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Denkanstoß: Sollten wir in der Klimakrise noch Kinder bekommen?

Ein kleines Mädchen wird von seiner Mutter in den Armen gehalten.

Hitze, Waldbrände und Überschwemmungen: Es scheint, als sei der Sommer 2021 ein bitterer Vorgeschmack auf eine unwirtliche Zukunft gewesen. Sollte man in diese Welt noch Kinder setzen? Sind Familienplanung und Klimawandel vereinbar? Eher nicht, wenn man nüchtern diese Zahl betrachtet: 58,6 Tonnen. So viel CO₂-Äquivalente spart eine Person im globalen Norden mit dem Verzicht auf ein Kind ein. Das besagt eine Studie von 2017. Die Zahl ist aufgrund der Berechnungsmethode zwar irreführend: Dennoch propagieren Aktivisten, dem Klima zuliebe auf die Gründung einer eigenen Familie zu verzichten. Wäre es das wert?

Richtig ist: Das Bevölkerungswachstum hat laut dem UN-Expertengremium für Klimawissenschaften den globalen Treibhausgas-Ausstoß erhöht. Doch selbst wenn jetzt viele beschließen, keine Kinder zu bekommen, hilft uns das nicht akut aus der Krise. Denn bekanntlich haben wir nur 10 Jahre Zeit, um das Ruder herumzureißen. Demografischer Wandel vollzieht sich jedoch viel langsamer. Statt also das Bevölkerungswachstum zu stoppen, müssen wir bei unserem Lebensstil auf die CO₂-Bremse treten. Hier liegt das eigentliche Problem. 

Die Sorge, Kinder in eine unsichere Welt zu entlassen 

Für viele scheint das ethisch fragwürdige Argument „Kind = Klimasünde“ ohnehin nicht der Hauptgrund zu sein, an der Familienplanung zu zweifeln, so das Ergebnis einer 2020 veröffentlichten Studie. Befragt wurden Menschen in den USA, die die Klimakrise in ihre Zukunftsplanung einbezogen. Für knapp über die Hälfte der Befragten war der CO₂Fußabdruck der Fortpflanzung ein Problem. Fast alle aber sorgten sich um das Wohlergehen ihrer erwarteten oder hypothetischen Kinder in einer durch den Klimawandel veränderten Welt.

Zwei Hände halten eine aufgeschlagene Zeitung fest. © CC0 / Kaboompics

Fast täglich erreichen uns negative Nachrichten – oft im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Auch für die 25-jährige Danah Ruf wäre eine Mutterschaft mit der Sorge verbunden, „einen Menschen in diese Welt zu setzen, der täglich mit existenziellen Situationen konfrontiert werden müsste. Denn hier sprechen wir von Extremwettern, Wasserknappheit, Flüchtlingsströmen und womöglich kompletten Systemausfällen.“ Natürlich könne man einem Kind nie versprechen, ein sorgenfreies Leben zu führen, so Danah weiter. „Aber bei der Klimakrise ist es ja so, dass man eigentlich schon im Vorhinein genau weiß: Okay, das wird jetzt alles immer schlimmer da draußen.“

Familienplanung und Klimawandel – Doch da ist der Kinderwunsch 

Wäre es dann nicht die einzig vernünftige Entscheidung, auf Kinder zu verzichten? Und ihnen so ein erschwertes Leben und der Atmosphäre pro Kind 58 Tonnen CO₂ zu ersparen? So einfach ist das nicht. Denn die Entscheidung für oder gegen ein Baby, so Barbara Bleisch, Autorin des Buches „Kinder wollen“, erfülle nicht die Kriterien der klassischen Entscheidungstheorie, in der Menschen rational Vor- und Nachteile abwägen. Das Kinderwollen sei vielmehr eine „Sehnsucht, die sich argumentativ nicht durchdringen lässt“ und nicht einfach wegdiskutiert werden könne. Nicht für jeden Menschen muss sich dieses Bedürfnis mit eigenen Kindern erfüllen. Auch einem bereits geborenen Kind ein liebendes Elternteil zu sein, ist eine Option. 

Ein Vater schiebt seinen kleinen Sohn auf dem Fahrrad an, die Familie trägt Regenklamotten. © CC0 / Yan Krukov

Kinder bereichern unser Leben – für viele ist eine Familie ohne Kinder daher nicht vorstellbar.

