Gemeinsam auf dem Weg für eine bessere Welt

Lernen, wo das Essen herkommt – an der GemüseAckerdemie

Der Junge hält das erdverschmierte Radischen hoch.

Gemüse ist auf vielen Kindertellern nicht willkommen. Die knackigen und gesunden Vitaminspender werden oft jahrelang verweigert, Nudeln und Pommes stehen ganz oben auf der Liste – am liebsten mit zuckrigem Ketchup. Daran ändern selbst raffinierte Überzeugungsversuche von Eltern nur wenig.

Doch in der GemüseAckerdemie wird Kindern Gemüse tatsächlich schmackhaft gemacht. Das Bildungsprogramm ist Teil des gemeinnützigen Vereins Ackerdemia e.V. und richtet sich vor allem an Schulen und Kitas. „Der Bezug zur Natur nimmt immer mehr ab. Nur wenige Kinder wissen, woher Lebensmittel stammen und wie sie entstehen“, erklärt Dr. Christoph Schmitz, der die GemüseAckerdemie mit Sitz in Potsdam 2014 gegründet hat. „Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen: Übergewicht und Diabetes bei Kindern nimmt stetig zu. Dagegen wollen wir etwas unternehmen.“ Als weitere Folge fehlender Wertschätzung sieht der Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler auch die zunehmende Verschwendung von Lebensmitteln, die auf dem Müll landen, obwohl sie noch essbar sind.

Ursprung der Idee: Kinder kennen die Wertschöpfungskette nicht mehr

©Ackerdemia

Dr. Christoph Scmitz gründete die GemüseAckerdemie.

Christoph Schmitz ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Dieser Hof wurde regelmäßig von Schulklassen besucht, die einen Tag lang einen Einblick in einen landwirtschaftlichen Betrieb zu bekommen. Ihm wurde bewusst, wie wenig Schüler über die Entstehung von Lebensmitteln wissen und wie schwer es ist, alles an einem Tag zu vermitteln. Auf der Suche nach einer Lösung dieses Problems, kam er auf die Idee, nicht die Kinder einmal im Jahr zum Acker zu bringen, sondern den Acker zu den Kindern. Der Grundstein für die GemüseAckerdemie war gelegt. „Meine wissenschaftlichen Arbeiten rund um das Thema Wertschätzung von Lebensmitteln am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, haben mich in meiner Entscheidung bestärkt“, erinnert sich Schmitz.

In seiner ersten Elternzeit nutzte er seinen kreativen Freiraum und entwickelte das Konzept der GemüseAckerdemie – mit großem Erfolg: „Bei uns lernen Kinder, dass Gemüse auf dem Acker und nicht im Supermarkt wächst und deshalb auch nicht permanent verfügbar ist. Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass Kinder, die mehr über Gemüsebau und Lebensmittel wissen, tatsächlich auch mehr Gemüse essen und das Thema auch mit nach Hause in die Familie tragen. Eine Befragung von Eltern hat gezeigt wie positiv sich das Verhalten der Kinder durch das Programm verändert hat“, berichtet der Initiator, der sehr bedauert, dass der klassische Schulgarten vom Lehrplan verschwunden ist.

Das Bildungskonzept der GemüseAckerdemie: Ein Stück Acker für jedes Kind

Zwei Mädchen und ein Junge lockern den Boden rund um die Salatköpfe.

©Ackerdemia

Dabei zusehen und dafür sorgen, dass Gemüse wächst – das erleben Kinder dank der GemüseAckerdemie.

Um das Bewusstsein für die Natur zu stärken und Begeisterung für den Anbau von Gemüse zu wecken, hat die GemüseAckerdemie ein Bildungskonzept erarbeitet. Die fachkundigen Mitarbeiter erstellen für Schüler und Lehrer individuelle Anbaupläne im Sinne der Fruchtfolge. Sie koordinieren die Pflanz- und Saatgutlieferungen und unterstützen die Organisation der Ferienbetreuung sofern erwünscht. Umgesetzt werden die Pläne auf Flächen ab 50 Quadratmetern. Auf einer Fläche von vier bis acht Quadratmetern pro Kind erleben die Jüngsten jeden einzelnen Schritt von der Saat bis zur Reife.

Mitmachen kann jeder, auch wer keinen grünen Daumen hat. In der „AckerSchule“ und der „AckerKita“ werden die Kinder durch das gesamte Wachstumsjahr begleitet. Wer an einem Projekt der GemüseAckerdemie teilnimmt, lernt, dass ohne regelmäßige Pflege nichts gedeiht und Geduld erforderlich ist, bis man ernten kann.

