Wie gefährlich ist Mikroplastik und wie kann man es vermeiden?

Auf der Fingerspitze sieht man wie klein die Partikel tatsächlich sind.

Für den Begriff „Mikroplastik“ gibt es bisher laut Umweltbundesamt (UBA) unterschiedliche Definitionen. „Im internationalen Meeresschutz hat man sich darauf geeignet, dass Mikroplastik solche Plastik-Partikel sind, die kleiner 5 Millimeter und größer 1.000 Nanometer sind. Es kommt als Paste, Pulver oder Körner vor“, sagt Nadja Ziebarth, Leiterin des Meeresschutzbüros beim BUND. Es wird zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik unterschieden. Sekundäres Mikroplastik entsteht, wenn Kunststoffmüll anstatt in der Recyclingtonne in der Umwelt entsorgt wird. Ehemalige PET-Flaschen, Plastiktüten und achtlos am Strand liegen gelassene Badelatschen zersetzen sich durch Wind, Wetter und Wasser langsam in immer kleinere Teile. Letztendlich bleiben unlösliche Kleinsteile übrig. Über den Wasserkreislauf gelangen sie über Flüsse in Seen und letztlich in die Weltmeere. Oder der Zersetzungsprozess findet direkt dort statt, wenn Plastikmüll im Meer landet.

Duschgel, Shampoo, Lippenstift: Primäres Mikroplastik versteckt sich in Kosmetik

Das Mikroplastik-Problem rührt nicht nur vom Zerkleinerungsprozess größerer Plastikstücke. Viele Kosmetikhersteller setzen Mikroplastik bewusst in ihren Produkten ein. In diesem Fall spricht man von primärem Mikroplastik. Als kleine Kügelchen in Duschgels, Peelings und Reinigungscremes sollen die Plastikpartikel alte Hautreste entfernen und den Reinigungseffekt verbessern. Cremes, Antifaltenmittel und Lippenstifte werden mit Zusätzen aus Plastik angereichert, um die Konsistenz zu verbessern.

Neben dem Tubendeckel häuft sich das herausgefilterte Mikroplastik.
Dieses Mikroplastik wurde aus dem Kosmetikprodukt herausgefiltert.© Fred Dott

Kleidung aus Kunstfaser: Eine Ursache für Mikroplastik in den Meeren

Auch Menschen, die verantwortungsvoll recyceln, tragen oft unbewusst zum Mikroplastik-Eintrag in die Natur bei. Denn ein sehr großer Teil unserer Kleidung besteht heute aus Kunststofffasern, die sich in der Waschmaschine abreiben. Wenn wir duschen oder unsere Wäsche waschen, können die kleinen Plastikteilchen ins Abwasser gelangen. Die Kläranlagen können diese nicht vollsttändig herausfiltern, sodass sich die winzigen Kunststoffteilchen über den Klärschlamm in der Umwelt verteilen: Als Dünger auf Äckern, wo Nahrungsmittel angebaut werden, und in Seen, Flüssen und Meeren, wo sie in den Nahrungskreislauf von Tieren gelangen. „Am besten ist dies bislang für Gewässer und Meere dokumentiert. Da lässt sich die Nahrungskette sehr schön verfolgen: Mikroplastik lässt sich sogar im Kot von Seehunden finden“, sagt Ziebarth.

Forschungsthema: Welche Auswirkungen haben die Fremdkörper?

Welche Gefahr geht von Mikroplastik aus? Dieser Frage ging die britische Sektion der Umweltorganisation Greenpeace nach. Ein Report, der auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, trägt den aktuellen Stand der Forschung zum Thema zusammen. Demnach gilt als gesichert, dass sich zum einen Giftstoffe aus Plastikteilchen auswaschen und damit Gewässer sowie darin lebende Tiere belasten. Zum anderen zeigen weitere Studien, dass sich Plastik inzwischen in sehr vielen Kleinstlebewesen nachweisen lässt. Meeresorganismen nehmen Mikroplastik über ihre Nahrung oder durch ihre Kiemen auf. Damit besteht die Gefahr, dass sich Mikroplastik in der Nahrungskette überträgt oder sogar anreichert, wenn Raubtiere belastete Beutetiere fressen.

Die Forschung zu den Gefahren durch die winzigen Plastikpartikel ist noch am Anfang

Mikroplastik-belastete Tiere wie Fische, Krabben oder Muscheln könnten auf den Tellern der Verbraucher landen. Dass sie sich auch im menschlichen Organismus ablagern, ist wissenschaftlich bisher nicht bewiesen. „Die Mikroplastik-Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Erste Studien haben jedoch bereits nachgewiesen: Die winzigen Partikel können samt Schadstofflast in der Nahrungskette übertragen oder sogar angereichert werden. Mikroplastik gilt in kommerziell genutzten Fischen, Krusten- und Schalentieren als verbreitet. Es ist unvermeidbar, dass beim Verzehr zumindest eine gewisse Menge an Plastikpartikeln aufgenommen wird – in welchem Maße, ist schwer einzuschätzen“, sagt Dr. Sandra Schöttner, Expertin für Meeresschutz bei Greenpeace.

Dr. Sandra Schöttner, Expertin für Meeresschutz bei der Umweltorganisation Greenpeace
Dr. Sandra Schöttner, Expertin für Meeresschutz bei der Umweltorganisation Greenpeace.© Thomas Duffé / Greenpeace

Bundesamt für Risikoschutz sieht in Mikroplastik derzeit keine Gefahr

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält laut einer Stellungnahme von 2014 nach jetzigem Kenntnisstand ein gesundheitliches Risiko für Verbraucher für unwahrscheinlich. Auch ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen kam 2016 zu der Schlussfolgerung, dass Mikroplastik in Fisch und Meeresfrüchten derzeit kein Risiko für die menschliche Gesundheit darstellt. Gleichzeitig weist das Papier aber auf die Grenzen der Daten sowie auf Restunsicherheiten hin.

