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Müllvermeidung ohne Verzicht: Das Konzept „Unverpackt-Laden“

Vor dem Kaffee- und Müsliregal stehen drei Betreiber und Mitarbeiter parat.

Seit dem 1. April gibt es in der Green-City Freiburg unweit des Waschbär-Outlets den ersten Unverpackt-Laden. Lisa Schairer, Björn Zacharias und Adrian Dell Aquila heißen die drei Jungunternehmer, die mit Mut, Ausdauer und einer großen Portion Idealismus ihre Idee mit der „Glaskiste“ verwirklicht haben. Und das, obwohl sie aus völlig anderen Bereichen als dem Handel kommen und einige Hürden – von der Bürokratie bis hin zur Mietproblematik in Freiburg – überwinden mussten. Nach der viel beachteten Eröffnung haben wir nachgefragt, wie der Laden angenommen wird und wie das Ganze vor und hinter den Kulissen funktioniert.

Wie funktioniert der Einkauf ohne Verpackung?

©Mischa Wagner

In drei Schirtten zum erfolgreichen – verpackungsfreien – Einkaufserlebnis.

Das Prinzip ist ganz einfach gelöst. Der Kunde oder die Kundin bringt eigene Gefäße mit. Das dürfen Behälter in allen möglichen Formen und Materialiensein. Wichtig ist zu allererst, das Leergefäß abzuwiegen. Der Kunde bekommt dort ein Etikett mit dem Leergewicht ausgedruckt. Nach dem Befüllen des Behälters mit der Ware geht der Kunde zur Kasse und wir scannen das Etikett mit dem Leergewicht ein. So wird nur das Gewicht der Ware abgerechnet.

Wenn die Kunden keine Behälter dabeihaben, können sie im Laden Behälter ausleihen?

Ja, hier kann man Behälter erwerben. Wir bieten außerdem die Möglichkeit, Second-Hand-Gläser zu nehmen. Die bringen andere Kunden wieder zurück, weil sie schon zu viele Behälter zu Hause haben. Normalerweise würden die im Altglas landen. Wir spülen die einmal und auf Spendenbasis geben wir die einfach raus. Am Anfang war die Nachfrage höher und so langsam bringen die Leute die sich so ein bisschen eingetuned haben, wie das Ganze hier funktioniert, ihre eigenen Behälter mit.

Ihr verkauft Produkte aus verschiedener Zusammensetzung wie Seife. Gibt es eine Angabe zu den Inhaltsstoffen? Das ist gerade für Veganer und Allergiker wichtig.

Bei Seife haben wir schon immer die Angaben gehabt. Da schreiben wir dazu, ob sie vegan ist. Am Anfang kamen wir noch nicht dazu, die Angaben bei allen Produkten zu machen. Mittlerweile haben wir die Inhaltsstoffe überall dranstehen und so gut wir es überblicken auch alle Allergene.  Aber Zöliakiekranke können bei uns leider grundsätzlich nicht einkaufen. Wir haben eine Getreidemühle auf dem Tisch. Hier wird regelmäßig Mehl gemahlen und das Mehl ist in der Luft. Bei den anderen Allergenen: Einfach auf uns zu kommen, wir werden einen Ordner mit Informationen vorbereiten oder es steht am Produkt.

Verkauft ihr Fleisch?

Nein, wir sind vegetarisch. Wenn jemand Fleisch oder Wurst haben möchte, soll er zu seinem Fleischhandel gehen oder noch besser zu seinem kleinen Metzger an der Ecke.

Erfahren die Kunden etwas über das Herkunftslandbeziehungsweise den Erzeuger?

Auf der Tafel sind die Standorte der Produzenten und was sie anliefern vermerkt.

©Mischa Wagner

Hier kommen die regionalen Produkte her. Transparenz wird großgeschrieben.

Es ist ein großes Anliegen von uns, peu à peu unsere Produkte vorzustellen. Wir haben die regionalen Sachen sehr transparent gehalten. Da kann jeder erfahren, woher wir die Karotten haben. Bei den Produkten aus Übersee ist es schon schwerer. Da ist meistens nur das Land angegeben. Den Ahornsirup beziehen wir zum Beispiel aus Kanada.

Wir haben Waren aus Übersee, weil wir ein breiteres Sortiment anbieten wollen. Wenn wir nur Regio-Produkte anbieten würden, würde der Laden nicht so gut angenommen werden. Der Kunde ist mittlerweile so gepolt, dass er rückwärts wieder rausgeht, wenn es keine Bananen gibt. Dass Bananen nicht toll sind in der CO2-Rechnung, wissen wir auch. Aber wir können den Kunden nicht erziehen. Allerdings bieten wir dann eben Bio und Fair Trade an.