Ein Schulgarten ist für „Ackerstunden“ optimal, aber: Lehrer brauchen mehr Zeit dafür

Die Kinderstehen neben dem Salatbeet und hören ihrem Lehrer zu.

©Ackerdemia

Zeit für die Ackerstunde: So sieht der Salat aus, bevor er in den Supermarkt kommt.

Für einen Schulgarten von etwa 150 bis 200 Quadratmetern ist der Einsatz von rund zwei Schulstunden pro Woche notwendig. Um für Lehrer und Erzieher den Aufwand für die Vor- und Nachbereitung so minimal wie möglich zu halten, stellt die GemüseAckerdemie eine große Anzahl an Materialien zur Verfügung. Diese stellen zum Beispiel den theoretischen Hintergrund der Wachstumsprozesse altersgerecht dar und verdeutlichen die Zusammenhänge in der Natur. Zudem erhalten die Pädagogen innerhalb der „Ackerzeit“ einmal pro Woche Informationen, die alle anstehenden To-dos zusammengefasst.

Unter Anleitung bauen Kinder und Jugendliche mehr als 25 verschiedene Gemüsearten an. Die Arbeit auf der Ackerfläche erfolgt in Teams. „Wir wollen, dass die Kinder die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittel kennenlernen“, so Dr. Christoph Schmitz. „Dieser Prozess beginnt damit, dass die Kinder ihre eigenen Parzellen pflegen, das Gemüse ernten und dann verkaufen. Das gefällt den Kindern, die Begeisterung ist groß. Wichtig ist, das Thema Gemüseanbau altersgerecht zu kommunizieren, um die Wahrnehmung natürlicher Prozesse zu fördern.“

Die Idee hat Erfolg: Auszeichnung durch die Bundeskanzlerin

Das Mädchen hält lachend einen Fenchel in die Kamera.

©Ackerdemia

Gemüse kann begeistern… Das ist das Ziel der GemüseAckerdemie.

Der Weg von der Idee bis zur Umsetzung war lehrreich für alle Beteiligten. Nachdem das Konzept erarbeitet war, erprobte Initiator Schmitz seine Idee. Unterstützung erhielt er von seiner Schwester, die als Lehrerin arbeitet und das Projekt mit einer Schulklasse umsetzte. Dieser Probelauf verlief so erfolgreich, dass Christoph Schmitz mit weiteren Mitgründerinnen das gemeinnützige Bildungsprogramm „GemüseAckerdemie“ ins Leben rief. Wie so oft bei Projekten, die noch keinen Gewinn abwerfen, arbeiteten alle Beteiligten auf ehrenamtlicher Basis. Auf den Erfolg hat das fachkundige Team nicht lange gewartet. Nur acht Monate nach Beginn der anstrengenden Aufbauarbeit war die erste Finanzierung gesichert und nach einem Jahr erhielt das Projekt sogar eine Auszeichnung von Angela Merkel.

Inzwischen läuft die Finanzierung der GemüseAckerdemie über ein Matchfunding-Modell. Dabei übernimmt Ackerdemia als gemeinnütziger Verein die Hälfte des Programmwertes und unterstützt die Schulen so bei der Finanzierung des Ackers. Wie hoch dieser Gesamtwert ist, hängt von der gebuchten Leistungsstufe ab. Angestrebt ist jedoch, dass das Projekt sich durch den Verkauf von Gemüse an Eltern, Lehrer, Nachbarn und die Schulmensa trägt.

Damit nicht nur gut situierte Schulen profitieren, hat das Team zudem die Crowdfunding-Kampagne „GemüseAckerdemie PLUS“ ins Leben gerufen. So sollen auch Schulen mit erhöhtem Förderbedarf teilnehmen können. Damit wird sichergestellt, dass jeder Schüler Zugang zur landwirtschaftlichen Bildung und gesunder Ernährung bekommt, unabhängig von finanziellen Ressourcen, Herkunft und sozialem Milieu.

Der Erfolg reißt nicht ab. Mittlerweile gibt es 156 AckerSchulen und 62 AckerKitas in 14 Bundesländern sowie in Österreich und der Schweiz. Bislang hat das Projekt mehr als 14.520 Kinder und Jugendliche begeistert.

 

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Bildquellen

  • christoph-schmitz: ©Ackerdemia
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Eva praktiziert „grünen“ Journalismus aus Überzeugung. Als Mitarbeiterin im Einkauf für Waschbär ist sie ständig damit beschäftigt, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen. Richtig wohl fühlt sie sich in der freien Natur. Dort lässt sie sich am liebsten vom Lichtwellenspektrum der blau-grün-türkisen Meeresfarben inspirieren.

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