Gemeinsam auf dem Weg für eine bessere Welt

Weit um die Welt: Ein Film, der berührt

Vor der Kulisse des Karakol-Sees und der schneebedeckten Berge in West-China steht das Zelt der beiden Reisenden.

Es ist der Überraschungserfolg der Kino-Saison: WEIT. Die Geschichte von einem Weg um die Welt. Gedreht und erlebt haben ihn die Freiburger Gwen und Patrick. Sie brachen im Jahr 2013 in ihrer Heimatstadt Freiburg mit dem Ziel auf, unseren Planeten aus der Nähe kennenzulernen, sich Zeit für bewusstes Wahrnehmen und Begegnungen zu lassen. Ihr Budget: Fünf Euro pro Tag. Sie reisen also mit leichtem Gepäck – Rucksack und Zelt, aber mit umso mehr Neugier. Ihr Ziel ist es, sprichwörtlich auf dem Boden zu bleiben. Nur laufend, per Anhalter, Schiff und Esel reisen sie 96.707 Kilometer um den Globus. Unterwegs haben sie viele neue Freunde gewonnen, sind in Mexiko eine Familie geworden und haben der Welt in die Seele geschaut. Wie verändert eine so tiefgehende Erfahrung die eigene Weltsicht?

Wir möchten nachfragen und erreichen Patrick irgendwo mitten in Deutschland, in einer Stadt, in der die Leute in den Film strömen.

Ihr wart 3 Jahre und 110 Tage unterwegs – seid ihr inzwischen wieder so richtig angekommen?

Was heißt richtig angekommen… Für uns hat die Reise nicht einfach so aufgehört. Sie ist durch den Film und das Buch mit in unseren Alltag gekommen. Es war nicht auf einmal Schluss, im Gegenteil: In den 7 Monaten, in denen wir an unserem Film gearbeitet haben, hat eine ganz intensive Verarbeitung eingesetzt. Unterwegs hatten wir oft zu wenig Zeit, zu begreifen, was wir gerade erlebt haben. Als bei der Premiere des Films der Abspann lief, war es mega emotional. Da haben wir gespürt, dass ein Kapitel zu Ende gegangen ist.

Hügel soweit das auge reicht. Auf einem steht kaum sichtbar ein kleines Zelt.

©WEIT

Winzig klein wirkt das Zelt in den unfassbar schönen Weiten der Mongolei.

Mit welchen Erwartungen seid ihr damals zu eurer Weltreise aufgebrochen?

Wir haben die Reise weder geplant, noch hatten wir konkrete Erwartungen. Wir wollten uns einfach treiben lassen. Einfach erleben, was da kommt. Das gilt auch in Bezug auf die Zeit. Wir haben uns keinen zeitlichen Rahmen gesteckt, wann wir wieder zurück sein wollen. Wir hatten eher Träume statt konkrete Pläne. – Eine Erwartung hatte ich allerdings schon: Ich habe damit gerechnet, dass die Reise ein starker und intensiver Lebensabschnitt wird.

Würdet ihr mit eurem Wissen heute etwas anders machen?

Es ist schwierig, das zu sagen. Jetzt noch mal eine solche Reise zu machen, wäre auf jeden Fall anders – aber jetzt sind wir ja auch eine Familie. Wenn ich darüber nachdenke, überrascht es mich rückblickend, wie viel Energie wir in den ersten eineinhalb Jahren hatten. Uns hat die Leidenschaft getragen, unterwegs zu sein. Da konnte kommen, was wollte: Wetter, schwierige Situationen oder so was. Ich weiß gar nicht, ob ich das heute noch mal packen würde.

Eine Gruppe LKW-Farer sitzt mit Patrick und Gwen in der Sonne zusammen

©WEIT

Patrick und Gwen (ganz rechts) mit pakistanischen LKW-Fahrern, bei denen sie trampten. Berühungsängste? Fehlanzeige.

Was ich auf jeden Fall wieder so machen würde ist, darauf zu vertrauen, dass überall schöne Erfahrungen möglich sind. Das haben wir vor allem beim Trampen gemerkt. Jeder warnt einen, dass Trampen gefährlich ist. Ich fand das aber gar nicht. Durch das Trampen und die Leute, die wir dadurch kennengelernt haben, hatten wir eine tolle Kulturerfahrung und waren ganz nah an den Leuten dran. Wir saßen in 667 Autos und nur bei einer Handvoll hatten wir kein gutes Gefühl. Dann sind wir einfach wieder ausgestiegen.

Woher habt ihr das Vertrauen gehabt, dass alles gut geht?

Das haben wir wohl von unseren Familien und unseren Reisen. Wir waren ja schon vorher viel unterwegs – auch per Anhalter. Da wächst das Vertrauen mit der Zeit und festigt sich, bis es nur noch schwer zu erschüttern ist. Draußen zu schlafen, war am Anfang etwas komisch, dann wird es aber so normal, dass man da keine Angst hat. Man weiß: Das funktioniert! Ich denke auch, dass unsere Intuition durch die Erfahrungen geschärft wurde und wir dann an unserem Gefühl erkannt haben: Das passt nicht. Aber dann haben wir mal eine Einladung ausgeschlagen und sind einfach weitergegangen.

