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Baumporträt: Die Stechpalme – vergessener Baum mit Weihnachtstradition

Die Beeren der Stechpalme in Nahaufnahme.

Die Wahl der Stechpalme zum Baum des Jahres 2021 kommt gerade richtig. Die Stechpalme zählt hierzulande nämlich nicht mehr zu den bekanntesten Bäumen. Dabei gab es durchaus Zeiten, wo sie jedes Kind kannte – vor allem zu Weihnachten. Der immergrüne Baum oder Strauch mit seinen außergewöhnlichen stacheligen Blättern blickt auf eine interessante Geschichte zurück und spielt sogar in Hollywood eine Rolle.

Die Stechpalme: Wissenswertes aus der Botanik

Die Gewöhnliche Stechpalme (Ilex aquifolium) ist ein immergrüner Strauch oder kleiner Baum, der 8–10 m hoch werden kann. Man findet sie vorwiegend in Laubmischwäldern, aber auch als Ziergehölz in Gärten und Parks. Die glatten Blätter sind lederartig dick und länglich oval geformt. Der Blattrand ist deutlich gewellt und mit stachelspitzen Zähnen versehen. Die Blätter in den oberen Regionen des Strauches sind interessanterweise meist nicht stachelig und auch kaum gewellt – vermutlich, weil sich die Stechpalme nur in den unteren Regionen gegen Tierfraß schützen muss.

Ab Mai erscheinen die kleinen, weißen, unscheinbaren Blüten. Sie sitzen in Büscheln in den Blattachseln und duften zart süßlich. Die Pflanze ist zweihäusig, das heißt, männliche und weibliche Blüten sitzen auf unterschiedlichen Sträuchern. Nur die Weibchen bilden die roten Steinfrüchte aus, die im Herbst erscheinen. Im Winter sieht der Busch durch die kugeligen, leuchtend roten Früchte wie ein geschmückter Weihnachtsbaum aus. Die erbsengroßen Früchte sind giftig. Bei kleinen Kindern können drei bis fünf Früchte Erbrechen auslösen. Die typischen Vergiftungssymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Magenentzündungen. Der Geschmack der Beeren ist allerdings so unangenehm und herb, dass Vergiftungen kaum vorkommen. Für die Giftwirkung verantwortlich sind Glykoside und Alkaloide. Die Blätter enthalten wesentlich weniger Giftstoffe, weshalb sie in der Volksmedizin genutzt werden.

Symbol für das Ende des Winters

Unsere Vorfahren sahen Bäume mit immergrünem Laub als etwas Besonderes an. Die Stechpalme ist der einzige immergrüne Laubbaum Nordeuropas. Deshalb wurde sie sowohl von den Kelten als auch von den Germanen verehrt. Die Stechpalme war bei den alten Völkern der Inbegriff des ewigen Lebens. In der dunklen Zeit rund um die Wintersonnwende schmückte man die Häuser und Stuben mit Stechpalmenzweigen. Man holte sich mit dem immergrünen Blattwerk und den roten Beeren die Hoffnung auf den baldigen Frühling ins Haus. Außerdem diente die Dekoration dem Abwehrzauber, weshalb man sehr oft Kränze daraus fertigte. Man wollte böse Geister fernhalten und verwendete die Kränze für den Schutzkreiszauber. Gute Walddämonen, Feen und Elfen hieß man mit diesem Schmuck willkommen. Die guten Geister hielten sich nämlich gerne im Stechpalmenbusch auf und behüteten somit die Hausbewohner vor bösen Einflüssen.

Die Stechpalme hat eine längere Weihnachtstradition als der Weihnachtsbaum

Das Brauchtum, Stechpalmenzweige ins Haus zu holen, behielt man nach der Christianisierung bei. Die Stechpalme hat somit eine viel ältere „Weihnachtstradition“ als der Weihnachtsbaum, der erst Ende des 16. Jahrhunderts auftauchte. Die immergrünen Blätter und die roten Beeren der Stechpalme repräsentieren die traditionellen Weihnachtsfarben.

Im 19. Jahrhundert kam die Stechpalme als Symbol der Advents- und Weihnachtszeit stark in Mode. Man holte ganze Wagenladungen aus den Wäldern. Per Eisenbahn verteilte man sie in Gegenden, wo keine Stechpalmen wuchsen. Der unglaubliche Raubbau sorgte dafür, dass man die wild wachsende Stechpalme 1935 unter Schutz stellte. Seither ist es verboten, Stechpalmen zu beschneiden oder auszugraben. Das ist auch der Grund, warum Stechpalmenzweige bei uns als Weihnachtsschmuck verschwunden sind.

