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Problem Plastikmüll: Welche Alternativen zu Plastik gibt es?

In der grünen Schale liegt eine Tomatenrispe, verziert wird das Bild durch Kräuter und Früchte.

Jährlich fallen in Deutschland laut Umweltbundesamt über 17 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Jeder von uns produziert statistisch gesehen 36 Kilogramm davon. Und es wird immer mehr statt weniger. Eine vom Naturschutzbund beauftrage Studie kommt zu dem Schluss, dass zum Beispiel 63 Prozent des Obstes und Gemüses, das private Haushalte im Supermarkt oder sogar auf dem Wochenmarkt kaufen, industriell vorverpackt sind.

Das Problem: Kunststoff wird aus Erdöl hergestellt

Eine überquellende Mülltonne vor einer Wiese

Oft verteilt sich Plastikmüll unkontrolliert in der Natur – zum Beispiel, indem er aus einer Tonne weggeweht wird.

Folien und Verpackungen aus Plastik sollen das Verpackte frisch halten und es vor möglichen Transportschäden schützen. Sie sind leicht, bestens formbar und sehr vielseitig einsetzbar. Auch aus wirtschaftlichen Gründen sollen sie sich lohnen, weil sie etwa Transportkosten sparen und obendrein mehr Umsatz bringen. Verpackungen aus Plastik werden meist aus Rohöl (Erdöl, Kohle und Erdgas) hergestellt. Ihre Produktion ist wahnsinnig energieintensiv und die natürlichen Öl-Vorkommen sind begrenzt. Die Erdöl-Gewinnung ist riskant und bei Unfällen kommt es immer wieder zu schwerwiegenden Folgen für die Umwelt. Außerdem enthalten Kunststoffe gesundheitsgefährdende Bestandteile, die möglicherweise aus Verpackungen gelöst auch in unsere Lebensmittel oder den menschlichen Körper gelangen können. Eines der größten Probleme ist die Entsorgung: Wohin mit all dem Plastikverpackungsmüll, der nicht biologisch abbaubar ist? Nur eine geringe Menge wird recycelt. Der Rest landet auf Deponien oder in den Ozeanen. Sind Bio-Kunststoffe die Lösung?

Was ist Bio an Bio-Kunststoffen?

Als Alternative zu Plastik werden heute immer mehr Bio-Kunststoffe eingesetzt. Es gibt sogenannte biobasierte Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Zuckerrohr oder Weizen hergestellt werden und daneben sogenannte Bio-Kunststoffe, die in industriellen Kompostierungsanlagen, bei bestimmter Dauer und unter bestimmten Feuchte- und Temperaturbedingungen, kompostierbar sind. Nicht jeder Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen ist auch biologisch abbaubar. Andersherum ist nicht jeder biologisch abbaubare Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen. Unterschiede sind für Verbraucher meist nicht eindeutig gekennzeichnet. Laut Umweltbundesamt lag der Anteil von biologisch abbaubaren Kunststoffen an der Gesamtmenge der Verpackungen 2009 bei maximal 0,5 Prozent. Laut dem Branchenverband der Hersteller, Verarbeiter und Anwender von Bio-Kunststoffen, EuropeanBioplastics sei ihr Anteil aber kontinuierlich am Steigen.

Ist Bio-Plastik wirklich eine Alternative?

Der Name Bio-Kunststoff ist irreführend, weil Bio in diesem Fall nicht gleich nachhaltig bedeutet. Die für die Herstellung der vermeintlichen Bio-Kunststoffe erforderlichen Rohstoffe – wie Mais oder Zuckerrohr – wachsen nämlich nicht selten in Monokulturen und werden mit Pestiziden behandelt. Außerdem stehen sie häufig in Konkurrenz zu den Flächen, die eigentlich für die Produktion von Nahrungsmitteln gebraucht werden. Ob ein Produkt aus Bio-Kunststoff unter Nachhaltigkeitsaspekten besser abschneidet, als solche aus herkömmlichem Kunststoff, lässt sich nur anhand von genauen, vergleichenden Ökobilanzen entscheiden.

Biobasierte Kunststoffe sind nicht per se umweltfreundlicher

Der Müllbagger rollt über die große Deponie.

Leider landet auch der meiste Bio-Kunststoff auf herkömmlichen Deponien.

Nimmt man zum Beispiel herkömmliche Plastiktüten und vergleicht sie mit Tüten aus Bio-Kunststoff fällt auf, dass die Bio-Tüten häufig einen höheren Materialbedarf und nicht selten (40 bis 70 Prozent) einen hohen Anteil an fossilen Rohstoffen haben. Tüten aus Bio-Plastik dürfen nicht auf den heimischen Kompost, weil sie hier nicht richtig verrotten und keinen hochwertigen Humus erzeugen würden. Selbst für manch industrielle Kompostieranlage, braucht die Bio-Tüte zu lang, um sich zu zersetzen – mindestens 90 Tage. Daher landen Bio-Tüten aktuell immer noch im Hausmüll und belasten bei der Entsorgung die Umwelt ähnlich wie die konventionellen Versionen. Das Umweltbundesamt gibt daher an, dass biobasierte Kunststoffe unterm Strich nicht umweltfreundlicher als herkömmliche Kunststoffe sind. Und spezielle Recyclingverfahren für Bio-Kunststoff gibt es bisher noch nicht, da diese noch nicht wirtschaftlich sind.

