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Welche Bedeutung hat Tageslicht für den Menschen?

Eine Frau blickt in die Sonne.

Die Professorin Anna Steidle hat ein spannendes Forschungsgebiet: Sie erforscht an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg die Einflüsse, die Tageslicht und künstliches Licht auf Menschen haben. Wir haben mit der Psychologin gesprochen und unter anderem erfahren, was gedimmtes Licht und Kreativität miteinander zu tun haben.

So wirken Tageslicht und künstliches Licht auf uns

Können Sie unseren Leserinnen und Lesern bitte kurz erklären, was Ihr Forschungsgebiet als Psychologin ist?

Ich bin unterwegs im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie, mit der Ausrichtung auf Architektur-und Umweltpsychologie. Ich beschäftige mich damit, wie Menschen miteinander umgehen und welchen Einfluss die Umgebung auf ihre Leistung und ihr Wohlbefinden hat. Einer meiner Forschungsschwerpunkte liegt darin, wie sich Licht auf unser Denken und unser Verhalten auswirkt.

Was ist eigentlich Licht?

Physikalisch versteht man unter Licht das sichtbare Spektrum von elektromagnetischer Strahlung. Dieses Spektrum erstreckt sich über einen Wellenlängenbereich von ca. 380 Nanometer bis 750 Nanometer.

Welche Unterschiede gibt es zwischen künstlichem Licht und Tageslicht?

Künstliches Licht ist in der Regel statisch. Es hat den Vorteil, dass wir die Kontrolle darüber haben und es beliebig formen können. Es macht uns freier, wir können beispielweise mehr und länger arbeiten. Tageslicht hingegen verändert sich im Tagesverlauf. Morgens ist es wärmer und schwächer. Mittags ist es sehr kühl und heller. Und abends wieder gedimmter. Licht ist der wichtigste Taktgeber für unsere innere Uhr, die den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Dieser Rhythmus ist an die natürlichen Lichtveränderungen angepasst und kann durch zu viel oder zu wenig Licht zur falschen Zeit gestört werden. Ein weiterer Unterschied kann visuelle Aspekte betreffen: Natürliches Licht ist nahezu gleichmäßig über das gesamte Spektrum verteilt und hat daher auch eine sehr gute Farbwiedergabe. Und es ist viel stärker und viel heller. Die Sonne hat im Sommer mittags um die 100.000 Lux. Im Vergleich dazu: Am Arbeitsplatz sind 500 Lux auf der Schreibtischoberfläche vorgeschrieben.

Zwei Tageslichtlampen zeigen zwei Lichttöne. © Werbefotografie Weiss

Tageslicht-Lampen ahmen die unterschiedlichen Töne des natürlichen Tageslichts nach. Hier zu sehen ist der Unterschied zwischen kühlem und warmem Licht.

Welche Bedeutung hat Licht für uns Menschen?

Da gibt es vier Felder: Licht determiniert, was wir sehen. Licht steuert unsere innere Uhr. Licht kreiert Atmosphäre in Räumen. Und Licht hat eine metaphorische Bedeutung.

Können Sie das bitte jeweils genauer erklären?

Fangen wir an mit der physiologischen Bedeutung: Licht determiniert, was wir sehen können. Das Sehen ist einer der wichtigsten Sinne für uns Menschen. Die Hirnlappen, in denen die visuellen Informationen verarbeitet werden, sind verbunden mit dem Bereich für das Motorische und beeinflussen, wie wir uns entwickeln. Man kann auch sagen, Licht hat ganz viel damit zu tun, was wir wahrnehmen und auch was wir einsehen.

Da haben also diese Begriffe ihren Ursprung …

Genau! Damit kommen wir zum Zweiten zur metaphorischen Bedeutung von Licht, die unsere Geistes- und Ideenwelt durchdringt. Licht steht für etwas Positives, für Erkenntnis und Wissen. Da gibt es ganz viele Assoziationen. Jesus z.B. ist das Licht der Welt. Oder die Aufklärung nennt man das Siècle des lumières (deutsch: Jahrhundert der Lichter). Drittens hat Licht auch eine ganz wichtige Funktion für den Körper. Es steuert die ganzen physiologischen Prozesse, die für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich sind. Wenn die Sonne aufgeht, dann wird Melatonin unterdrückt, der Serotoninspiegel steigt und wir wachen auf.

Die beregnete Scheibe zeigt eine dunkle Wolke und nur wenig Licht.

Wenn die Tage im Winter kurz sind und es dann noch trübes Regenwetter gibt, vermissen wir das Tageslicht ganz besonders. Da helfen nur gemütliche Lichtquellen zu Hause.

Und im Winter fällt es uns viel schwerer aufzustehen, wenn es morgens noch dunkel ist.

