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Urban Gardening: Gemüse vom Balkon in bester Bio-Qualität

Die großen kohlrabi-Blätter verdecken den Blumenkasten an der Brüstung fast komplett.

Urban Gardening ist weit mehr als ein Trend, es ist Ausdruck einer Lebensphilosophie. Immer mehr Menschen verwirklichen ihren Wunsch nach selbst angebautem Gemüse, Kräutern und Obst in Bio-Qualität, obwohl sie keinen eigenen Garten haben. „Ökologisches Gärtnern gelingt auch auf wenigen Quadratmetern, wenn ein paar Regeln eingehalten werden“, sagt Herbert Vinken. Er setzt seit vielen Jahren in seiner Bioland-Gärtnerei „herb’s“ im niedersächsischen Dötlingen auf Ökologie. „Vitaminreiche Gemüse wie Tomaten, Salate, Paprika, Radieschen, Kohlrabi und aromatische Kräuter kann man in Töpfen ziehen, das ist kein Hexenwerk. Richtig geplant, ist von Frühjahr bis Herbst Erntezeit.“ Und wenn noch ein paar Töpfe mehr Platz haben, empfiehlt der Bio-Gärtner sie für weniger bekannte Genüsse wie Landgurken, Erbsen, Petersilienwurzeln, Rote Beete, Möhren, Zwiebeln, Kartoffeln oder verschiedene Gewürze zu nutzen.

Schritt 1: Die richtige Wahl von Standort und Erde für die Topfbepflanzung

Gelungener Anbau von Mangold: Das Gemüse hat roße starle Blätter entwickelt.

©Roberta Fritz

Bald bereit zum Ernten sind diese Mangoldpflanzen.

Der erfolgreiche Anbau von vollwertigem Gemüse und Kräutern gelingt mit wenigen Grundkenntnissen, wie zahlreiche Nachschlagewerke nahelegen. Die Auswahl der Pflanzen ist natürlich von den Vorlieben der Balkongärtner abhängig. Die Lage des Balkons setzt jedoch Grenzen: Je besser ein Standort zur Pflanze passt, desto pflegeleichter wächst sie heran. Da nicht alle Pflanzen den ganzen Tag Sonne, Schatten oder Wind vertragen, lohnt es sich, sich vor dem Kauf darüber zu informieren.

Gärtnern auf Nordbalkonen kann sich zu einer echten Herausforderung entwickeln. „Pflanzen brauchen dort mehr Platz und einige Sonnenstunden pro Tag sind lebenswichtig“, so Herbert Vinken. „Ebenso wichtig, aber leichter zu beeinflussen, ist die Qualität der Erde, die gerade im privaten Bereich möglichst torffrei sein sollte.“ Eine gute Erde besteht für den ökologischen Gärtner aus hochwertigem Humus und mineralischen Bestandteilen. Sie speichert Wasser und Nährstoffe, gleichzeitig gewährleistet sie einen guten Wasserabfluss. Qualitativ hochwertige Erde sackt nicht nach wenigen Wochen zusammen und nimmt selbst dann noch Wasser auf, wenn nicht regelmäßig gegossen wird.

„Wer keinen gut verrotteten Gartenkompost hat, kommt nicht umhin, Sackware zu kaufen. Dabei sollte auf torfreduzierte Mischungen, auf einen Kompostanteil mit RAL-Gütezeichen und auf organischen Dünger geachtet werden“, rät der Experte. Er warnt: „Bitte nicht an der falschen Stelle sparen, denn gute Erde trägt nicht grundlos die Bezeichnung ‚Mutterboden‘. Oft verdient die Erde den Namen aber nicht, insbesondere dann, wenn es sich um minderwertige Kampfpreisware mit billigem baltischen Torf und bunten Düngerbällchen handelt, die zudem noch lange Transportwege hinter sich haben. Regionale Pflanzenerde ist oft die beste Lösung.“

Schritt 2: Was brauchen die Wurzeln?

„Immer wieder werde ich gefragt, warum beispielsweise Petersilie in Töpfen nicht so üppig wächst wie im Garten“, berichtet Herbert Vinken. „Die Antwort ist sehr einfach: Pflanzen können nur so gut wachsen, wie ihre Wurzeln im Pflanzgefäß Platz finden. Deshalb brauchen Doldenblütler wie Petersilie, Fenchel oder Möhren tiefgründig lockeren Boden – oder eben ein tiefes Gefäß, das nicht einmal besonders breit sein muss.“ Allerdings weist Vinken darauf hin, dass sich Karotten in jedem Topf eher schwertun. Viele Gemüsesorten gedeihen jedoch auf dem Balkon, vorausgesetzt sie haben mindestens einen halben Tag Sonne.

Die Gemüse in den drei Holzkästen wachsen prächtig.

©Roberta Fritz

Rucola, Mangold und Kopfsalat fühlen sich in den breiten Holzkisten wohl.