Bio-Kunststoffe enthalten Zusatzstoffe

Was ebenfalls in die Bewertung von Bioplastik eingehen muss, sind die chemischen Zusätze, die bei der Produktion zum Einsatz kommen. Wie herkömmliche, werden auch Bio-Kunststoffe damit versehen, damit sie bestimmte Eigenschaften erhalten: Zum Beispiel, dass sie geschmacksneutral, beständig gegen Laugen, Säuren oder Öl sind, oder besonders elastisch und formbar sind. Möglich ist, dass diese chemischen Zusatzstoffe wie Weichmacher oder BPA (Bisphenol A) von der Verpackung direkt in die Lebensmittel gelangen, wie die Verbraucherzentrale bestätigt. Daher rät die Verbraucherzentrale vom sorglosen Umgang mit Bio-Kunststoffen bei Lebensmitteln ab. Am besten sei es, genau hinzuschauen, aus was Verpackungen bestehen, auf Produkte in Mehrwegverpackungen auszuweichen, oder auf verpackte Lebensmittel so weit wie möglich zu verzichten.

Plastikmüll vermeiden? Ganz einfach mit dem Konzept Unverpackt

Ein Luftdurchlässiger Beutel hängt an der Schulter der Kundin, er ist prall gefüllt

©Original Unverpackt

Wiederverwendbare Behälter, die man selbst mitbringt: So kauft man im Unverpackt-Laden ein.

Auch im Bioladen sind heute viele Produkte in Plastik verpackt. Dennoch gibt es in Bioläden noch Alternativen – wie etwa Milch, Joghurt und Sahne in Glas-Mehrwegbehältern. Auch gegenüber mitgebrachten Behältern sind Bioläden häufig aufgeschlossener. Wer ganz auf Verpackungsmüll verzichten möchte, kann in einem der Unverpackt-Läden einkaufen: In diesen Supermärkten der besonderen Art werden selbst mitgebrachte Behälter am Eingang gewogen und dann kann nach Lust und Laune eingekauft werden – von Seife über Müsli bis zu Nudeln und Co. wird alles in Mehrweg-Verpackungen abgefüllt.

Milch statt Erdöl: Kann das eine Lösung sein?

Welche Alternativen gibt es ansonsten zu Plastik aus Erdöl? Forscher des US-Landwirtschaftsministeriums und der American Chemical Society arbeiten zum Beispiel daran, alternative Plastikfolien aus Milch herzustellen. Auf Basis von verschiedenen Milchproteinen (Casein) entstehen Folien, die Lebensmittel nicht nur schützen und haltbarer machen, sondern teilweise sogar mitgegessen werden können. Die neuartigen Folien sollen Sauerstoff 500-mal besser von Lebensmitteln fernhalten als ölbasiertes Plastik. Derzeit sind verschiedene Anwendungsmöglichkeiten in der Testphase. Die Forscher rechnen damit, dass die neuartigen Verpackungen in etwa zwei bis drei Jahren im Supermarkt zu finden sein könnten. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob es vertretbar ist, aus einem tierischen Lebensmittel Verpackungen herzustellen.

Einweggeschirr und Verpackungsschalen aus Blättern

Leuchtend grün sind die Teller aus Blätter.

Genäht und gepresst – so werden Blätter fast schon zum Design-Objekt.

Teller aus Blättern? Klingt komisch? Gibt es aber und scheint in der Tat sehr nachhaltig und vielversprechend zu sein. Das Münchner Start-up Leaf Republic stellt Verpackungen aus Laubblättern her, die als Einweggeschirr oder als Verpackung für Lebensmittel fungieren sollen. Die Schalen bestehen zum größten Teil aus Blättern, die in Indien oder Bangladesch gesammelt, zusammengenäht und getrocknet werden. Anschließend erhalten die Blätter-Schalen einen Überzug aus Bio-Kunststoff und können in jede beliebige Form gebracht werden. Passende Deckel aus Bio- oder Recycling-Kunststoff bietet der Hersteller ebenfalls. Für die grünen Schalen aus Blättern müssen nicht mal Bäume gefällt werden und sie sind innerhalb von 28 Tagen biologisch abbaubar, gibt das Unternehmen an. Hier stellt sich nur die Frage, ob Weiterentwicklungen den Einsatz von Bio-Kunststoffen überflüssig machen können.

