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Tierhaltung in Deutschland: Wie kann das Tierwohl verbessert werden?

Vor herrlichem Alpenpanorama schmeckt es auch diesen Kühen besonders gut.

Nur wenige Kühe sind so glücklich wie hier auf dem idyllischen Bild. Fleisch ist billig wie nie zuvor, gleichzeitig sind die Bedingungen der Tierhaltung meist katastrophal. Ein staatliches Tierwohl-Label soll Verbraucher künftig animieren, mehr für Fleisch aus artgerechter Haltung zu bezahlen. Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft und überzeugter Biolandwirt, ist skeptisch. Warum er Bedenken hat und höhere gesetzliche Standards für unverzichtbar hält, erklärt er in unserem Interview.

Wie ist es aus Ihrer Sicht momentan um die Tierhaltung in Deutschland bestellt?

Hier ist es dunkel und die neugireige Schweinenase hat nichts zum entdecken.

Eng, dunkel und reizarm – genau das Gegenteil brauchen Schweine zum Glücklichsein.

Die Nutztierhaltung ist der Hotspot der landwirtschaftlichen Probleme. Zum einen, weil die Konzentration der Tierhaltung an bestimmten Stellen des Landes zu Problemen mit den Nährstoffkreisläufen führt. Zum anderen ist die Art der Haltung ein Problem. Sie ermöglicht uns zwar, im historischen Kontext betrachtet und gemessen an unserer Kaufkraft, einmalig billige Produkte anzubieten. Diese scheinbare Segnung hat aber den hohen Preis, dass Tierhalter nicht mehr auf die artgerechten Bedürfnisse der Tiere Rücksicht nehmen können – sei es, was den Platz, die Bewegungsfreiheit oder den Anspruch an Licht und Klima für die Tiere betrifft. Zusätzlich sind diese Arten der Haltung sehr instabile Systeme, die nur durch einen hohen Einsatz von Medikamenten aufrechterhalten werden können. Das wiederum führt zu den bekannten Problemen wie etwa Antibiotika-Resistenzen.

Es gibt verschiedene privatwirtschaftliche Initiativen, die versuchen, durch ein Label den Verbraucher für Tierwohl-Belange zu sensibilisieren. Zudem will Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt nächstes Jahr ein mehrstufiges staatliches Tierwohl-Label einführen – je höher die Stufe, desto besser die Haltungsbedingungen der Tiere. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Eng gedrängt stehen Hühner im Stall. Einige haben kaumnoch Federn.

Solche Zustände wie hier im Bild sollte es nicht geben.

Ob das staatliche Label tatsächlich irgendetwas ändern wird, ist noch überhaupt nicht zu sagen, weil die Inhalte noch gar nicht genau bestimmt sind. Bei den privatwirtschaftlich Eingeführten gibt es bereits zwei Modelle. Zum ersten, dem Label des Deutschen Tierschutzbundes, kann ich sagen, dass die Anforderungen des Einstiegslabels nicht wirklich etwas verbessern. Und die zweite Stufe des Labels verteuert die Produktion derart, dass diese ohne eignen Markt nicht funktioniert.

Das andere Label, der Initiative Tierwohl des Lebensmitteleinzelhandels, zahlt Betrieben, die höhere Tierschutzstandards einhalten, Geld. Die Kosten werden auf alle umgelegt, sodass sich die erhöhten Preise auf dem Markt nicht widerspiegeln. Das funktioniert insofern, dass es viele Betriebe gibt, die dabei gerne mitmachen würden. Das zeigt, dass unter den konventionellen Bauern durchaus einige gerne die Haltungsbedingungen verändern möchten. Doch die Mittel, die zur Verfügung stehen, reichen nur für minimale Änderungen in wenigen Betrieben.

Hühner in diesem Stall können sich zwischen den Futterbehältnissen und Artgenossen noch gut bewegen.

Diese Hühner haben gemessen an vielen anderen Ställen viel Platz und Licht.