Richtig. Und umgekehrt hält uns künstliches Licht aber auch nachts vom Schlafen ab. Also besser abends im Bad vor dem Zubettgehen nicht mehr das große Licht zum Zähneputzen anmachen. Künstliches Licht in Innenräumen trägt auch dazu bei, dass bestimmte Situationen entstehen und dass Atmosphären geschaffen werden, die unser Verhalten und unser Gefühlsleben beeinflussen. Womit wir bei der vierten Bedeutung von Licht wären. Die vom Licht geschaffene Atmosphäre legt uns nahe, wie wir uns in einer bestimmten Situation verhalten und was wir fühlen sollen. Die Assoziationen und das Wissen, die wir aufgrund unserer Erfahrungen gebildet haben, sagen uns, ob etwas Schönes oder etwas Anstrengendes passieren wird. Ob wir entspannen können oder eher nicht.

Sie haben speziell untersucht, welche Auswirkungen gedimmtes, künstliches Licht in Innenräumen auf Menschen hat. Welche positiven und negativen Effekte gibt es?

Generell kann man sagen, dass eine informelle, gemütliche Atmosphäre die Kreativität anregt. Wenn man draußen ist, kann dämmriges Licht dazu führen, dass man ängstlicher wird. Bei unserer Studie hat sich gezeigt, dass bei Innenräumen mit gedimmten Licht genau das Gegenteil der Fall ist. Die Teilnehmer fühlten sich ungehemmter und freier von Beobachtung und Zwängen von außen. Daher tendierten sie dazu, breiter und um die Ecke zu denken. Sie haben bei kreativen Aufgaben besser abgeschnitten.

Bei analytischen Aufgaben hingegen schnitten sie bei gedimmtem Licht schlechter ab, im Vergleich zu normalem oder sehr hellem Licht. Das analytische Denken erfordert, dass man sich an Regeln hält, nicht ausbricht und sehr genau vorgeht. Das geht besser in einer formellen, weniger gemütlichen Situation. Wir haben uns auch angeschaut, wie sich das Dimmen der Beleuchtung auf das Kooperationsverhalten auswirkt. Unsere Probanden verhielten sich kooperativer und berücksichtigen auch die Interessen des anderen stärker. Gedimmtes Licht kann zudem dazu führen, dass man sich ungehemmter verhält. Soziale Normen gelten nicht mehr so stark. Auch Risikoverhalten wird wahrscheinlicher.

Eine Bar mit viel Holz in warmes Licht getaucht.

In Bars und Restaurants wird Licht als Gestaltungsmittel eingesetzt. So entsteht eine zwanglosere, gemütliche Atmosphäre.

In der dunklen Jahreszeit halten wir uns ja viel in Innenräumen mit künstlichem Licht auf. Welche Tipps haben Sie für unsere Leserinnen und Leser? Wie kann man Licht nutzen?

Der beste Tipp ist der, dass man auf sich achtet. Was mag ich lieber? Welches Licht finde ich passend und angenehm für eine Situation? Genauso wie man andere Sachen bewusst gestaltet, z.B. dass man sich überlegt, was man anzieht oder welches Geschirr man verwendet, wenn Gäste kommen. Licht ist ein Gestaltungsmittel in vielerlei Hinsicht. Ich empfehle, Lichtsituationen so zu gestalten, dass sie zu dem passen, was man gerade tun will. Dann fühlt sich das konsistent und gut an. Wenn ich entspannt und gemütlich auf der Couch ein Buch lesen möchte und draußen ist es schon dunkel, dann lohnt sich eine indirekte Beleuchtung in Form von verteiltem Licht mit vielen kleinen Lichtquellen. Wenn Sie eine gemütliche Atmosphäre schaffen, dann machen Sie auch die passenden Dinge: Gespräche mit Freunden oder lesen. Aber wenn Sie arbeiten wollen und eine formellere Situation benötigen, dann bringt es nichts, Kerzen anzuzünden.

Braucht der Mensch Tageslicht?

Ja definitiv, gerade für den Biorhythmus bzw. Schlaf-Wach-Rhythmus. Die gleichen Lichtdosen bekommen wir nicht durch die künstliche Beleuchtung. Ich empfehle, 20 Minuten am Tag draußen zu verbringen. Damit man mal richtig wach wird. Es gibt ja auch diese Antidepressionsleuchten. Die wirken dadurch, dass sie so hell sind wie Tageslicht sind und daher anregend sind.

Die Interviewpartnerin im Porträt. © Anna Steidle

Die Psychologin Anna Steidle setzt sich in ihrer Forschung mit der Wirkung von Licht auseinander.

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Bildquellen

  • tageslicht-lampe-lichtspektrum: © Werbefotografie Weiss
  • anna-steidle: © Anna Steidle

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