Gemeinsam auf dem Weg für eine bessere Welt

Mobil ohne eigenes Auto: Frau Ritter fährt Rad

Am Münchner Viktualienmarkt gibt es praktisch alles: Leberkäse-Semmeln, exotische Früchte und leckere Süßigkeiten – aber eines ist an dem beliebten Platz mitten in der bayrischen Landeshauptstadt ein rares Gut: Abstellplätze für das Auto. Damit hat alles angefangen.

„Die ständige Suche nach einem Parkplatz war extrem nervig“, erinnert sich Heidi Ritter, die vor 20 Jahren dort wohnte. Das muss doch anders gehen, dachte sie sich. Gemeinsam mit ihrem Freund, heute Mann, beschließt sie, ihr Auto abzuschaffen. Ihren Partner von der Idee zu überzeugen, war gar nicht schwer: „Er ist ein sportlicher Typ, der ohnehin gerne Fahrrad fährt. In mir steckt schon eher eine kleine Couch-Potato, die durchaus gerne Auto fährt“, lacht die 46-Jährige. „Doch ich hatte Lust, das auszuprobieren, und ein bisschen plagte mich auch das ökologische Gewissen.“

Zwei Jahre nach dem Entschluss zieht das Paar nach Freiburg um. Sie tritt dort ihre Stelle als Einkäuferin beim Umweltversand Waschbär an. Während München den Verzicht auf das Auto leicht gemacht hat – nirgends Platz zum Parken, dafür ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr – sieht das in Freiburg etwas anders aus. „Hier war dann klar, wenn wir mal einen Ausflug machen wollen, ist das nicht mehr ganz so einfach“, sagt sie. Dennoch verzichten Ritters weiterhin bewusst auf ein eigenes Auto.

Mit dem Fahrradanhänger lässt sich jede Menge transportieren

2001 steht die erste wirkliche Nagelprobe an, denn der erste Sohn des Paares kommt auf die Welt. Der Freundes- und Bekanntenkreis feixt und ist sich unisono sicher, dass nun ein PKW angeschafft wird. „Da war schon ein bisschen mein Ehrgeiz geweckt“, erinnert sich Heidi. Statt eines Autos kaufen die jungen Eltern einen Fahrradanhänger.

Zwei Räder mit einem Anhänger warten auf ihre Besitzer.

Hier passen nicht nur Kinder rein: Fahrradanhänger sind super praktisch.

Als sich drei Jahre später ein weiteres Mal Nachwuchs ankündigt und der Fuhrpark nicht motorisiert wird, reagiert das Umfeld wieder irritiert. „In meiner Generation ist das eigene Auto lange sehr selbstverständlich und ein wichtiges Statussymbol gewesen“, erklärt sich Ritter diese Reaktion. Inzwischen sei das ein wenig anders, aber bis heute würde sie regelmäßig befragt, wie sie den Alltag bewältige. Als erstes komme stets die Frage nach den Einkäufen. Fast schon verwundert meint sie: „Dabei geht mir das Auto wirklich überhaupt nicht ab. In den Fahrradanhänger oder in Seitentaschen passt genauso viel rein wie in einen Kofferraum.“

Der innerstädtische Transport der Kinder mit dem Fahrrad sei kein Problem gewesen. „Einer saß vorne im Kindersitz, der andere hinten im Hänger und so positioniert haben sie dann hin und her gestritten“, schmunzelt die Mutter. Bald war dieses Thema aber erledigt. „Meine Söhne haben sehr früh Fahrrad fahren gelernt. Für die war das von Anfang an normal und unsere Wege waren nie so weit, dass man das nicht hätte schaffen können. Dadurch waren sie sehr früh sehr fit im Straßenverkehr.“

Carsharing: Flexibler und preisgünstiger als das eigene Auto

Eine Reihe abgeschlossener Fahrräder auf einem Freiburger Fahrradparkplatz

Fahrradparkplätze wie dieser hier machen es Radlern in Freiburg leicht. Die Parkplatzsuche entfällt und kostet nichts.

