrocknet hat man die Früchte vor allem bei Durchfallerkrankungen genutzt, was sich durch den hohen Gerbstoff- und Pektingehalt erklärt. Die getrockneten, Vitamin-C-reichen Früchte galten früher als Geheimtipp mancher Sänger, da sie angeblich Heiserkeit beseitigen und die Stimmbänder geschmeidig halten. Laut Kräuterpfarrer Künzle besitzen die Vogelbeeren „eine unvergleichliche Heilkraft bei Heiserkeit und gänzlichem Fehlen der Stimme, da sie den zähen Schleim von den Stimmbändern loslösen“.

Nach einer Stunde köcheln ist der Sud fertig zum Gurgeln. Außerdem sind die vitaminreichen Früchte zur Vermeidung von Skorbut (Vitaminmangelerkrankung) gegessen worden und das Fruchtmus gilt damals als appetitanregend. In der Volksheilkunde gelten die Früchte als blutreinigend und harntreibend. Deshalb sind sie auch bei Nierenerkrankungen, Rheuma und Gicht empfohlen worden.

Der Name ist Programm: Vogel-Beere

Mitten in der Vogelbeere sitzt der kleine Vogel.

Dieser Vogel sitzt gerade im Schlaraffenland. Die kleinen Sänger lieben die Vogelbeeren.

Es gibt noch mehr Gründe, die Vogelbeere gut zu finden, denn sie ist für zahlreiche Insekten, Vögel und Säugetiere eine wertvolle Futterpflanze. Sage und schreibe 63 Vogelarten ernähren sich von den korallenroten Beeren und sorgen über den Kot für die Vermehrung ihres Lieblingsbaumes.

Die bei Vögeln sehr beliebten Früchte haben Bauern früher als Vogellockmittel genutzt. Dies geht auch aus dem botanischen Artnamen aucuparia hervor, was so viel wie „Vögel fangen“ bedeutet (lat. aves capere). Diese Praktik beschreibt der italienische Arzt Mattioli (1501-1577): „Diese Beeren halten die Bauern über den Winter zum Vogelstellen, denn die Drosseln haben ihre Nahrung daran.“ Die Früchte sind zum Anlocken in Schlingenfallen gelegt worden, in denen unglaublich viele Drosseln zu Tode gekommen sind. Der Singvogelfang ist bei den Bauern sehr beliebt gewesen, da sie damals in den herrschaftlichen Wäldern kein Großwild jagen dürfen. Bis ins 19. Jahrhundert gehören gebratene Vögel zur alltäglichen Speisekarte. In manchen Ländern gelten die kleinen Sänger noch heute als Leckerbissen.

Der andere Name der Vogelbeere, Eberesche, bedeutet „falsche Esche“, denn ihre gefiederten Blätter ähneln jenen der Esche (Fraxinus excelsior). Der Name „Eber-esche“ entwickelte sich aus „Aber-esche“. Im gleichen Sinne ist der Aber-glaube ein „falscher Glaube“.

Rezept für Vogelbeer-Apfel-Gelee

Zutaten

Da leuchtet die Beere im Marmeladenglas weiter.

Lecker für süße und salzige Speisen: Vogelbeeren-Apfel-Gelee.

  • 500 g Vogelbeeren
  • 500 g Äpfel oder Birnen
  • 400 ml Apfelsaft
  • 1 Vanilleschote
  • 500-600 g Gelierzucker 2:1

Zubereitung

  1. Die frisch gesammelten Vogelbeeren sollten Sie vor der Verarbeitung mindestens 1-3 Monate durchfrieren. Je länger sie im Gefrierschrank liegen, desto besser wird der Geschmack!
  2. Vogelbeeren, kleingeschnittene Äpfel und aufgeschnittene Vanilleschote werden nun bei kleiner Hitze im Apfelsaft ca. 10 Minuten weichgekocht.
  3. Die Mischung wird nun durch die Flotte Lotte oder ein Sieb passiert.
  4. Nun wiegen sie den Früchtebrei und vermischen ihn mit der halben Menge Gelierzucker.
  5. Aufkochen und nach 4 Minuten in vorbereitete Gläser abfüllen.

Passt aufs Frühstücksbrot, aber auch sehr gut zu Wild oder gebackenem Camembert und ist ein wunderbares Geschenk aus dem eigenen Garten.

 

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Bildquellen

  • Vogelbeeren: ©Rudi Beiser

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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  1. haas hubert

    12 Oktober

    Liebe alle Naturbeiträge, habe selber Garten, liebe die Natur, die Vielfalt der Pflanzen und Tiere!!

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