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Rückblick: BIOFACH 2017 – Zwischen Öko-Überzeugung und Greenwashing

Interressiert begutachten Messebesucher den Stand mit Käse und Früchten, der von zwei Frauen im Dirndl betruet wird.

Auf einer Fläche von 45.000 m², entspricht etwa sechs Fußballfeldern, hat sich die boomende Bio-Branche in diesem Jahr mit mehr als 2500 Ausstellern präsentiert. Für einen Biofach-Neuling wie mich, ist es ein Messebesuch mit erschlagend vielen Eindrücken gewesen. Zwischen Spielzeugzügen beladen mit Schokolade, veganen Koch-Shows und fleischigen, bayrischen Spezialitäten bin ich gar nicht hinterher gekommen mit dem Probieren. Doch ich bin nicht nur zum Naschen nach Nürnberg gefahren. – Nein, ich habe mir viel vorgenommen. Ausgerüstet mit Notizblock, Stift und vielen Fragen bin ich mit dem Vorhaben losgelaufen, der Bio-Branche mal so richtig auf den Zahn zu fühlen. Ich wollte wissen, wer diese Menschen sind, die sich hier tummeln, was sie ausmacht und was dran ist am Bio-Boom.

Doch wie soll ich Antworten auf meinen Fragenkatalog erhalten, wenn ich andauernd auf Promoter stoße, die mir auf die offenkundigsten Fragen nicht antworten können? Offensichtlich ist es einigen Ausstellern wichtiger, eine ansprechende Darbietung hinzulegen, als mit wirklichen Inhalten bei Interessenten zu punkten. Mehrmals bekomme ich bei Fragen zum Unternehmen, zur Geschichte oder zur Philosophie keine befriedigende Antwort. Was mich noch mehr enttäuscht, ist die Tatsache, dass diese Unkenntnis nicht einmal versteckt, sondern ganz offen mitgeteilt worden ist.

Vorreiter vs. Mitläufer: Geht es ums Prinzip oder um Profit?

©Max Bewermeier

An prägnanten Botschaften mangelt es nicht auf der Biofach. Doch was steht dahinter: Marketing oder Überzeugung?

Auf der Suche nach Antworten bleiben weitere Überraschungen nicht aus. So hat mir ein skandinavischer Aussteller eine ehrliche Auskunft auf die Frage gegeben, ob sie schon immer Bio-Produkte produzieren: „Nein, wir produzieren erst seit Kurzem in Bio-Qualität. Unser spanischer Lieferant hat seine Produktion umgestellt und für uns war es einfach komfortabler, diesen Schritt mitzugehen. Ansonsten hätten wir uns vielleicht noch gar nicht mit Bio beschäftigt.“ Bio scheint also nicht immer eine Herzensentscheidung zu sein, wie die Beschreibung der Biofach suggeriert: „[…] Bio steht für Qualität und Überzeugung – für den verantwortungsbewussten Umgang mit den Ressourcen der Natur. Die Biofach ist der Ort, an dem Menschen ihre Leidenschaft für Bio-Lebensmittel und den Bio-Markt teilen […]“ (biofach.de, 01.03.17, 15:11 Uhr).

Einigen Überzeugungstätern mit einer spürbaren Leidenschaft für Bio-Lebensmittel sei Dank, habe ich auch das Gegenteil erlebt. So habe ich mich mit einigen Gründern und Inhabern von Unternehmen zu unterhalten, die meistens schon langjährig in der Branche tätig sind.
Viele dieser Unternehmen sind vor ungefähr 50 Jahren während der 68er-Bewegung entstanden oder haben während dieser Zeit von einer konventionellen Anbauweise auf ökologischen Landbau umgesattelt. Für sie ist oftmals der hohe Qualitätsanspruch einer der Hauptgründe für den Schritt in die Bio-Branche gewesen. Denn wer sich mit Qualität auseinandersetze, komme zwangsläufig irgendwann bei Bio heraus, so die Meinung vieler.

Ob sich diese Aussage nun pauschalisieren lässt, sei an diesem Punkt dahingestellt. Sicherlich ist der Kauf von Bio-Produkten ein Zeichen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Naturressourcen. Allerdings soll dies nicht die Freikarte für ein Schwarz-Weiß-Denken, nach dem Motto „Bio ist gut, Konventionell ist schlecht“ sein. Denn ob das Bio-Müsli mit Palmöl aus Indonesien wirklich dem Bio-Grundgedanken entspricht, ist zumindest für mich fraglich.

Politik macht Biofach

Gut sichtbar ist die Politik auf jeden Fall: Der Gemeinschaftsstand für junge innovative Unternehmen wird von der Bundesregierung gefördert.

©NürnbergMesse

Präsenz der Politik: Der Gemeinschaftsstand für junge innovative Unternehmen wird von der Bundesregierung gefördert.

