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Baumporträt: Kopfweiden – ein Kulturgut vergangener Zeiten

Eine große Kopfweide steht auf einer Wiese.

Die Kopfweide ist keine eigenständige Pflanzenart, sondern lässt sich theoretisch aus allen Weidenarten durch Schnittmaßnahmen ziehen. Von den 30 bei uns heimischen Weidenarten eignen sich für diese Nutzungsform vor allem die Silberweide (Salix alba), die Purpurweide (Salix purpurea) und die Korbweide (Salix viminalis). Man nahm früher Ruten von Weidenarten mit schmalen Blättern, denn Weiden mit runden Blättern galten als brüchig. Und so entstanden Kopfweiden: Man kürzte den Stamm im Jungstadium in einer Höhe von etwa zwei Metern ein. An der Schnittstelle bildeten sich in großer Zahl neue Triebe, die man regelmäßig schnitt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dann die typische Kugelform, die den Namen „Kopfweide“ prägte.

Die Kopfweide früher – unentbehrlich in vielen Bereichen

Früher waren Kopfweiden unentbehrlich: Mit den biegsamen Ruten errichtete man Gartenzäune (Flechtzäune) und befestigte Bachufer. Außerdem stellte man aus ihnen ein Geflecht her, das zum Füllen der Ausfachungen im Fachwerkhaus diente. Das eingesetzte Geflecht verputzte man anschließend mit Lehm und Häckselstroh. Junge Weidentriebe dienten als Schnurersatz zum Binden. Arme Leute nutzten sie als Schnürsenkel, was uns eine mittelalterliche Bauernklage überliefert: „Mei, horcht mir nur a wenig zu. / Mit Wyde bind i mei Schuh, / kei Frucht hab i in der Scheuer / un muss doch gebe mei Steuer.“ Die bedeutendste Nutzung war das Korbflechten mit Weidenruten. Körbe wurden in allen Formen und Größen produziert. Es ist vermutlich eines der ältesten Handwerke und wurde schon in der Steinzeit ausgeübt.

Kopfweiden heute – vor allem mit ökologischer Bedeutung

Heute besitzen Kopfweiden vor allem eine ökologische Bedeutung, weshalb sich meist Naturschutzverbände um ihre Pflege kümmern. Die Weiden sind vor allem für die bedrohte Insektenwelt interessant: Über 400 Insektenarten ernähren sich von den Blättern und Blüten. Kein anderer Baum beherbergt eine solch große Zahl. Die attraktiven männlichen Blütenkätzchen bieten Nektar und Pollen für 60 Wildbienenarten. Über 160 Tag- und Nachtfalterarten finden auf Weiden ihre Nahrung, entweder als blätterfressende Raupe oder als blütenbesuchender Schmetterling. Fast 100 Käferarten haben in alten Weiden ihren Lebensraum. Hinzu kommt, dass alte Kopfweiden hohle Stämme ausbilden, in denen Fledermäuse und Eulen Unterschlupf finden.

Eine hohle Kopfweide hat ein sichtbares Loch im Stamm. © Rudi Beiser

Hohle Weiden werden gerne von Fledermäusen bewohnt.

Heute können wir Weidenruten für alte Handwerkstechniken wie Korb- oder Zaunflechten einsetzen. Populärer ist die Nutzung der Ruten für die Erstellung von lebendigen Bauwerken, wie zum Beispiel Weidendome, Weidentipis oder Weidentunnel. Hierbei nutzt man den Vorteil, dass frisch geschnittene Weidenruten und Weidenäste sich im Boden leicht bewurzeln. Auch für die medizinische Nutzung eignet sich die Weide, denn sie ist eine altbekannte Heilpflanze (siehe Rezept unten).

Kopfweiden im Garten pflanzen

  1. Schneiden Sie von einer Weide, z.B. einer Silberweide, einen 2 m langen, geraden Ast ab. Er sollte 5–10 cm Durchmesser haben. Ein günstiger Zeitpunkt für Steckhölzer ist der Februar. Sie können sie aber in der gesamten Vegetationsruhe (November–Februar) schneiden.
  2. Setzen Sie den Ast 30 cm tief in Gartenerde. Achten Sie darauf, dass Sie den Ast richtig herum einsetzen.
  3. In den ersten Wochen regelmäßig und kräftig gießen.
  4. Entfernen Sie schon im ersten Jahr alle Triebe, die am Stamm ansetzen. Verfolgen Sie dies auch in den folgenden Jahren regelmäßig, denn es begünstigt die Triebe am Kopf.
  5. Schneiden Sie im Winter des ersten Jahres auch die Kopftriebe bis auf 5 cm ab. Sobald sich ein Kopf gebildet hat, schneiden Sie die Kopftriebe nur noch alle 2–3 Jahre zurück. 

