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Open-Source-Saatgut – Wofür ist das gut?

Eine geöffnete samentüte mit Inhalt liegt vor einer Harke.

Jahrtausende war es Tradition, dass Bauern ihr Saatgut selbst vermehrten: Sie behielten einen Teil ihrer Ernte zurück und säten diesen in der nächsten Anbausaison wieder aus. Indem sie die besten Pflanzen für die Samengewinnung selektierten, züchteten sie nebenbei immer neue Sorten. Damit brachten sie weltweit Millionen von robusten, standortangepassten Sorten hervor. Irgendwann aber wurde das Saatgut zur Sache von Züchtern und Unternehmen. Seitdem werden Bauern daran gehindert, ihr eigenes Saatgut zu ziehen und zu vermehren. Doch inzwischen bekommen Initiativen, die sich gegen Monokulturen und Hybridsaatgut zur Wehr setzen immer mehr Aufmerksamkeit. Es ist also höchste Zeit, sich mit dem Thema Open-Source-Saatgut, was das ist und warum man es unterstützen sollte, zu befassen.

Hybride, Sortenschutz und Patente: Das Geschäft mit Saatgut

Das erreichen Saatgutunternehmen zum Beispiel mit Hybridsorten. Anders als bei samenfesten Sorten lässt sich mit dem Saatgut von Hybriden nicht wirklich etwas anfangen, weil sie Pflanzen mit „unberechenbaren“ Eigenschaften hervorbringen. Ein Landwirt, der gesammeltes Saatgut aus Hybridsorten aussät, hat daher mit gravierenden Ernte-Einbußen zu rechnen. Bauern sind also mehr oder weniger gezwungen, immer wieder neues Saatgut zu kaufen. Manchmal sind Pflanzen auch gar nicht mehr fortpflanzungsfähig, weil ihnen zuchtbedingt die Pollen fehlen. Oder aber die Unternehmen erklären Saatgut zu ihrem geistigen Eigentum, indem sie es patentieren lassen oder unter Sortenschutz stellen. Während der Sortenschutz den Nachbau des Saatguts gegen eine „Nachbaugebühr“ in der Regel erlaubt, verbieten es Patente den Bauern, ihre Ernten zur Aussaat zu verwenden. Sie müssen das patentierte Saatgut also jedes Jahr aufs Neue kaufen.

Ein Regal mit vielen bunten Blumensaat-Päcken. © CC0 / PublicDomainPictures

Sieht nach Vielfalt aus – doch das trügt oft. Viele verkaufte Samen lassen Hybride wachsen, die keine Samen ausbilden. Schlüssel ist der Begriff „samenfest“. Mit diesem Hinweis können Sie aus den Pflanzen Saatgut für das nächste Jahr gewinnen.

Wenige Unternehmen haben das Saatgut in ihrer Hand

Es sind nur eine Handvoll Unternehmen, welche die meisten Patente halten und die Sortenschutz-Listen anführen. Drei von diesen „seed giants“ kontrollieren etwa 60 Prozent des globalen Saatgutmarktes. In Europa liegt fast der gesamte Gemüsesaatgutmarkt – rund 95 Prozent – in den Händen von fünf Konzernen. Da die größten Saatgutkonzerne auch die größten Produzenten von Agrarchemie sind, machen sie gleich doppelt Reibach: Indem sie ihre Pestizide auf ihr Saatgut zuschneiden und diese den Bauern „praktischerweise“ gleich mitverkaufen.

Hybrid-Monotonie verdrängt die Vielfalt

Was die großen Player der Branche uns auftischen, ist ein Einheitsbrei aus wenigen profitablen Hybridsorten. Mit ihrer Uniformität passen sie perfekt ins Normenraster der Supermärkte und amtlicher Sortenzulassungsverfahren. Der Haken, wenn jeder Hybride will: Es werden immer weniger samenfeste Sorten angebaut. Von einigen Gemüsearten wie Blumenkohl und Brokkoli gibt es praktisch nur noch Hybride. Vor allem alte Bauernsorten bleiben auf der Strecke. Von dem einstigen Sortenreichtum, das uns als Erbe hinterlassen wurde, ist nicht mehr viel übrig. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in Deutschland rund 90 Prozent der alten Sorten verloren gegangen. Das ist tragisch. Denn mit ihnen verschwindet eine enorme genetische Vielfalt. Doch die brauchen wir, um neue Sorten züchten zu können, die beispielsweise mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommen oder sich gegen neue Schädlinge behaupten. Hybride hingegen, die auf wenigen Inzuchtlinien basieren, verbreiten nicht nur eine geschmacklose, sondern auch eine genetische Einöde.

