Gemeinsam auf dem Weg für eine bessere Welt

Anleitung für das „richtige“ Spenden

Das Symbolbild veranschaulicht die Abwägehaltung des Effektiven Altruismus.

Oft läuft es so: Zu Weihnachten landen besonders viele Spendenbitten in den Briefkästen, eine Organisation davon wählt man dann aus. Oder es flimmern Bildern einer Naturkatastrophe über den Fernseher und lenken unsere Aufmerksamkeit auf unschuldige Opfer – aus Mitleid und schlechtem Gewissen überweist man dann etwas an die Kontonummer, die nach dem Beitrag gezeigt wird.

Geld spenden ist eine einfache Möglichkeit, Gutes zu tun. Viele Menschen wissen zu schätzen, dass es ihnen gut geht. Sie möchten andere daran teilhaben lassen und Menschen in Not helfen. Das Problem: Wie soll man entscheiden, ob man besser ein Hilfswerk in den Entwicklungsländern oder lieber das Projekt im Heimatort unterstützt – oder allen ein bisschen gibt?

Peter Singer im Porträt

©Alletta Vaandering

Peter Singer ist ein australischer Philosoph und Ethiker und gilt als einer der Mitbegründer der sozialen Bewegung der effektiven Altruisten.

Effektive Altruisten versuchen, diese Frage mit Kosten-Nutzen-Rechnungen zu beantworten. Oder wie Peter Singer es formuliert: „Wie können wir Herz und Verstand verbinden, um möglichst viel Gutes in der Welt zu tun?“ Der australische Philosoph gilt als einer der Gründerväter dieser sozialen Bewegung. Er hat dazu das Standardwerk „Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben.“ (Originaltitel: The Most Good You Can Do.) verfasst.

Die Grundannahme des Effektiven Altruismus: Jedes Leben ist gleich viel wert

Jeden einzelnen Tag des Jahres sterben rund 16.000 Kinder an den Folgen von Armut. „Wie würden wir reagieren, wenn diese Kinder in unserer eigenen Stadt vor unseren Augen sterben? Und würden wir anders reagieren, wenn sich die Katastrophe in der Nachbarstadt ereignen würde? Im Nachbarland? Auf dem nächstgelegenen Kontinent? Ist es nicht widersprüchlich und irrational, anderen nur dann zu helfen, wenn sich ihr Leid in unserer Nähe abspielt?“ fragt Singer.

Das ist der Ausgangspunkt des Effektiven Altruismus. Seine Grundannahme ist, dass jedes Menschenleben den gleichen Wert besitzt. Und dass es ethisch betrachtet elementar ist, die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einsetzen, um das Leben möglichst vieler Menschen und Tiere möglichst umfassend zu verbessern.

Die Vertreter des Effektiven Altruismus wollen ihre Entscheidungen evidenzbasiert treffen. Eine der Organisationen, die versucht, anhand wissenschaftlicher Nachweise die Hilfsorganisationen herauszufiltern, die am meisten Gutes für das eingesetzte Geld bewirken, ist GiveWell. Dazu nutzt sie unter anderem die QALY-Methode (englisch: quality adjusted life years, deutsch: qualitätskorrigierte Lebensjahre), die eine Kennzahl aus der Gesundheitsökonomie ist. Mit diesem Quantifizierungswerkzeug werden zum Beispiel krankheitsbedingte vorzeitige Todesfälle, krankheitsbedingte Einschränkungen oder Behinderungen miteinander verglichen.

Kosteneffektivität evaluieren: Ein schwieriges Unterfangen

Peter Singer bringt gerne das Beispiel mit dem Blindenhund. „Es kostet etwa 40.000 Dollar einen Blindenhund und seinen blinden Besitzer zu trainieren, bis der Blindenhund der blinden Person effektiv helfen kann. Es kostet irgendwas zwischen 20 und 50 Dollar, um eine blinde Person mit Bindehautentzündung in einem Entwicklungsland zu heilen“, sagt Singer. Man kann also einen Blindenhund für einen blinden Amerikaner zur Verfügung stellen oder zwischen 400 und 2.000 Menschen von Blindheit heilen. Die vernünftige Lösung liegt auf der Hand, so Singer.