Die Weide als Sinnbild des Bösen

Die Weide hatte meist keinen guten Ruf. Die beschnittenen Bäume mit ihren bizarren und knorrigen Formen zeigen im Halbdunkel oder Nebel ein geisterhaftes Aussehen. Im magischen Denken unserer Vorfahren hat dies so manche unheimliche Schauergeschichte inspiriert. Zum anderen war es die Aufgabe der frühchristlichen Missionare, den heidnischen Aberglauben auszurotten. Und mit der Weide waren viele vorchristliche Kulthandlungen verbunden, denn die Weide galt als Verehrungsort einer archaischen Muttergöttin. Diese Verehrungs- und Versammlungsplätze deutete man zu „unheimlichen Orten“ um. Aus der Weidenverehrung wurde Weidenfurcht. Das Ganze untermauerte man mit christlichen Legenden. So soll sich der Verräter Judas an einer Weide erhängt haben.

Kopfweiden haben dünne Äste, die in einer Kugelform wachsen. © Rudi Beiser

Die Äste der Kopfweiden sind knorrig und sehen vor allem im Dunkeln gespenstisch aus.

Der „böse“ Baum ist seither verflucht: Er wird früh morsch und hohl und erreicht nicht das Alter anderer Bäume. Er ist der Baum der Selbstmörder. Im Mittelalter wurde die Weide zum Hexenbaum. In hohlen Weiden sollen sich die Hexen gerne versteckt haben. Mit Weidenzweigen zauberten sie Hagel und verdarben den Menschen die Ernte.

Die Weide im kirchlichen Brauchtum

Letztendlich schaffte es die verruchte Weide doch noch ins kirchliche Brauchtum. Seit dem achten Jahrhundert weiht man am Palmsonntag in der Kirche Weidenzweige (Palmkätzchen). In der Ukraine heißt dieser christliche Feiertag „Weidensonntag“. Die Weidenkätzchen waren Hauptbestandteil des Palmbuschen, den es in verschiedenen Variationen gab: vom kleinen Handbuschen bis zur meterlangen Palmstange. Man nutzte ihn vor allem, um Mensch, Haus und Vieh zu schützen. Die Zweige stellte man im Haus in den „Herrgottswinkeln“ auf und man hängte sie in den Stall, um Krankheit und Zauber fernzuhalten.

Magische Kopfweiden-Medizin: Krankheiten auf Weiden übertragen

Die Weide galt früher als Baum, auf den man vor allem Gicht, Fieber, Warzen und Zahnschmerzen übertragen konnte. Man keilte die Krankheit in einen Spalt oder knotete sie in einen Zweig. Vor allem hohle Weidenbäume nutzte man gerne zum Verkeilen der Krankheit. Dazu gab man beispielsweise Blut, Haare oder Fingernägel des Kranken in einen Spalt, verschloss diesen mit Wachs und sprach dazu einen Beschwörungsspruch. Es sind unzählige Beschwörungsformeln überliefert, was die große Bedeutung der Weide in der Volksmagie unterstreicht.

Bei Fieber ging man zu einem Weidenbaum und verknotete dort drei Zweige miteinander. Man sprach: „Weide / Ich winde Fieber! Ich binde meine 77 Fieber ein!“ Bei Zahnschmerzen schnitt man aus dem Stamm einen Span und stocherte damit so lange im Zahnfleisch, bis es blutete. Dann fügte man den blutigen Span wieder in den Baum ein und verklebte ihn mit Wachs oder Lehm. Sobald er einwuchs, waren die Zahnschmerzen verschwunden. Dazu beschwor man den Weidenbaum: „Guten Abend, liebe alte Weide, / ich bring dir meine Zahnschmerzen heute, / und ich wünsche, dass sie bei dir bestehen und bei mir vergehen.“

Die Weide in der Heilkunde

In der griechischen Antike verordnete man Blätter und Rinde der Weide bei Blutungen, Schmerzen, Rheuma, Gicht und zur Geburtshilfe. Die mittelalterlichen Ärzte nutzten den Saft der Weidenrinde gegen Würmer, Geschwüre, Warzen, Hühneraugen und als Mittel zur Dämpfung der Liebeslust. Die Hauptwirkung der Weide, ihre fiebersenkende und schmerzlindernde Kraft, wird erst ab dem 17. Jahrhundert erwähnt. Ab diesem Zeitpunkt war sie ein wichtiges Medikament gegen Fieber, Kopfschmerzen, Gicht und Rheuma, was bis heute gilt.

