Schützt, was Ihr liebt!

Baumporträt: Die Linde – der Duft des Sommers 

Eine Biene sitzt an den gelben Blüten der Linde.

Die Lindenblüte ist im Phänologischen Kalender dem Hochsommer zugeordnet. Ein großer Lindenbaum kann bis zu 60.000 nektar- und pollenreiche Blüten ausbilden. Diese sind mit ihrem lieblichen Duft sozusagen das Markenzeichen der Linde. Es ist also nicht verwunderlich, dass dort während der Blütezeit unglaublich viele Bienen und Hummeln unterwegs sind. Die Luft ist dann vom Summen Tausender Bienen erfüllt.

Welche Arten der Linde finden wir bei uns vor?

Weltweit gibt es etwa 45 Lindenarten. Bei uns sind allerdings nur zwei Arten heimisch: die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) und die Winterlinde (Tilia cordata). Zwei weitere Arten pflanzt man in unseren Städten als Straßenbäume, da sie sehr widerstandsfähig gegenüber Abgasen und Streusalz sind: die Holländische Linde (Tilia x vulgaris), eine Kreuzung zwischen Sommer- und Winterlinde, und die südosteuropäische Silberlinde (Tilia tomentosa).

Eine Allee aus Linden säumt eine Straße, rechts neben der Allee liegt eine grüne Wiese. © Rudi Beiser

Widerstandsfähige Linden finden sich in Innenstädten, wo sie Insekten zeitweise Nahrung bieten.

Wie kann man die Linden unterscheiden?

Sommerlinde und Winterlinde lassen sich am besten anhand der herzförmigen Blätter unterscheiden. Die großen Blätter der Sommerlinde sind sowohl am Blattstiel als auch an den Blättern feinflaumig behaart. Die kleinblättrige Winterlinde hingegen weist nur unterseits an den Blattadern Härchen auf. Die Sommerlinde hat an der Blattunterseite in den sogenannten Nervenachseln weißliche Achselbärte (Härchen), während die Winterlinde dort rostbraune Haarbüschel vorweist. Die nichtheimische Silberlinde unterscheidet sich durch eine silbrig glänzende, dichtfilzige Behaarung auf der Blattunterseite, was sich auch im Namen niedergeschlagen hat.

Der Blütenstand der Sommerlinde ist meist nur mit zwei bis fünf Blüten besetzt. Die Winterlinde hingegen trägt fünf bis zwölf Blüten je Blütenstand. Die Sommerlinde blüht in manchen Regionen schon Anfang Juni und die Winterlinde kommt erst zwei Wochen später zur Blüte. Noch später, meist erst ab Mitte Juli, blüht die Silberlinde. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal der Linden findet man bei den Früchten, den sogenannten Nüsschen: Die dünnwandigen, kugeligen Nussfrüchte der Winterlinde sind leicht zwischen den Fingern zerdrückbar. Dagegen sind die dickwandigen, deutlich gerippten Nussfrüchte der Sommerlinde steinhart. 

Lindenblüten in der Heilkunde

Erstaunlicherweise waren die heutigen Anwendungen der Lindenblüte den antiken und mittelalterlichen Heilkundigen unbekannt. In der damaligen Volksmedizin standen andere Verwendungen im Vordergrund, wobei vor allem Blätter, Lindenbast und Lindenkohle zum Einsatz kamen. Hildegard von Bingen empfahl zum Beispiel frische Lindenblätter als Augenauflage, damit diese „klar und rein“ werden. Gegen Herzbeschwerden verordnete sie pulverisierte Lindenwurzel.

Erst ab dem 18. Jahrhundert traten die heilsamen Lindenblüten in den Vordergrund. Sie enthalten ätherisches Öl, Schleimstoffe, Gerbstoffe, Phenolcarbonsäuren und viele Flavonoide. Auf diesen Wirkstoffen beruht die schweißtreibende, abwehrsteigernde, beruhigende und reizlindernde Wirkung. Somit eignet sich Lindenblüten-Tee, am besten mit Honig gesüßt, wunderbar bei Erkältungen und Reizhusten. Vor allem bei Beginn einer Erkältung kann man durch die schweißtreibende Wirkung die Krankheit förmlich „herausschwitzen“. Die zahlreich enthaltenen Schleimstoffe sind ideal zur Linderung des Hustenreizes, und auch bei Halsschmerzen legen sie sich lindernd auf die gereizten Schleimhäute.