Getreidefelder bis zum Horizont. © CC0 / cristi21tgv

Vielfalt sieht anders aus: Die wenigen Saatgut-Konzerne fördern triste Monokulturen.

Patente: Kollektives Saatgut-Erbe unter Verschluss

Die Unternehmen selbst schöpfen bei der Züchtung ihrer Hochleistungssorten aus dem Erbgut alter Sorten und Wildformen. Mit Patenten wird das einst als Gemeingut gepflegte Erbgut nicht nur privatisiert, sondern auch unter Verschluss gehalten. Denn anders als beim Sortenschutz kann der Patentinhaber es anderen Züchtern erschweren oder verbieten, seine unter Lizenzschutz stehenden Saaten und Pflanzen weiter zu züchten. Wichtige genetische Ressourcen verschwinden so in den Genbanken der Konzerne, während der Allgemeinheit der Zugriff verwehrt wird. Das gefährdet die Entwicklung neuer Sorten und damit die Ernährungssicherheit.

In Europa sind eigentlich nur Gentech-Sorten patentierbar. Da diese in Europa keinen Absatz finden, lassen sich die Unternehmen mittlerweile auch Pflanzeneigenschaften patentieren, die es von Natur aus schon gibt. Ein lukratives juristisches Schlupfloch: Denn damit lassen sich gleich hunderte Sorten einer Kulturpflanzenart inklusive Saatgut unter Lizenzschutz stellen – und ein riesiger Genpool gleich mit. Mehr Infos zu den Patentpraktiken der Konzerne finden Sie im Bericht „Patente auf Pflanzen und Tiere“ der NGO-Koalition „No patents on seed“.

Wie wird Saatgut wieder zum Allgemeingut?

Hybride und Patente führen also in eine Sackgasse. Einen Ausweg daraus bieten nur samenfeste Sorten, deren Saatgut jeder frei vermehren und weiterzüchten kann. Dank etlicher Initiativen aus dem Ökolandbau ist das keine Utopie. Schon vor Jahren haben sie damit begonnen, einen gemeinnützigen Saatgutsektor aufzubauen. Dabei widmen sie sich der Erhaltungszucht alter Sorten. Vor allem aber züchten sie neue Sorten, die im modernen Ökolandbau kultivierbar sind.

Open-Source-Saatgut: Hier werden gemeinnützige Sorten gezüchtet

Zum Beispiel die 1994 gegründete Kultursaat e.V. Der Verein koordiniert und finanziert die Arbeit von biologisch-dynamischen Gemüsezüchtern und kümmert sich um die Zulassung der neuen Sorten. Die mittlerweile rund 90 anerkannten Sorten darf jeder nachbauen und weiterzüchten: Echtes Open-Source-Saatgut eben. Ein ähnliches, 20 Jahre altes Netzwerk bildet eine Gemeinschaft aus mehreren Biohöfen, die unter dem Namen Dreschflegel Saatgut vermehrt und züchtet. Vieles davon sind alte Sorten, die züchterisch bearbeitet werden. Noch länger schon gibt es die Getreidezüchtung Peter Kunz. Der Schweizer Verein arbeitet seit 35 Jahren an der biodynamischen Züchtung von Getreidesorten wie Dinkel und Emmer.

Samenfeste Getreide- und Gemüsesorten werden auch unter dem Dach der Landbauschule Dottenfelderhof e.V. gezüchtet. Gemeinnützige Bio-Saatgutarbeit betreibt zudem der Verein saat:gut, der auf verschiedenen Bioland-Höfen Gemüsesorten entwickelt. In dem vom Verein getragenen Projekt Apfel:gut widmet sich eine Gruppe von Obstbauern und Züchtern speziell der ökologischen Züchtung von Apfel- und Birnensorten. Auf die Felder und in die privaten Gärten schaffen es die neuen Sorten durch kleine Öko-Saatguterzeuger wie die Bingenheim Saatgut AG und die Initiative CULINARIS. In Kooperation mit Bio-Betrieben vermehren sie das Saatgut der gemeinnützigen Sorten und vertreiben es.