Überrascht hat mich außerdem die politische Präsenz der einzelnen Bundesländer. Immer wieder haben sich Aussteller als Gruppe formiert und sich unter ihrem übergroßen Landesnamen wie Bayern oder Sachsen präsentiert.
Ich habe dann erfahren, dass es für die Länder mehrere Gründe gibt, warum sie ausgerechnet auf der Biofach vertreten sind:

  1. Viele mittelständische Unternehmen können sich eine Standgebühr auf der Biofach nicht leisten und werden von ihren Bundesländern finanziell unterstützt. Außerdem besteht durch die Größe des Standes nicht die Gefahr in der Masse von Ausstellern unterzugehen. Das müssen Unternehmen mit kleinen Ständen mit unter 5 qm durchaus befürchten.
  2. Die Länder versuchen mit ihrer Präsenz, die Bio-Branche zu fördern und Werbung für den Umstieg auf eine zukunftsfähige, langfristige Nutzung der Ressourcen zu machen. Denn häufig werden zur Verfügung stehende Fördergelder auf Grund von mangelndem Interesse nicht abgerufen. Und dass obwohl es meist finanzielle Gründe wie hohe Kosten für den Umstieg oder niedrigere Erträge in den ersten Jahren sind, die Landwirte von einem Wechsel abhalten.
  3. Unterstützung erfahren insbesondere junge, innovative Unternehmen. Sie haben die Möglichkeit, sich auf Bundesebene um einen geförderten Standplatz zu bewerben. Viele von Ihnen sind zum Beispiel aus der veganen Lebensmittelbranche und bieten fleischlose Alternativen zu Leberwurst, Currywurst und Co. an. Wieder andere versuchen, mit dem Verkauf ihrer Produkte ihrerseits soziale Projekte zu unterstützen.

Hört Bio bei der Verpackung auf?

Ein anderes Thema, das mich schon länger beschäftigt, sind Verpackungen. Denn jedes Mal, wenn ich im Supermarkt in das Bio-Gemüse-Regal schaue, ist der Großteil in Plastik eingepackt. Hört Bio etwa bei der Verpackung auf? Woran liegt es, dass es bisher noch keine etablierte Alternative zur Plastikverpackung gibt? Genau das wollte ich auf der Biofach herausfinden.

Und ich habe Glück gehabt: Ich habe einen Aussteller gefunden, der sich seit circa zehn Jahren mit nachhaltigen Verpackungen auseinandersetzt.
Als das Unternehmen angefangen hat, Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Papierfasern oder Zuckerrohr zu vertreiben, ist diese Thematik noch vollkommen unberührt. Erst jetzt begeben sich Hersteller und Händler auf dieses Terrain, das dem Bio-Thema zeitlich weit hinterherhinkt.

Bunte Karotten, die nicht dem Standard-Karotten-Bild entsprechen.

©Max Bewermeier

Bei Möhren kann sich jeder vorstellen, sie ohne Verpackung zu kaufen. Doch was ist mit anderen Lebensmitteln? Langsam tut sich hier was.

Für den Aussteller ist neben der kurzen Entwicklungszeit auch die bisher fehlende Funktion ein Hauptgrund für die Verzögerung. Oft kann eine nachhaltige Verpackung nicht die gleichen Qualitäten wie eine Verpackung aus Plastik gewährleisten. So schützen abbaubare Alternativen Lebensmittel nicht ausreichend vor Gerüchen, Sauerstoff und Feuchtigkeit. Daher soll es ein erster Schritt sein, Plastik zu reduzieren und verschiedene Rohstoffe zu kombinieren, bis man vollkommen auf Plastik verzichten kann.

Genau aus dieser Idee gründen sich zum Beispiel die sogenannten „Unverpackt“-Läden. Dort kann man Lebensmittel in selbst mitgebrachten Behältern ohne Verpackung kaufen. Leider ist aus dieser Szene niemand mit innovativen Ideen auf der Biofach vertreten gewesen.  

Überzeugung oder Greenwashing: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Schlussendlich ist ein einziger Tag auf der Biofach zu wenig, will man sich durch die vielen Aussteller wühlen. Doch um einen ersten Eindruck zu gewinnen, hat mir dieser Tag gereicht. Ganz schön geschafft und mit vielen Impressionen für alle fünf Sinne verlasse ich das Nürnberger Messegelände.
Ich habe schillernde Menschen, Ideen und Produkte kennengelernt, die mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft eine nachhaltige Entwicklung vorantreiben. Aber ich habe auch einige graue Mitläufer im wachsenden grünen Markt gesehen, die hinter ihrer Marketingfassade nicht die Werte leben, die sie anpreisen.
Nach Hause gehe ich mit zwei Gedanken im Gepäck: Zum einen bin ich beeindruckt von und auch froh über die Zukunftsvision und die Möglichkeiten, die viele Aussteller bieten. Zum anderen bin ich mir jetzt darüber im Klaren, auf einer Verkaufsmesse gewesen zu sein, auf der es letztlich zum größten Teil schlicht und ergreifend um Umsatz geht.

Für die Zukunft nehme ich mir vor, mich nicht von der Marketingfassade eines Unternehmens trügen zu lassen, sondern wahre Helden zu unterstützen. Außerdem will ich mir nicht von einem Etikett vorgaukeln lassen, dass es vollkommen gerechtfertigt ist, jeden Morgen eine Avocado aus Neuseeland zu essen, nur weil sie Bio ist.

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Bildquellen

  • Slogan: Bio+Regional: ©Max Bewermeier
  • Präsenz der Politik: ©NürnbergMesse
  • Bunte Möhren: ©Max Bewermeier
  • Stand auf der Biofach: ©NürnbergMesse

Max ist Wirtschaftsstudent an einer Kunsthochschule, lebt auf einem Bauernhof und hegt eine innige Liebe zu den Bergen. Als Weltenbummler fühlt er sich an vielen Orten zu Hause, doch in seiner Brust schlägt ein kölsche Hätz mit einer tiefen Verbundenheit zu den Virtuosen der deutschen Sprache.

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