In der Volksmedizin empfiehlt man den Lindenblüten-Tee bei Nervosität, innerer Unruhe und als sanfte Einschlafhilfe. Nehmen Sie für eine große Tasse zwei Teelöffel Lindenblüten und übergießen Sie diese mit heißem Wasser. Zehn Minuten ziehen lassen.

Wann kann man Lindenblüten ernten?

Die gelblich weißen Blüten der Sommer- und Winterlinde erntet man im Juni und Juli zusammen mit dem pergamentartigen Hochblatt. Man trocknet sie schonend im Schatten. Vor allem spätnachmittags, zwischen 16.00 Uhr und 18.00 Uhr ist der honigsüße Duft intensiv. Dies ist somit die beste Sammelzeit. Die Ernte an warmen Sommerabenden ist schon für sich gesehen ein heilsames Erlebnis.

Gelbe Lindenblüten und die hellgrünen Lindenfrüchte werden von einer Biene besucht. © Rudi Beiser

Die hier blühende Winterlinde bildet neben den Blüten auch runde, weiche Früchte.

Rezept für Erkältungstee mit Linden- und Holunderblüten

Der Erkältungstee ist besonders wirksam, wenn man ihn gleich beim Auftauchen der ersten Erkältungssymptome trinkt. Linden- und Holunderblüten kommen bei fieberhaften Erkältungskrankheiten zum Einsatz, bei denen eine schweißtreibende Wirkung erwünscht ist. Die ätherischen Öle der Linden- und Holunderblüten besitzen zudem eine leicht auswurfsfördernde Wirkung. Diese verstärkt sich durch den beigefügten Thymian, sodass sich festsitzender Husten leichter lösen kann.

Zutaten

  • 30 g Lindenblüten
  • 20 g Holunderblüten
  • 10 g Thymian

Zubereitung

  1. Zwei Teelöffel der Mischung mit 250 ml heißem Wasser übergießen.
  2. Bedeckt zehn Minuten ziehen lassen und abgießen.

Drei- bis viermal täglich eine Tasse möglichst heiß trinken. Das Süßen mit etwas Honig hat in diesem Fall einen wirkungsverstärkenden Effekt.

Verwendung der Linde in der Küche

Die Linde ist nicht nur als Heilpflanze, sondern auch als essbare Pflanze interessant. Die jungen, zarten Lindenblätter eignen sich wunderbar für Salat, Suppen oder grüne Smoothies. Sie werden im Frühjahr, um den April und Mai herum, gesammelt, wenn sie noch ganz weich sind. Es gibt nur wenige Baumblätter, die so mild und zart schmecken. Fein geschnitten können Sie sie direkt aufs Butterbrot legen. Ältere Blätter werden jedoch zäh. Lindenblätter sind außergewöhnlich proteinreich und enthalten sehr viel Kalium und Kalzium.

Junge Lindenblätter treiben an einer Linde frisch aus. © CC0 / Laila_

Zu Beginn des Frühlings können Sie die zarten Blätter der Linde wunderbar essen.

Die wohlduftenden Blüten der Linden eignen sich zum Aromatisieren von Likör, Saft, Limonade, Sirup oder Milch. Wenn Sie sie einige Stunden in Milch oder Sahne einlegen, können Sie daraus zum Beispiel einen Lindenblütenpudding oder eine Lindenblütensahne herstellen. Für ein Lindenblütengelee werden die Aromen der Lindenblüten in Apfelsaft ausgezogen. 

Rezept für Lindenblüten-Gelee

Zutaten

  • 1 Zitrone
  • 250 g frische Lindenblüten
  • 1 Liter Apfelsaft
  • 1 Vanilleschote
  • 500 g Gelierzucker, 2 : 1

Zubereitung

  1. Zitrone in Scheiben schneiden und zusammen mit den Lindenblüten über Nacht im Apfelsaft ausziehen lassen.
  2. Absieben und Blüten gut ausdrücken. Gelierzucker daruntermischen. Vanilleschote auskratzen und zugeben.
  3. Fünf Minuten aufkochen und heiß in Gläser abfüllen. Sofort verschließen.  