Aus den offenen Türen des VW-Busses leuchtet es in die Sternennacht.

©WEIT

Hier leuchtet Brunos erstes Kinderzimmer unter dem Sternenhimmel von Belize.

Mit Bruno, unserem Sohn, hat sich dann natürlich einiges verändert. Wir waren nicht mehr trampen und hatten nicht mehr so intensiven Kontakt zu den Menschen. Wir waren viel als Familie beschäftigt. Mit Kind hat man einfach einen anderen Fokus. Für mich gesprochen, kann ich aber sagen, dass ich nicht anders über die Leute gedacht habe als zuvor. Über Mexiko werden so schlechte Geschichten erzählt und wie gefährlich es ist. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Leute unglaublich nett sind. Die haben uns den Geldbeutel hinterhergetragen.

In Nicaragua wurden uns dann leider die Kameras aus dem Auto geklaut. Das war aber die einzige Situation, in der unser Vertrauen enttäuscht wurde. Aber vielleicht gehört sowas auch zu einer so langen Reise dazu…

Über drei Jahre erst zu zweit und dann zu dritt auf so engem Raum – gab es dadurch mal Stress?

Das war nicht anders als daheim. So eine Reise ist ja auch eine Herausforderung, die zusammenschweißt. Es hat gut funktioniert. Wir haben aber auch vorher nicht so viel darüber nachgedacht. Uns war gar nicht bewusst, dass es ein Problem mit der Nähe geben könnte. Das war vielleicht ganz gut so.

Was hat euch auf der Reise am meisten beeindruckt?

Die Menschen, die Begegnungen, dass überall auf der Welt die Gefühlswelt recht ähnlich ist. Was ich damit meine ist, dass die Kulturen oberflächlich ganz anders sind. Aber das Gefühl für den Alltag und die Heimat ist kulturübergreifend. Alle streben nach den gleichen Grundprinzipien: Harmonie, Familie, Heimat, nach einem Platz für sich. Es war schön zu sehen, dass das alle verbindet. Toll war auch, wie neugierig und gastfreundlich die Menschen überall waren.

HErzlich lachen Gwen und Baba Uljana aus der Urkraine zusammen

©WEIT

Um Menschen kennenzulernen, muss man nicht unbedingt die gleiche Sprache sprechen: Gwen mit Baba Uljana in der Urkraine

Ihr wart unter anderem in Russland, China und Indien unterwegs. Länder, die wir in Deutschland nicht unbedingt mit einem schonenden Umgang mit der Natur in Verbindung bringen. Wie habt ihr das Thema Umweltschutz dort wahrgenommen?

Es fällt mir schwer, dazu etwas zu sagen, da wir auf einer sehr kleinen – persönlichen – Ebene mit Land und Leuten zu tun hatten. Für uns haben sich daher eher kleine Einblicke und Nahaufnahmen ergeben, als der Blick aufs große Ganze. Auch deshalb wollen wir die Länder und Menschen gar nicht bewerten.

Ein paar Dinge sind mir aber im Gedächtnis geblieben: China entwickelt sich so schnell im industriellen Bereich, aber wir haben auch riesige Windparks gesehen. Das fand ich krass. In Sibirien war es so, wie ich mir Deutschland vor 50 Jahren vorstelle. Es war sehr nostalgisch, die Marktfrauen haben an ihren Ständen selbstangebautes Gemüse verkauft, es für den Winter eingemacht und dann in Gläsern verkauft. Sie haben vieles selbst gestrickt. Hier ist die schnelle Welt noch nicht angekommen. Es war alles so entschleunigt im Vergleich zur Großstadt. Von und mit der Natur zu leben, hat sich sehr gesund angefühlt. Ganz anders war es in Ulaanbaatar (Anm. d. Red.: Hauptstadt der Mongolei). Das hat mich eher erschreckt, weil es so modern war. Vielleicht auch weil es weniger romantisch war als gedacht.

Patrick und Gwen sitzen vor der Gäste-Jurte einer Familie in der Steppe.

©WEIT

Gastfreundschaft in der Steppe: Hier hat eine Familie den beiden Reisenden gleich ihre Gäste-Jurte angeboten.

Ihr wart auf sehr nachhaltige Weise unterwegs – ohne Flugzeug und mit wenig Gepäck. Lebt ihr jetzt immer noch weitgehend minimalistisch? Geht das überhaupt in unserer Gesellschaft so einfach?

Wir wollten diesen minimalistischen Gedanken mit in unseren Alltag nehmen. Als wir wieder zu Hause waren, war das sehr ernüchternd. Unterwegs ist es einfacher, minimalistisch zu sein, weil man ja alles mit sich trägt. Mit einer festen Wohnung fängt man ganz automatisch an, wieder Sachen zu sammeln. Aber ich möchte an der Idee des Minimalismus festhalten und bewusst so minimalistisch wie möglich leben.

