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Das wärmende Gefühl der Nostalgie – Nachhaltigkeit bedeutet Rückbesinnung

Zwei Frauen kaufen in einem Unverpackt-Laden ein.

Autos und Sonnenbrillen im Retrodesign, Möbel im „Vintage-Look“ – der Alltag ist voll von Gegenständen mit nostalgischer Optik. Viele sehnen sich wehmütig nach der „guten alten Zeit“ zurück – und so ist „Wehmut“ denn auch ein Synonym für „Nostalgie“. Doch woher kommt diese Sehnsucht nach dem Vergangenen? Und wie lässt sie sich produktiv nutzen? Kann sie gar die Resilienz im Alltag fördern?

Geschichte und Bedeutung der Nostalgie

Im 17. Jahrhundert galt die Nostalgie als Krankheit und war somit negativ konnotiert. Der Schweizer Medizinstudent Johannes Hofer prägte in seiner Dissertation 1688 den Begriff der „Nostalgie“. Dieses Wort geht auf das Lateinische „nostalgia“ zurück, dem wiederum die griechischen Begriffe „nóstos“ („Rückkehr“) und „álgos“ („Schmerz“) zugrunde liegen. Hofer verwendete den Begriff, um ein bestimmtes Phänomen zu erklären: Schweizer Söldner waren in der Ferne von den Gedanken an ihre Heimat geplagt, verspürten Heimweh, Angstzustände und Appetitlosigkeit. Hofer ging davon aus, dass es sich hierbei um eine Nervenkrankheit mit dämonischem Ursprung handele. Erst später erhielt der Begriff der „Nostalgie“ seine heutige Bedeutung, die nicht mehr an die Medizin angelehnt ist.

Heutzutage schaut man gerne auf frühere Zeiten zurück und erinnert sich an vergangene, nostalgische Lebenskonzepte. Damit gehen bei den Menschen Stabilität und das wohlige Gefühl von Vertrautheit einher. Nostalgie entsteht oft unterbewusst und kommt häufiger vor, als man denkt. Doch wie erfahren Menschen heute eigentlich Nostalgie und was ist nostalgisch?

Vergangene Geschäftsmodelle sind wieder auf dem Vormarsch

Repair-Cafés, Zukunftshäuser, Retrografie, Second-Hand- und Unverpackt-Läden – nostalgische Praktiken kapseln sich von der industriellen Kultur ab. Man möchte etwas selbst herstellen und damit seine eigene Handschrift manifestieren. Gleichzeitig ist man bestrebt, Gutes für die Gesellschaft zu tun und einen Mehrwert anzubieten. Dabei kann sich jeder Mensch sein eigenes Konzept zusammenstellen und sich seine Identität aufbauen.

Nachhaltig zu leben, bedeutet, sich zurückzubesinnen auf eine Zeit, die es schon einmal gab. Oftmals findet man diese Praktiken gerade in großen Städten. Deren Bewohnerinnen und Bewohner sind ermüdet von den immer wieder gleichen Fußgängerzonen mit den bekannten großen Modeketten. Dazu kommen noch erschreckende Nachrichten von schlechten Produktionsbedingungen in der Textilindustrie. Die Menschen fühlen sich in der globalisierten Gesellschaft scheinbar doch nicht ganz wohl. Eine Flucht in das Vergangene dient als Ausweg und sorgt für einen nachhaltigeren Lebensstil.

Ein Fahrrad mit einem geflochtenem Korb steht an einer Laterne. Korb © CC0 / Maria Orlova

Statt neue, futuristische Modelle zu wählen, fühlen sich viele zu Bekanntem aus früherer Zeit hingezogen.

Viele altbewährte Konzepte fügen sich ideal in den heutigen Lebensstil ein. Mittlerweile gibt es fast in jedem Café Salate in Weckgläsern. Zu Hause wird der Salat in der Emailschüssel angerichtet und verspeist. Und hier kommt auch der nostalgische Spruch zum Tragen: „Früher war doch alles besser“. Viele wollen den Verpackungsmüll reduzieren – und so entstehen seit 2015 in kleinen und großen Städten nach und nach immer mehr Unverpackt-Läden. Ein Einkauf im Unverpackt-Laden steht hoch im Kurs. Blüht hier der „Tante-Emma-Laden“ wieder auf und gibt den Menschen die Wärme, die sie in der schnelllebigen Zeit so sehr vermissen?