Klar, kam bei den Jungs mal die Frage auf, warum die Familie eigentlich nicht auch ein eigenes Auto hat. „Wir haben immer geantwortet, dass wir durch das Carsharing einen ganzen Fuhrpark haben, von dem wir eines aussuchen können, wenn wir es brauchen.“ Zum Beispiel für einen Möbeltransport, den Ausflug in die Vogesen oder den heiß geliebten Zelturlaub. Obwohl das mehrtägige Ausleihen oft auf den ersten Blick sehr viel Geld zu kosten scheint, ist sich Heidi Ritter sicher, dass der Besitz eines eigenen Wagens sie teurer zu stehen käme. Und praktischer erscheint ihr das Carsharing in jedem Fall. TÜV, Reparaturen, Reifenwechsel – all das ist kein Thema. Zuverlässig und vollgetankt steht das Wunschauto immer auf einem gesicherten Platz und selbst die Vignette für die Urlaubsfahrt nach Österreich klebt schon auf der Scheibe.

Ein autofreies Leben ist – zumindest in der Stadt – viel leichter als viele denken, davon ist Heidi überzeugt. Natürlich müsse man bei längeren Strecken im Vorfeld ein bisschen planen, das meiste sei jedoch reine Gewohnheitssache. Aber sie ist ehrlich: stünde ein eigenes Auto vor der Tür, würde sie es fahren: „Einmal hat ein Freund seinen Wagen bei uns zwischengeparkt und wir durften ihn in der Zeit nutzen – natürlich bin ich da öfter eingestiegen.“ Zu ihrem Wohlbefinden habe das allerdings keineswegs beigetragen.

Radfahren ist ein Lebensgefühl

Radler passieren die Blaue Brücke in Freiburg.

Hier dürfen nur Radler und Fußgänger drüber. Die Blaue Brücke in Freiburg ist für den Verkehr gesperrt.

Denn aus der einstigen Couch-Potato ist eine leidenschaftliche Radfahrerin geworden. Tagtäglich radelt sie morgens und abends rund acht Kilometer zu ihrer Arbeitsstelle. „Auf diese Weise habe ich automatisch meinen Sport und jeden Tag den Wind um die Nase. Ich fühle mich fit und erkältet bin ich so gut wie nie.“ Über die Jahre hat sie ein ausgeklügeltes System entwickelt, wie sie all die Warenmuster, die sie in ihrem Job als Einkäuferin oftmals transportieren muss, am Rad befestigt.

Heidi pumpt ihr Rad auf.

Bei Heidi immer dabei: Helm, Fahrradtaschen und natürlich eine Luftpumpe.

Hitze und Regen schrecken sie nicht – im Gegenteil: „Ich bekomme die Jahreszeiten viel direkter mit, als wenn ich ständig im Auto säße. Und mit der richtigen Kleidung ist das alles kein Problem.“ Nur wenn es wirklich richtig eisig wird, was in Freiburg höchstens zwei- oder dreimal im Jahr der Fall ist, nimmt eine Kollegin sie im Auto mit ins Büro. „Aber dann werde ich morgens gar nicht richtig wach.“ Sobald sie auf dem Rad sitzt, nehme sie ihre Umgebung bewusst wahr und registriere selbst Kleinigkeiten. „Für mich ist das Radfahren ein Lebensgefühl“, sagt Heidi Ritter, „und auch ein Stückchen Freiheit.“

 

Zusammengefasst:
Wie wäre es, ohne eigenes Auto zu leben? „Ein autofreies Leben zu führen, ist viel einfacher als viele denken“, sagt Heidi Ritter, die als Einkäuferin für den Umweltversand Waschbär arbeitet. Vor 20 Jahren beschloss sie, ihr Auto abzuschaffen, und entdeckte ihre Liebe für das Fahrrad. Eine Heirat, einen Umzug, zwei Kinder und viele geradelte Kilometer später bereut sie nichts. Im Gegenteil: Radfahren, sagt die 46-Jährige, bedeutet für sie Freiheit. Man brauche nur etwas Planung und die richtige Kleidung.

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Seit 30 Jahren arbeitet der Waschbär schon als Namensgeber für unseren Umweltversand. Unermüdlich ist er auf der Suche nach seinem Lieblingsfutter: nachhaltigen Themen und ökologischem Bewusstsein. Seine neueste Mission: Leserinnen und Leser mit spannenden, interessanten Beiträgen und Ratschlägen im Waschbär-Magazin zu informieren und zu unterhalten.

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