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Wie kann man Kindern den Klimawandel erklären?

Wie können Eltern Kindern den Klimawandel erklären, sodass sie verstehen, worum es bei den Demos geht?

Das Thema Klimawandel ist überall präsent und geht selbst an den Kleinsten nicht mehr spurlos vorbei. Dass es ein so existenzielles Thema ist, macht es für Eltern nicht gerade leicht, angemessen vor ihren Kindern darauf zu reagieren. Soll man die Klimakrise zum Gesprächsstoff machen? Und wenn ja, wie können Eltern Kindern den Klimawandel erklären mit all den bedrückenden Fakten, ohne ihnen einfach nur Angst zu machen? So, dass sie alles verstehen und trotzdem noch gut schlafen können? Diplom-Psychologin Tanja Schnurre erläutert Herangehenseweisen im Interview.  

Tipps für Eltern, wie sie ihren Kindern den Klimawandel erklären können

Frau Schnurre, kann ich auch schon mit Kleinkindern über die Klimakrise sprechen?

Man kann mit Kindern jeden Alters über alles sprechen, es kommt nur darauf an, wie man es verpackt. Ab dem Kindergartenalter sind zudem die Neugier und der Wissensdurst meist so groß, dass Kinder von sich aus beginnen, alles zu hinterfragen. So lernen sie, die Welt zu begreifen. Auch bei bedrückenden Themen wie der Klimakrise sollte man nicht ausweichen, sondern jede Frage ernst nehmen und kindgerecht beantworten. Nicht immer muss man auf alles eine perfekte Antwort parat haben – eine Kinderfrage kann auch Ausgangspunkt für ein Gespräch über das Thema sein.

Wenn meine Kinder nicht selbst nachfragen: Soll ich das Thema trotzdem proaktiv ansprechen und den Kindern den Klimawandel erklären?

Der Klimawandel ist überpräsent, so dass Kinder zwangsläufig damit in Berührung kommen. Bevor sie damit allein dastehen, finde ich es wichtig, darüber zu reden. Im Alltag bieten sich viele Möglichkeiten, daran anzuknüpfen, ohne den Kindern das Thema überzustülpen. Ob man sich auf die Freitags-Demos bezieht, auf Nachrichten oder auf das sich verändernde Wetter. Reagiert das Kind ablehnend und verdreht die Augen, sollte man nicht weiter darauf rumreiten. Ich bin der Meinung, dass wir unseren Kindern nicht immer im Sinne eines Wissenstransfers etwas „eintrichtern“ müssen, sondern durch die Art, wie wir leben, was uns wichtig ist, worüber wir reden, bringen wir Kinder dazu, Interesse zu zeigen und nachzufragen. Wenn Eltern beim gemeinsamen Abendessen das Thema in irgendeiner Weise streifen, weil es für sie gerade wichtig ist, dann bietet sich auch diesen Kindern die Möglichkeit, freiwillig einzusteigen und mitzudiskutieren.

Wie kann ich Kindern den Klimawandel erklären, sodass sie alles verstehen?

Wir müssen den Fokus auf die Kinder als Empfänger richten. Das klingt logisch, aber als Erwachsene neigen wir dazu, vorrangig uns als Sender zu sehen; wir suchen nach korrekten, klugen Erklärungen und versuchen unser Wissen durchzudrücken. Doch mit zu vielen Details und womöglich Fachbegriffen und globalen Zusammenhängen sind Kinder schnell überfordert. Man startet am besten mit einfachen, kurzen Erklärungen. Wollen die Kinder mehr wissen, fragen sie nach. Kinder erreicht man zudem leichter, wenn man bildhaft spricht. Um den Klimawandel zu erklären, könnte man beispielsweise sagen, dass die Erde von einer Wärmedecke bedeckt ist, die durch unsere Autos und Flugzeuge immer dicker wird und dafür sorgt, dass es auf der Erde immer wärmer wird.

Bildhafte Sprache ist vor allem im Kindergarten- und Vorschulalter angebracht. In diesem Alter lernen die Kinder zudem durch Dinge, die sich in ihrer Erfahrungswelt abspielen. Spezielle Fragen etwa danach, was der Klimawandel mit der Erde macht, erklärt man daher am besten mit etwas, dass die Kinder schon kennen. Ob das ein bestimmtes Tier, der ausbleibende Schnee oder die Bäume sind, die unter der Hitze leiden. Mit zunehmendem Alter wollen Kinder Zusammenhänge verstehen und beginnen zu reflektieren, was der Klimawandel mit ihnen und ihrer Zukunft zu tun hat. Informationen kann man dann entsprechend mit mehr Sachwissen „ausmalen“.