Nostalgie im Alltag: Das Konzept „Unverpackt“

Das Konzept des Unverpackt-Ladens wurde nicht neu erfunden, sondern belebt etwas, was es bereits vor dem 21. Jahrhundert gab. Schon 1976 sang Udo Jürgens in seiner sozialkritischen Single Tante Emma:

 „… im endlos großen Supermarkt, da droht mir gleich ein Herzinfarkt. Da liegen die Regale voll, ich weiß nicht, was ich nehmen soll, da wird das Kaufen zur Tortur – ich geh’ zur Tante Emma nur!“

Die „Tante Emma“ steht für Nähe, kleine Läden, Überschaubarkeit, Nachbarschaft und mittlerweile auch für Nostalgie. Die Kundschaft soll Glasgefäße, Gemüsenetze oder Jutebeutel von zu Hause mitbringen oder vor Ort kaufen. Um den Preis der Ware feststellen zu können, muss das Gefäß vor dem Einkaufen gewogen werden. Nach dem Einfüllen wird dann die Differenz ermittelt. Das eigene „Machen“ steht hier im Fokus, da man seine Lebensmittel selbst abfüllen kann. So steht zum Beispiel in vielen Unverpackt-Läden eine aus Holz gefertigte Getreidemühle, die dazu dient, im Laden das eigene Mehl zu mahlen. Ein unverpackter Einkauf bildet den Gegenentwurf zum Massenkonsum in konventionellen Supermärkten.

Ein Teigrohling wird mit Körnern bestreut. © Waschbär

Ob Sie Mehl selbst mahlen oder Ihr eigenes Brot backen – die Entschleunigung tut gut und versetzt uns in Kindheitstage zurück.

Durch das Konzept des Unverpackt-Ladens kommt es zu einem Wiederaufleben des kleinen Einzelhandelsgeschäfts im Stil der Tante Emma. Die Läden sind überschaubar und das Sortiment ist begrenzt, aber deckt den täglichen Bedarf. Zu Hause stellt man seine Gläser behutsam in den Schrank oder auf das Regal. Hinzu kommt eine schöne Beschriftung, natürlich von Hand. Ist irgendwann das Glas leer, freut man sich, wieder in den kleinen, vertrauten Laden zu gehen. Hier begrüßen einen die Verkäuferinnen und Verkäufer mit dem Namen. Eine kleine Entschleunigung im hektischen Alltag, was bei vielen Menschen ein Gefühl von Geborgenheit auslöst.

Nostalgie steht für Entschleunigung

Die Nostalgie steht für eine Rückbesinnung auf eine Zeit, die schon längst hinter einem liegt. Viele Menschen sehnen sich nach Entschleunigung. Sie suchen nach einer Auszeit von einem Tag, der sie permanent beschäftigt, einer Pause von Social Media, langen Telefonketten, Einwegprodukten und Massenkonsum.

Auch die letzten Monate haben die Sichtweise der Menschen verändert. Das Leben wurde zum gesundheitlichen Schutz komplett entschleunigt. Natürlich sehnt man sich nun so langsam nach mehr Lebendigkeit. Der Weg zu mehr Ruhe hat die Gesellschaft erreicht. Und gerade jetzt kommt wieder die Sehnsucht hervor – und das Erinnern an den letzten Apfelkuchen im Café oder das letzte Theaterstück.

Sinnhaftigkeit durch Nostalgie

Die Welt wird von technischen Entwicklungen bestimmt und damit gehen viele gesellschaftliche Veränderungen einher. Nostalgie kann als emotionaler Ausweg aus der Komplexität des Alltags verstanden werden. Psychologinnen und Psychologen haben sogar erforscht, dass ein Rückblick dazu führt, optimistischer und selbstbestimmter in die Zukunft zu blicken. Die Gefühle der Nostalgie könnten die Sicht auf das eigene Leben verändern.

Dem Umweltpsychologen McKechnie zufolge ist es psychologisch veranlagt, dass Individuen ihr Handeln nach Umwelteinflüssen steuern. Daraus resultiert eine Wertschätzung gegenüber der Vergangenheit sowie deren Traditionen und Merkmalen. Es entstehen kulturelle Erzeugnisse aus vergangenen Zeiten. Denkt man zurück an vergangene Erlebnisse, die einem etwas bedeutet haben, werden soziale Emotionen und Verbundenheit ausgelöst, so Tina Kießling in ihrem Band Nostalgie und Retro-Trends als Marketingchance.

