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Warum schläft mein Baby nicht „richtig“?

Wenn sich das Baby sicher fühlt, kann es wie dieser kleine Junge friedlich eingekuschelt schlafen.

Schlaf ist wohl eines der wichtigsten Elternthemen – im ersten Jahr, aber auch noch Jahre danach. Nichts bringt uns als Eltern so sehr zum Verzweifeln wie der Schlafrhythmus der Kinder, wenn er unserem eigenen Rhythmus nicht entspricht. Denn natürlich benötigen wir Schlaf: Wir alle, aber besonders eben wir Eltern, deren Leben sich gerade so grundlegend durch die Ankunft eines Kindes geändert hat. Wir bilden erst neue Routinen aus, sind auf der Suche nach Ritualen und oft einfach erschöpft von den neuen und so anderen Tätigkeiten als früher: Das Baby tragen, stillen, wickeln und lernen, seine oder ihre Bedürfnisse zu verstehen. Alles ist neu. Gerade nun sind Erholungspausen wichtig. Aber selbst die sind nun anders, wenn der Schlaf auf einmal von einem kleinen Kind unterbrochen wird.

Babys müssen nicht schlafen lernen, sie können es schon

Schnell denken wir: Warum schläft das Baby nicht richtig? Mit „richtig“ meinen wir eigentlich: „wie ich“. Und damit begehen wir einen grundlegenden Fehler, der uns die Schlafsituation erschwert. Babys schlafen von sich aus richtig. Sie schlafen nämlich genau so, wie es für sie richtig ist. Und diese Fähigkeit bringen sie von sich aus in das Leben mit. Alle Babys können schlafen und tun dies bereits im Mutterleib. Das Problem ist nur, dass sich ihr Schlafverhalten von unserem unterscheidet. Wie viel Schlaf jeder von uns am Tag benötigt, ist von Anfang an unterschiedlich. Das ist der Grund dafür, dass schon Babys einen ganz unterschiedlichen Schlafbedarf haben. Um einen Mittelwert von 14,5 Stunden herum orientieren sich Neugeborene in die ein oder andere Richtung (vgl. Imlau/Renz-Polster, Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten, 2016, S.27). Während die persönliche Schlafmenge anfangs noch über den gesamten Tag verteilt ist, bilden sich mit zunehmendem Alter Tages- und Nachtschlafphasen aus. Um den ersten Geburtstag herum hat sich oft ein Rhythmus von Nachtschlaf und einem einzigen Tagschlaf (dem Mittagsschlaf) herausgebildet. Wie lange dieser Mittagsschlaf beibehalten wird, ist ebenfalls individuell: Einige Kinder brauchen ihn noch mit fünf Jahren, andere legen ihn mit drei Jahren ab.

Dass Babys anders schlafen als Erwachsene, ergibt Sinn

So manche Eltern mögen sich nun fragen: Ja, aber warum kommt das Baby überhaupt mit einem anderen Schlafrhythmus als wir Erwachsenen auf die Welt? Die Antwort darauf ist eine eigentlich ganz einfache, die wir für viele Elternschaftsthemen anwenden können: Weil es sinnvoll ist. Kindliches Verhalten ist sinnvoll. Manchmal bleibt uns zunächst der Sinn hinter dem Handeln unseres Kindes verborgen, aber wir können davon ausgehen, dass das, was ein Baby oder Kleinkind tut, aus seiner Entwicklung heraus sinnvoll ist (Mierau 2017). So verhält es sich auch beim Schlaf: Dass Babys nachts mehrmals aufwachen, ist eine sinnvolle Entwicklung, die das Überleben des Babys sichert. Unsere Babys wissen nichts von sicheren Wohnungen, von abschließbaren Türen und Babyphones oder Schlafmatten, die ihren Schlaf überwachen. Sie sind in ihrem Verhalten noch so ausgerichtet, wie ihre Vorfahren in der Steinzeit. Dort nämlich war der Schlaf eine Situation, in der Schutz notwendig war. Dieser Schutz vor wilden Tieren, Kälte oder Hunger konnte nur durch eines sichergestellt werden: die Anwesenheit einer Bindungsperson. Nur wenn eine umsorgende Person in der Nähe war, konnte das Baby sichergehen, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden und es nicht schutzlos der Natur ausgeliefert ist. Dieses Verhalten ist in unseren Gehirnen abgespeichert und wird heute noch abgerufen. Der Schlaf der Babys ist leichter als der von Erwachsenen. Er besteht aus längeren REM-Phasen, in denen sie Erlebtes verarbeiten und gleichzeitig schneller aufwachen, wenn die Rahmenbedingungen für den Schlaf nicht ideal sind. Dieser REM-Schlaf, der für die Entwicklung notwendig ist, verbraucht mehr Energie des sich ohnehin rasant entwickelnden und viele Kalorien benötigenden Gehirns.