Was rechnerisch für die einen vernünftig klingt, wirkt auf andere zynisch. Tatsächlich ist das Konzept der QALYs auch in der Wirtschaftswissenschaft durchaus umstritten, denn die Einschätzung von Beeinträchtigungen durch verschiedene Leiden ist keineswegs eine exakte Wissenschaft. Effektive Altruisten argumentieren jedoch, es gebe kaum eine bessere Möglichkeit zu messen, bei welcher Hilfsorganisation Ressourcen am effizientesten eingesetzt werden.

Diese Empfehlungen kommen nach der Analyse der Effektiven Altruisten heraus

Aufgrund seiner Kosten-Nutzen-Berechnungen empfiehlt GiveWell fast nur Projekte in Entwicklungsländern, etwa solche zum Schutz gegen Durchfall oder Malaria. Beides sind häufige und eigentlich sehr leicht vermeidbare Todesursachen bei Kindern in Afrika. Preisgünstige Maßnahmen, wie mit Insektiziden behandelte Netze oder Wurmkuren, verhindern schwere Krankheiten und Todesfälle zahlreicher Menschen.  Weitere Empfehlungen lassen sich auf thelifeyoucansave.com, Giving What We Can oder auf den Seiten der Stiftung für Effektiven Altruismus finden.

Eine andere von effektiven Altruisten unterstützte Organisation ist Give Directly. Sie lässt bitterarmen Menschen in Entwicklungsländern per Direktüberweisung auf möglichst effiziente Weise ohne Umwege Geld zukommen. Auf diese Weise können die Menschen selbst entscheiden, wie sie das Geld am effektivsten einsetzen. Zahlreiche Studien haben die Wirksamkeit dieser Methode bestätigt und gezeigt, dass die Zahlungen ermöglichen, dass sich Menschen aus der Armut selbst herauswirtschaften.  Die nüchterne Herangehensweise und der rechnerische Ansatz ist vielleicht ein Grund, warum sich viele Großunternehmer von dem Ansatz angezogen fühlen. Prominente Beispiele sind etwa Bill und Melinda Gates oder der Großinvestor Warren Buffet.  

Lässt sich wirklich alles ausrechnen?

Porträt von Dr. Philipp Hölscher

©PHINEO

Dr. Philipp Hoelscher Mitglied der PHINEO-Geschäftsleitung, Prokurist, Leitung Wirkungsanalyse, Großspendenberatung, Organisationsentwicklung.

„Wirkung ist aus unserer Sicht auch immer etwas Relatives – es gibt nicht DIE richtige oder falsche Wirkung“, sagt Dr. Philipp Hoelscher. Er ist Prokurist bei der deutschen Organisation PHINEO, die sich für wirkungsvolles gesellschaftliches Engagement einsetzt. „Unsere Art der Wirkungsanalyse ist von der Logik und der Grundhaltung her sehr nah am Effektiven Altruismus“, sagt Hoelscher. „Wir glauben aber nicht, dass sich alles ausrechnen lässt. Und wir wollen den Leuten auch nicht vorschreiben, etwas sei das einzig Richtige, das sie machen sollen.“

PHINEO entstand aus einem Forschungsprojekt der Bertelsmann Stiftung, das feststellte, dass mehr Menschen, insbesondere vermögende Privatpersonen, deutlich mehr Geld für soziale Zwecke ausgeben würden, wenn sie mehr Vertrauen und mehr Wissen hätten. PHINEO stellt die Frage: Was sind gute Organisationen und woran erkenne ich die? Und bewirken sie auch wirklich etwas mit meinem Geld?