Was ich auf unserer Reise gelernt habe, ist, mich zu konzentrieren. Das will ich mit in meinen Alltag nehmen. Sich auf bestimmte Sachen zu konzentrieren, fällt in unserer schnellen Welt immer schwerer. Auf der Reise waren wir aber ganz automatisch konzentriert und fokussiert. Wenn man in der Natur ist, dann gibt es nicht so viel, das ablenkt. Dieser Gedanke lässt sich auch auf den Konsum übertragen: Da gönne ich mir lieber etwas zu 100 Prozent und lasse die anderen 5 Sachen weg.

Patrick, Gwen und Bruno vor der beeindruckenden Kulisse der Pyrenäengipfel

©WEIT

Die kleine Familie kurz vor der Rückkehr nach Freiburg in den Pyrenäen – ein bisschen mehr Gepäck ist es durch Sohn Bruno schon geworden.

Habt ihr von Anfang an geplant, einen Film über die Reise zu machen und damit die Reise zu finanzieren?

Wir wollten auf jeden Fall einen Film machen, aber eher für unsere Freunde und Verwandten oder um ihn mal auf einem kleinen Festival zu zeigen. Kurz vor der Reise kam dann eine Anfrage von der Badischen Zeitung, ob wir nicht kleine Clips von unterwegs schicken können. Das gab dann den Anstoß. Durch die kleinen Filme haben wir immer wieder Feedback von zu Hause bekommen. Wir fanden den Gedanken schön, unsere Erlebnisse zu teilen. Dass der Film so einschlägt, hätten wir aber nie gedacht. Wir haben im Friedrichsbau (Anm. d. Red.: ein Arthouse-Kino in Freiburg) angefragt und die wollten den Film viermal zeigen. Die vier Termine waren dann sofort ausverkauft, sodass sie den Film fest ins Programm genommen haben. Er läuft dort jetzt bis zu viermal pro Tag! Unser Film ist mit über 20.000 Zuschauern in dieser kurzen Zeit der erfolgreichste Film, der jemals im Friedrichsbau angelaufen ist. Das hat mich total überrascht. Dass ausgerechnet ein Selfmade-Film diese Marke packt und nicht einer, der von vornherein darauf angelegt war. Ich glaube, der Erfolg liegt auch an der positiven Botschaft des Films.

Ihr seid gerade mit dem Film auf Tour und es stehen auch noch Live-Reportagen dazu an. Wie sehen eure weiteren Pläne aus? Wollt ihr noch mal ein solches Abenteuer zu dritt angehen?

Ich würde niemals „nein“ sagen. Allerdings sind wir momentan in ganz Deutschland unterwegs, auch das ist eine Reise. Und unsere Weltreise ist noch so präsent – natürlich auch durch den Film, das Buch und weil wir ständig darüber reden – dass noch kein Fernweh aufgekommen ist. Kann schon sein, dass das wiederkommt. Vielleicht ziehen wir aber auch mit ein paar Leuten auf einem alten Bauernhof und leben so nachhaltig wie möglich, bauen selbst Gemüse an und nehmen die Umwelt bewusst wahr.

Sie möchten jetzt mehr über Patrick, Gwen und ihre Reise erfahren?

Das Cover des Buches zeigt Weite und Minimalismus auf einen Blick. Gefüllt ist es dafür umso mehr.

©WEIT

Das Buch „weit.“ wartet mit vielen Anekdoten, Fotos und Rezepten auf neugierige Leser.

Dann empfehlen wir Ihnen die Webseite der beiden, auf der die Termine für Vorführungen bekanntgegeben werden. Im dortigen Shop können Sie außerdem das Buch zum Film erwerben, das neben Anekdoten und Bildern auch die besten Rezepte zusammenfasst.

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Bildquellen

  • Weite der Mongolei: ©WEIT
  • Zusammen mit pakistanischen LKW-Fahrern: ©WEIT
  • In Belize unterm Sternenhimmel: ©WEIT
  • Gwen mit Baba Uljana in der Urkraine: ©WEIT
  • Patrick und Gwen vor der Gäste-Jurte einer Familie: ©WEIT
  • Auf den letzten Etappen – in den Pyrenäen: ©WEIT
  • Cover des Reisemagazins WEIT: ©WEIT
  • Patrick und Gwen in China: ©WEIT.

Julia jongliert als Online Content Managerin bei Waschbär mit ökologischen Themenbeiträgen und passenden Bildern. Sie liebt es, mit ihren Freunden bei fleischfreien Snacks Fußball zu gucken. Außerdem schließt sie alles, was Knopfaugen hat, sofort in ihr Herz.

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  1. Dieser Film ist unbeschreiblich schön, emotional und unbedingt sehenswert.

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