Sonnengelb leuchten die Tomaten am Strauch © Hansjörg Hörseljau

Das Saatgut für diese gelben Tomaten mit dem schönen Namen Sunviva ist Open-Source-Saatgut.

Kleine Revolution: Lizenzen für Open-Source-Saatgut

Wenn jedoch gemeinnützige Züchter und Vereine ihre neuen Sorten ohne Einschränkung allen zur Verfügung stellen, besteht die Gefahr, dass sich private Unternehmen die Züchtungen unter den Nagel reißen. Mit einer Open-Source-Lizenz kann das nicht passieren. Das Saatgut von Open-Source-lizenzierten Sorten darf jeder säen, vermehren, weiterentwickeln und sogar Geld damit verdienen. Nur patentieren oder anderweitig eigentumsrechtlich schützen lassen, darf er sie nicht.

So etwas kennt man bislang nur aus der Softwarebranche. Auf das Saatgut übertragen und ausgetüftelt hat das Konzept eine Arbeitsgruppe im Verein AGRECOL. Seit 2017 kann man das Saatgut der ersten Open-Source-lizenzierten Sorte aussäen: Sie heißt Sunviva und ist eine süße Bio-Cocktailtomate. Mittlerweile gibt es zwei weitere Open-Source-Tomaten; auch Weizen, Paprika und Zuckermais sind neuerdings mit von der Partie. Vergeben wird die Lizenz für Open-Source-Saatgut von der Initiative OpenSourceSeeds. Zur Initiative kann jeder kommen, der seine Sorte vor Eigentumsansprüchen schützen will. Voraussetzung: Sie muss neu sein und darf nicht bereits jemandem gehören. Die Open-Source-Lizenz kostet den Züchter nichts.

Gemeinnützige Öko-Züchtung kostet. Und zwar eine Menge

Doch Sorten von Open-Source-Saatgut fallen nicht vom Himmel: Eine ökologische Sorte auf dem Feld zu züchten, ist aufwendiger als die Hybrid-Züchtung im Labor. Bis zu 15 Jahre kann das dauern und mehrere hunderttausend Euro verschlingen. Bio-Züchter können aber nur einen Teil dieser Kosten mit dem einmaligen Saatgutverkauf finanzieren. Der Grund: Die Anbauflächen im Biolandbau sind zu klein und die verkauften Saatgutmengen entsprechend mickrig. Die Frage bei gemeinnütziger Saatguterzeugung lautet daher: Wer zahlt für die Züchtungen, wenn der Züchter für seine mühselige Arbeit keine Nachbaugebühren verlangen kann und nicht mehrfach an Hybriden und Patenten verdient?

Zwei Finger halten einen Setzling. © CC0 / PublicDomainPictures

Sich um die Aufzucht von Pflanzen zu kümmern, kostet viel Zeit. Um Geld damit zu verdienen, sind viel Aufwand und Fläche notwendig.

Wer bezahlt für gemeinnütziges Saatgut?

Das geht nur mit Fördergeldern und Spenden. Wichtigste Finanzierungsquelle für viele Initiativen ist der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Daneben haben sich kooperative Finanzierungsmodelle entwickelt: Indem sich zum Beispiel Bio-Unternehmen an den Kosten beteiligen (z.B. die Initiative Bio-Saatgut Sonnenblumen). Oder indem Händler aus der Naturkostbranche einen Teil ihres Umsatzes an die gemeinnützige Züchtung abgeben (etwa im Rahmen des Projekts FAIR BREEDING). Einige Züchter finanzieren sich auch über freiwillige „Sortenentwicklungsbeiträge“ von Saatguterzeugern und Landwirten. Der Einsatz für samenfestes Öko-Saatgut kommt also aus der Biobranche selbst. Dabei sollte es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein. Denn samenfeste Öko-Sorten sind robust und kommen auch mit widrigen Umweltbedingungen zurecht – Stichwort Klimawandel. Sie gedeihen ohne Pestizide und Kunstdünger und schützen so Böden und Wasser. Sie vergrößern die genetische Vielfalt und sichern so die Ernährungsgrundlage von morgen. 

5 Tipps, wie jeder samenfestes Saatgut fördern kann

Jeder kann dazu beitragen, dass sich samenfeste (Öko-)Sorten und damit Open-Source-Saatgut verbreiten und alte Sorten erhalten bleiben:

1. Regional auf Märkten, Hofläden und im Bio-Laden kaufen

Bio- und Hofläden bieten meist Obst & Gemüse aus samenfesten Öko-Sorten an. Auch auf dem Wochenmarkt sichtet man mitunter samenfeste Raritäten. Wer dort einkauft, hilft den Gärtnern und Bauern, die samenfeste Sorten anbauen.