In Großbritannien und Nordamerika, also im englischen Sprachraum, ist die Stechpalme zusammen mit Mistel und Efeu bis heute das bestimmende Weihnachtssymbol geblieben. Auf Englisch heißt die Stechpalme „holly“. So hängt auch das berühmte amerikanische Hollywood mit dem stacheligen Baum zusammen. „Hollywood“ heißt also „Stechpalmenwald“, weil dort bei der Gründung im Jahr 1887 sehr viele Stechpalmen wuchsen.

Aus Palme wird Stechpalme

Die Stechpalme, die den keltischen Druiden als heilig galt, ging nahtlos in die christliche Tradition über. Zahlreiche Legenden verbinden Jesus mit dem stachelblättrigen Baum. So soll er überall da gewachsen sein, wo Jesus über die Erde wandelte. Die spitzen Blätter symbolisierten das Leiden Jesu. Es gibt auch eine christliche Legende, die die Entstehung der Stacheln an den Blättern erklärt: Die Stechpalme entwickelte sich nämlich aus den Palmzweigen, mit denen das Volk Jesus beim Einzug in Jerusalem begrüßte. Das Volk streute die Zweige auf den Weg. Anfangs rief es zur Begrüßung noch begeistert „Hosianna“. Als Jesus wenig später nach seiner Verhaftung den gleichen Weg entlanggeführt wurde, riefen die Leute: „Ans Kreuz mit ihm“. Daraufhin bekamen die besagten Palmblätter an den Blatträndern Dornen und man verwendete sie als Dornenkrone. In einer französischen Legende war es allerdings der Teufel, der der Stechpalme die Stacheln gab. In manchen Gegenden nannte man sie deshalb „Teufelsnadel“.

Die immergrünen Blätter der Stechpalme sind spitz und zackig geformt. © Rudi Beiser

Die spitzen Blätter der Stechpalme sind immergrün und wurden früher mit dem Teufel in Verbindung gebracht.

Bestandteil des geweihten Palmstrauchs

Durch die Verbindung mit Jesus und seinem Einzug in Jerusalem wurde die Stechpalme ein wichtiger Bestandteil des am Palmsonntag geweihten Palmstrauchs. Außer der Stechpalme verwendete man für den Palmen auch andere immergrüne Zweige wie Wacholder oder Buchsbaum. Je nach Region waren die Palmbuschen unterschiedlich gestaltet: als Kranz, als Strauß, als Kreuz oder auf einem meterlangen Stecken befestigt. Der Palm garantierte über das kommende Jahr hinweg Schutz für Mensch und Tier: vor Hexen, Geistern, dem Teufel, Krankheiten und Gewittern. Man verteilte die Kräuter des geweihten Palms in Stall und Haus und hängte sie vor allem auf den Dachstuhl, um den gefürchteten Blitzeinschlag zu verhindern.

Verwendung der Stechpalme in der Volksmedizin

Nur selten wird die Stechpalme in den Kräuterbüchern des Mittelalters erwähnt. Zu den Anwendungen der Blätter gehörten beispielsweise Seitenstechen, Husten und äußerlich Auflagen bei verrenkten Gliedern. Der Einsatz bei Seitenstechen lässt sich vermutlich auf die Signatur der stacheligen Blätter zurückführen.

In der neueren Volksmedizin nutzte man die Blätter vor allem bei Erkältungskrankheiten und Fieber. Kräuterpfarrer Künzle (1857–1945) lobte zum Beispiel die Wirkung bei Fieber und empfahl die schweißtreibenden Blätter als Vorbeugemittel gegen Grippe. Man verordnete den harntreibenden Blättertee auch bei Gicht und Rheuma. Außerdem sollte eine Blätterabkochung bei Bauchschmerzen und Gelbsucht helfen. Auch zum Gurgeln bei Entzündungen im Mund kam der Absud zum Einsatz. Man verwendete ausschließlich die Blätter, da sie relativ wenige Giftstoffe enthalten.

Die moderne Pflanzenheilkunde verzichtet wegen der umstrittenen Giftwirkung auf die Stechpalme. Lediglich in der Homöopathie spielt sie eine Rolle als Mittel bei Rheuma, Fieber und Gelbsucht.

Sonstige Nutzung

Die Stechpalme hatte früher den Namen „Hülsenholz“, weil man das feste Holz gern für Drechslerarbeiten verwendete. Man fertigte daraus zum Beispiel Teekannenhenkel, Werkzeugstiele und Spazierstöcke. Der berühmteste Stechpalmen-Spazierstock ist vermutlich jener von Johann Wolfgang von Goethe, der den Strauch auch in einigen Gedichten erwähnte. In der modernen Literatur taucht das Druidenholz auf magische Weise wieder auf: Harry Potters Zauberstab wurde nämlich aus dem Holz der Stechpalme gefertigt.

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Bildquellen

  • stechpalme-zweig: © Rudi Beiser
  • stechpalme: © Rudi Beiser

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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