Das PHINEO-Team hat gemeinsam mit Wissenschaftlern eine Analysemethode entwickelt, die anhand von acht Prüfkriterien Hilfsprojekte auf ihre soziale Wirksamkeit untersucht. Organisationen, die sich dieser Prüfung stellen und sie bestehen, werden mit einem Wirkt-Siegel ausgezeichnet. Aktuell empfiehlt PHINEO mehr als 200 Projekte aus ganz unterschiedlichen Bereichen – von Geflüchtetenhilfe bis Umweltschutz ist alles dabei. „Bei Organisationen, die das Siegel erhalten, können Verbraucher davon ausgehen, dass die Hilfsprojekte nicht nur wirksam sind, sondern auch die Organisation nachhaltig aufgestellt ist“, sagt Hoelscher.

Die 5 Analysestufen von PHINEO im Schaubild.

©PHINEO

„Schritt für Schritt zum Wirkt-Siegel: Die Auszeichnung mit dem Wirkt-Siegel von PHINEO setzt das erfolgreiche Durchlaufen aller Analysestufen voraus.“

Trotz aller Analysen: Emotionalität ist wichtig beim Spenden

„Spenden soll möglichst strategisch sein, aber man muss trotzdem auch emotional dahinterstehen. Wenn wir mit Großspendern zusammenarbeiten, steht am Anfang der Arbeit immer, herauszufinden, wofür deren Herz schlägt und ihr persönliches Wertesystem dahintersteht“, erläutert er. Was ist einem selbst wichtig, was möchte man bewirken? Kindern helfen? Umwelt- und Klimaschutz? Tierwohl stärken? Armutsbekämpfung? Entwicklungshilfe?

„Man muss da sicher nicht tagelang drüber nachdenken. Aber man könnte sich zum Beispiel fragen, ob man akut in einem Katastrophenfall unterstützt, wenn das ohnehin gerade sehr viele machen, oder ob man lieber regelmäßig eine Organisation unterstützt, die das Geld nach eigenem Gutdünken einsetzt, wann und wo sie es gerade braucht. Es gibt sehr viele Krisenherde und Hungersnöte, die es nicht täglich in die Medien schaffen“, sagt Hoelscher.

Meiden sollte man in jedem Fall Organisationen, die einen unter Druck setzen, die wenig transparent sind, wie sie konkret helfen und was sie dabei bewirken. Mehr Informationen, wie man unseriöse Spendenorganisationen erkennt und wie man richtig spendet, hält PHINEO auf ihrer Webseite bereit.

Jeder kann spenden

Wo PHINEO auch Gefühle mit einbezieht, plädieren effektive Altruisten für Rationalität. Beide Strömungen sind sich aber einig darin, dass Spenden helfen. Und dass praktisch jeder helfen kann. Fakt ist: Wer jährlich 12.700 Euro netto verdient, gehört zu den reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung. Angenommen, jeder Mensch würde regelmäßig einen kleinen Teil seines monatlichen Einkommens abgeben – damit könnte unendlich viel Leid auf der Welt verhindert werden. Tatsächlich gehen effektive Altruisten eine freiwillige Selbstbindung ein: Sie spenden mindestens 10 Prozent ihres eigenen Einkommens und dies lebenslang. Manche verfahren gar nach dem Prinzip „Earning to give“. Sie suchen sich Berufe, in denen sie viel verdienen können, aber nicht um das Geld zu behalten, sondern um viel geben zu können.

Natürlich kann man auch nach weniger strikten Regeln Gutes tun und muss auch kein Milliardär sein wie Bill Gates. Der Verzicht auf den Kauf von einem Paar Schuhe und zweimal Essengehen tut dem Durchschnittsdeutschen kaum weh, kann aber in den Händen der richtigen Organisation viel Not lindern.

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Bildquellen

  • peter-singer: ©Alletta Vaandering
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Daniela Becker gehört zum Autorenteam von raabengrün. Ihr umweltpolitisches Erweckungserlebnis war Tschernobyl. Einige Jahre später studierte sie Umweltwissenschaften, natürlich um die Welt zu retten. Weil sie in einem Superwoman-Kostüm dämlich aussieht, nutzt sie nun vorwiegend eine Tastatur.

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