Doch auch weniger tief, dafür eher breit wurzelnde Pflanzen können bestens in Kästen gesetzt werden. „Pflücksalate sind Flachwurzler und brauchen eigentlich nur einen guten Boden und regelmäßig Wasser. Wer selber aussäen möchte, sollte auf die Pflanzenerde einige Zentimeter nährstoffarme Aussaaterde legen.“ Fachmann Vinken mischt gerne ein paar alte Sorten unter die bekannten. „Wenn der Platz knapp ist, eignen sich Pflücksalate wie asiatischer Blatt-Kohl, auch Mizuna genannt. Sie können leicht selber vorgezogen oder in der Bio-Gärtnerei beziehungsweise im Bio-Versandhandel eingekauft werden.“

Während Asia-Salate bei kühleren Temperaturen draußen keimen, müssen wärme liebende Arten wie Mangold, Kopfsalat oder Kohlrabi früh im Jahr – etwa ab Anfang März – drinnen vorgezogen werden. „Haben sie erst einmal eine gewisse Größe erreicht, holen sie mit ihren Wurzeln die Nährstoffe selbstständig weiter unten aus der Pflanzenerde“, so der Expertenrat.

Schritt 3: Welcher Topf darf es sein?

Welche Töpfe zum Einsatz kommen, hängt von den Gegebenheiten, dem Platz und dem Budget ab. Sind Balkonkästen fest eingebaut, sollte sichergestellt werden, dass sie eine ganzjährig funktionierende Drainage besitzen. Wer sich für Töpfe entscheidet, hat die Wahl zwischen Plastik, Ton oder Zinkblech. „Das ist keine Glaubensfrage“, stellt der Gartenexperte klar. Häufig spielt bei der Wahl das Stockwerk eine Rolle. Viele Balkongärtner scheuen sich in oberen Etagen schwere Tontöpfe anzubringen, aus Angst, diese könnten herabfallen.

Um Gewicht zu sparen wurde hier ein Plastikkasten genutzt, die Holzverkleidung sorgt für eine ansprechende Optik.

©Roberta Fritz

Die Frühlingszwiebeln wachsen zwar in einem Plastikkasten, doch wurde als unterste Schicht Blähton eingebracht. Die Holzverkleidung werdet die Optik sehr auf.

Es gibt Vor- und Nachteile: „Kunststoff-Gefäße sind leicht, halten das Wasser besser als Tontöpfe, brauchen aber eine leichtere Erde, damit genug Luft an die Wurzeln kommt. Mit rund 10 Prozent Hydrokultur-Blähton kann das erreicht werden“, erklärt der Praktiker. „Terrakotta ist schicker, aber sehr viel teurer. Und noch teurer, wenn es garantiert frostfest sein soll. Viele entscheiden sich dennoch für den luftigen Ton, der gerade mediterrane Kräuter besonders gut gedeihen lässt.“ Wer die günstigen, dekorativen Zinkbehälter wählt, sollte darauf achten, dass sie nicht in der prallen Sonne stehen.  In den Zinkkästen wird es sonst sehr heiß, dass sich die Wurzeln und das Bodenleben stark erhitzen. In der Folge sterben die Wurzeln schnell ab und es können sich Schadpilze entwickeln. Zinkmaterialien sollten in der Sonne nur als Übertöpfe dienen, so die Empfehlung.

Schritt 4: Abstand bitte! Das Pikieren

Beim Bepflanzen dieses Kastens wurde an genügend Abstand gedacht. Nur 2 Portulak-Pflanzen wurden eingesetzt.

©Roberta Fritz

Mit genügend Abstand wie hier, kann der Portulak sich schön ausbreiten.

Viele Pflanzen können früh im Jahr auf dem Fensterbrett vorgezogen werden. Vor dem Kauf von Bio-Saatgut ist ein kleiner Plan ratsam, der sich mithilfe eines Aussaatkalenders leicht erstellen lässt. Mit dem richtigen Timing gelingen Anpflanzungen mehrerer Kulturen, die nacheinander wachsen wie bespielweise Radieschen, dann Pflücksalat und zuletzt Feldsalat. Sobald die Sämlinge die richtige Größe erreicht haben, werden sie pikiert. Dabei werden die Pflänzchen vorsichtig einzeln aus der Saatschale gepickt und in einzelne Töpfe umgesetzt. Wichtig ist ein ausreichender Abstand zwischen den Samenkörnern, damit Platz für das Wachstum bleibt.

Wem das eigene Vorziehen zu mühsam ist, kann auf Setzlinge zurückgreifen „In der Regel sind es Pflanzen, die robuster und ein paar Wochen älter sind als die Pflanzen aus der Gärtnerei, damit sie den Transport unbeschadet überstehen.“ Gärtnern lohnt sich immer und selbst auf kleinstem Raum, ist Herbert Vinken überzeugt. Nachhaltig und ökologisch angebaut, ist die Ernte ein gesunder Hochgenuss.

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Bildquellen

  • Mangold auf dem Balkon: ©Roberta Fritz
  • Anbau in Holzkisten: ©Roberta Fritz
  • Frühlingszwiebeln in Plastikkasten: ©Roberta Fritz
  • Portulak: ©Roberta Fritz
  • Gemüse vom Balkon: ©Roberta Fritz

Eva praktiziert „grünen“ Journalismus aus Überzeugung. Als Mitarbeiterin im Einkauf für Waschbär ist sie ständig damit beschäftigt, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen. Richtig wohl fühlt sie sich in der freien Natur. Dort lässt sie sich am liebsten vom Lichtwellenspektrum der blau-grün-türkisen Meeresfarben inspirieren.

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