Könnt ihr bei der Anlieferung weitgehend auf Plastik verzichten?

Es hat Grenzen. Wir haben bezüglich loser Ware viele 25 Kilo Säcke. Und manche Dinge sind einfach in größeren Plastikgebinden verpackt. Viele Sachen aus Übersee zum Beispiel, weil es in Container-Schiffen landet, und wie jeder weiß, da krabbelt es auch. Kunststoff kann ein Vakuum bilden – wo nichts rein- und rauskommt. Ich glaube, man könnte es schon anders machen, aber da ist die Grenze unserer Weltwirtschaft total wiederzuerkennen.

Die Verpackung ist Standard und man kriegt es eben nicht anders. Zum Beispiel Nüsse, das Studentenfutter und Nudeln können wir anders nicht bekommen. Aber dafür haben wir es im großen Gebinde nur in einem Plastiksack. Für diese 25 Kilo wären eigentlich zusätzlich 50 kleine Plastiktaschen notwendig. Und drumherum ist noch mal Plastik. Klassischerweise. Unsere überregionalen Waren werden bei Bio-Großhändlern bestellt wie beispielsweise bei Rinklin, das ist ein Naturkosthändler hier in Eichstetten bei Freiburg. Er kann uns ohne weitere Verpackungen beliefern.

Bei den Regio-Sachen waren wir von Anfang an im Gespräch, wie wir die Einwegverpackung vermeiden können und welche Möglichkeiten es gibt, Plastik zu vermeiden. Beim Honig haben wir zum Beispiel ein Tauschsystem eingebaut. Wir bekommen zwei Eimer und nach dem Gebrauch geben wir die Eimer wieder zurück. Dabei fällt natürlich kein Abfall an. Das Gleiche mit dem Kaffee. Also das ist einfach eine Kommunikationssache, es wird einmal geklärt und ausprobiert.

Welche Produkte hättet ihr gerne im Angebot, die noch nicht plastik- und verpackungsfrei verfügbar sind?

Cayennepfeffer! Das ist witzig! Man denkt das nicht. Alle anderen Gewürze bekommt man in Großpackungen, aber Cayennepfeffer existiert nicht in Großpackungen. Ansonsten kommen die Kunden direkt auf uns zu und sagen: „Da fehlt doch dieses oder jenes…“. Und dann gucken wir, ob es möglich ist.

Die verschiedenen Essigsorten stehen im Essig-Öl-Regal zur Abfüllung bereit.

©Mischa Wagner

Vor allem weitere Öle wünschen sich die Kunden.

Was fragen die Kunden am meisten an?

Ein paar besondere Öle zum Abfüllen. Bei denen können wir aber nicht gewährleisten, dass sie nicht schlecht werden wie Leinöl. Das ist ein kritisches Produkt, bei dem wir einfach vorsichtig sein müssen. Oder ganz besondere Zutaten wie Flohsamenschalen.

Könnt ihr gewährleisten, dass alles im Laden hygienisch ist?

Wir können Hygiene gewährleisten. Auf jeden Fall. Wir haben ein ziemlich gutes System eingebaut und arbeiten mit GN-Behältern (Anm. d. Red.: Diese entsprechen der Gastro-Norm.). Wir füllen die Produkte hier selbst in die Spendersysteme ein. Man kann die einzelnen Glasspender rausheben, spülen und wiedereinsetzen.

Die Lagerung ist gesetzlich vorgeschrieben: Die Regale müssen vom Boden weg sein. Die Sachen müssen in Bio und Nicht-Bio getrennt sein. Wir haben auch einen Ungeziefer Kontrolleur, der uns ein System aufgebaut hat. Es zeigt uns, wo Ungeziefer sein könnte, damit wir gleich darauf reagieren können.

Seid ihr in Verbindung mit anderen Unverpackt-Läden in Deutschland?

Da baut sich gerade ein Netzwerk auf. Wir tauschen uns darüber aus, mit welchen Anlieferern wir zufrieden sind und welche Sachen überhaupt nicht gehen. Wo es Grenzen des Kleinhändler-Daseins gibt. Außerdem bestellen wir schon mal Ware zusammen, das ist einfach preiswerter für uns.

Wieso habt ihr euch für den Standort Freiburg entschieden?

Einfach, weil wir hier wohnen. Wir sind alle in den letzten 10 Jahren hier zugezogen und so ein Laden hat in unseren Augen gefehlt. Unverpackt-Läden gibt es schon in so vielen Städten und in Freiburg gab es schon öfter den Gedanken, aber niemand hat es gewagt, weil wahrscheinlich die Mieten zu hoch sind.