Aus den braunen Fluten ragen zwei Schilder für Fuß- und Radweg. © CC0 / Hermann

Überschwemmungen sind für Kinder tatsächlich erlebbar. Daran kann man zum Beispiel Wetterextreme als Folge des Klimawandels erklären.

Also je kleiner die Kinder, desto einfacher und bildhafter muss ich erklären?

Die altersgerechte Herangehensweise lässt sich so nicht verallgemeinern. Es gibt Kindergartenkinder, denen reicht eine einfache Erklärung nicht aus, weil sie ein viel größeres Interesse und vielleicht auch schon ein großes Wissen haben. Letztlich geht es darum, die Kinder da abzuholen, wo sie stehen und zu schauen, wie groß ist der Wissensdurst und wie empfindsam ist mein Kind. Man darf Kinder mit diesem Thema einerseits nicht inhaltlich überfordern und ängstigen, andererseits aber auch nicht unterfordern, sodass sie sich gelangweilt abwenden und ihre Neugier nicht befriedigt wird. Diese Balance zu halten ist wichtig. Und da kommt es eben auf jedes einzelne Kind an.

Wie gehen Eltern mit eigenen Ängsten und Sorgen um – unterdrücken oder offen zeigen?

Prinzipiell sollte man bei sich bleiben. Wer Angst hat und sich Sorgen macht, kann dies auch äußern und erklären. Denn Kinder spüren oft sehr genau, wenn etwas in uns vorgeht oder wir ihnen etwas verheimlichen wollen. Wenn man das nicht auflöst, verunsichert man die Kinder nur. Allerdings sollte man sich nicht von den eigenen Gefühlen mitreißen lassen und Weltuntergangsstimmung oder Hoffnungslosigkeit verbreiten.

Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass wir die Folgen des Klimawandels vor den Kindern verschweigen oder ihnen Lügen auftischen sollen. Wir müssen aber immer darauf achten, dass die Kinder mit dem, was sie von uns hören, zur Ruhe kommen können. Klar haben wir alle mal einen schlechten Tag. Wie schnell ist uns dann vielleicht rausgerutscht: „Das wird alles ganz schrecklich enden“. In der Regel können Kinder damit umgehen, wenn man im Nachhinein sagt: „Da habe ich nur schwarzgesehen. Es ist nicht so ausweglos, man kann etwas dagegen tun.“

Wie nehme ich Kindern die Angst vorm Klimawandel?

Kinder sollen nicht den Eindruck bekommen, dass es falsch ist, Angst zu haben. Es geht vielmehr darum, nicht in diesem blockierenden Gefühl „steckenzubleiben“. Und das erreicht man damit, was ich gerade angesprochen habe: Man darf nicht nur über die Probleme sprechen, sondern muss den Kindern auch mitgeben, dass es Lösungen und Handlungsmöglichkeiten gibt. Man sollte den Kindern versichern, dass sich Erwachsene damit beschäftigen und dass jeder einzelne, also auch sie selbst, etwas tun kann, um den Klimawandel einzudämmen. Damit verlieren sich Ohnmachtsgefühle und Kinder bekommen die Gewissheit, dass sie die Zukunft mitgestalten und mitbestimmen können. Zudem lernen sie dadurch, Verantwortung zu übernehmen. Beides ist enorm wichtig. Deshalb finde ich es richtig, jedes Gespräch mit diesem beruhigenden Ausblick zu beenden, auch wenn Kinder nicht offensichtlich Angst zeigen.

Als Familie sollte man da mitziehen und sich gemeinsam fragen: „Was können wir tun?“ Selbst kleine Kinder können hier mitmachen und Ideen entwickeln, wo man auf das Auto verzichten und mehr Plastik einsparen kann oder was gerade im regionalen Umfeld wächst und demnächst auf dem Teller landen soll.  

 Dipl.-Psychologin Tanja Schnurre arbeitet in der Frühförderstelle und im pädagogischen Beratungsdienst des Querwege e.V. in Jena und ist selbst Mutter von drei Kindern. 

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Bildquellen

  • hochwasser: © CC0 / Hermann
  • Bei den „Fridays for Future“-Demonstrationen sieht man auch immer wieder kleine Kinder. Auch sie interessieren sich fpr das Thema.: © © 19b_production - stock.adobe.com

Katja Hellmuth gehört zum Autorenteam von raabengrün. Wenn die freie Texterin nicht gerade Wortakrobatik betreibt, strampelt sie auf dem Fahrrad ihre tägliche Schokoladendosis ab. Sie verschlingt liebend gerne auch Buchstabensuppen und andere epische Werke.

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