Rewe Group testet neue Verpackungskonzepte

Auch der konventionelle Einzelhandel ist mehr und mehr bemüht, nach alternativen Verpackungsmöglichkeiten zu suchen. Ein Vorreiter bei diesen Themen ist die Rewe Group. Diese testet derzeit zum Beispiel ein neues Verpackungskonzept für Äpfel in den Penny-Märkten: Die Graspapier-Schälchen, in denen das Obst angeboten wird, bestehen nur noch zu 60 Prozent aus Holz und zu 40 Prozent aus getrocknetem Gras. Gegenüber herkömmlichem Papier kämen bei der Produktion der Graspellets weniger Wasser und Energie zum Einsatz und weniger Treibhausgase würden freigesetzt. Rewe gibt an, dass 1 Million Verpackungseinheiten eine halbe Tonne Treibhausgase im Vergleich zu bestehenden Apfelverpackungen einsparen könnten.

Laserbeschriftung für Obst und Gemüse statt Plastikfolie

Logo und Bio-Kennzeichnung

Avocado und Süßkartoffeln mit Laser-Branding. Die Schale wird dabei nicht beschädigt.

Darüber hinaus testet die Rewe Group gerade sogenannte „natürliche Produktlabel“. Vor allem Bio-Produkte sind heute aus dem Grund verpackt, damit sie von konventioneller Ware an den Kassen unterschieden werden können. Statt Plastik-Verpackung mit Aufdruck oder Sticker bringen beim „natürlichen Beschriften“ Laserstrahlen das Etikett einfach direkt auf das Produkt aufgebracht. Die oberste Pigmentschicht von Obst oder Gemüse wird mit dem Laser entfernt, Geschmack oder Qualität der Lebensmittel sollen darunter nicht leiden. Das Laser-Verfahren für Bio-Avocados, -Süßkartoffeln und -Wassermelonen testen die Rewe Group und Netto derzeit mit dem erklärten Ziel, Verpackungen zu sparen.

Styropor aus nachwachsenden Rohstoffen

Das amerikanische Unternehmen Ecovative liefert eine Alternative zu Styropor: aus biologischen Abfällen und Pilzen werden Verpackungen in beliebigen Formen hergestellt. Die Bioabfälle werden zunächst zerkleinert und mit speziellen Pilzkulturen vermischt. Dann haben die Pilzkulturen einige Tage Zeit zu wachsen. Anschließend wird die Mischung nochmal zerkleinert und in die endgültige Form gebracht. Die fertige Form wird Hitze ausgesetzt, die das Wachstum stoppen und das Material keimfrei machen soll.

Wenn aus Algen durchsichtige Verpackungen werden

Eine Hand hält eine Wasserblase gegen den Himmel, auf der anderen Bildseite trinkt ein junger Mann aus einer Blase.

©www.skippingrockslab.com

Die Wasserblase schützt das Getränk und lässt sich auch gut unterwegs nutzen.

Das britische Start-up Ohoo stellt Verpackungen aus Pflanzen und Seetang her, die innerhalb von vier bis sechs Wochen zu 100 Prozent biologisch abbaubar und zudem essbar sein sollen. Die Herstellung ist laut Ohoo einfach und kostengünstig: Mithilfe von Algen und Calciumchlorid bildet sich eine Art wasserdichte Haut um Flüssigkeit, ähnlich wie die Haut einer Traube. Was dann aussieht wie eine Seifenblase, ist mit Trinkwasser gefüllt. Denkbar wäre diese Art der Verpackung beispielsweise für frisches Obst oder als Alternative zu Wasserflaschen und Plastikbechern.

Trotz aller innovativer Ideen: Müllvermeidung ist nach wie vor die beste Alternative

Unser kleiner Überblick über nachhaltige Verpackungstrends zeigt: Es gibt alternative Verpackungskonzepte und viele Ideen. Allerdings wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich daraus echte Alternativen zu Plastik aus Erdöl entwickeln. Das liegt zum einen daran, dass manche dieser Ideen erst gar nicht aus der Nische kommen und den Massenmarkt erreichen werden. Zum anderen ist Kunststoff aus Erdöl immer noch sehr kostengünstig. Aber nur dann, wenn die Kosten, die letztlich durch Entsorgung und Langzeitschäden entstehen, nicht einberechnet werden. Nach wie vor gilt also unter nachhaltiger Perspektive die Devise, durch bewusstes Einkaufen so wenig Verpackungsmüll wie möglich zu produzieren.

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Bildquellen

  • einkaufen-im-unverpackt-laden: ©Original Unverpackt
  • wasserblase-aus-algen: ©www.skippingrockslab.com
  • alternative-verpackungen: ©Leaf Republic

Anne Giesbert ist PR-Beraterin bei raabengrün. Als Germanistin findet sie passende Worte, als heimliche Profi-Fotografin hat sie den Blick für gute Bilder. Wenn sie nicht gerade hinter dem Rechner oder der Kamera steckt, ist sie am liebsten im eigenen Garten, in den Bergen oder am See unterwegs.

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