Links und rechts neben den Obst- und Gemüsekisten drängen sich Kunden.

©Mischa Wagner

Am Eröffnungstag strömen die Kunde neugierig in den Laden.

Gab es unerwartete Hürden beim Start?

Ich würde tatsächlich sagen: die Bürokratie. Hätte ich mir so nicht vorgestellt. Ich wusste, dass unsere Gesellschaft darauf fußt und das in Verbindung mit sehr viel Papierkram. Auch der Bank-Kredit war ein großes Thema für uns. Was müssen wir da leisten und klappt das? Und dann mussten wir Rentabilitätspläne aufstellen. Da dachten wir: „Unangenehm und nicht so schön, diese Arbeit“. Außerdem mussten wir den Mut aufzubringen. Als wir uns die faktischen Zahlen angesehen haben, die Höhe der Miete zum Beispiel, haben wir gemerkt, dass es gleich in die Tausenden Euro geht. Das sind andere Dimensionen. Das war für mich und für die anderen, glaub ich auch, schon eine Herausforderung.

Wie habt ihr die Finanzierung gestemmt?

Wir haben Crowdfunding gemacht. Und es war auch erfolgreich. Natürlich war selbst das eine Hürde. Wir dachten: „Oh Gott, wie senden wir den Leuten jetzt die Gutscheine zu…?“ – Wir haben zwei Tage lang nur vor dem Computer gesessen wie Zombies. Aber wir haben es geschafft.

Wie steht ihr dazu, dass die Discounter auf den „Unverpackt-Zug“ aufspringen. Bei Aldi wird beispielsweise zum ersten Mal Obst und Gemüse ohne Verpackung angeboten. Begrüßt ihr das als weitere Abfallvermeidung oder habt ihr Angst dadurch Kunden zu verlieren?

Für mich ist das super. Aber dass die Paprika unverpackt ist, sagt ja noch gar nichts über ihre Qualität aus. Die Paprika ist trotzdem dermaßen gespritzt. Aber klar ist es total wichtig, dass die Discounter mittlerweile immer mehr auf Plastik verzichten. Das verringert außerdem die Lebensmittelverschwendung. Jemand möchte eine Paprika, weil er nur zu zweit isst oder weil er einfach eine möchte. Er muss aber drei kaufen. Das ist einfach nicht kundenorientiert. Jeder weiß eigentlich, was er will und wieviel er wirklich braucht.

Habt ihr Pläne für die Zukunft?

Der Plan ist jetzt erstmal anzukommen. An den kleinen Problemchen, die wir haben, zu arbeiten, damit es einfach flüssiger läuft. Wir wollen Mitarbeiter einstellen, damit wir uns wieder etwas mehr entspannen können mit einer normalen Stundenzahl im Monat. Natürlich hat jeder von uns eigene Vorstellungen, wo es hingeht. Der eine würde am liebsten ganz viele Glaskisten in Freiburg im Umland haben, die in Ruhe zusammenarbeiten. Ich selber würde jetzt nicht unbedingt eine Kette aufmachen. Aber ich würde mir wünschen, dass jedes Quartier für sich entscheidet: „Hey, lasst uns einen Unverpackt-Laden machen.“ Das fände ich total schön. Das wäre für mich die Zukunft: nachhaltig einkaufen.

Weitere Informationen zum Unverpackt-Laden „Glaskiste“

Auf der Webseite der Glaskiste finden Sie weitere Informationen zum Unverpackt-Laden sowie eine Liste mit den meistgestellten Fragen.

Glaskiste
Moltkestraße 15
79098 Freiburg im Breisgau

Geöffnet montags bis freitags von 9 Uhr bis 19 Uhr, samstags von 9.30 Uhr bis 18.30 Uhr.

 

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Bildquellen

  • So funktioniert die Glaskiste: ©Mischa Wagner
  • Übersicht der Produzenten: ©Mischa Wagner
  • Das Angebot an Essig und Öl: ©Mischa Wagner
  • Großer Andrang: ©Mischa Wagner
  • Unverpackt-Laden-Betreiber: ©Mischa Wagner

Mischa ist ein Illustrator, der schreibt. Er macht Kunst mit Bildern und Artikel mit Wörtern. Er lebt und arbeitet als Mediengestalter nebst einigen Gitarren und Kochbüchern in der wunderschönen Stadt Freiburg. Neuerdings illustriert und schreibt er für das Waschbär-Magazin. Man soll ja öfter mal was Neues machen...

  1. ChristianL.

    26 Juli

    das hört sich sehr interessant an, das muss ich auf jeden Fall mal ausprobieren. Bin gespannt wie die Preise im Vergleich zum „normalen“ Bioladen sind.

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