Zusammenfassend kann ich sagen: solange es keinen Markt für tierwohlgerecht erzeugte Produkte gibt, werden alle diese Label nicht funktionieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass die höchste Stufe des Labels des Tierschutzbundes bisher praktisch nur von Bio-Betrieben eingehalten wird. Weil „Bio“ ein längst eingerichtetes und gesetzlich verbindlich definiertes System von Regeln und Vorschriften ist und darüber hinaus über seinen eigenen Markt verfügt. In diesem Markt sind die Verbraucher auch bereit, für eine bestimmte Qualität mehr zu bezahlen.

Die entscheidende Frage ist doch aber: Ist es überhaupt der richtige Weg, bei der Verbesserung des Tierwohls ausschließlich auf die Entscheidungs- und Kaufbereitschaft des Verbrauchers zu setzen?

Wie meinen Sie das?

Ich vergleiche das gerne mit dem Waldsterben. Damals kam aus Fabrikschornsteinen Dreck, der in Form von saurem Regen das Waldsterben verursacht hat. Hat da jemand vorgeschlagen: Jeder der auf seinen Schornstein einen Filter baut, darf auf sein Produkt ein Label kleben und einen höheren Preis im Markt verlangen und alle anderen machen einfach weiter wie zuvor? Natürlich nicht. Die Lösung war: Wer zu viel Dreck aus dem Schornstein bläst, dessen Fabrik wird geschlossen. Mit anderen Worten: Wir müssen dahin kommen, dass deutlich mehr Tierwohl verpflichtend wird.

Auch ihr Verband, der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, hat ja einen Vorschlag für ein Label gemacht.

Die hier aufgestapelten Eier haben einen Stempel, der ihre Herkunft offenbart.

Hier weiß man ganz genau, woher die Eier kommen – auch als Verbraucher.

Wir sind dafür, um Verbraucher nicht noch mehr zu verwirren, ein System einzuführen, dass sich an der Herkunftsbezeichnung für Eier orientiert. Dabei steht 1 für „erhöhter Standard“, 2 steht für „stammt aus konventionellen Zuchtverhältnissen“– also das was die allermeisten machen. Ein leicht zu verstehendes Tierwohl-Label kann schon dazu beitragen, die Menschen zu sensibilisieren – bei all meiner Skepsis, die ich dazu bereits zum Ausdruck gebracht habe.

Was wäre also zielführender als die diversen Labels?

Es müssen ganz klar die gesetzlichen Standards erhöht werden. Dabei ist ein Problem offensichtlich: Wenn man gesetzliche Verpflichtungen nur in einem Land der EU durchsetzt, wandert die Tierhaltung aus. Das heißt, auf der Ebene von einzelnen Mitgliedstaaten kann man Regeln nur in begrenztem Umfang verändern. Deshalb sollten wir parallel versuchen, europaweit Standards zu setzen. Leider ist bisher versäumt worden, solche Standards in internationale Handelsabkommen reinzuschreiben. Alle sagen immer, mehr Tierwohl sei nicht durchzusetzen, wegen des internationalen Wettbewerbs. Aber tatsächlich hat bis heute niemand der Akteure – inklusive des Deutschen Bauernverbandes – den Versuch unternommen, auf europäischer Ebene für alle verbindliche Standards durchzusetzen. Und warum nicht? Weil in Wirklichkeit alle auf einen Weltmarkt schielen, auf dem sie möglichst billig unterwegs sein wollen, weil sie nur dann dort konkurrenzfähig sind.

Welche Maßnahmen könnte man zum Wohl der Tiere sofort in Deutschland umsetzen?

Da gibt es einiges. Man kann in der Geflügelhaltung das Verbot des Schnäbelkürzens durchsetzen. Oder verhindern, dass in Kuhställen mehr Tiere stehen, als Liegeplätze vorhanden sind. Bei der Schweinehaltung könnten wir uns wenigstens auf das Niveau der europäischen Schweinehaltungsrichtlinie begeben. Das ist nämlich höher als die gängige Praxis in Deutschland.

Worauf sollten Verbraucher heute beim Fleischkonsum achten?

Wenn die Sau ihre Ferkel im freien Gelände auf Sand liegend säugen kann, geht es natürlich zu.

Hier fühlt sich das Schwein „sauwohl“.