Wie sich die kleinen Plastikpartikel vermeiden lassen

Wegen dieser Unsicherheiten, ob gegebenenfalls auch irreversible Umweltbelastungen durch winzige Plastikpartikel entstehen könnten, ist die Bundesregierung in den sogenannten „Kosmetik-Dialog Mikroplastik“ eingetreten. In Folge dieses Dialogs und aufgrund anhaltenden Drucks durch Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen haben viele Kosmetikhersteller zugesagt, auf Mikroplastik in Pflegeprodukten zu verzichten. „Doch was Mikroplastik ist und aus welchen ausgewählten Produkten es zu verschwinden hat, entscheiden die Hersteller von Kosmetik- und Pflegeprodukten nach eigenem Gutdünken und nennen ihre Produkte dann Mikroplastik-frei. Tatsächlich werden aber nach wie vor zahlreiche Kunststoffe in fester, flüssiger oder anderer Form eingesetzt, darunter auch Silikone“, sagt Schöttner und verweist auf den Hersteller-Check von Greenpeace. In dem Papier werden die deutschen Hersteller genannt, deren Produkte Greenpeace umfassend hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe überprüft hat. Bei vielen dieser Stoffe ist nicht zweifelsfrei klar, ob sie umweltverträglich sind, da sie bisher nicht ausreichend untersucht wurden. Andere wiederum wie Silikone gelten als nachweislich umweltschädlich.

Einkaufsratgeber decken Mikroplastik-haltige Produkte auf

Als Verbraucher Mikroplastik in Kosmetik zu entdecken, ist nicht einfach, denn es verbirgt sich in der Zutatenliste hinter undurchsichtigen Abkürzungen und Begriffen wie Polyethylen (PE), Polypropylen (PP), Nylon-12 oder Acrylates Crosspolymer (ACS). Der BUND listet in seinem Einkaufsratgeber Mikroplastik die häufigsten Kunststoffe in Kosmetika auf sowie Marken und Produkte, die kleine Plastikpartikel einsetzen. Eine andere Möglichkeit, Mikroplastik aufzuspüren, sind die Smartphone-Apps „Beat the Microbead“ und Codecheck . Sie erkennen durch das Scannen des Barcodes, ob Mikroplastik in einem Produkt enthalten ist oder nicht. Wer sicher sein will, dass sein Shampoo oder seine Körpercreme frei davon ist, kann auf zertifizierte Naturkosmetik zurückgreifen. Diese Produkte sind grundsätzlich ohne solche Kunststoffe.

Jeder kann mit seinem Konsumverhalten etwas gegen Mikroplastik tun

Was wir als Verbraucher darüber hinaus gegen sekundäres Mikroplastik tun können, liegt auf der Hand: Unseren Plastikmüll so weit wie möglich reduzieren. Sei es durch den Einkauf von möglichst unverpackten Lebensmitteln, die Mitnahme von Einkaufsbeuteln oder den Verzicht auf verpackungsintensive Convenience-Produkte. Bleibt das Thema Kleidung. In Naturtextilien aus reiner Baumwolle oder Wolle sind keine Kunststofffasern enthalten. Gerade bei Outdoor-Aktivitäten und beim Sport aber haben synthetische Materialien gegenüber Naturfasern durchaus Vorteile. Das Start-up Guppyfriend hat einen Waschbeutel entwickelt, der verhindern soll, dass beim Waschen solcher Bekleidung abgebrochene Kunststofffasern ins Abwasser gelangen.

Fastfoodverpackungen, Plastiktüten und Flaschen treiben auf dem Meer.
Jeder kann durch sein Konsumverhalten dazu beitragen, solchen Müll zu verhindern. Hier trieben Verpackungen im Meer vor Edinburgh.© Will Rose

Petition von Greenpeace gegen Mikroplastik

Auch politisch können Sie sich dafür einsetzen, dass künftig weniger Plastikpartikel in Natur und Gewässer gelangt. Greenpeace und der BUND raten, Produkte, die Mikroplastik enthalten, zu melden, entsprechende Petitionen zu unterzeichnen und weiter Druck auf Hersteller und Politik auszuüben, damit verpflichtende Gesetze gegen den unnötigen Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt erlassen werden.

 

Jeder von uns kann etwas gegen Plastikmüll tun. In unserem Beitrag Making Oceans Plastic Free: Eine Initiative gegen Plastiktüten lesen Sie, was vier Freunde mit Ihrer Initative vorhaben und wie weit sie auf ihrem Weg im Kampf gegen Plastiktüten bereits vorangekommen sind.

 

Zusammengefasst:
Wir leben im Plastikzeitalter. Ob Lebensmittel, Kosmetik, Spielsachen oder Kleidung – Plastik ist aus unserem Alltag gar nicht wegzudenken und macht uns das Leben in vielen Momenten leichter. Zum Beispiel, wenn es darum geht, die Kiste Wasser in den vierten Stock zu schleppen oder unterwegs ein schneller Salat aus der Kühltheke hermuss. Plastik ist ein Wegwerfartikel und sollte im besten Fall wiederverwertet, recycelt oder zumindest ordnungsgemäß verbrannt werden. Denn passiert das nicht, gelangt es häufig dorthin, wo es gar nichts zu suchen hat: in die Umwelt und in unsere Weltmeere. Dort zersetzt es sich zu winzigen Plastikpartikeln. Doch Mikroplastik hat noch andere Quellen: etwa das Gesichtspeeling und der kuschelige Fleecepulli.

 

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