Gerade ältere Menschen sind oft erstaunlich gut darin, Geschichten zu erzählen. Diese Momente, wenn Opa davon berichtet, wie er früher mit den Skiern zur Schule gefahren ist, weil es tonnenweise Schnee gab: „Ich habe mich als Kind so unglaublich gefreut. Heute sieht man so was leider nicht mehr.“ Erinnern bedeutet, Gefühle von früher aufleben zu lassen – seien es Freude, Geborgenheit, Wärme oder auch Trauer. Und schon lange ist das neue Ding: das Alte.

Ein Box ist mit schwarz-weiß Fotografien und nostalgischen Fotos gefüllt. © CC0 / Miray Bostancı

Alte Bilder lassen die Vergangenheit wieder vor unseren Augen erscheinen und versetzen uns in Nostalgie.

Nostalgie und Resilienz

Die Wissenschaft betrachtet Nostalgie als psychologische Ressource, die den Menschen Stärke verleiht und für den roten Faden im Leben sorgt. Durch die Wertschätzung von Vergangenem fühlt man sich besser und besinnt sich auf die Dinge, die es schon gibt. Hier kann man sich abgrenzen vom konventionellen Konsum und sich seine eigene „Moderne“ herstellen. Gleichzeitig stellt sich das Gefühl ein, der Gesellschaft und der Umwelt etwas Gutes zu tun.

Steckt in Ihnen eine Nostalgikerin oder ein Nostalgiker?

Beobachten Sie sich selbst: Steckt in Ihnen vielleicht auch ein Nostalgiker oder eine Nostalgikerin?

  • Legen Sie großen Wert auf das kleine handwerkliche Produkt?
  • Drucken Sie gerne Fotografien aus und rahmen Sie ein, um sich visuell an vergangene Zeiten zu erinnern?
  • Liegt bei Ihnen zu Hause im Schrank eine alte Analogkamera?
  • Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich wieder einen Plattenspieler zu besorgen? Genießen Sie das feine Knistern und Knacken beim Abspielen des Vinyls?
  • Haben Sie Ihre Wohnung mit einem Möbelstück im Mid-Century-Stil geschmückt?
  • Oder schnappen Sie sich gerne Ihr Mehrweggefäß und befüllen es mit Haferflocken?

Welche Gefühle haben Sie dabei und woran denken Sie? Kommt hier vielleicht das wohlige Gefühl der Nostalgie zum Ausdruck? Verraten Sie es uns in den Kommentaren.

 

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Bildquellen

  • retro-fahrrad: © CC0 / Maria Orlova
  • brot-selbst-backen: © Waschbär
  • nostalgische-fotos: © CC0 / Miray Bostancı
  • nostalgie-im-unverpackt-laden: © Waschbär

Katharina arbeitet als Mediendesignerin bei Waschbär und setzt sich gerne mit nachhaltigen Produkten auseinander. Besonders ökologische Innovationen mit praktischem Nutzen haben es ihr angetan. Aber manchmal greift die studierte Medienkulturwissenschaftlerin auch zum Klassiker: Auf Reisen hat sie immer eine Seife im Seifensäckchen dabei – das spart nicht nur Platz, sondern auch die Verpackung.

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  1. Bärbel Goldbeck-Löwe

    10 August

    Ich (*1947) aufgewachsen in einer mittelalterlich geprägten Ackerbürgerstadt im Weserbergland habe meine Kindheit und Jugend auf dem Kleinbauernhof meiner Großeltern und in unserer Bäckerei sehr genossen, trotz oder gerade wegen der Mitarbeit in Haus und Hof. Je älter ich werde, desto öfter erinnere ich mich an den Duft von frischem Landbrot ohne Backhilfsmittel, an die abendliche Milch, frisch gemolken, den kleinen Stall mit nur fünf Kühen, die ich alle beim Namen rief, wenn sie von der Weide in ihren Stall gerufen wurden. Mir fehlen die Steuobstwiesen, die sonnengereiften Tomaten, die nicht wie schnittfest gemachtes Wasser schmeckten, die Zuckererbsen, die Tickeier zum Sonntagsfrühstück, das Apfelmus aus den sauren Klaräpfeln, die Birnengläser mit dem Fallobst. Mir gefällt es sehr, daß ich als Rentnerin nun Zeit habe, alles selbst aus Grundnahrungsmitteln zu kochen und zu backen. Leider hat der Unverpackt-Laden unweit meiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg nach sehr kurzer Zeit wieder dicht gemacht. – Um noch mehr sinnvolle Entschleunigung und Achtsamkeit bittend, mit freundlichem Gruß Bärbel Goldbeck-Löwe. 🙂

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