Kopfweiden bilden neue Äste und treiben aus. © Rudi Beiser

Die Rinde der Weide hat entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkungen.

Im 19. Jahrhundert begann die chemische Entschlüsselung der Pflanzen. In der Weide entdeckte man 1828 als Hauptwirkstoff das Phenolglykosid Salicin, das in der Leber zu Salicylsäure oxidiert wird. Erst dieser Umbau im Körper macht die Weide mit ihrem Inhaltsstoff zu einem schmerzlindernden und entzündungshemmenden Arzneimittel. Die Salicylsäure hemmt die Bildung von Prostaglandinen (besonderen Botenstoffen), die wesentlich an der Entstehung von Schmerzen, Fieber und Entzündungen beteiligt sind. Als im Jahr 1897 die synthetische Herstellung von Acetylsalicylsäure (ASS) gelang, verlor die Weide als Arzneimittel schnell an Bedeutung. Das synthetische Aspirin machte eine unvergleichliche Karriere als Schmerzmittel.

Die Nutzung von Kopfweiden: Weidenmedizin in der Naturheilkunde

Inzwischen gibt es wieder einen Trend in Richtung Naturmedizin. Man hat entdeckt, dass die Weidenrinde in ihrer komplexen Ganzheit weniger Nebenwirkungen hervorruft als der synthetisch produzierte Einzelstoff ASS. Weidenrinde wirkt im Gegensatz zu ASS zwar zeitlich verzögert (erst nach zwei Stunden), aber die Wirkung hält länger an. Sie eignet sich vor allem für fieberhafte Erkrankungen, rheumatische Beschwerden und Kopfschmerzen.

Rezept für selbst gemachten Weidenrindentee

Für einen wirksamen Tee setzt man zwei Teelöffel Rinde in einer Tasse kaltem Wasser an. Bis zum Sieden erhitzen und den Tee dann fünf Minuten ziehen lassen. Drei- bis fünfmal täglich eine Tasse trinken. Der Tee ist bitter. Sie können aus der Rinde auch eine Tinktur fertigen (siehe Rezept). Achtung: Schwangere sollten Weidenrindentee nicht ohne ärztliche Anweisung trinken. Auch wer Blutgerinnungshemmer einnimmt, sollte auf Weidenrinde verzichten.

Wer Weidenrinde selbst sammeln will, schneidet im Frühjahr (März–Mai) zwei- bis dreijährige Zweige. Von diesen die leicht lösliche Rinde abschälen und trocknen. 

Weidenzweige wurden mit einem Messer geschält, die Weidenrinde liegt auf einem Holzbrett. © Rudi Beiser

Die gesammelten Weidenäste werden mit einem Messer geschält, um die Rinde zu lösen.

Rezept für Weiden-Tinktur

Zutaten

  • 75 g frische Weidenrinde (im Frühling gesammelt – März, April)
  • 200 ml Alkohol, 70 Vol.-%

Zubereitung

  1. Zerkleinern Sie die kleingeschnittene Rinde zusammen mit dem Alkohol in einem Mörser oder einem Mixer zu einem dünnflüssigen Brei.
  2. In einem verschließbaren Glas zwei Wochen ziehen lassen.
  3. Abfiltern und in Tropffläschchen abfüllen.

Nehmen Sie dreimal täglich 15–20 Tropfen in warmem Tee ein. Die schmerzstillende und entzündungshemmende Tinktur ist ein gutes Mittel zur Schmerzbehandlung.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde mit größter Sorgfalt erstellt. Der Autor ist jedoch kein Arzt oder Apotheker. Die im Beitrag gegebenen Informationen sind nicht als Gesundheitsberatung zu verstehen. Besprechen Sie eine Anwendung der Tipps mit gesundheitlichem Bezug daher bitte mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.

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Bildquellen

  • hohle-weide: © Rudi Beiser
  • kopfweide-aeste: © Rudi Beiser
  • austreibende-kopfweide: © Rudi Beiser
  • weidenrinde: © Rudi Beiser
  • kopfweide: © CC0 / suju

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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