Rezept für Lindenblüten-Likör

Zutaten

  • 200 g frische Lindenblüten
  • 1 Liter Korn oder Wodka
  • 1 Vanilleschote
  • 200 g Zucker
  • 150 ml Wasser

Zubereitung

  1. Blüten und zerkleinerte Vanille mit dem Korn oder Wodka übergießen und zwei Wochen verschlossen ziehen lassen.
  2. Durch ein feines Sieb abfiltern.
  3. Zucker in Wasser auflösen und das Ganze zehn Minuten köcheln lassen. Dann abgekühlt unter den Lindenblütenauszug rühren.
  4. In sterile Flaschen füllen und vor dem Genuss drei Wochen reifen lassen. 

Die Linde ist der Baum der Liebe

Lindenbäume können ein unglaubliches Alter erreichen. Es gibt einige Exemplare, die man auf über 1.000 Jahre schätzt. Solche Bäume faszinieren auch deshalb, weil sie innen meist hohl und morsch sind und trotzdem noch voller Lebenskraft grünen. Kein Wunder, dass man sie früher als heilig ansah.

In allen europäischen Kulturen war die Linde einer Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin geweiht. Die Germanen verehrten dort die Göttin Freya. Deshalb war der Freitag (= Freyas Tag) früher ein Glückstag, an dem man gerne Hochzeit hielt. Nicht selten tat man dies dann auch unter der Dorflinde.

Grüne, herzförmige Lindenblätter in der Nahaufnahme. © Rudi Beiser

Wie passend, dass der Baum der Liebe herzförmige Blätter trägt.

Freya galt als milde und gütige Göttin – Attribute, die man mit der Linde verbindet. Auch die griechische Liebesgöttin Aphrodite stand mit dem Baum in Verbindung. Ihr opferte man unter Linden und ihre Priesterinnen trugen Kränze aus Myrte und duftenden Lindenblüten.

Bei slawischen Stämmen galt der Lindenbaum als Sitz der Göttin Libussa, von der sich das slawische Wort „liba“ für Linde ableitet. Bei den Balten und Russen hießen die Linden-Göttinnen Puskaite und Krasogani. Auch sie waren für Fruchtbarkeit und alle Liebesdinge zuständig.

Kein Wunder, dass unter diesen Bäumen so manches Eheversprechen gegeben wurde, denn man erwartete hier den Segen der Liebesgöttinnen. So wurde die Linde zum Baum der Liebe, und das sollte sich auch nach der Christianisierung nicht mehr ändern. Keinen anderen Baum bedachte man so sehr mit Liebeslyrik und Liebesliedern. Im Schatten der Linde küssten sich unzählige Liebespaare.

Nach der Christianisierung lenkte man die Verehrung der Liebesgöttinnen geschickt in eine neue Richtung: Man hängte Marienbilder anstatt der Göttinnen-Statuen in die Zweige oder stellte sie in Baumnischen. Nun segnete Maria die Liebenden, an den Linden entstanden Marienkapellen und es entwickelten sich dort Marienwallfahrtsorte. Noch heute tragen einige davon den Namen der Linde, zum Beispiel „Maria Linden“ oder „Maria Lindenberg“.  

Der Lindenbaum war Versammlungsort und Tanzbaum

Die Linde war der Lieblingsbaum unserer Vorfahren. Sie wurde schon vor Jahrtausenden bewusst in den Mittelpunkt des Dorfes oder der Burg gepflanzt. In ihrem Schatten traf sich die Gemeinschaft. Die Menschen fanden darunter Schutz und Geborgenheit.