Angekuschelt an Mama oder Papa finden Babys häufig gut in den schlaf, weil sie sich geschützt fühlen.

©susanne mierau

Der Körperkontakt beruhigt Babys. Sie fühlen sich sicher und geborgen.

Dass Babys häufig aufwachen und ihren Schlaf in kleine Portionen aufteilen, hat folgenden Hintergrund: Sie überprüfen, ob die Rahmenbedingungen richtig sind und melden sich bei Nichterfüllung. Beispielsweise, wenn die schützende Bindungsperson nicht in der Nähe, es zu heiß oder kalt ist. Zudem nehmen sie regelmäßig Nahrung auf, die sie für ihre Entwicklung benötigen. Das alles führt dazu, dass die meisten Babys nicht wie wir Erwachsene schlafen, sondern eben ganz anders.

Auswege aus der Schlafproblematik

Einen großen Schritt haben wir bereits getan, wenn wir anerkennen, dass das kindliche Schlafverhalten sinnvoll ist und kein Baby schlafen muss wie ein erwachsener Mensch. Schlafprogramme, die bewirken sollen, dass Babys ohne einen Erwachsenen einschlafen beziehungsweise mehrere Stunden durchschlafen können, gehen genau in die gegenteilige Richtung von dem, was das Baby eigentlich braucht. Zudem können sie sich sogar langfristig negativ auf die kindliche Entwicklung auswirken, denn sie führen zu Stress und Ängsten, mit denen das Kind nicht umgehen kann. Wir sollten deswegen nicht versuchen, das Kind mit aller Kraft an unseren Schlafrhythmus anzupassen, sondern es da abholen, wo es steht. Das Baby muss nicht schlafen lernen, es kann schon schlafen. Damit es sich nach und nach sicherer fühlt und auf dieser Basis ein Schlafverhalten entwickelt, das unserem ähnelt, müssen wir ihm das zugestehen, was es benötigt. Das ist zunächst die körperliche Nähe, die suggeriert, dass jederzeit eine schützende und versorgende Person anwesend ist. Schlaf in der Nähe der Bezugspersonen ist von großer Bedeutung am Anfang und vermittelt Geborgenheit. Hierdurch können wir auch Nahrung nach Bedarf anbieten, wenn das Kind diese benötigt. So fühlt es sich sicher und in seinen Bedürfnissen angenommen. Jedes Kind geht hier seinen eigenen Weg. Einige haben schneller einen Schlafrhythmus, der unserem ähnelt, andere langsamer. Der Weg dorthin führt immer über die Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse. Unsere Elternbedürfnisse nach Schlaf sind jedoch auch wichtig. Hier hat die Natur ebenfalls vorgesorgt: Wir schlafen dann besser, wenn wir unserem Baby nah sind. Und wir können uns an den Tagesschläfchen beteiligen und so zumindest zeitweise etwas Energie auftanken. Bis es irgendwann so weit ist, dass das Kind unseren Rhythmus angenommen hat – ganz natürlich.

Das Cover des Buchs "Geborgen wachsen" von Bloggerin Susanne Mierau

Das Buch „Geborgen wachsen“ von Bloggerin Susanne Mierau.

Wer mehr von Susanne lesen möchte, kann das in ihrem Blog Geborgen-wachsen und in ihren Büchern tun. „Geborgen wachsen: Wie Kinder glücklich groß werden“ ist ein kompakter Begleiter durch Schwangerschaft und das erste Babyjahr.      

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Bildquellen

  • Schlafendes Baby: ©susanne mierau
  • Babys können richtig schlafen: ©susanne mierau

Susanne ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Heilpraktikerin. Seit 2012 schreibt sie über bindungsorientierte Elternschaft und das Leben mit ihren 3 Kindern auf geborgen-wachsen.de. Sie ist Autorin des gleichnamigen Buches "Geborgen wachsen".

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