Dass es „Bio-Fleisch“ ist, was sie konsumieren. Natürlich gibt es auch in der Bio-Tierhaltung noch vieles, was verbessert werden kann. Aber wir können nicht warten, das Bessere zu tun, bis das Bessere perfekt ist. Bei „Bio“ gibt es ein eingeführtes System – deswegen ist es sinnvoll, es weiter zu unterstützen und auszubauen. Die Tierhaltung ist ja nur einer von vielen Punkten, der berücksichtigt werden muss. Es reicht nicht, dass man den Tieren ein artgerechtes Leben ermöglicht – man muss auch bei der Erzeugung des Futters dafür sorgen, dass der Umwelt nicht geschadet wird.

Herr zu Löwenstein, essen Sie Fleisch?

Ja, ich esse Fleisch, weil es mir gut schmeckt. Aber selten, weil Bio-Fleisch sehr teuer ist. Neulich habe ich zum Beispiel für meine Familie ein Bio-Masthähnchen für fast 20 Euro gekauft. Das ist sehr viel Geld, aber es war wirklich unglaublich köstlich. Dann esse ich halt nur sehr selten so ein köstliches Hühnchen. Ich betrachte das als Gewinn an Lebensqualität. Ich denke, das muss man den Leuten deutlich sagen: Es geht nicht um Einschränkung oder Verzicht, sondern darum, seine Lebensqualität auf ein anderes Niveau zu heben. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, der in der Debatte oft untergeht. Marktkräfte sorgen dafür, dass der Konsum sich ändert, wenn sich die Produktpreise verändern. Um einen deutlich reduzierten Fleischkonsum zu erreichen, muss man den Leuten gar nichts vorschreiben oder verbieten. Man muss nur dafür sorgen, dass die Fleischerzeugung so läuft, dass keine Nebenkosten für die Gesellschaft, für die Umwelt und die künftigen Generationen entstehen.

Zur Person:

Porträt von Dr. Felix Prinz zu Löwenstein

©BÖLW

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein wurde 1954 in Weeze geboren. Nach der Schulzeit am Jesuitenkolleg St. Blasien studierte zu Löwenstein an der agrarwissenschaftlichen Fakultät der TU München in Weihenstephan und schloss das Studium 1982 mit der Promotion ab. Nach einer dreijährigen Entwicklungshelfer-Tätigkeit auf Haiti übernahm er den elterlichen land- und forstwirtschaftlichen Betrieb im südhessischen Otzberg-Habitzheim und stellte das Gut auf Bio um. 2011 veröffentlichte er sein Buch „Food Crash“, ein vielbeachtetes Plädoyer für eine ökologische Landwirtschaft. Zu Löwenstein ist Mitglied im Präsidium des Erzeugerverbands Naturland, Vorstandsvorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und Vorstandsmitglied des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL Deutschland). 2016 erhielt er für sein vielseitiges Engagement im Ökolandbau das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Er ist seit 1977 mit Elisabeth Gräfin von Meran verheiratet und Vater von sechs Töchtern.

 

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Bildquellen

  • Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: ©BÖLW

Daniela Becker gehört zum Autorenteam von raabengrün. Ihr umweltpolitisches Erweckungserlebnis war Tschernobyl. Einige Jahre später studierte sie Umweltwissenschaften, natürlich um die Welt zu retten. Weil sie in einem Superwoman-Kostüm dämlich aussieht, nutzt sie nun vorwiegend eine Tastatur.

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  1. Susanne Heinze

    19 August

    Am liebsten würde ich nur noch Bio-Produke kaufen. Doch leider gibt es bei uns keinen einzigen Bio-Laden . Der nächste ist in einer anderen Stadt, 30 Min. entfernt. Ich bin also auf das eingeschränkte Angebot in unseren Läden angewiesen.
    Das ist nicht sonderlich groß. Es gibt bei uns Bio-Gehacktes-Eier- Schinken- Milch.
    Aber leider kaum Bio-Fleisch.
    Wir wohnen sehr ländlich und haben keinen einzigen Bio-Metzger!
    Mein Freund ist ein Fleischesser. Er kauft sich „sein“ Fleisch selber, weil ich mich weigere Quälfleisch zu
    kaufen.
    Die Alternative war Irisches Rindfleisch. Doch der einzige Laden am Ort hat auch geschlossen.
    Eine Lösung ist leider nicht in Sicht.

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