Die Dorflinde war das Zentrum der Geselligkeit. Der im 13. Jahrhundert lebende Minnesänger Neidhart von Reuental machte deutlich, wo sich das Leben im Dorf abspielte, als er sang: „Winter, deine Gewalt will uns von der breiten Linde weg in die engen Stuben drängen.“ Der Reformator Martin Luther bestätigt, dass die Linde der Mittelpunkt vieler Feste war: „Unter den Linden pflegen wir zu singen, trinken und tanzen und fröhlich zu sein, denn die Linde ist ein Friede- und Freudebaum.“

Eine große Dorflinde steht auf einem Dorfplatz vor einer kleinen Kapelle. © CC0 / WikiImages

In manchen Orten steht bis heute noch eine alte Linde auf dem Dorfplatz.

Es gab damals regelrechte Tanzlinden. Ihre Äste schnitt und leitete man so, dass man eine Tanzplattform in die Baumkrone bauen konnte. Im oberfränkischen Limmersdorf steht noch eine solche Tanzlinde, auf der schon seit über 300 Jahren getanzt wird. Die Bedeutsamkeit der Linde als Treffpunkt zeigt sich auch in der Häufigkeit des Gasthausnamens „Zur Linde“. Über 1.000 Gasthäuser nennen sich so. Über 1.100 Ortschaften im deutschsprachigen Raum verbinden ihren Namen mit der Linde, wie beispielsweise Lindau, Lindenberg oder Leipzig (slawisch „lipa“ = „Linde“).

Die Linde als Ort der Rechtsprechung

Die Linde war auch Gerichtsbaum: In ihrem Schatten wurde Recht gesprochen. In vorchristlicher Zeit sorgten der heilige Baum und die darin verehrte Gottheit dafür, dass die Wahrheit ans Licht kam. Schuldige erhielten ihre gerechte Strafe. Es gibt zahlreiche Sagen, in denen Linden plötzlich alle Blätter verloren, um ein ungerechtes Urteil anzuzeigen. Man glaubte allerdings auch, dass ihr Duft die Richtenden milde stimme.

Selbst nach der Christianisierung blieb die Rechtsprechung unter Linden vielerorts erhalten. Unter der Gerichtslinde verlas man zudem Bekanntmachungen, fasste gemeinsame Beschlüsse, schwor Eide und schloss Verträge. In manchen alten Urkunden heißt es noch „gegeben unter der Linde“.

Die Linde offenbart die Unschuld des Menschen

Als Gerichtsbaum traute man der Linde zu, die Unschuld eines Menschen zu offenbaren. Dementsprechend gibt es viele Sagen zu diesem Thema.

Von einer Linde bei Oldenburg, die den Namen Gertrudenlinde trägt, gibt es folgende Entstehungsgeschichte: Ein Waisenmädchen wurde von einer Kaufmannsfamilie aufgenommen und gewann durch seinen Fleiß das Herz der Pflegeeltern. Der Sohn allerdings versuchte das arme Mädchen nach einer durchzechten Nacht zu vergewaltigen. Sie drohte zu schreien, so dass er sie in Ruhe ließ. Aus Rache versteckte er in ihrem Schrank einige Silberlöffel und bezichtigte sie des Diebstahls. Trotz Unschuldsbeteuerungen glaubte man ihr nicht und verurteilte sie zum Tode. Auf dem Weg zur Richtstätte steckte sie bei der Gertrudenkapelle einen dürren Lindenzweig verkehrt herum in die Erde. Sie betete, dass er zum Zeichen ihrer Unschuld zu einem Baum heranwachen solle. Sieben Tage nach ihrem Tode begann der Zweig zu grünen und wuchs zum Zeichen ihrer Unschuld zu einer mächtigen Linde heran. Erst auf dem Sterbebett gestand der Kaufmannssohn seine verwerfliche Tat.

 

Hinweis: Dieser Beitrag wurde mit größter Sorgfalt erstellt. Der Autor ist jedoch kein Arzt oder Apotheker. Die im Beitrag gegebenen Informationen sind nicht als Gesundheitsberatung zu verstehen. Besprechen Sie eine Anwendung der Tipps mit gesundheitlichem Bezug daher bitte mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.  

 

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Bildquellen

  • lindenbaum-allee: © Rudi Beiser
  • bluehende-winterlinden: © Rudi Beiser
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  • dorflinde: © CC0 / WikiImages
  • lindenblueten: © Rudi Beiser

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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