2. Vereine und Saatgutfonds fördern

Alle wichtigen Züchtungsinitiativen und Erhaltungsorganisationen sind als gemeinnützige Vereine organisiert. Man kann sie durch eine Mitgliedschaft oder durch Spenden unterstützen (siehe Link- Liste). Auch der Saatgutfonds ist auf Spenden angewiesen.

3. Samenfeste Bio-Sorten im Garten aussäen

Haben Sie einen Garten oder einen Platz auf dem Balkon frei? Dann bauen sie samenfestes Öko-Saatgut an. Mit dem Kauf unterstützen Sie die Arbeit von Bio-Züchtern und holen ein kleines Stück Vielfalt zurück. Bio-Saatgut gibt es bei ökologischen Versandhändlern, Saatguterzeugern und in Bio-Läden.

4. „Retter“ alter Sorten werden

Im Garten einen seltenen Apfelbaum pflanzen oder Gemüsesorten kultivieren, die vom Aussterben bedroht sind: So tragen Sie zur genetischen Vielfalt und zum Erhalt alter Sorten bei. Das Saatgut alter Sorten können Hobbygärtner oft kostengünstig bei Erhaltungsvereinen beziehen.

5. Samenfestes Saatgut vermehren und tauschen

Vermehren Sie selbst Saatgut, geben Sie es an Freunde, Familie und Nachbarn weiter und tauschen Sie. Eine Übersicht über Saatgut-Märkte, auf denen Saatgut getauscht wird, finden Sie bei der Saatgutkampagne. Eine kostenlose Bio-Online-Tauschbörse gibt’s bei Saatgut tauschen.

Kind sitzt in der Hocke und verteilt Samen in der Erde. © CC0 / redakter

Wichtig ist auch, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, warum Saatgut und dessen Herkunft interessant sind. Am besten erklärt man das Kindern beim gemeinsamen Aussäen im Garten.

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Weiterführende Informationen zu Open-Source-Saatgut

In dieser Übersicht finden Sie alle im Text genannten Initiativen sowie einige mehr: 

Züchtungsinitiativen: Sie züchten samenfestes Öko-Saatgut

 

Retter und Behüter alter Sorten: Vereine, die sich vor allem dem Erhalt alter Landsorten verschrieben haben, die im Erwerbsanbau nicht mehr Fuß fassen können.

 

Saatguterzeuger: Sie vermehren Öko-Saatgut, unter anderem von gemeinnützigen Sorten, und vermarkten es. Manchmal züchten sie auch selbst.

  • Bingenheim Saatgut AG (vermehrt u.a. Kultursaat-Sorten)
  • Dreschflegel GbR (vermehrt u.a. die Sorten des Vereins Dreschflegel)
  • Sativa Rheinau AG (züchtet auch eigene Sorten und widmet sich der Erhaltungszüchtung)
  • ReinSaat KG (vermehrt seit 2013 u.a. Kultursaat-Sorten und züchtet auch eigene Sorten mit Fokus auf Tomaten, Kohl- und Krautsorten)
  • CULINARIS  (erzeugt und verkauft Open Source Tomaten. Unterhält eine eigene Erhaltungszucht und ist auch mit der Züchtung von Pflanzensorten mit Fokus auf Tomaten beschäftigt)

Übersicht über weitere Öko-Saatgut-Anbieter unter www.organicXseeds.de

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Bildquellen

  • blumensamen-im-supermarkt: © CC0 / PublicDomainPictures
  • monokultur: © CC0 / cristi21tgv
  • Open-Source-Saatgut Sunviva: © Hansjörg Hörseljau
  • setzling: © CC0 / PublicDomainPictures
  • kind-beim-aussaeen: © CC0 / redakter
  • open-source-saatgut: © CC0 / Hans

Katja Hellmuth gehört zum Autorenteam von raabengrün. Wenn die freie Texterin nicht gerade Wortakrobatik betreibt, strampelt sie auf dem Fahrrad ihre tägliche Schokoladendosis ab. Sie verschlingt liebend gerne auch Buchstabensuppen und andere epische Werke.

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