Eine systemische Krise wird auf dem Rücken Einzelner ausgetragen

Wer schließlich Vater oder Mutter wird, für den wird der Konflikt real: Man will für das Kind ein sorgenfreies Leben, wird aber ständig von düsteren Prognosen und von Bildern schmelzender Eisberge eingeholt. Auch Joscha Hoffmann lebt nun mit diesem Konflikt. Der 39-Jährige wusste schon 2008, als er seine Masterarbeit über klimabedingte Migration schrieb, was da auf uns zurollt. Kinder kamen für ihn daher lange Zeit nicht in Frage. Dass er doch Vater geworden ist, hatte nicht nur mit seinem Kinderwunsch zu tun, „sondern auch damit, dass ich realisiert habe: Das darf eigentlich nicht mein Konflikt sein, denn hier wird eine systemische Krise ins Individuelle verlagert.“

Joscha findet es dramatisch, dass junge Erwachsene vor dem Dilemma stehen, ob sie Kinder in die Welt setzen. „Nicht wir als Einzelne, sondern wir als Gesellschaft müssen darauf eine Antwort finden. Indem wir eine Umwelt schaffen, in der Menschen bereit sind, ohne Angst um Familienplanung und Klimawandel Kinder zu bekommen.“ 

Nachwuchs als ultimativer Akt der Hoffnung 

Dass wir darauf hoffen dürfen, liegt nicht zuletzt daran, dass Menschen weiterhin Kinder bekommen. Warum sonst wollen wir die Welt retten, wenn nicht für die Kinder und generell für das Leben auf der Erde, jetzt und nach uns? Kinder stiften eine Beziehung zur Zukunft und sind daher ein gewichtiger Grund, sich für den Klimaschutz einzusetzen – so ungenügend dies aktuell auch sein mag. Und Kinder sind, wie die Philosophin Hannah Arendt betont hat, per se ein Grund zur Hoffnung, denn jede Geburt bringe „die Möglichkeit eines Neuanfangs in die Welt“. Die Geschichte ist voll von einstmals geborenen Menschen, die positive Veränderungen angestoßen haben. Auch auf die Gegenwart gerichtet können wir uns fragen, ob das große Umdenken im Klimaschutz eingesetzt hätte, wenn sich Greta Thunbergs Eltern gegen Nachwuchs entschieden hätten. 

Junge Menschen demonstrieren mit Plakaten gegen den Klimawandel. © CC0 / dmncwndrlch

Bewegungen wie Fridays for Future haben gezeigt, was junge Menschen gemeinsam bewirken können.

Familienplanung und Klimawandel: Ein Ja oder ein Nein zu Kindern ist immer ein Wagnis

Selbst wenn wir die Kurve kriegen und sich die Kinderfrage in einer transformierten und klimaneutralen Gesellschaft nicht mehr so massiv stellt: Die Antwort darauf muss jeder für sich selbst finden – und die ist immer ein Wagnis. Weil man, wie Bleisch sagt, nie mit Gewissheit vorhersehen könne, wie sich ein Ja oder Nein zu Kindern auswirken wird. Eltern können in ihrer Rolle aufgehen oder merken, dass sie ihnen nicht entspricht. Ein Kind kann pures Lebensglück bedeuten, uns aber auch in tiefe Verzweiflung stürzen, wenn ihm etwas zustößt. Kein Kind zu haben, kann zu Freiheit und Selbstverwirklichung führen, uns aber auch etwas vermissen lassen.

Ob wir mit der Kinderfrage ringen oder für den Klimaschutz kämpfen: Wenn wir entscheiden oder handeln, knüpfen wir daran eine Hoffnung, die sich erfüllen kann oder nicht. Der Menschenrechtler Václav Havel hat einmal über die Hoffnung gesagt: „Sie ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“

 

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Bildquellen

  • zeitung-mit-nachrichten: © CC0 / Kaboompics
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  • kind-auf-arm: © CC0 / Daria Obymaha

Katja Hellmuth ist freie Texterin für grüne Themen. Schokopralinen und Tanzmusik ist sie willenlos ausgeliefert. Die freie Zeit zwischen Texten und Familienalltag verbringt die gelernte Laborantin und Dipl.-Medienwissenschaftlerin am liebsten mit schweißtreibenden Workouts und „inneren Einkehr-Übungen“ für mehr Seelenpower.

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